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Zwischen Geist und Geistern…

… Gedanken am Ende eines langen Wochenendes:

In diesen Minuten geht das historische Reformationswochenende zuende. Im Fernsehen läuft noch das Pop-Oratorium Luther. Ich hänge mit meinen Gedanken bei dem, was mir an diesem so historischen Wochenende begegnet ist. Zwischen Geist und Geistern habe ich mich bewegt und mich gefragt, ob sie vielleicht doch zusammengehören, auch wenn das allerorts vehement bestritten wird.

Nach zehn Jahren Vorbereitung feierten heute Gemeinden im ganzen Land Gottesdienste anlässlich des Reformationsjubiläums. Zu allen Tageszeiten öffneten sich Kirchentüren, um in kleinen und großen Feiern die Botschaft der Reformation neu erklingen zu lassen. Von vielen Freunden und Bekannten im kirchlichen Dienst bekam ich über den Tag verteilt Nachrichten, dass die Kirchen gut gefüllt gewesen seien. Mancherorts mussten die Menschen sogar stehen, oder die Türen wegen Überfüllung wieder geschlossen werden. Auch ich war in einem solchen Gottesdienst, in dem schnell noch Stühle in die Kirche getragen wurden und dennoch viele standen. Allen Unkenrufen zum trotz, alle Abgesänge angesichts unsicherer Zahlen beim Kirchentag widerlegend sind heute viele in die Kirchen gekommen, um von der Reformation zu hören, in deren Zentrum diese Gedanken von der Befreiung aus allen Zwängen durch Jesus Christus stehen. Was führte die Menschen hierher? Das Gefühl, einer Tradition verbunden zu sein? Das Bedürfnis, bei diesem einmaligen Feiertag doch irgendwie dabei zu sein? Vielleicht auch die Sehnsucht nach einer wegweisenden Botschaft, wie Luther sie einst hatte? Oder vielleicht auch nur ein besonders gestalteter Gottesdienst?

Dort wo ich war, wurde zum Beispiel eine Kantate aufgeführt, die wahrscheinlich die letzten zweihundertfünfzig Jahre nicht zu hören war, da die Noten in einer alten Bibliothek verschollen waren und erst vor wenigen Jahren wieder an die Öffentlichkeit gerieten. So wurde heute vom Geist gesungen, der allein dazu verhilft Gott zu finden. Vom besten Segen, der der Geist Gottes ist war die Rede und davon, dass Vernunft und Weisheit nicht ausreichen, um Gott zu finden. Denn durch unser Tun und Wissen können wir vor Gott nie bestehen, denn irgendwo wissen wir immer noch nicht alles oder haben auch nicht alles getan. Doch zugleich sind wir genau so mit unserem Tun und Wissen vor Gott gut genug, weil der Segen aus einer ganz anderen Richtung kommt als aus unseren eigenen Erfolgen. Der Geist Gottes ist wirklich der beste Segen!

In vollen Kirchen haben viele heute diese Botschaft hoffentlich gehört und hören wollen. Die Forderung nach einem regelmäßigen Feiertag „Reformationstag“ scheint berechtigt. Der Tag gehört zur Geschichte unseres Landes, hat unsere Kultur und Tradition geprägt.

Am Samstag auf dem Spielplatz habe ich noch anderes gehört. An der Kinderschaukel komme ich mit einer anderen Mutter ins Gespräch. Sie fragt die Kinder nach ihren Halloween-Kostümen und fährt fort, dass sie es schön findet, dass Halloween in diesem Jahr ein Feiertag ist. Das könnte ruhig jedes Jahr so sein. Die Regierung sei da ja am überlegen. Obwohl da ja eigentlich irgendetwas anderes gefeiert würde. Da war wohl irgendwas mit einem Buch und einem Jubiläum. Aber so hätten die Kinder Halloween wenigstens frei und könnten feiern. Ich überlege noch, ob ich ihr erklären soll, was der Reformationstag eigentlich bedeutet. Doch da erzählt sie schon voller Begeisterung von den Kostümen ihrer Kinder und den Vorbereitungen für die abendliche Party.

Diese Begegnung lässt mich nicht los – vielleicht, weil meine Kinder mich später nach Halloween fragen und heute fasziniert die kostümierten Kinder auf der Straße betrachten. Vielleicht aber auch, weil ich mich frage, was die Menschen an diesem „Fest“ so anzieht? Denn eins gilt auch für dieses Anlass: erklären, woher der Halloween-Brauch kommt, können die wenigsten. Auf die Frage, was dort gefeiert wird, erhält man ähnlich vage Antworten wie auf die Frage nach der Bedeutung von Pfingsten. Was also motiviert jedes Jahr mehr Menschen, die Wohnungen und Häuser für einen Abend mit Kürbissen, Spinnennetzen und Geisterdarstellungen auszustatten und zu dekorieren? Ist es die pure Lust an der Verkleidung, der Hunger der Kinder nach Süßigkeiten? Steigt die Freude an diesem Tag stetig, weil Prominente in Amerika es uns vorleben oder weil man eine Gelegenheit braucht, um hinter Masken unerkannt hemmungslos feiern zu können? Wäre ein regemäßig freier Reformationstag da nicht eher Wasser auf die Mühlen des Halloween-Hypes?

