Schlagwort: Alltag

Sprachverwirrung

Gestern war ich beim Generalkonvent unseres Sprengels. Das Gebiet der Landeskirche ist in Regionen aufgeteilt und einmal im Jahr treffen sich alle Pastorinnen und Pastoren einer Region (Sprengel) zum Austausch.

Unter dem Thema „Gottesdienst und Sprache“ stand unser Treffen in diesem Jahr. Der Bischof predigte über die Poesie der Psalmen und vom Asyl der Poesie im Gottesdienst. Christian Lehnert, Theologe und Poet und Referent an diesem Morgen, bezeichnete sich im Anschluss daher als Asylantragsteller, bevor er über die Grenzen der Sprache referierte. Ein Gedanke seiner Ausführungen hat sich bei mir festgesetzt. Noch heute morgen denke ich darüber nach.

Lehnert sprach von der Doppelklick-Kommunikation, die in unserer Gesellschaft derzeit vorherrschend sei. Demnach ist jedes Wort der Code für einen Fakt der Wirklichkeit nach dem Schema „Tisch – Doppelkick – auf dem Bildschirm erscheint ein Tisch“. In dieser Form sind die Menschen gewohnt zu kommunizieren. Entsprechend nehmen sie ihre Umwelt und ihr Leben wahr. Bei dem Wort „Gott“ aber ist das anders. Gott – Doppelkick – leerer Bildschirm. Es gibt für Gott keinen Gegenstand, kein festes Bild, das nach dem Doppelkick auf dem Bildschirm erscheinen könne. Entsprechend brauche es eine andere Sprache, um von ihm zu reden: z. B. die Poesie.

Das ist nur sehr verkürzt das, was Christian Lehnert zur Doppelklick-Kommunikation ausführte. Mir schwirrt dabei durch den Kopf, dass der leere Bildschirm, der sich bei „Gott“ zeigt, sich doch auch bei anderen Worten zeigen muss. „Liebe“ ist so eines oder auch „Vertrauen“ und natürlich auch deren Gegenstücke. Auch „Seele“ sei noch genannt. Es sind die Dinge jenseits der stofflichen Welt, die Gefühle, die Werte, die uns ausmachen und prägen. Bei allen bliebe nach dem Doppelkick höchstens ein Bild, eine Metapher, um sie zu beschreiben.

Genau da liegt wohl die Herausforderung, vor der wir stehen. Wenn die dominierende Form der Kommunikation eine Doppelklick-Kommunikation ist, dann braucht es funktionierende Bilder und Metaphern, um über die nichtstofflichen Dinge, Gefühle, Werte, Glaube zu reden. Das schlimmste, was dann nach dem Doppelkick geschehen könnte, wäre, dass der Bildschirm leer bleibt. Nach meinem Eindruck geschieht das gerade in Bezug auf Gott und Glaube aber zunehmend. Während Menschen mit „Liebe“ z. B. immer noch Bilder oder Metaphern verbinden, die relevant für sie sind, die sie ansprechen, ist das für Gott immer seltener der Fall.

Was daraus folgt? Ich meine, es ist dringend Zeit, an der Kommunikation des Glaubens zu arbeiten. Welche Sprache, welche Bilder und Metaphern sind für die Menschen relevant. Welche sprechen sie an? Die tradierten Bilder von der Burg, vom Schutz und Schild, vom Hirten werden von vielen noch verstanden. Das ist wohl wahr. Aber dennoch fühlen sich immer mehr nicht davon angesprochen. Da hilft auch zahlreiches Erklären nichts. Was also sind die Bilder, die Metaphern, die Sprache, die heute relevant ist und trägt? Ist es die Poesie, ein gutes Storytelling? Was ist deine Antwort?

Aber halt: so einfach ist das nicht. Auch wenn man sich für eine Antwort entschieden hat, wenn man seine Sprache gefunden hat, mag sie für den nächsten schon nicht mehr treffend sein. Denn die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass die Gesellschaft immer komplexer wird. Der Kanon der funktionierenden Bilder und Metaphern weicht sich auf. Entsprechend muss auch die Zahl der Möglichkeiten immer größer werden. Wenn Christen also relevant von Gott reden wollen, dann werden sie es nicht in der einen Sprache tun können. Dann werden sie sich je mit ihrem Gegenüber auf die Suche nach der in diesem Gespräch passenden Metaphorik begeben müssen. Das ist die eigentliche Herausforderung im Reden von Gott und Glaube. Am besten geht das aber im Hören auf und im Wahrnehmen des Gegenübers. Erst dann kann relevant gesprochen werden.

Vom Tisch aufstehen

Erzähle ich davon, welche Stelle ich gerade inne habe, und berichte ich dann noch von meinem Traum vom Aufbruch in der Kirche, denken viele, ich würde die etablierten Kirchengemeinden nicht wert schätzen. Einige meinen sogar, ihre Traditionen vor mir verteidigen zu müssen. Dabei bin ich ganz und gar ein Kind dieser Kirche. Bin unzählige Male im Kindergottesdienst gewesen, war mit acht oder neun auf meiner ersten Kinderfreizeit und danach mindestens einmal im Jahr wieder. Ich habe in der Kantorei Bach und Mozart gesungen und im Gospelchor „O happy day“. Ehrlich gesagt liebe ich auch die gesungene Liturgie.

Und doch habe ich diesen Traum von einer Kirche, in der es lebendig zugeht, in der zusammen gesungen und gelacht, aber auch gemeinsam geweint und getrauert wird. Ich träume von der einen Kirche, in der sich so unterschiedliche Menschen wohl fühlen wie es sie auf Gottes schönem Erdboden gibt. Eine Kirche, in der Bach neben Gospel, House neben Punk möglich ist und rund um die Uhr Türen und Fenster offen stehen. Vor allem aber träume ich von einer Kirche, in der Jesus Christus im Zentrum steht und sein Evangelium das Maß aller Dinge ist.

