Schlagwort: Alltag

Gedanken zum Gedenktag

Heute ist der 9. November. Schon seit der Schule bewegt mich dieser Tag. Näher gebracht hat ihn mir mein Geschichtslehrer, der übrigens auch an diesem Tag Geburtstag hat. Aus der Ferne gratuliere ich ihm in Gedanken. Vielleicht konnte er deshalb mit soviel Leidenschaft, mit soviel menschlicher Nähe von den Ereignissen dieses Tages berichten. Egal, ob es das Ende des Ersten Weltkriegs war, die Reichsprogromnacht oder der Fall der Mauer, den wir alle gerade erst miterlebt hatten. Mein Geschichtslehrer nannte nicht einfach die Daten und Fakten. Er erzählte die Geschichten von Menschen an diesen Tagen. Das brachte mir und meinen Mitschülern diese Ereignisse um soviel näher als die Buchstaben in unseren Geschichtsbüchern. Die Synagoge unserer Heimatstadt entging z.B. nur deshalb der totalen Zerstörung, da der Brandmeister vor Ort Angst um sein eigenes Haus hatte, das in der Nähe stand. In einer Fachwerkstatt brennt eben alles ein wenig schneller.

In diesem Jahr verbringe ich den 9. November in den Mauern der Altstadt von Jerusalem. Es ist ein Freitag. Die Sicherheitsvorkehrungen sind höher als in den letzten Tagen. Es sind spürbar mehr Soldaten und Polizisten in der Stadt. Die Straßen zum Tempelberg sind voller als gestern oder vorgestern. Das liegt nicht nur an den Touristen in der Stadt, die heute schon früh unterwegs sind, denn das Wetter ist nach erstem Herbstregen wieder gut. Es sind vor allem Gläubige in den Straßen. Sie hasten die David Street hinunter oder gehen durchs Damaskustor in die Stadt. Kurz vor dem Tempelberg teilen sich die Gruppen, die eben noch dicht beieinander gingen. Die einen gehen rechts Richtung Sicherheitskontrollen, um an die Westmauer zu gelangen. Die anderen gehen links, um durch einen der sechs Eingänge auf den Berg zu gelangen, die nur Muslimen vorbehalten sind. Von einer Aussichtsplattform dem heiligen Berg gegenüber beobachte ich das Treiben. Während unten jüdische Männer und Frauen an der Mauer beten und Touristengruppen davor stehen und sie beobachten, schallt im Hintergrund das Gebet der Muslime über die Stadt. Man sieht sie nicht, aber es müssen viele sein. Der Tempelberg ist freitags und samstags für alle Nicht-Muslime geschlossen.

Und dann ist da in diesem Treiben noch die eine Gruppe, die diesen Menschenströmen entgegengeht. Besonders freitags ziehen gläubige Christen mit mannshohen Kreuzen durch die Stadt. Sie vollziehen den Kreuzweg Jesu nach und dieser folgt so gar nicht den Wegen der gläubigen Muslime und Juden. Dieser Weg führt vom Tempel weg; immer wieder die Wege der Juden und Muslime kreuzend wird es eng in den Straßen der Stadt. Während Muslime und Juden am und auf dem Tempelberg beten, tragen die Kreuze den Gesang der Gläubigen in die Straßen der Stadt. immer wieder gegen den Strom, weg vom Allerheiligsten. Schon damals trieb man Jesus hinaus aus der Stadt, weg von dem, was heilig war, in die Abgründe, die tiefsten Tiefen der Menschen.

Ich schaue dem Treiben zu und lasse mich selbst durch die Straßen der Altstadt treiben. In Gedanken bin ich beim 9. November, dem Tag, der so oft zwischen totaler Zerstörung, Angst, Gewalt, Hoffnung, Freude und Frieden schillert. Egal ob man heute des Kriegsendes vor einhundert Jahren, der Novemberpogrome vor 80 Jahren oder dem Fall der Mauer vor 29 Jahren gedenkt. Keines dieser Daten ist mehr ohne die anderen denkbar. Wer der Ermordung der Juden gedenkt, muss auch von der Hoffnung reden, die 1989 aufkeimte, von den Veränderungen im Land und der Erkenntnis, dass gerade in diesen Tagen wieder unglaubliche Dinge gegen Juden und Muslime und Menschen anderer Herkunft verbreitet werden. Wer das Ende des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren feiert, muss auch daran erinnern, dass Frieden äußerst zerbrechlich ist, und schon zwanzig Jahre später wieder aufgekündigt wurde. Es gibt nicht nur die eine oder die andere Seite, es gibt nicht nur schwarz und weiß, die Guten und die Bösen.

Hier in Jerusalem bewegen mich diese Gedanken noch einmal mehr als zuhause. Wie oft reden wir davon, dass wir Christen zu den Menschen in die Straßen gehen, ihnen zuhören wollen. Vielleicht wollen wir sogar Gedanken des Friedens in die Straßen dieser und vieler anderer Städte bringen. Zumindest höre ich Christen oft davon reden. Und manchmal hinterlassen ihre Prozessionen durch die Straßen der Stadt, die innig betenden Menschen auch diesen Eindruck bei mir. Ich spüre, sie beeindrucken mich, wenn sie in ärmsten Kirchen und Kapellen singen und beten. Hoffnung keimt ihn mir auf. Liegt hierin die Kraft, die Welt zu verändern? Doch dann komme ich in die Grabeskirche, werde in der Schlange vor dem Grab geschubst und gestoßen und aus der Grabkammer rüde wieder herausgezerrt, weil ein Aufpasser meint, ich dürfe mich dort nicht zu lange aufhalten. Nur Minuten später erlebe ich, wie Priester und Mönche verschiedener Denominationen sich anschreien und beschimpfen, sogar mit Kerzenleuchtern nach einander schlagen. Nein, auch hier gibt es viel grau und schwarz.

Am Frieden müssen wir eben alle zusammen jeden Tag neu hart arbeiten, egal welcher Religion und Denomination wir angehören. Frieden gibt es nicht geschenkt, nicht auf dem Silbertablett serviert. Frieden ist kein Automatismus, wenn man nur den richtigen Knopf drückt oder den richtigen Glauben hat. Frieden muss immer wieder neu gewagt werden. Das fängt schon im Kleinen in unserer Nachbarschaft an. Insofern hoffe ich, dass Tage wie dieser helfen, uns daran immer und immer wieder zu erinnern und nicht aufzugeben. „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jer 29,11)

Ein neuer Streit?

