Quo vadis Kirchenleitung?

Manchmal darf ich in den Kirchen meines Kirchenkreises Gottesdienste vertreten. So in diesem Jahr auch am Sonntag Miserikordias Domini, dem Sonntag, der uns vom Guten Hirten erzählt. Ein schöner Sonntag, denn ich freue mich immer, wenn das Beten des 23. Psalm ein Lächeln in die Gesichter der Menschen zaubert und sie mit voller Stimme in das Gebet einstimmen. Dazu gehörte in diesem Jahr ein Predigttext aus dem ersten Petrusbrief, der erst einmal an die Ältesten der Gemeinde adressiert ist. Während der Predigtvorbereitung sah ich im Geiste schon so manches Gemeindemitglied sich zurück lehnen: betrifft mich nicht, bin ja nicht im Kirchenvorstand. Doch der Autor des Petrusbriefes ist auch der, von dem sich u.a. das sog. Priestertum aller Glaubenden ableitet, also die Aufforderung an alle Glaubenden, die Wohltaten Jesu bekannt zu machen – nachzulesen im 2. Kapitel des Briefes. So haben wohl auch alle Glaubende eine Verantwortung für die Leitung der Kirche und können es nicht einfach auf die jeweils ein höhere Ebene abschieben.

Mich führte die Vorbereitung der Predigt mal wieder dazu, über die Leitung der Kirche generell nachzudenken und das nicht nur, weil es immer schwieriger wird, Kandidaten für den Kirchenvorstand zu finden. Ist die Art, wie wir unsere Gemeinden, die Kirchenkreise und die Kirche insgesamt führen und leiten noch dem Evangelium und unserer gesellschaftlichen Situation angemessen? Schauen wir auf den Kontext, z.b. in der Arbeitswelt, sagen Studien, das zwei von drei Arbeitnehmern nur noch Dienst nach Vorschrift machen, jeder siebte sogar innerlich gekündigt hat. Gilt das auch für unsere Gemeinden, dann können wir den Auftrag unseres Herrn nicht mehr adäquat ausführen. Dann verlieren wir Menschen, statt sie mit dem Evangelium bekannt zu machen.

Mich bewegen diese Fragen sehr, vor allem mit Blick auf sich neu gründende Gemeinden. Zwängen wir sie in das alte System des Führens und Leitens hinein, habe ich Sorge, dass die jungen Pflänzchen, die da sprießen, schneller wieder verwelken, als sie wachsen können. Deshalb habe ich in den letzten Wochen das Buch „Reinventing Organisations“ von Frédéric Laloux gelesen. Das ist sicher auch noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Doch sprechen mich die drei Aspekte, die er für seine neue Organisationsform aufzeigt, sehr an. Erstens die Verteilung der Rollen und der Macht verbunden mit einem hohen Maß an Selbstverantwortung der Mitarbeiter. Zweitens die ganzheitliche Sicht des Mitarbeiters, die ihn nicht nur auf seine Arbeitskraft reduziert. Und drittens der Aspekt der sinnstiftenden Vision für ein Unternehmen, der u.a. bedeutet, dass andere Unternehmen der gleichen Branche keine Konkurrenten, sondern Mitwirkende bei der Realisierung dieser Vision sind.

Bezogen auf Kirche, auf Kirchengemeinden, auf neu entstehende Gemeindeformen bedeutet das für mich, dass wir uns erst einmal fragen sollten, ob wir überhaupt noch eine Vision haben, oder ob wir sie nicht vor langer Zeit schon im Gestrüpp der Gewohnheiten verloren haben. Wird diese Vision aber wieder präsent, sind andere Kirchengemeinden keine Konkurrenten mehr, mit denen man um Mitglieder oder Finanzen oder besser besuchte Veranstaltungen konkurriert, sondern Mitstreiter im Lauf, vom Evangelium zu erzählen und es zu leben. Es würde auch eine intensive Zuwendung zu den Menschen bedeuten, die nicht mehr nur als Spender oder Gottesdienstbesucher oder… gesehen würden. Vor allem aber hieße es, über die Leitung und Führung unserer Gemeinden nachzudenken. Wenn jeder Verantwortung für das Geschick der Gemeinde wahrnehmen könnte, keine übergeordneten Gremien mehr entscheiden, sondern höchstens noch beraten könnten, wäre das m.E. auch Teil der Wahrnehmung des viel zitierten Priestertums aller Glaubenden. Und ja, damit wäre auch verbunden, dass Gemeinden durch das Handeln der Menschen in ihr scheitern könnten. Das ist eben auch ein Teil der Selbstverantwortung. Stellt sich die Frage, ob wir, die Kirche, bereit sind, diese Überlegungen anzustellen, diese Verantwortung zu übernehmen und Neues zu wagen? Ich glaube, wir kommen nicht umhin, uns diese Fragen zu stellen. Denn eines zeigen die zart sprießenden Pflänzchen neuer Gemeindeentwicklungen: die, die dort neu zum Glauben und zur Kirche kommen, wollen nicht einfach nur teilnehmen, sondern mitgestalten, mitentscheiden. Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und visionär zu denken und stellen bereits jetzt viele gewohnte Formen infrage. Warum also nicht mal über neue Formen der Leitung auch für die etablierten Gemeinden nachdenken? Wer weiß, vielleicht gleicht in einigen Jahren so manche Landeskirche auch einer Reinventing Organisation…

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