Dabei ist es völlig egal, ob dies eine katholische, evangelische, traditionelle oder freie Gemeinde ist. Ich bin sogar davon überzeugt, dass wir alle diese Gemeinden brauchen. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Ja, ich höre gerne mal Punk und brauche nicht unbedingt das klassische Repertoire im Gottesdienst. Aber meine Nachbarin liebt es und geht genau deshalb gerne in ihren Gottesdienst. Ich suche derweil noch nach meiner Form. Aber ich genieße es, wenn mir die Nachbarin mit strahlenden Augen davon berichtet, wieviel ihr der Gottesdienst gegeben hat, danke Gott dafür!

Das gilt nicht nur für die Gottesdienste. Auch andere Veranstaltungen dürfen gerne die ganze Bandbreite von traditionell bis modern, hip, angesagt abdecken. Auch das ist notwendig. So erlebte ich in der vergangenen Woche, wie die katholische Gemeinde im Urlaubsort durch die Unterstützung vieler Ehrenamtlicher 12 Wochen Programm für Urlauber und Einheimische auf die Beine stellt. Von der Messe am Sonntag Morgen bis zur Klangmeditation, von der Teestube bis zum Bastelangebot für Kinder reicht das Angebot. Dabei knüpften meine Kinder dann Freundschaftsbänder wie ich vor fast dreißig Jahren und es lag das gleiche Anleitungsbuch wie damals auf dem Tisch. Auch das Chaosspiel zwei Tage zuvor habe ich schon vor 15 Jahren mit Konfirmanden gespielt. Aber an den leuchtenden Kinderaugen und dem Spaß, den sie haben, hat sich nichts geändert. Da brauchte es gar nicht irgendwelche Hightech-Angebote.

Eines aber unterschied die Jugendlichen, die dort erklärten, wie es geht, von einigen anderen Menschen, die ich schon in Kirchengemeinden erlebt habe. Sie gingen unglaublich offen auf alle Kinder zu, die kamen – egal ob sie sie kannten oder nicht. Sie bildeten keine in sich geschlossene Runde, sondern jeder konnte sich an ihrem Tisch gleich wohlfühlen. Und sie erzählten begeistert von den anderen Angeboten der Woche, luden dazu ein und machten deutlich, dass es nicht schlimm ist, wenn man sich nicht auskennt. Sie nahmen die Kinder einfach an die Hand. So wollten meine Kinder unbedingt immer wieder hin und haben sich gleich für das nächste Jahr wieder angemeldet – übrigens auch für die Gute-Nacht-Geschichte der evangelischen Gemeinde, denn dort wurden wir ebenso herzlich begrüßt.

Mein Fazit nach diesen Urlaubstagen: es ist egal, wie traditionell oder modern das Angebot ist. Für alles gibt es eine Zielgruppe und die Kirche braucht die große Bandbreite, um das Evangelium möglichst weit bekannt zu machen. Entscheidend aber ist die Haltung, mit der die Kirche den Menschen begegnet. Solange wir nur mit den alten Bekannten am Tisch sitzen und zwar von unserer angeblichen Offenheit reden, aber keinen Platz am Tisch mehr frei haben und für die dazukommenden nicht zusammenrücken oder noch besser aufstehen, bleibt mein Traum von Kirche nur ein Traum.

So danke ich Gott und den katholischen Geschwistern für diese Urlaubserfahrung und hoffe, dass in der Kirche möglichst viele aufstehen, um andere willkommen zu heißen.

Hast du in den letzten Wochen vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht? Dann teile sie doch mit uns in den Kommentaren.

Warum tust du dir das an?

Warum ich auf den Spielplatz gehe, werde ich gefragt. Warum setzt du dich in ein Café und wartest, ob einer zu dir kommt? Was machst Du, wenn keiner kommt, wenn die Menschen über dich tuscheln, weil keiner kommt? Warum tust du dir das an?

Diese Fragen sind tatsächlich gar nicht so selten. Immer wieder werde ich von Menschen, seien es Kollegen oder Kirchenmitglieder, gefragt, warum ich so etwas tue? Und ob ich meine Zeit nicht besser an anderer Stelle investieren oder sie sinnvoller nutzen könnte? Lange Zeit habe ich versucht, argumentativ zu antworten, habe von Präsenz unter den Menschen gesprochen, von Jesu Weg auf der Straße, in die Synagogen. Das hat meinem Gegenüber dann mal mehr, mal weniger eingeleuchtet. Oft endeten diese Gespräche aber auch mit Aussagen wie „ich würde so etwas nicht machen!“.

Mittlerweile erzähle ich von den Erfahrungen und Beobachtungen, die ich an diesen Tagen mache. Ich erzähle davon, wie sehr ich „meine“ Stadtteile und die Menschen dort dadurch kennenlerne. Ich erzähle von dem anderen Blick auf das Leben vor Ort, den ich gewinne. Und ich erzähle davon, wie sehr diese Begegnungen mich und mein Leben, meinen Glauben, meinen Dienst bereichern. Natürlich sind das alles subjektive Erfahrungen und Wahrnehmungen. Aber können wir andere als subjektive Beobachtungen überhaupt machen? Das fängt zum Beispiel damit an, dass ich den Eindruck habe, dass mir die oben genannten Fragen nie von Menschen gestellt werden, die mit Kirche wenig Verbindung haben, die vielleicht noch nicht einmal an einen Gott glauben. Oft höre ich von ihnen, dass sie es toll finden, mal jemanden von der Kirche einfach so zu treffen. Manchmal bleibt es bei dem Satz „Ich finde es gut, dass sie hier sitzen.“ Manchmal entstehen lange Gespräche daraus – die werdenden Eltern, die überlegen, ob sie ihr Kind taufen lassen sollen. Ihre Eltern würden sagen, dass das doch dazu gehört. Aber sie hätten Schwierigkeiten mit diesem Gedanken. Immer wieder kommen auch Menschen zu mir, die etwas wegen einer unserer Veranstaltungen wissen wollen. Sie haben eines der Plakate oder eine der Postkarten gesehen und fragen, ob das meine Angebote seien. Wenn sie ein Gesicht dazu kennen, dann trauen sie sich eher, auch zu kommen. Oder es kommt eine Aussage wie „Ich wusste ja, dass du donnerstags hier sitzt. Da muss ich keinen Termin machen, sondern kann einfach so vorbei kommen.“