Heute ist Reformationstag, in vielen Bundesländern seit diesem Jahr ein neuer gesetzlicher Feiertag. Gleichzeitig breitet sich das Feiern von Halloween an diesem Tag immer weiter aus. In zahlreichen Zeitungen und Beiträgen in den Sozialen Medien sind Statements dazu zu lesen, was man an diesem Tag zu feiern. Viele von ihnen wirken unnachgiebig, radikal. Ein Streit, der sich durch Nachbarschaften zieht, scheint vorprogrammiert. Leidtragende werden wohl vor allem die Kinder sein. Dürfen sie zu Halloween verkleidet von Haus zu Haus ziehen oder feiert ihre Familie den Reformationstag mit einem Gottesdienstbesuch? Ich frage mich: Geht nicht auch beides? Wie ich auf diese Frage komme, will ich erklären.

In der Gegend, aus der ich komme, bin ich mit einem Brauch aufgewachsen, der nannte sich „Matten Herrn“. Am Abend des 10. Novembers zogen wir Kinder verkleidet von Haus zu Haus, sangen Lieder und sammelten damit Süßigkeiten ein. Wer nicht öffnete, musste damit rechnen, dass wir manchmal minutenlang Sturm klingelten. Dieser Brauch ist alt und hat weit vor der Reformation seine ersten Ursprünge. Traditionell war der 10. November der Tag, an dem die Adligen und Bauern ihre Landarbeiter in den Winter verließen. Daher zogen ihre Kinder am Abend dieses Tages mit Laternen von Haus zu Haus, um Gaben zu erbetteln, die ihren Familien halfen, den Winter zu überstehen. Später wandelte sich der Brauch dahin, dass es immer mehr symbolische Gaben wurden, die die Kinder erhielten. Auch die Deutung hin auf Martin Luther, dessen Geburtstag der 10. November war, kam hinzu. Zum dreihundertsten Reformationsjubiläums wurde festgelegt, dass von nun an in Abgrenzung zum Martinssingen der katholischen Kirche am 11. November, Martin Luther am Vorabend, also am 10. November, als Lichtfreund und Glaubensmann gefeiert wurde. Auch hier schien ein ewiger Streit vorprogrammiert.

Doch was machten wir Kinder daraus? Wir zogen am 10. November von Haus zu Haus, verkleidet, mit Laternen, auf denen durchaus auch Sankt Martin beim Teilen des Mantels zu sehen war. Wir sangen Lieder, die gar keinen religiösen Bezug hatten, sondern das Schenken der Süßigkeiten zum Inhalt. Wir sangen aber auch von Martin Luther und Sankt Martin. Meistens hing es davon ab, welche Lieder wir am besten konnten und auf welche wir schon keine Lust mehr hatten, da wir sie bereits zu oft gesungen hatten. An diesem Abend zählte nicht, ob wir evangelisch oder katholisch waren. Entscheidend war, wo es die besten Süßigkeiten gab. Und doch hat sich bei mir durch die Beschäftigung mit diesem Tag, das Warten, wann wir endlich wieder los durften, es endlich dunkel genug sein würde, sowohl der Geburtstag Martin Luthers als auch die Erzählung von Sankt Martin eingebrannt.

So frage ich mich, ob das nicht auch im Streit zwischen Reformationstag und Halloween möglich ist? Können wir nicht am Tag gemeinsam von der Reformation hören, die unsere westliche Welt vor fünfhundert Jahren so einschneidend verändert hat, und am Abend den Vorabend von Allerheiligen gemeinsam begehen, denn der Verstorbenen gedenken wir doch alle, ob es nun besonders heilige Menschen oder unsere nächsten Verwandten waren. Ja, ich weiß auch um die Herleitung aus heidnischen keltischen Bräuchen. Doch die meisten unserer Feiertage sind terminlich mit solchen vorchristlichen Festen verbunden. Prominentestes Beispiel ist das Weihnachtsfest.

Während der einzelnen Feiern werden die historischen Hintergründe selten Thema sein, doch wenn die Feiern helfen, sich in der Vorbereitung darauf mit den Anlässen zu beschäftigen, so wie ich es damals mit Martin Luther und Sankt Martin anlässlich Matten Herrns tat, so kann es doch nur helfen, in christlicher Verbundenheit gemeinsam die jeweiligen Feste zu begehen.

Auch wenn Reformationstag und Halloween mittlerweile prominenter sind, so gibt es den Brauch von Matten Herrn noch heute. In diesem Jahr dürfen meine Kinder das erste Mal bei den Großeltern diesen Tag begehen. Und ich hoffe, dass auch sie beides lernen: den Geburtstag Martin Luthers und die Erzählung von Sankt Martin. Die Lieder üben sie schon fleißig.

 

Ach ja: auch im letzten Jahr bewegte mich die Frage von Reformationstag und Halloween schon. Wenn du noch einmal nachlesen willst, findest du den Beitrag hier: http://kirchgezeiten.de/zwischen-geist-und-geistern

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 4

Es ist schon wieder fast drei Wochen her, da brach ich zu einem erneuten Pionierwochenende auf. Diesmal führte es mich nach Essen, der Stadt mitten in Europa (zumindest nach eigenem Bekunden). Auf der Fahrt dorthin dachte ich im Zug viel darüber nach, was uns wohl erwarten würde, was wir sehen und lernen würden. Vor allem aber dachte ich darüber nach, was diese Tage wohl für mein eigenes Vorhaben austragen würden. Dabei schoss es mir durch den Kopf, dass die Hälfte der Weiterbildung schon wieder hinter uns liegt und ich noch lange nicht das Gefühl habe, dass ich in einem Dreivierteljahr, wenn unsere Pionierweiterbildung endet, mit meinem Projekt in einem sicheren Hafen angekommen wäre. Aber vielleicht sind es gar nicht die Dinge, die ich bewusst überlege und wahrnehme, die es wachsen lassen, sondern dass, was währenddessen unbewusst geschieht. Irgendwann wird es einem dann bewusst und man ist überrascht, was sich doch alles getan hat.

