Schlagwort: Auferstehung

Gemeinsame Erwartungen

Ich stehe auf dem Ölberg in Jerusalem. Ich genieße den Ausblick. Ich sehe den Tempelberg. Vor mir liegt das sogenannte Goldene Tor. Es ist schon lange zugemauert. Zwischen mir und dem Tor zum Tempelberg liegen tausende Gräber. Ich kann sie nicht zählen. Sie liegen vor mir. Die weißen Steine leuchten in der Sonne. Erst bei genauerem Hinsehen sind Unterschiede zu erkennen.

Zu meinen Füßen den Ölberg hinab abertausende jüdische Gräber. Hier begraben zu sein, ist für viele Juden das höchste Ziel am Ende ihres Lebens. Wenn der Tag kommt, da der Messias erscheinen und nach Jerusalem hineinziehen wird, dann, so glauben sie, wird er über diesen Berg gehen und die Toten auferwecken. Dem Propheten Ezechiel entsprechend erwarten die Juden eine leibliche Auferstehung, so dass diese Gräber bis in Ewigkeit hier ihren Ort haben werden. Und dann, am Ende der Zeiten, werden sie die ersten sein, die zusammen mit dem Messias in die heilige Stadt Jerusalem einziehen.

Mein Blick wandert durch das Tal den Berg zum Goldenen Tor hinauf. Wieder Gräber. Diesmal muslimische. Auch sie erwarten eine Auferstehung. Mohammed ist der letzte Prophet. Doch vor ihm waren andere, u.a. Isa ibn Maryam (Jesus), der nicht am Kreuz starb, sondern entrückt wurde. Er wird wieder kommen am Tag vor dem Tag der Auferstehung. Er ist der Gesandte, der Messias. Nach ihm werden alle Menschen auferstehen.

Ein Stück die Stadtmauer entlang ein christlicher Friedhof. Einige Gräber sind schon sehr alt, erzählen von Menschen, die unter besonderen Umständen hierher gekommen sind. Nicht alle sind hier in diesem Land gestorben, doch sie wünschten sich, hier begraben zu werden. Auch sie erwarteten eine Wiederkehr des Messias. Nicht unbedingt hier in Jerusalem. Vielleicht erscheint er zuerst an einem ganz anderen Ort oder überall zugleich. Aber er wird kommen und sein Reich mit himmlischen Frieden aufrichten.

Ich stehe auf dem Ölberg und lasse meinen Blick schweifen. Ich denke darüber nach, dass die Erwartungen eines kommenden Reiches vielleicht doch gar nicht so weit auseinander liegen. Vielleicht wären sie es, über die wir miteinander reden könnten, um uns besser kennenzulernen. Das Gemeinsame zu entdecken, statt immer und immer wieder die Unterschiede zu betonen, ist keine Gleichmacherei, kein Hinwegbügeln von Trennendem. Aber es kann die Türen öffnen, um aufeinander zuzugehen und Respekt füreinander zu entwickeln.

Doch dann dauert es nicht lange und ich denke, „warum soll das zwischen den drei „Abrahamsreligionen“ klappen, wenn wir das schon mit unseren christlichen Schwestern und Brüdern anderer Konfessionen und Denominationen schon nicht hinbekommen“. Deshalb lasst uns doch erstmal die Gemeinsamkeiten erkennen und betonen, bevor wir die Unterschiede diskutieren. Einen Versuch ist es wert!