Meistens, besonders auf dem Spielplatz, fangen die Gespräche ganz belanglos an – beim gemeinsamen Spiel der Kinder, der Frage nach dem besten Kindergarten oder der Wahl der Schule. Oder wir erzählen uns vom Wochenende, von den Urlaubsplänen. Menschen, die sich vorher vielleicht höchstens mal auf der Straße gesehen haben, kommen ins Gespräch miteinander, weil sich alles um den Bollerwagen mit dem Kaffee und dem Kuchen sammelt. Dann lachen wir gemeinsam oder machen Pläne, wie der Stadtteil mal werden soll. Manchmal teilen wir auch Sorgen miteinander. Und dann ist da diese besondere Gemeinschaft zu spüren, die sich hier um den Bollerwagen und die Beachflag bildet, in der jeder willkommen ist, in der jeder zu Wort kommt. Dann sprechen wir auch darüber, was uns Halt gibt, was uns hilft, wenn wir uns um die Kinder oder die Familie sorgen. Auch wenn viele in dieser kleinen Gemeinschaft es vielleicht nicht so benennen würden, aber ich spüre, dass Gott dann mit uns im Kreis steht, vielleicht auch mit der Kaffeetasse in der Hand, immer ein Auge bei den Kindern. Ich fühle mich in diesen Momenten unglaublich bereichert in meinem Leben, in meinem Glauben, in meinem Dienst. Genau deshalb tue ich mir das an.

Natürlich gibt es auch die Stunden, in denen ich alleine sitze, auf dem Spielplatz oder im Café. Dann halte ich mich auch mal an meiner Tasse fest und beobachte die Menschen um mich herum. Da sitzt die Familie, die am Beginn der Ferien sich ein besonderes Frühstück im Café gönnt, oder der Lauftreff der Damen, die sich nach dem gemeinsamen Laufen noch einen Cappuccino gönnen. Einmal saßen da auch Menschen vom Film, die über Stadtpläne gebeugt über neue mögliche Drehorte diskutierten. In diesen Stunden lerne ich unglaublich viel über das Leben der Menschen im Stadtteil, verstehe manches, was mir begegnet, besser. Nicht eine Minute dieser Zeit ist vergebens. Und noch nie hat jemand darüber getuschelt. Ganz im Gegenteil – oft wünschen mir die Angestellten im Café oder die Nachbarn im Stadtteil, dass möglichst viele Menschen kommen, denn sie möchten, dass dieses Angebot noch lange bestehen bleibt.

Warum tust du dir das an? Wie oft mir diese Frage schon gestellt wurde, habe ich nicht gezählt. Aber ich mache jedem Mut, es selbst mal auszuprobieren. Es bereichert das Leben!

Eine Zielgruppe jenseits der Erreichbarkeit?

Kirche erreicht längst nicht mehr alle Menschen, egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Da sind sich so ziemlich alle Studien einig. Also wird über Kontextualisierung und Zielgruppenorientierung gesprochen. Wobei gerade bei letzterem Stichwort noch immer viele abwehren und sagen, dass die Volkskirche doch für alle da sein muss. Theoretisch ist das sicher auch so. Wer sich aber ein wenig mit Milieustudien etc. beschäftigt, der muss eingestehen, dass Kirche schon heute viele Milieus unserer Gesellschaft nicht anspricht und so wohl oder übel zielgruppenorientiert arbeitet. Nur als Stichwort: viele Angebote der Kirchen richten sich z. B. diakonisch an Bedürftige.

Nun bin ich aber ausgezogen, neue Formen von Kirche zu suchen, kontextuell und an der Zielgruppe ausgerichtet. Also habe ich mich viel damit auseinander gesetzt, wer eigentlich in „meinem“ Stadtteil wohnt. Bleibe ich in der Begrifflichkeit der Sinusstudie, sind es vor allem drei Gruppen an Menschen: die bürgerliche Mitte, die Liberal-Intellektuellen und die Konservativ-Etablierten.

Drei Milieus, die erstmal nicht durch Angebote wie Seniorencafé, Hausaufgabenhilfe und Wärmestube angesprochen werden. Schaut man noch etwas tiefer, so lernt man, dass sie in der Kirche die Bewahrerin der Tradition sehen, was aber nicht heißt, dass sie hingehen. Ganz im Gegenteil, ein Teil dieser Gruppen geht sogar davon aus, dass Kirche ihnen nichts bieten kann, da es dort keine Menschen wie sie gibt. Sie sind zwar aus Traditionsbewusstsein noch Kirchenmitglieder, erwarten auch, dass Kirche den Bedürftigen hilft, sie selbst sieht man dort aber nicht. Sie haben keine entsprechenden Bedürfnisse, verstehen sich auch nicht als Suchende, die in Kirche etwas finden könnten.

So stelle ich mir dieser Tage oft die Frage, ob es Zielgruppen jenseits der Erreichbarkeit gibt. Sind große Teile der Bevölkerung längst nicht mehr ansprechbar für Kirche? Stehen wir längst auf verlorenem Posten? Doch so schnell will ich nicht aufgeben, denn ich glaube daran, dass das Evangelium zu jedem Menschen sprechen kann. Also bin ich in den Straßen meines Stadtteils unterwegs, lerne viel über Zaunhöhen und das Bedürfnis nach Schutz der eigenen Privatsphäre und des Eigentums. Höre von der Angst vor dem sozialen Abstieg und dem Standesbewusstsein dieser Menschen. Kirche wird hier oft mit der Forderung nach Aufgabe des Besitzes und Abwertung des hart erarbeiteten Vermögens in Verbindung gebracht. Entsprechend groß sind die Vorbehalte.