So standen an diesem Wochenende auch weniger das bewusste Lernen und Nachdenken im Vordergrund, sondern eher dass, was ich gesehen habe, was mich beeindruckt hat, was seither in mir arbeitet. Das fing schon vor der Weiterbildung an. Ich hatte noch etwas Zeit und landete im Café Church. Der Name zog mich an und wie sollte es anders sein, es war ein Café der Kirche. Neben dem normalen Betrieb eines Restaurants bietet es Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit eine Ausbildung im Gastgewerbe zu machen bzw. den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu finden. Solche Projekte gibt es sicher viele. Mich sprach es einfach an, weil das Styling der Räume, die Atmosphäre zu meinem Lebensstil passten. Es war wirklich ein gemütlicher Platz in der Fensterbank, den ich fand und wo ich mich niederließ. Hätte das Café nicht zu mir gepasst, mich nicht optisch angesprochen, hätte auch die Motivation, die hinter diesem Konzept steht, nicht geholfen, mich als Kunden zu gewinnen. Und dann dachte ich an so manches Gemeindehaus oder auch an Kirchen und andere Einrichtungen der Kirche. Sind sie so gestaltet, dass sie zu den Menschen passen, die hineingehen sollen? Passt die Ästhetik zum Leben der Menschen oder hängen wir, meistens auf Grund mangelnder Finanzen, einer Zeit nach, die mindestens dreißig Jahre vergangen ist? Das Motto „Für die Kirche ist das noch gut genug und ich muss es nicht wegwerfen“ kann meines Erachtens keine Motivation zur Einrichtung und Gestaltung von kirchlichen Gebäuden sein. Auch die Gebäude dienen zur Ehre und zum Lob Gottes. Wenn wir sie nicht entsprechend wahrnehmen und mit Dingen ausstatten, die andere nicht mehr haben wollen, sagt das ja auch schon viel aus.

Entsprechend warf ich die nächsten beiden Tage einen anderen Blick auf die Orte, an denen wir zu Gast waren. CVJM, Unperfekthaus und Raumschiff Ruhr ernteten einen anderen Blick von mir. Wenn man mit einem solchen Blick von außen auf die Räumlichkeiten schaut, wird sehr schnell deutlich, wie die Räume und der Inhalt aufeinander wirken und ob sie stimmig zueinander passen oder sich bewusst entgegenstehen. Letzteres kann ja auch durchaus beabsichtigt sein. Was aber ebenso schnell auffällt ist, wenn Räume lieblos gestaltet sind. Wenn die Einrichtung zwar zweckmäßig ist, aber in dem Raum eigentlich eine positive Lernatmosphäre herrschen soll. Wenn überall Möbel herumstehen, die nicht zusammen passen, die nur zusammengewürfelt sind, aber das Ganze ein junges Publikum ansprechen soll. Das passt nicht. Da können die Kirchen noch so lange an ihren Inhalten feilen. Wenn schon die Äußerlichkeiten auf die anvisierte Zielgruppe abschreckend wirken, werden die Menschen von den Inhalten nichts hören, weil sie gar nicht erst hineingehen.

Deshalb würde ich am liebsten allen Gemeinden und Einrichtungen empfehlen, mal mit Menschen der Zielgruppe durch ihre Räumlichkeiten zu gehen und sie ehrlich sagen zu lassen, wie die Räume aussehen müssten, damit diese Zielgruppe sich dort wohl fühlen würde. Oder ich würde ihnen Mut machen, sich von Menschen der Zielgruppe mal zu sich nach Hause einladen zu lassen, damit sie erleben und erfahren, wie diese Menschen leben. Am besten wäre noch, die Zielgruppe die Räumlichkeiten selbst mitgestalten zu lassen. Dann entsprächen sie wirklich dem, was sie anspricht. Das Ergebnis wären sicher sehr unterschiedlich gestaltete Räumlichkeiten, in denen sich nicht alle Menschen gleich wohl fühlen. Aber in den Gemeindehäusern im Stil der 80er Jahre mit gespendeten Möbeln aus den Haushalten des gesamten Ortes tun das auch nur die wenigsten.

Wie sähen die Räumlichkeiten aus, in denen du Kirche und Glauben leben möchtest. Wie wären sie ausgestattet? Was braucht es unbedingt und was weniger? Und gibt es diesen Raum vielleicht schon irgendwo? Hinterlass mir doch deine Antwort in den Kommentaren.

 

Sprachverwirrung

Gestern war ich beim Generalkonvent unseres Sprengels. Das Gebiet der Landeskirche ist in Regionen aufgeteilt und einmal im Jahr treffen sich alle Pastorinnen und Pastoren einer Region (Sprengel) zum Austausch.

Unter dem Thema „Gottesdienst und Sprache“ stand unser Treffen in diesem Jahr. Der Bischof predigte über die Poesie der Psalmen und vom Asyl der Poesie im Gottesdienst. Christian Lehnert, Theologe und Poet und Referent an diesem Morgen, bezeichnete sich im Anschluss daher als Asylantragsteller, bevor er über die Grenzen der Sprache referierte. Ein Gedanke seiner Ausführungen hat sich bei mir festgesetzt. Noch heute morgen denke ich darüber nach.

Lehnert sprach von der Doppelklick-Kommunikation, die in unserer Gesellschaft derzeit vorherrschend sei. Demnach ist jedes Wort der Code für einen Fakt der Wirklichkeit nach dem Schema „Tisch – Doppelkick – auf dem Bildschirm erscheint ein Tisch“. In dieser Form sind die Menschen gewohnt zu kommunizieren. Entsprechend nehmen sie ihre Umwelt und ihr Leben wahr. Bei dem Wort „Gott“ aber ist das anders. Gott – Doppelkick – leerer Bildschirm. Es gibt für Gott keinen Gegenstand, kein festes Bild, das nach dem Doppelkick auf dem Bildschirm erscheinen könne. Entsprechend brauche es eine andere Sprache, um von ihm zu reden: z. B. die Poesie.

Das ist nur sehr verkürzt das, was Christian Lehnert zur Doppelklick-Kommunikation ausführte. Mir schwirrt dabei durch den Kopf, dass der leere Bildschirm, der sich bei „Gott“ zeigt, sich doch auch bei anderen Worten zeigen muss. „Liebe“ ist so eines oder auch „Vertrauen“ und natürlich auch deren Gegenstücke. Auch „Seele“ sei noch genannt. Es sind die Dinge jenseits der stofflichen Welt, die Gefühle, die Werte, die uns ausmachen und prägen. Bei allen bliebe nach dem Doppelkick höchstens ein Bild, eine Metapher, um sie zu beschreiben.

Genau da liegt wohl die Herausforderung, vor der wir stehen. Wenn die dominierende Form der Kommunikation eine Doppelklick-Kommunikation ist, dann braucht es funktionierende Bilder und Metaphern, um über die nichtstofflichen Dinge, Gefühle, Werte, Glaube zu reden. Das schlimmste, was dann nach dem Doppelkick geschehen könnte, wäre, dass der Bildschirm leer bleibt. Nach meinem Eindruck geschieht das gerade in Bezug auf Gott und Glaube aber zunehmend. Während Menschen mit „Liebe“ z. B. immer noch Bilder oder Metaphern verbinden, die relevant für sie sind, die sie ansprechen, ist das für Gott immer seltener der Fall.