Doch das ist hier zur Zeit gar nicht mein Thema. Stattdessen bin ich Lernende in den Straßen „meines“ Stadtteils. Das Leben dieser Menschen interessiert mich, was sie bewegt, was ihre Ziele, ihre Träume sind. Ich höre viel von den Anforderungen im Beruf, von den Wünschen für die Zukunft der Kinder und auch davon, wie sie gerne an einer friedvollen Welt mitbauen wollen. Das sind Momente, in denen ich denke, Gott ist schon da. Vielleicht brauchen die Menschen hier gar keine großen Angebote, sondern einfach jemanden, der durch ihre Straßen geht, ihre Häuser und Gärten sieht und ihnen ein paar Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Vielleicht sind diese Zielgruppen dann doch gar nicht so unerreichbar?

Also mache ich mich wieder auf den Weg durch die Straßen – in diesem Jahr meint es das Wetter ja gut mit mir.

Gottesdienst ist Sonntag

Liturgischer Wildwuchs, schlecht vorbereitete Predigten und individuelle Pastorinnen und Pastoren, die sich mehr an der Kandare reißen könnten – Stichworte aus einem Interview des Deutschlandfunks mit Prof. Dorothea Wendebourg. Sie erhitzen die Gemüter. Auch ich habe mich darüber geärgert, nicht unbedingt über den Inhalt, sondern eher über so manche Formulierung, bei der ich mich frage, warum man so plakativ über andere in der Öffentlichkeit reden muss.

Dabei fand ich den ersten Teil des Interviews über die Spielarten und Folgen der Reformation sehr erhellend. Da habe auch ich, gerade mit Blick auf die verschiedenen Spielarten der Reformation – oder sagen wir jetzt Reformationen? – noch einiges gelernt. Doch es folgt ein zweiter Teil eingeleitet durch die Frage nach den Herausforderungen für die protestantischen Kirchen hierzulande und Frau Prof. Wendebourg fordert zum einen mehr Lebendigkeit und zugleich mehr Disziplin. Dabei verweist sie in Sachen Lebendigkeit auf charismatische und freikirchliche Bewegungen, die bewusst auf die persönliche Frömmigkeit setzen, den institutionellen Überbau und auch die starke Akademisierung nicht wollen. Bezüglich der Disziplin verweist sie auf den Gedanken der einen Kirche, was der geforderten Lebendigkeit zunächst nicht widerspricht, führt nach einer Nachfrage dann aber aus, dass es ihres Erachtens zuviel Wildwuchs in den Gottesdiensten gibt. Das will für mich nicht so recht zusammen passen. Gerade die von ihr genannten Bewegungen zeichnen sich ja durchaus durch verschiedenste Gottesdienstformen aus, durch freie Gebete, die nicht im Vorhinein wohl formuliert worden sind. Gerade dadurch entsteht meines Erachtens der Eindruck der Lebendigkeit. Zugleich führt die Disziplin in den Gottesdiensten, die frei von liturgischem Wildwuchs ist, wohl zu einem in allen Kirchen und Gemeinden einheitlichen Gottesdienst, der sicher eine nennenswerte Zahl an Menschen anspricht, mindestens ebenso viele aber auch nicht. Denn bei diesen Überlegungen nicht bedacht ist die immer größer werdende Komplexität der Gesellschaft, die nicht mehr eine einheitliche, homogene Zielgruppe darstellt, die sich durch den einen Gottesdienst ansprechen lässt und dort Relevanz für den Alltag erfährt.

Über all diese Punkte könnte ich diskutieren, was mich aber wirklich geärgert hat, war die plakative Formulierung: „Man hat doch viel Wildwuchs in Gottesdiensten, liturgischen Wildwuchs, Gebetsformulierungen, schlecht vorbereitete Predigten und dergleichen mehr. Da, denke ich, könnten individuelle Pastoren und Pastorinnen schon sich etwas mehr an der Kandare reißen. Das erfordert erstens Arbeit und zweitens auch eine gewisse Selbstkritik…“ So plakativ geäußert kommt das meines Erachtens einer Unterstellung vielen Kollegen gegenüber gleich, dass sie faul sind, sich in ihre Gottesdienste nicht investieren und einfach so daher plappern. Wenig später spricht Frau Prof. Wendebourg noch von fehlender Motivation und noch etwas später hebt sie den Berliner Dom als leuchtendes Beispiel hervor, wo nicht „gebastelt“ wird, „und so verschiedene. Aber sonst in der Breite… ja“ … da wird gebastelt. Ich frage mich, liegt dieses Urteil daran, dass sie selbst im Dom predigt, oder dass sie in der Breite schon lange keine Gottesdienste mehr besucht hat, dass sie selbst schon lange keine Gemeinde mehr geleitet hat? In meinen Ohren klingt ein solches Urteil vernichtend gegenüber den vielen guten Gottesdiensten, die ich in allen Teilen des Landes schon erlebt habe, die mich berührt haben, die auch am Montag morgen noch relevant waren. Und es klingt vernichtend mit Blick auf die Arbeit, die guten Gedanken, das Engagement vieler Pastorinnen und Pastoren in unserem Land. Sicher, nicht immer gelingt alles. Es gibt auch Gottesdienste, die sind eher aus Verzweiflung gehalten als aus Motivation heraus gefeiert. Aber das berechtigt meines Erachtens nicht zu einem solch pauschalen Urteil in der Öffentlichkeit, auch wenn das, wie die Aufnahme in den Medien zeigt, sehr öffentlichkeitswirksam ist.

Ein letzter Gedanke zum Schluss: Auch wenn Frau Prof. Wendebourg es nicht explizit äußert, so entsteht während des Interviews doch der Eindruck als wünsche sie sich den klassischen liturgischen Gottesdienst am Sonntag morgen, bei dem die Gläubigen in den klassischen Kirchenbänken sitzen und staunend mindestens eine Stunde zuhören. Doch wer sagt, dass das die einzige Form von Gottesdienst ist. Die ersten Christen, übrigens wahrscheinlich eine charismatisch bewegte Gruppierung, traf sich in Privathäusern, aß und trank zusammen und feierte während des Essens das Abendmahl. Dem Tagesablauf entsprechend taten sie dies wohl auch eher am Abend, denn am Sonntag morgen um 10 Uhr. Sie wählten Ort, Zeit und Form ihren Lebensumständen entsprechend. Sollten wir dies nicht auch tun, damit das Evangelium nicht nur am Sonntag morgen gepredigt, sondern am Montag Mittag auch noch gelebt wird? Angesichts der Auffächerung der Gesellschaft in verschiedene Lebensformen und Lebensweisen stünden der protestantischen Kirche dann sicher viele verschiedene Formen von Gottesdienst gut zu Gesicht, die durch das Evangelium miteinander verbunden sind.

So zolle ich den Kolleginnen und Kollegen gegenüber Respekt, die vor Ort in ihren Gemeinden alles daran setzen, vom Reich Gottes ihrem Kontext entsprechend zu reden. Ich freue mich, dort immer wieder auch für mich Neues zu entdecken und möchte Mut machen, genau dies auch in aller Unterschiedlichkeit weiter zu leben. Denn das eine Christentum besteht für mich in der unglaublichen Vielfalt der Menschen und Gottesdienste je an ihrem Ort verbunden durch den Glauben an den dreieinen Gott.

 

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 3

Warum? Wie oft haben meine Kinder mir diese Frage schon gestellt? Als sie damit anfingen, habe ich mir vorgenommen, sie nie mit Antworten abzuspeisen wie „Wie das so ist!“ oder „Dafür bist du noch zu klein!“. So versuche ich immer, ihnen angemessene Antworten zu geben, mit denen sie etwas anfangen und an denen sie weiterdenken können. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Aber ich merke, dass die Kinder so die Lust am Fragen behalten und Dinge nicht einfach hinnehmen.

Warum? Diese Frage bekam in den letzten Tagen Pionierweiterbildung auch für mich noch einmal eine neue Bedeutung. Alles fing mit einem Planspiel an. Ein Planspiel zum Thema „mixed economy“ – es füllte einen Vormittag und brachte mich zum Nachdenken. Situation dieses Spiels, entwickelt am IEEG in Greifswald, ist eine Kirchenregion im Nordosten Deutschlands, die auf Grund anstehender Personalkürzungen neu überlegen muss, wie sie ihre Arbeit bzw. ihr kirchliches Leben gestalten will. Verschiedene Partner sitzen am Verhandlungstisch wie die Pfarrerin, der politisch interessierte Küster und der pietistische Pionier. Wir haben das Spiel in mehreren Gruppen gespielt, doch am Ende berichteten alle ähnliche Erfahrungen: Damit sich in den Verhandlungen etwas rührte, musste einer seine Rolle verlassen. Noch wichtiger aber: so lange sich die Verhandlungspartner nicht auf ein Ziel, eine Vision geeinigt hatten, blieb es bei einzelnen Ideen. Ein gemeinsames Ganzes entstand nicht. Wenn die Kirchenregion sich nicht klar ist, warum sie etwas tut, entsteht nichts längerfristiges. Es braucht eine Vision.

Warum? Die Frage nach der Motivation, der Vision ist mir ja schon lange wichtig. Mal wieder stand ich an dem Punkt, dass ich überlegte, ob wir in unseren Gemeinden und Kirchen überhaupt eine Vision verfolgen, oder ob wir nicht meistens einen Business as usual-Weg eingeschlagen haben. Die Erledigung des Alltagsgeschäfts, irgendwie über die Runden zu kommen, ist so in den Vordergrund gerückt, dass die Frage nach dem Warum? in den Hintergrund geraten ist, keine Antwort mehr findet.  Antworten wie „Das machen wir schon immer so.“ oder „Als Kirchengemeinde macht man das so.“ stellen nicht zufrieden, regen nicht zum weiteren Nachdenken an. Ich merke, von der Situation meiner Kinder sind wir da gar nicht so weit entfernt.

Warum? Es wurde Zeit, dass wir uns diese Frage auch für unsere Initiativen und Projekte stellten. Anhand der Theorie von Simon Sinek (Start with Why) versuchten wir zu formulieren, was unsere Motivation ist, was uns antreibt, diese eine fresh x zu gründen. Was ist unsere Vision? Warum machst du das? Dabei stellte sich schnell heraus, dass die ersten Antworten meistens noch wieder zu hinterfragen sind. Nicht bei den Floskeln zu bleiben, war gar nicht so einfach. Mit „um das Evangeliums zu verkünden“ wollte ich mich nicht zufrieden geben. Das höre ich so oft und habe das Gefühl es bleibt bei einer Formel der Antwort „weil das so ist“ an die Kinder vergleichbar. Also noch einmal:

Warum? Ich habe diese Frage in den letzten Tagen mir immer und immer wieder gestellt. Mittlerweile habe ich für mich eine Antwort und ich merke, sie verändert etwas im Blick auf meine Arbeit. Das, was in meiner Dienstvereinbarung steht, hat dadurch eine Veränderung erfahren, einen anderen Stellenwert bekommen. Diese Antwort ist viel existentieller, hat etwas mit mir zu tun und motiviert mich anders als das, was mir durch meinen Dienst aufgegeben ist.

Warum? Mit dieser Frage fing es an und mit dieser Frage endet es auch. Wieder einmal merke ich, dass es ohne Vision langfristig nicht läuft. Deshalb frage ich mich umso mehr, worin die Vision unserer Gemeinden und Kirchen besteht. Ich hoffe sehr, dass es dabei nicht bei Formeln bleibt, denn eine ehrliche, wirkliche Antwort regt nicht nur zum Nachdenken an, sondern motiviert auch ungemein. Aber Vorsicht: sie hat etwas mit einem ganz persönlich zu tun!

Warum? Stellt Ihr euch diese Frage auch? Ich bin gespannt, von Euren Erfahrungen mit dem Warum? zu erfahren.

Das Kreuz mit dem Kreuz!