Was daraus folgt? Ich meine, es ist dringend Zeit, an der Kommunikation des Glaubens zu arbeiten. Welche Sprache, welche Bilder und Metaphern sind für die Menschen relevant. Welche sprechen sie an? Die tradierten Bilder von der Burg, vom Schutz und Schild, vom Hirten werden von vielen noch verstanden. Das ist wohl wahr. Aber dennoch fühlen sich immer mehr nicht davon angesprochen. Da hilft auch zahlreiches Erklären nichts. Was also sind die Bilder, die Metaphern, die Sprache, die heute relevant ist und trägt? Ist es die Poesie, ein gutes Storytelling? Was ist deine Antwort?

Aber halt: so einfach ist das nicht. Auch wenn man sich für eine Antwort entschieden hat, wenn man seine Sprache gefunden hat, mag sie für den nächsten schon nicht mehr treffend sein. Denn die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass die Gesellschaft immer komplexer wird. Der Kanon der funktionierenden Bilder und Metaphern weicht sich auf. Entsprechend muss auch die Zahl der Möglichkeiten immer größer werden. Wenn Christen also relevant von Gott reden wollen, dann werden sie es nicht in der einen Sprache tun können. Dann werden sie sich je mit ihrem Gegenüber auf die Suche nach der in diesem Gespräch passenden Metaphorik begeben müssen. Das ist die eigentliche Herausforderung im Reden von Gott und Glaube. Am besten geht das aber im Hören auf und im Wahrnehmen des Gegenübers. Erst dann kann relevant gesprochen werden.

Vom Tisch aufstehen

Erzähle ich davon, welche Stelle ich gerade inne habe, und berichte ich dann noch von meinem Traum vom Aufbruch in der Kirche, denken viele, ich würde die etablierten Kirchengemeinden nicht wert schätzen. Einige meinen sogar, ihre Traditionen vor mir verteidigen zu müssen. Dabei bin ich ganz und gar ein Kind dieser Kirche. Bin unzählige Male im Kindergottesdienst gewesen, war mit acht oder neun auf meiner ersten Kinderfreizeit und danach mindestens einmal im Jahr wieder. Ich habe in der Kantorei Bach und Mozart gesungen und im Gospelchor „O happy day“. Ehrlich gesagt liebe ich auch die gesungene Liturgie.

Und doch habe ich diesen Traum von einer Kirche, in der es lebendig zugeht, in der zusammen gesungen und gelacht, aber auch gemeinsam geweint und getrauert wird. Ich träume von der einen Kirche, in der sich so unterschiedliche Menschen wohl fühlen wie es sie auf Gottes schönem Erdboden gibt. Eine Kirche, in der Bach neben Gospel, House neben Punk möglich ist und rund um die Uhr Türen und Fenster offen stehen. Vor allem aber träume ich von einer Kirche, in der Jesus Christus im Zentrum steht und sein Evangelium das Maß aller Dinge ist.

Dabei ist es völlig egal, ob dies eine katholische, evangelische, traditionelle oder freie Gemeinde ist. Ich bin sogar davon überzeugt, dass wir alle diese Gemeinden brauchen. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Ja, ich höre gerne mal Punk und brauche nicht unbedingt das klassische Repertoire im Gottesdienst. Aber meine Nachbarin liebt es und geht genau deshalb gerne in ihren Gottesdienst. Ich suche derweil noch nach meiner Form. Aber ich genieße es, wenn mir die Nachbarin mit strahlenden Augen davon berichtet, wieviel ihr der Gottesdienst gegeben hat, danke Gott dafür!

Das gilt nicht nur für die Gottesdienste. Auch andere Veranstaltungen dürfen gerne die ganze Bandbreite von traditionell bis modern, hip, angesagt abdecken. Auch das ist notwendig. So erlebte ich in der vergangenen Woche, wie die katholische Gemeinde im Urlaubsort durch die Unterstützung vieler Ehrenamtlicher 12 Wochen Programm für Urlauber und Einheimische auf die Beine stellt. Von der Messe am Sonntag Morgen bis zur Klangmeditation, von der Teestube bis zum Bastelangebot für Kinder reicht das Angebot. Dabei knüpften meine Kinder dann Freundschaftsbänder wie ich vor fast dreißig Jahren und es lag das gleiche Anleitungsbuch wie damals auf dem Tisch. Auch das Chaosspiel zwei Tage zuvor habe ich schon vor 15 Jahren mit Konfirmanden gespielt. Aber an den leuchtenden Kinderaugen und dem Spaß, den sie haben, hat sich nichts geändert. Da brauchte es gar nicht irgendwelche Hightech-Angebote.

Eines aber unterschied die Jugendlichen, die dort erklärten, wie es geht, von einigen anderen Menschen, die ich schon in Kirchengemeinden erlebt habe. Sie gingen unglaublich offen auf alle Kinder zu, die kamen – egal ob sie sie kannten oder nicht. Sie bildeten keine in sich geschlossene Runde, sondern jeder konnte sich an ihrem Tisch gleich wohlfühlen. Und sie erzählten begeistert von den anderen Angeboten der Woche, luden dazu ein und machten deutlich, dass es nicht schlimm ist, wenn man sich nicht auskennt. Sie nahmen die Kinder einfach an die Hand. So wollten meine Kinder unbedingt immer wieder hin und haben sich gleich für das nächste Jahr wieder angemeldet – übrigens auch für die Gute-Nacht-Geschichte der evangelischen Gemeinde, denn dort wurden wir ebenso herzlich begrüßt.

Mein Fazit nach diesen Urlaubstagen: es ist egal, wie traditionell oder modern das Angebot ist. Für alles gibt es eine Zielgruppe und die Kirche braucht die große Bandbreite, um das Evangelium möglichst weit bekannt zu machen. Entscheidend aber ist die Haltung, mit der die Kirche den Menschen begegnet. Solange wir nur mit den alten Bekannten am Tisch sitzen und zwar von unserer angeblichen Offenheit reden, aber keinen Platz am Tisch mehr frei haben und für die dazukommenden nicht zusammenrücken oder noch besser aufstehen, bleibt mein Traum von Kirche nur ein Traum.

So danke ich Gott und den katholischen Geschwistern für diese Urlaubserfahrung und hoffe, dass in der Kirche möglichst viele aufstehen, um andere willkommen zu heißen.

Hast du in den letzten Wochen vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht? Dann teile sie doch mit uns in den Kommentaren.

Warum tust du dir das an?