Das Kreuz sei ein klares Bekenntnis zur bayrischen Identität und zu den christlichen Werten. So schrieb es Markus Söder gestern bei Facebook, nachdem das Kabinett beschlossen hatte, dass ab 1. Juni in jeder staatlichen Behörde ein Kreuz hängen muss. Schnell verbreiteten sich seine Worte in den Sozialen Medien und Empörung machte sich breit. Ganz ehrlich, mein erster Gedanke bei dieser Meldung war: Wenn Herr Söder ein Bekenntnis zur bayrischen Identität wünscht, dann sollte das eher in Form von Lederhosen, Weißwurst und Bier geschehen, zumindest wenn man diversen Klischees folgt. Aber die lassen sich einfach so schlecht aufhängen. Gleichzeitig fragte ich mich, ob es bis zum 1. Juni noch eine Ausführungsbestimmung geben wird, wie diese Kreuze wohl auszusehen haben, mit dem Corpus Christi oder ohne, in Holz, Metall oder eher barock?

Aber natürlich habe ich mir noch mehr Gedanken dazu gemacht. Ich war erstaunt, wie schnell sich Protest besonders von zwei Seiten regte. Zum einen von denen, die die strikte Trennung von Staat und Kirche fordern und entsprechend keine Kreuze oder andere religiöse Symbole in öffentlichen Gebäuden sehen wollen. Zum anderen von Christen, die ihr Glaubenssymbol durch das gesetzmäßige Aufhängen von Kreuzen in staatlichen Behörden missbraucht sehen. Diese Diskussionen möchte ich gar nicht weiter befeuern, denn ich habe nicht den Eindruck, dass dies weiterführen würde. So will ich einfach meine Sicht der Dinge schildern, denn für mich steht da noch ein ganz anderer Aspekt im Hintergrund.

Vorweg: auch ich halte das Kreuz in den staatlichen Behörden für nicht angebracht. Wer es nutzt, sollte wissen für was es steht. Genau da aber liegt für mich das Problem. Seit vielen Monaten schon hört und liest man immer wieder davon, dass die christlichen Werte wieder hochgehalten werden müssten, dass sie gegen Angriffe von außen verteidigt werden müssten. Der Islam ist da schnell zum Feindbild geworden. Doch liegt das eigentliche Problem nicht beim Islam. Es liegt in unserer eigenen Gesellschaft. Die Rede von den christlichen Werten ist zu einem Reden in Floskeln geworden, denn wer weiß eigentlich wirklich noch, was sich dahinter verbirgt? Fragt man Menschen, was sie damit meinen (und das habe ich mehrfach getan), dann kommen da Aussagen wir Höflichkeit, Respekt den anderen gegenüber, Wertschätzung… Aber diese Werte finden sich auch in anderen Religionen oder Wertvorstellungen. Sie sind nicht spezifisch christlich. Wer die christlichen Werte einfordert, sollte es daher nicht bei Floskeln belassen, sondern sie auch mit Inhalt füllen. Das ist die eigentliche Herausforderung. Um das zu tun, braucht es ein gewisses Grundwissen in Sachen Religion, auch eine Teilnahme und ein Leben des Glaubens wären wünschenswert. Doch fragt man Menschen, was sie denn über den christlichen Glauben wissen, z.B. über den Hintergrund der Feiertage, dann bleibt es oft bei vagen Äußerungen, oder es zeigt sich ein deutliches Nichtwissen. Übrigens: genau diese Fragen stelle ich im Zuge meiner Pionierweiterbildung gerade Menschen auf der Straße. Deshalb ist es schwierig, in unseren Tagen von den christlichen Werten zu sprechen, wenn es nicht bei Floskeln bleiben soll. Denn Floskeln braucht kein Mensch.

Das Kreuz als Bekenntnis zu den christlichen Werten in staatlichen Behörden halte ich aber auch noch aus einem anderen Grund für ziemlich schwierig. Es stellt sich mir nämlich die Frage, ob es überhaupt ein solches Zeichen braucht, oder ob Jesus Christus es so gewollt hätte. Auch ich trage ein kleines Kreuz an einer Kette um den Hals, habe in meinem Arbeitszimmer und an anderen Orten im Haus ein Kreuz stehen. Doch trage ich es nicht, um zu zeigen, dass ich Christin bin. Ich bin mir sicher, dass ich es dafür nicht brauche. Genauso sicher bin ich mir, dass Jesus es zu diesem Zweck auch nicht wollte. Es hat einen anderen Sinn für mich. Oft erwische ich mich, wie ich in schwierigen Situationen, in Momenten des Zweifels oder der Fragen, mal eben das Kreuz an meinem Hals berühre. Oder ich suche mit den Augen das Kreuz in meinem Arbeitszimmer. Dieses Anfassen, dieser Anblick schenken mit Zuversicht, Hoffnung für das, was vor mir liegt. Es erinnert mich einfach daran, welch großes Geschenk mir Gott in Christus gemacht hat. Doch es braucht dieses Zeichen nicht aus Demonstrationszwecken irgendeiner Identität oder irgendwelcher Werte. Es wäre ein Armutszeugnis unseres Glaubens, wären wir nur an einem solchen Symbol erkennbar. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ sagt Jesus in Matthäus 7,16. Was das heißt, führt Johannes in seinem ersten Brief aus: Und hieran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben; wenn wir seine Gebote halten.  Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in dem ist nicht die Wahrheit.  Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet. Hieran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist. (1. Johannes 2,3-6) Ich bin mir sicher, wären wir an unseren Früchten erkennbar, müssten wir nicht über das Kreuz als Bekenntnis zu den christlichen Werten diskutieren. Dann würden andere uns schon an unserem Handeln erkennen.

So besteht für mich die eigentliche Herausforderung darin, dass Christinnen und Christen wieder an ihren Früchten, ihren Worten und Taten, erkennbar werden. Ich will jeden Tag daran arbeiten. Ihr auch? Hinterlasst doch mal in den Kommentaren, wie ihr mit der Frage nach dem Kreuz umgeht, oder was das Leben in Worten und Taten für euch bedeutet.