Warum ich auf den Spielplatz gehe, werde ich gefragt. Warum setzt du dich in ein Café und wartest, ob einer zu dir kommt? Was machst Du, wenn keiner kommt, wenn die Menschen über dich tuscheln, weil keiner kommt? Warum tust du dir das an?

Diese Fragen sind tatsächlich gar nicht so selten. Immer wieder werde ich von Menschen, seien es Kollegen oder Kirchenmitglieder, gefragt, warum ich so etwas tue? Und ob ich meine Zeit nicht besser an anderer Stelle investieren oder sie sinnvoller nutzen könnte? Lange Zeit habe ich versucht, argumentativ zu antworten, habe von Präsenz unter den Menschen gesprochen, von Jesu Weg auf der Straße, in die Synagogen. Das hat meinem Gegenüber dann mal mehr, mal weniger eingeleuchtet. Oft endeten diese Gespräche aber auch mit Aussagen wie „ich würde so etwas nicht machen!“.

Mittlerweile erzähle ich von den Erfahrungen und Beobachtungen, die ich an diesen Tagen mache. Ich erzähle davon, wie sehr ich „meine“ Stadtteile und die Menschen dort dadurch kennenlerne. Ich erzähle von dem anderen Blick auf das Leben vor Ort, den ich gewinne. Und ich erzähle davon, wie sehr diese Begegnungen mich und mein Leben, meinen Glauben, meinen Dienst bereichern. Natürlich sind das alles subjektive Erfahrungen und Wahrnehmungen. Aber können wir andere als subjektive Beobachtungen überhaupt machen? Das fängt zum Beispiel damit an, dass ich den Eindruck habe, dass mir die oben genannten Fragen nie von Menschen gestellt werden, die mit Kirche wenig Verbindung haben, die vielleicht noch nicht einmal an einen Gott glauben. Oft höre ich von ihnen, dass sie es toll finden, mal jemanden von der Kirche einfach so zu treffen. Manchmal bleibt es bei dem Satz „Ich finde es gut, dass sie hier sitzen.“ Manchmal entstehen lange Gespräche daraus – die werdenden Eltern, die überlegen, ob sie ihr Kind taufen lassen sollen. Ihre Eltern würden sagen, dass das doch dazu gehört. Aber sie hätten Schwierigkeiten mit diesem Gedanken. Immer wieder kommen auch Menschen zu mir, die etwas wegen einer unserer Veranstaltungen wissen wollen. Sie haben eines der Plakate oder eine der Postkarten gesehen und fragen, ob das meine Angebote seien. Wenn sie ein Gesicht dazu kennen, dann trauen sie sich eher, auch zu kommen. Oder es kommt eine Aussage wie „Ich wusste ja, dass du donnerstags hier sitzt. Da muss ich keinen Termin machen, sondern kann einfach so vorbei kommen.“

Meistens, besonders auf dem Spielplatz, fangen die Gespräche ganz belanglos an – beim gemeinsamen Spiel der Kinder, der Frage nach dem besten Kindergarten oder der Wahl der Schule. Oder wir erzählen uns vom Wochenende, von den Urlaubsplänen. Menschen, die sich vorher vielleicht höchstens mal auf der Straße gesehen haben, kommen ins Gespräch miteinander, weil sich alles um den Bollerwagen mit dem Kaffee und dem Kuchen sammelt. Dann lachen wir gemeinsam oder machen Pläne, wie der Stadtteil mal werden soll. Manchmal teilen wir auch Sorgen miteinander. Und dann ist da diese besondere Gemeinschaft zu spüren, die sich hier um den Bollerwagen und die Beachflag bildet, in der jeder willkommen ist, in der jeder zu Wort kommt. Dann sprechen wir auch darüber, was uns Halt gibt, was uns hilft, wenn wir uns um die Kinder oder die Familie sorgen. Auch wenn viele in dieser kleinen Gemeinschaft es vielleicht nicht so benennen würden, aber ich spüre, dass Gott dann mit uns im Kreis steht, vielleicht auch mit der Kaffeetasse in der Hand, immer ein Auge bei den Kindern. Ich fühle mich in diesen Momenten unglaublich bereichert in meinem Leben, in meinem Glauben, in meinem Dienst. Genau deshalb tue ich mir das an.

Natürlich gibt es auch die Stunden, in denen ich alleine sitze, auf dem Spielplatz oder im Café. Dann halte ich mich auch mal an meiner Tasse fest und beobachte die Menschen um mich herum. Da sitzt die Familie, die am Beginn der Ferien sich ein besonderes Frühstück im Café gönnt, oder der Lauftreff der Damen, die sich nach dem gemeinsamen Laufen noch einen Cappuccino gönnen. Einmal saßen da auch Menschen vom Film, die über Stadtpläne gebeugt über neue mögliche Drehorte diskutierten. In diesen Stunden lerne ich unglaublich viel über das Leben der Menschen im Stadtteil, verstehe manches, was mir begegnet, besser. Nicht eine Minute dieser Zeit ist vergebens. Und noch nie hat jemand darüber getuschelt. Ganz im Gegenteil – oft wünschen mir die Angestellten im Café oder die Nachbarn im Stadtteil, dass möglichst viele Menschen kommen, denn sie möchten, dass dieses Angebot noch lange bestehen bleibt.

Warum tust du dir das an? Wie oft mir diese Frage schon gestellt wurde, habe ich nicht gezählt. Aber ich mache jedem Mut, es selbst mal auszuprobieren. Es bereichert das Leben!

Eine Zielgruppe jenseits der Erreichbarkeit?

Kirche erreicht längst nicht mehr alle Menschen, egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Da sind sich so ziemlich alle Studien einig. Also wird über Kontextualisierung und Zielgruppenorientierung gesprochen. Wobei gerade bei letzterem Stichwort noch immer viele abwehren und sagen, dass die Volkskirche doch für alle da sein muss. Theoretisch ist das sicher auch so. Wer sich aber ein wenig mit Milieustudien etc. beschäftigt, der muss eingestehen, dass Kirche schon heute viele Milieus unserer Gesellschaft nicht anspricht und so wohl oder übel zielgruppenorientiert arbeitet. Nur als Stichwort: viele Angebote der Kirchen richten sich z. B. diakonisch an Bedürftige.

Nun bin ich aber ausgezogen, neue Formen von Kirche zu suchen, kontextuell und an der Zielgruppe ausgerichtet. Also habe ich mich viel damit auseinander gesetzt, wer eigentlich in „meinem“ Stadtteil wohnt. Bleibe ich in der Begrifflichkeit der Sinusstudie, sind es vor allem drei Gruppen an Menschen: die bürgerliche Mitte, die Liberal-Intellektuellen und die Konservativ-Etablierten.