Licht unter dem Scheffel

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich lange mit einer Frau mittleren Alters. Es ging buchstäblich um Gott und die Welt. Irgendwann landeten wir auch bei dem, was ich tue. Ich erzählte ihr, dass ich Pastorin für fresh expressions of church sei, und von RaumZeit, meinem Projekt oder besser meiner Gemeinde, auch wenn sie als solche (noch) nicht anerkannt ist. Die Frau war sehr interessiert, stellte Fragen, wollte verstehen, was ich mache. Sie fragte sogar nach meiner Vision. Irgendwann, es war schon fast eine Stunde vergangen, sagte sie diesen einen Satz, der unserem Gespräch noch einmal eine ganz neue Richtung gab: „Übrigens, ich bin seit einigen Jahren auch gläubige Christin.“

Unsere Unterhaltung ging noch eine Weile. Ich habe sie sehr genossen. Und doch beschäftigt mich seither ein Gedanke: Warum halten wir mit unserem Bekenntnis zu Christus oft so lange hinter dem Berg? Ist es Angst? Haben wir schlechte Erfahrungen gemacht? Oder gehört es sich bei uns einfach nicht, offen davon zu reden? Vielleicht fühlen sich die anderen ja auch davon belästigt.

Viele dieser Beweggründe kann ich gut verstehen. So manch einer möchte auch lieber an seinen Taten und nicht an seinen Worten erkannt werden. Allerdings frage ich mich, wie die Menschen dadurch etwas von Jesus Christus erfahren sollen. Viele Verhaltensweisen werden einfach mit gutem Benehmen und Höflichkeit in Verbindung gebracht und nicht mit einem christlichen Leben. Früher oder später braucht es Worte, die von Jesus, von Gott, von Gnade und Barmherzigkeit erzählen. Warum also nicht früher und gut erkennbar? Ich weiß, ich höre jetzt schon die Stimmen, die an die alten Methoden der Mission erinnern, die vor Frommen und Straßenevangelisation warnen. Dann sind da auch noch die, die meinen, für Mission nicht geeignet zu sein, zu wenig zu wissen, nicht die richtigen Worte finden zu können.

Ich denke, es braucht dafür keine besondere Ausbildung, Vorbereitung oder ein besonderes Talent. Wer von Gott berührt wurde, der kann auch von ihm erzählen – durch sein Leben in seinem Alltag. Warum nicht mal sagen, dass man betet und wo es geholfen hat? Warum das Gebet vor dem Essen weglassen, nur weil man in fremder Gesellschaft ist? Warum nicht mal vom Gottesdienst erzählen und andere einladen und mitnehmen? Warum nicht auch mal davon erzählen, wo oder wie man Gott begegnet ist, wo man ihn gespürt hat? Am Anfang kostet das sicher Überwindung, braucht etwas Mut. Aber dann bereichert es nicht nur das Leben der anderen, sondern auch das eigene. So wie mein Gespräch mit der Frau vor ein paar Tagen noch einmal eine ganz neue Dimension bekam durch ihr Bekenntnis. Am Ende hätte sogar ein gemeinsames Gebet stehen können. Schade, dass wir es nicht getan haben.

So möchte ich euch Mut machen, selbst anderen von eurem Leben mit Jesus zu erzählen. Ich bin mir sicher, dass es euer Leben unglaublich bereichern wird. Ganz nebenbei würden wir damit auch den Auftrag Jesu erfüllen: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“

Wie geht es euch mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus? Erzählt ihr anderen davon oder liegt euch das eher nicht? In den Kommentaren ist Platz für eure Erfahrungen.

Tanzen verboten?

In zwei Tagen ist Karfreitag. Gefühlt wie jedes Jahr dreht sich in diesen Tagen die öffentliche Diskussion rege um das Tanzverbot, das diesen Tag betrifft. Dabei wissen die wenigsten, dass dieses Gesetz nicht nur den Karfreitag betrifft, sondern die sogenannten stillen Feiertage. Clubs und Diskotheken dürfen an diesen Tagen nicht geöffnet haben, um die Würde des Tages nicht zu schmälern. In vielen Bundesländern zählen auch der Totensonntag oder Heiligabend zu diesen Tagen. Eine einheitliche Regelung für alle Bundesländer aber gibt es nicht. Das gilt auch für die „stille Zeit“ rund um Ostern. Während in Berlin lediglich am Karfreitag von 4 bis 21 Uhr ein Tanzverbot gilt, sieht Hessen das strenger und hat ein Tanzverbot von Gründonnerstag 4 Uhr bis Karsamstag 24 Uhr und an Ostersonntag und Ostermontag jeweils von 4 bis 12 Uhr verhängt. Wie jedes Jahr wird also auch in diesem Jahr wieder um diese Zeiten gestritten. Ob das noch zeitgemäß ist, lautet eine der Fragen. Wer das noch ernst nimmt, eine andere. Angesichts der Beobachtung, dass Bäckereien am Karfreitag um 5 Uhr ihre Türen öffnen dürfen, frage ich mich das allerdings auch.

Eigentlich frage ich mich das aber nicht nur in Bezug auf Karfreitag. Die Diskussion um einen weiteren Feiertag, sei es der 31. Oktober oder einen anderer Tag, zeigt meines Erachtens das gleiche Dilemma. Zahlreiche Menschen verbinden besonders mit den religiös begründeten Feiertagen wenig oder sogar nichts mehr. Es sind für sie freie Tage, die sie zum Feiern, Ausspannen oder mit der Familie nutzen möchten. Mit Glauben hat das für sie wenig zu tun. Da kann in den öffentlichen Diskussionen noch so oft von der christlichen Tradition des sogenannten christlichen Abendlandes gesprochen werden. Wenn eine Tradition für die Menschen keinen Wert, keinen Inhalt mehr hat, dann ist sie abgebrochen. Eine Wiederbelebung ist schwer und gelingt nur dann, wenn sie wieder an die Alltagswelt der Menschen angeknüpft werden kann.