Drei Milieus, die erstmal nicht durch Angebote wie Seniorencafé, Hausaufgabenhilfe und Wärmestube angesprochen werden. Schaut man noch etwas tiefer, so lernt man, dass sie in der Kirche die Bewahrerin der Tradition sehen, was aber nicht heißt, dass sie hingehen. Ganz im Gegenteil, ein Teil dieser Gruppen geht sogar davon aus, dass Kirche ihnen nichts bieten kann, da es dort keine Menschen wie sie gibt. Sie sind zwar aus Traditionsbewusstsein noch Kirchenmitglieder, erwarten auch, dass Kirche den Bedürftigen hilft, sie selbst sieht man dort aber nicht. Sie haben keine entsprechenden Bedürfnisse, verstehen sich auch nicht als Suchende, die in Kirche etwas finden könnten.

So stelle ich mir dieser Tage oft die Frage, ob es Zielgruppen jenseits der Erreichbarkeit gibt. Sind große Teile der Bevölkerung längst nicht mehr ansprechbar für Kirche? Stehen wir längst auf verlorenem Posten? Doch so schnell will ich nicht aufgeben, denn ich glaube daran, dass das Evangelium zu jedem Menschen sprechen kann. Also bin ich in den Straßen meines Stadtteils unterwegs, lerne viel über Zaunhöhen und das Bedürfnis nach Schutz der eigenen Privatsphäre und des Eigentums. Höre von der Angst vor dem sozialen Abstieg und dem Standesbewusstsein dieser Menschen. Kirche wird hier oft mit der Forderung nach Aufgabe des Besitzes und Abwertung des hart erarbeiteten Vermögens in Verbindung gebracht. Entsprechend groß sind die Vorbehalte.

Doch das ist hier zur Zeit gar nicht mein Thema. Stattdessen bin ich Lernende in den Straßen „meines“ Stadtteils. Das Leben dieser Menschen interessiert mich, was sie bewegt, was ihre Ziele, ihre Träume sind. Ich höre viel von den Anforderungen im Beruf, von den Wünschen für die Zukunft der Kinder und auch davon, wie sie gerne an einer friedvollen Welt mitbauen wollen. Das sind Momente, in denen ich denke, Gott ist schon da. Vielleicht brauchen die Menschen hier gar keine großen Angebote, sondern einfach jemanden, der durch ihre Straßen geht, ihre Häuser und Gärten sieht und ihnen ein paar Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Vielleicht sind diese Zielgruppen dann doch gar nicht so unerreichbar?

Also mache ich mich wieder auf den Weg durch die Straßen – in diesem Jahr meint es das Wetter ja gut mit mir.

Gottesdienst ist Sonntag

Liturgischer Wildwuchs, schlecht vorbereitete Predigten und individuelle Pastorinnen und Pastoren, die sich mehr an der Kandare reißen könnten – Stichworte aus einem Interview des Deutschlandfunks mit Prof. Dorothea Wendebourg. Sie erhitzen die Gemüter. Auch ich habe mich darüber geärgert, nicht unbedingt über den Inhalt, sondern eher über so manche Formulierung, bei der ich mich frage, warum man so plakativ über andere in der Öffentlichkeit reden muss.

Dabei fand ich den ersten Teil des Interviews über die Spielarten und Folgen der Reformation sehr erhellend. Da habe auch ich, gerade mit Blick auf die verschiedenen Spielarten der Reformation – oder sagen wir jetzt Reformationen? – noch einiges gelernt. Doch es folgt ein zweiter Teil eingeleitet durch die Frage nach den Herausforderungen für die protestantischen Kirchen hierzulande und Frau Prof. Wendebourg fordert zum einen mehr Lebendigkeit und zugleich mehr Disziplin. Dabei verweist sie in Sachen Lebendigkeit auf charismatische und freikirchliche Bewegungen, die bewusst auf die persönliche Frömmigkeit setzen, den institutionellen Überbau und auch die starke Akademisierung nicht wollen. Bezüglich der Disziplin verweist sie auf den Gedanken der einen Kirche, was der geforderten Lebendigkeit zunächst nicht widerspricht, führt nach einer Nachfrage dann aber aus, dass es ihres Erachtens zuviel Wildwuchs in den Gottesdiensten gibt. Das will für mich nicht so recht zusammen passen. Gerade die von ihr genannten Bewegungen zeichnen sich ja durchaus durch verschiedenste Gottesdienstformen aus, durch freie Gebete, die nicht im Vorhinein wohl formuliert worden sind. Gerade dadurch entsteht meines Erachtens der Eindruck der Lebendigkeit. Zugleich führt die Disziplin in den Gottesdiensten, die frei von liturgischem Wildwuchs ist, wohl zu einem in allen Kirchen und Gemeinden einheitlichen Gottesdienst, der sicher eine nennenswerte Zahl an Menschen anspricht, mindestens ebenso viele aber auch nicht. Denn bei diesen Überlegungen nicht bedacht ist die immer größer werdende Komplexität der Gesellschaft, die nicht mehr eine einheitliche, homogene Zielgruppe darstellt, die sich durch den einen Gottesdienst ansprechen lässt und dort Relevanz für den Alltag erfährt.

Über all diese Punkte könnte ich diskutieren, was mich aber wirklich geärgert hat, war die plakative Formulierung: „Man hat doch viel Wildwuchs in Gottesdiensten, liturgischen Wildwuchs, Gebetsformulierungen, schlecht vorbereitete Predigten und dergleichen mehr. Da, denke ich, könnten individuelle Pastoren und Pastorinnen schon sich etwas mehr an der Kandare reißen. Das erfordert erstens Arbeit und zweitens auch eine gewisse Selbstkritik…“ So plakativ geäußert kommt das meines Erachtens einer Unterstellung vielen Kollegen gegenüber gleich, dass sie faul sind, sich in ihre Gottesdienste nicht investieren und einfach so daher plappern. Wenig später spricht Frau Prof. Wendebourg noch von fehlender Motivation und noch etwas später hebt sie den Berliner Dom als leuchtendes Beispiel hervor, wo nicht „gebastelt“ wird, „und so verschiedene. Aber sonst in der Breite… ja“ … da wird gebastelt. Ich frage mich, liegt dieses Urteil daran, dass sie selbst im Dom predigt, oder dass sie in der Breite schon lange keine Gottesdienste mehr besucht hat, dass sie selbst schon lange keine Gemeinde mehr geleitet hat? In meinen Ohren klingt ein solches Urteil vernichtend gegenüber den vielen guten Gottesdiensten, die ich in allen Teilen des Landes schon erlebt habe, die mich berührt haben, die auch am Montag morgen noch relevant waren. Und es klingt vernichtend mit Blick auf die Arbeit, die guten Gedanken, das Engagement vieler Pastorinnen und Pastoren in unserem Land. Sicher, nicht immer gelingt alles. Es gibt auch Gottesdienste, die sind eher aus Verzweiflung gehalten als aus Motivation heraus gefeiert. Aber das berechtigt meines Erachtens nicht zu einem solch pauschalen Urteil in der Öffentlichkeit, auch wenn das, wie die Aufnahme in den Medien zeigt, sehr öffentlichkeitswirksam ist.

Ein letzter Gedanke zum Schluss: Auch wenn Frau Prof. Wendebourg es nicht explizit äußert, so entsteht während des Interviews doch der Eindruck als wünsche sie sich den klassischen liturgischen Gottesdienst am Sonntag morgen, bei dem die Gläubigen in den klassischen Kirchenbänken sitzen und staunend mindestens eine Stunde zuhören. Doch wer sagt, dass das die einzige Form von Gottesdienst ist. Die ersten Christen, übrigens wahrscheinlich eine charismatisch bewegte Gruppierung, traf sich in Privathäusern, aß und trank zusammen und feierte während des Essens das Abendmahl. Dem Tagesablauf entsprechend taten sie dies wohl auch eher am Abend, denn am Sonntag morgen um 10 Uhr. Sie wählten Ort, Zeit und Form ihren Lebensumständen entsprechend. Sollten wir dies nicht auch tun, damit das Evangelium nicht nur am Sonntag morgen gepredigt, sondern am Montag Mittag auch noch gelebt wird? Angesichts der Auffächerung der Gesellschaft in verschiedene Lebensformen und Lebensweisen stünden der protestantischen Kirche dann sicher viele verschiedene Formen von Gottesdienst gut zu Gesicht, die durch das Evangelium miteinander verbunden sind.

So zolle ich den Kolleginnen und Kollegen gegenüber Respekt, die vor Ort in ihren Gemeinden alles daran setzen, vom Reich Gottes ihrem Kontext entsprechend zu reden. Ich freue mich, dort immer wieder auch für mich Neues zu entdecken und möchte Mut machen, genau dies auch in aller Unterschiedlichkeit weiter zu leben. Denn das eine Christentum besteht für mich in der unglaublichen Vielfalt der Menschen und Gottesdienste je an ihrem Ort verbunden durch den Glauben an den dreieinen Gott.

 

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 3

Warum? Wie oft haben meine Kinder mir diese Frage schon gestellt? Als sie damit anfingen, habe ich mir vorgenommen, sie nie mit Antworten abzuspeisen wie „Wie das so ist!“ oder „Dafür bist du noch zu klein!“. So versuche ich immer, ihnen angemessene Antworten zu geben, mit denen sie etwas anfangen und an denen sie weiterdenken können. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Aber ich merke, dass die Kinder so die Lust am Fragen behalten und Dinge nicht einfach hinnehmen.

Warum? Diese Frage bekam in den letzten Tagen Pionierweiterbildung auch für mich noch einmal eine neue Bedeutung. Alles fing mit einem Planspiel an. Ein Planspiel zum Thema „mixed economy“ – es füllte einen Vormittag und brachte mich zum Nachdenken. Situation dieses Spiels, entwickelt am IEEG in Greifswald, ist eine Kirchenregion im Nordosten Deutschlands, die auf Grund anstehender Personalkürzungen neu überlegen muss, wie sie ihre Arbeit bzw. ihr kirchliches Leben gestalten will. Verschiedene Partner sitzen am Verhandlungstisch wie die Pfarrerin, der politisch interessierte Küster und der pietistische Pionier. Wir haben das Spiel in mehreren Gruppen gespielt, doch am Ende berichteten alle ähnliche Erfahrungen: Damit sich in den Verhandlungen etwas rührte, musste einer seine Rolle verlassen. Noch wichtiger aber: so lange sich die Verhandlungspartner nicht auf ein Ziel, eine Vision geeinigt hatten, blieb es bei einzelnen Ideen. Ein gemeinsames Ganzes entstand nicht. Wenn die Kirchenregion sich nicht klar ist, warum sie etwas tut, entsteht nichts längerfristiges. Es braucht eine Vision.

Warum? Die Frage nach der Motivation, der Vision ist mir ja schon lange wichtig. Mal wieder stand ich an dem Punkt, dass ich überlegte, ob wir in unseren Gemeinden und Kirchen überhaupt eine Vision verfolgen, oder ob wir nicht meistens einen Business as usual-Weg eingeschlagen haben. Die Erledigung des Alltagsgeschäfts, irgendwie über die Runden zu kommen, ist so in den Vordergrund gerückt, dass die Frage nach dem Warum? in den Hintergrund geraten ist, keine Antwort mehr findet.  Antworten wie „Das machen wir schon immer so.“ oder „Als Kirchengemeinde macht man das so.“ stellen nicht zufrieden, regen nicht zum weiteren Nachdenken an. Ich merke, von der Situation meiner Kinder sind wir da gar nicht so weit entfernt.

Warum? Es wurde Zeit, dass wir uns diese Frage auch für unsere Initiativen und Projekte stellten. Anhand der Theorie von Simon Sinek (Start with Why) versuchten wir zu formulieren, was unsere Motivation ist, was uns antreibt, diese eine fresh x zu gründen. Was ist unsere Vision? Warum machst du das? Dabei stellte sich schnell heraus, dass die ersten Antworten meistens noch wieder zu hinterfragen sind. Nicht bei den Floskeln zu bleiben, war gar nicht so einfach. Mit „um das Evangeliums zu verkünden“ wollte ich mich nicht zufrieden geben. Das höre ich so oft und habe das Gefühl es bleibt bei einer Formel der Antwort „weil das so ist“ an die Kinder vergleichbar. Also noch einmal:

Warum? Ich habe diese Frage in den letzten Tagen mir immer und immer wieder gestellt. Mittlerweile habe ich für mich eine Antwort und ich merke, sie verändert etwas im Blick auf meine Arbeit. Das, was in meiner Dienstvereinbarung steht, hat dadurch eine Veränderung erfahren, einen anderen Stellenwert bekommen. Diese Antwort ist viel existentieller, hat etwas mit mir zu tun und motiviert mich anders als das, was mir durch meinen Dienst aufgegeben ist.