Karfreitag trifft mich diese Beobachtung besonders hart. Das größte Geschenk der Menschheit wurde ihr an diesem Tag gemacht. Gott selbst wurde Mensch, litt unter Schlägen, Spott und Hohn. Er wurde bespuckt und verlacht. Er weinte bittere Tränen um seine Menschen. Er starb für sie den grausamsten Tod, den es damals gab. Und das alles, weil er die Menschen so sehr liebt, weil er ihnen seinen Himmel schenken will. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen das für sich entdecken, wieder daran glauben können. Ich kann in diesen Tagen manchmal schwer an mich halten, wenn ich dann die bekannten Diskussionen höre.

Doch ich will nicht wüten, pauschalisieren, vorverurteilen. Stattdessen sehe ich es als meine persönliche Herausforderung, Menschen in meinem Umfeld zuzuhören, zu erfahren, warum sie Karfreitag und Ostern so feiern wie sie feiern. Ich will hören, was ihre Wünsche und was ihre Sehnsüchte sind. Ich möchte erfahren, wo Gott bei diesen Menschen längst am Werk ist und hoffe, daran mitwirken zu dürfen. Vielleicht hat es ja einen guten Grund, weshalb jemand am Karfreitag bereits um 6 Uhr Brötchen in der Bäckerei kauft. Vielleicht braucht jemand das Tanzen und Feiern am Karfreitag, weil er die Trauer in seinem Leben sonst nicht aushält. Deshalb findet ihr mich mindestens am Ostermontag wieder mit Kaffee und Kuchen auf dem Spielplatz – hoffentlich hält das Wetter.

Haben stille Tage und Tanzverbot noch ihre Berechtigung? Braucht es einen weiteren religiös begründeten Feiertag? Hat die christliche Tradition noch einen Platz in unserer Gesellschaft? Wahrscheinlich müssen diese Diskussionen in der Öffentlichkeit, in der Politik geführt werden. Aber sie werden meines Erachtens keinen Nachklang in der Gesellschaft haben, wenn Christen nicht vor Ort auf ihre Mitmenschen hören und von ihrem Glauben erzählen. Nur wenn Menschen mit den Feiertagen selbst etwas verbinden, eine Bedeutung für sich darin sehen, kann die öffentliche Diskussion fruchtbar sein. Wobei sich manche Diskussion dann vielleicht auch von selbst erledigen würde. Oder was denkt ihr?

 

Wenn Ermutiger Ermutigung brauchen

Wenn mich Menschen fragen, worin ich meine Aufgabe sehe, so lautet eine Antwort „Ich möchte Menschen Mut machen, ihre eigene Form von Kirche zu entdecken und zu gestalten.“ Ich möchte Mut machen, ermutigen. Und nicht nur ich, viele andere auch. Gerade letztes Wochenende sagte eine junge Kollegin mit Blick auf ihre Jugendarbeit zu mir: „Ich sehe mich als Ermutigerin für die Jugendlichen.“ Den Menschen nicht vorgeben, was zu tun ist, sondern sie ermutigen, selbst auszuprobieren, selbst zu gestalten – für mich ist das eine wichtige Grundlage meiner Arbeit.

Doch immer häufiger erlebe ich, dass Ermutigerinnen und Ermutiger selbst mutlos werden. Die, die sie ermutigen wollen, möchten lieber konsumieren, als selbst aktiv zu werden. Projekte kommen nicht ins Laufen. In ihrem Umfeld schlägt ihnen mehr Gegenwind entgegen, als dass sie Unterstützung erfahren. Und manchmal sind es die bürokratischen Zwänge, die jedes zarte Pflänzchen im Keim ersticken. Dann höre ich Sätze wie: „Die Kirche ist noch nicht so weit.“ oder „An den ganzen Widerständen reibe ich mich auf!“…

Auch mir geht es manchmal so. Endlose Diskussionen in einer Sitzung, zigtausend Nein und Aber mit Blick auf ein neues Vorhaben. Dann würde ich am liebsten alles hinschmeißen, mir eine x beliebige Stelle suchen und gut wäre es. Doch es gibt Dinge, die mich davon abhalten, mir wieder Mut schenken. An erster Stelle steht da meine Beziehung zu Gott. Wenn ich sein Wort höre, seine Gegenwart spüre, mit ihm rede, dann spüre ich neuen Mut, neue Motivation. Dann weiß ich, dass sich alle Mühe lohnt.

Daneben gibt es aber noch etwas, das mir hilft – Beziehungen zu und Gemeinschaft mit gleichgesinnten Christen. Wenn es im täglichen Geschäft eng wird, dann habe ich eine Freundin oder einen Freund, der ich texten kann, der für mich und mit mir betet. Um gute Gemeinschaft zu erfahren, habe ich mir Netzwerke gesucht, in denen wir gemeinsam auf dem Weg sind. Churchconvention ist so eines. Und dann muss ich ein- bis zweimal im Jahr zu einem Kongress, einem Großevent, wo ich einfach auf Grund der Teilnehmerzahl schon spüre, dass ich nicht allein unterwegs bin. Mit zehntausend Menschen „Lobet den Herren“ singen tut einfach gut. Dazu gute Themen, Workshops, Gespräche. Das gibt Kraft für mindestens ein halbes Jahr.

Deshalb möchte ich euch Mut machen. Sucht euch eure Unterstützer, die ihr zu jeder Zeit anrufen könnt. Sucht euch eure Netzwerke, die euch gut tun. Fahrt zu Veranstaltungen, die euch spüren lassen, dass ihr nicht alleine unterwegs seid. Vor allem aber hört auf Gottes Wort und Stimme und betet. Kaum etwas gibt soviel Kraft wie das Gespräch mit Gott.

Was gibt euch Mut? In den Kommentaren könnt ihr davon erzählen.

Übrigens: am 23. und 24. Februar bin ich bei der Missionale in Köln – auch so ein mutmachendes Event. Bei Twitter und Facebook werde ich mich von dort melden. Also folgt mir doch auch dort.