Warum? Mit dieser Frage fing es an und mit dieser Frage endet es auch. Wieder einmal merke ich, dass es ohne Vision langfristig nicht läuft. Deshalb frage ich mich umso mehr, worin die Vision unserer Gemeinden und Kirchen besteht. Ich hoffe sehr, dass es dabei nicht bei Formeln bleibt, denn eine ehrliche, wirkliche Antwort regt nicht nur zum Nachdenken an, sondern motiviert auch ungemein. Aber Vorsicht: sie hat etwas mit einem ganz persönlich zu tun!

Warum? Stellt Ihr euch diese Frage auch? Ich bin gespannt, von Euren Erfahrungen mit dem Warum? zu erfahren.

Das Kreuz mit dem Kreuz!

Das Kreuz sei ein klares Bekenntnis zur bayrischen Identität und zu den christlichen Werten. So schrieb es Markus Söder gestern bei Facebook, nachdem das Kabinett beschlossen hatte, dass ab 1. Juni in jeder staatlichen Behörde ein Kreuz hängen muss. Schnell verbreiteten sich seine Worte in den Sozialen Medien und Empörung machte sich breit. Ganz ehrlich, mein erster Gedanke bei dieser Meldung war: Wenn Herr Söder ein Bekenntnis zur bayrischen Identität wünscht, dann sollte das eher in Form von Lederhosen, Weißwurst und Bier geschehen, zumindest wenn man diversen Klischees folgt. Aber die lassen sich einfach so schlecht aufhängen. Gleichzeitig fragte ich mich, ob es bis zum 1. Juni noch eine Ausführungsbestimmung geben wird, wie diese Kreuze wohl auszusehen haben, mit dem Corpus Christi oder ohne, in Holz, Metall oder eher barock?

Aber natürlich habe ich mir noch mehr Gedanken dazu gemacht. Ich war erstaunt, wie schnell sich Protest besonders von zwei Seiten regte. Zum einen von denen, die die strikte Trennung von Staat und Kirche fordern und entsprechend keine Kreuze oder andere religiöse Symbole in öffentlichen Gebäuden sehen wollen. Zum anderen von Christen, die ihr Glaubenssymbol durch das gesetzmäßige Aufhängen von Kreuzen in staatlichen Behörden missbraucht sehen. Diese Diskussionen möchte ich gar nicht weiter befeuern, denn ich habe nicht den Eindruck, dass dies weiterführen würde. So will ich einfach meine Sicht der Dinge schildern, denn für mich steht da noch ein ganz anderer Aspekt im Hintergrund.

Vorweg: auch ich halte das Kreuz in den staatlichen Behörden für nicht angebracht. Wer es nutzt, sollte wissen für was es steht. Genau da aber liegt für mich das Problem. Seit vielen Monaten schon hört und liest man immer wieder davon, dass die christlichen Werte wieder hochgehalten werden müssten, dass sie gegen Angriffe von außen verteidigt werden müssten. Der Islam ist da schnell zum Feindbild geworden. Doch liegt das eigentliche Problem nicht beim Islam. Es liegt in unserer eigenen Gesellschaft. Die Rede von den christlichen Werten ist zu einem Reden in Floskeln geworden, denn wer weiß eigentlich wirklich noch, was sich dahinter verbirgt? Fragt man Menschen, was sie damit meinen (und das habe ich mehrfach getan), dann kommen da Aussagen wir Höflichkeit, Respekt den anderen gegenüber, Wertschätzung… Aber diese Werte finden sich auch in anderen Religionen oder Wertvorstellungen. Sie sind nicht spezifisch christlich. Wer die christlichen Werte einfordert, sollte es daher nicht bei Floskeln belassen, sondern sie auch mit Inhalt füllen. Das ist die eigentliche Herausforderung. Um das zu tun, braucht es ein gewisses Grundwissen in Sachen Religion, auch eine Teilnahme und ein Leben des Glaubens wären wünschenswert. Doch fragt man Menschen, was sie denn über den christlichen Glauben wissen, z.B. über den Hintergrund der Feiertage, dann bleibt es oft bei vagen Äußerungen, oder es zeigt sich ein deutliches Nichtwissen. Übrigens: genau diese Fragen stelle ich im Zuge meiner Pionierweiterbildung gerade Menschen auf der Straße. Deshalb ist es schwierig, in unseren Tagen von den christlichen Werten zu sprechen, wenn es nicht bei Floskeln bleiben soll. Denn Floskeln braucht kein Mensch.

Das Kreuz als Bekenntnis zu den christlichen Werten in staatlichen Behörden halte ich aber auch noch aus einem anderen Grund für ziemlich schwierig. Es stellt sich mir nämlich die Frage, ob es überhaupt ein solches Zeichen braucht, oder ob Jesus Christus es so gewollt hätte. Auch ich trage ein kleines Kreuz an einer Kette um den Hals, habe in meinem Arbeitszimmer und an anderen Orten im Haus ein Kreuz stehen. Doch trage ich es nicht, um zu zeigen, dass ich Christin bin. Ich bin mir sicher, dass ich es dafür nicht brauche. Genauso sicher bin ich mir, dass Jesus es zu diesem Zweck auch nicht wollte. Es hat einen anderen Sinn für mich. Oft erwische ich mich, wie ich in schwierigen Situationen, in Momenten des Zweifels oder der Fragen, mal eben das Kreuz an meinem Hals berühre. Oder ich suche mit den Augen das Kreuz in meinem Arbeitszimmer. Dieses Anfassen, dieser Anblick schenken mit Zuversicht, Hoffnung für das, was vor mir liegt. Es erinnert mich einfach daran, welch großes Geschenk mir Gott in Christus gemacht hat. Doch es braucht dieses Zeichen nicht aus Demonstrationszwecken irgendeiner Identität oder irgendwelcher Werte. Es wäre ein Armutszeugnis unseres Glaubens, wären wir nur an einem solchen Symbol erkennbar. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ sagt Jesus in Matthäus 7,16. Was das heißt, führt Johannes in seinem ersten Brief aus: Und hieran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben; wenn wir seine Gebote halten.  Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in dem ist nicht die Wahrheit.  Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet. Hieran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist. (1. Johannes 2,3-6) Ich bin mir sicher, wären wir an unseren Früchten erkennbar, müssten wir nicht über das Kreuz als Bekenntnis zu den christlichen Werten diskutieren. Dann würden andere uns schon an unserem Handeln erkennen.

So besteht für mich die eigentliche Herausforderung darin, dass Christinnen und Christen wieder an ihren Früchten, ihren Worten und Taten, erkennbar werden. Ich will jeden Tag daran arbeiten. Ihr auch? Hinterlasst doch mal in den Kommentaren, wie ihr mit der Frage nach dem Kreuz umgeht, oder was das Leben in Worten und Taten für euch bedeutet.