Warum aber dominieren ausgerechnet Maskeraden rund um Hexen, Geister, Zombies und andere Gestalten aus der Welt des Bösen und des Todes diesen Tag? Sicher, die Tradition des Vorabends von Allerheiligen gibt dies irgendwie vor, doch davon haben die wenigstens, die hier feiern, eine Ahnung. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr habe ich den Eindruck, dass, auch wenn vielen die Herkunft von Halloween unbekannt ist, sie dennoch in den länger werdenden Nächten der trüben Jahreszeit eine Ahnung von der Endlichkeit ihres eigenen Lebens haben, von der eigenen Verstrickung in die Mächte und Gewalten dieser Welt, von der eigenen Ohnmacht angesichts von Hass und Gewalt oder von den Geistern, die sie selbst durch ihr Tun riefen. Ihnen einmal im Jahr hinter der Verkleidung schamlos ins Gesicht lachen, sie für kurze Zeit aus dem eigenen Leben vertreiben zu können mit allerlei Süßem und Saurem, mit Lachen und Schabernack, kann zumindest für kurze Zeit befreiend wirken. So frage ich mich, ob hinter dem immer größer werdenden Halloween-Kult unserer Tage nicht eine Sehnsucht nach Befreiung aus den Zwängen des Scheiterns, des nicht genug Seins, des endlichen Lebens steht. Die Antwort darauf hat uns Martin Luther vor fünfhundert Jahren noch einmal deutlich vor Augen gestellt. Vielleicht haben gerade deshalb am 31. Oktober Halloween und Reformationstag ihre Berechtigung – Sehnsucht und Antwort. 

Dann aber bleibt eine Frage für mich noch unbeantwortet: waren zehn Jahre Vorbereitung und ein Jahr Feiern hilfreich, Sehnsucht und Antwort einander näher zu bringen? Sprich: was machen wir, wenn morgen, am 1. November, das Reformationsjubiläum zuende ist? Packen wir alles in eine Schublade und machen dort weiter, wo wir vor dem Jubiläum standen? Haben wir gefeiert, um eben zu feiern? Oder war es mehr? War das Jubiläumsjahr ein Schritt auf dem Weg, der Sehnsucht und Antwort zusammenbringt? Haben Menschen außerhalb des innerkirchlichen Zirkels etwas von der Befreiung durch Jesus Christus erfahren, um ihre Sehnsucht zu stillen? Haben Kirchen sich weiter reformiert, um zu den Menschen zu gehen? Haben Christen gelernt, den Menschen aufs Maul zu schauen, ihnen zuzuhören und in ihrer Sprache zu sprechen? Wenn ja, dann sollte der Reformationstag wirklich ein regelmäßiger Feiertag werden, damit wir jedes Jahr damit weitermachen.

Die Antwort auf diese Frage steht noch aus. Vielleicht bekommen wir im Laufe der nächsten Monate, des nächsten Jahres eine Antwort darauf. Oder wie ist euer Resümee zum Reformationsjahr?

Gelesen: Selbst glauben

Mit diesem Beitrag möchte ich euch mal wieder ein neues Buch vorstellen, das ich gerade gelesen habe. Der Titel des Buches lautet Selbst Glauben. 50 religionspädagogische Methoden und Konzepte für Gemeinde, Jugendarbeit und Schule. Mit Florian Karcher, Petra Freudenberger-Lötz und Germo Zimmermann haben sich drei Herausgeber auf den Weg gemacht, nicht nur eine Methodensammlung für die Jugendarbeit zusammenzustellen, sondern unter dem Aspekt einer subjektorientierten Religionspädagogik verschiedene Ansätze und eine Sammlung dazugehörender Methoden in einem Buch zu vereinen. So entsteht eine Dreiteilung des Buches mit einer ausführlichen Einleitung, dem theoretischen Einblick in unterschiedliche Ansätze und einer Zusammenstellung verschiedener zu den Ansätzen gehörender Methoden.

In der ausführlichen Einleitung stellen die Herausgeber den Gedanken der subjektbezogenen Religionspädagogik vor, deren Ziel eine religiöse Subjekt-Bildung und -Werdung ist. Die Praxis dieses Ansatzes ist auf Partizipation und Eigenverantwortung ausgelegt. Allen im Buch vorgestellten Ansätzen liegt daher eine Hermeneutik der Aneignung zugrunde, die mit den Kindern, Jugendlichen, Schülern oder Konfirmanden gemeinsam nach Wegen des Glaubens suchen will. Folgt man dieser Hermeneutik braucht es viele verschiedene religionspädagogische Konzepte, um möglichst viele Kinder und Jugendliche ansprechen zu können. Es gibt nicht das eine für alle gültige Konzept. Entsprechend werden in diesem Buch eben verschiedene Ansätze nebeneinander vorgestellt. Leider wird nicht erwähnt, unter welchen Kriterien die Auswahl erfolgte, ob sie evtl. sogar erschöpfend ist oder es noch andere Ansätze gibt, die diesem Ansatz dienen.

Neben den drei Herausgebern konnten Autoren wie Uta Pohl-Patalong oder Delia Freudenreich gewonnen werden, Konzepte wie die Kreative Bibeldidaktik, Bibliolog oder Godly Play zu beschreiben. Sämtliche Aufsätze folgen dergleichen Struktur, so dass die Konzepte auf diese Art und Weise gut miteinander verglichen werden können. Die jeweiligen Ausführungen erstrecken sich immer nur über wenige Seiten und lassen sich gut auch mal zwischendurch lesen. Außerdem ist allen Aufsätzen eine kleine Liste weiterführender Literatur angefügt. Das hat mir sehr gut gefallen, da die Ausführungen auf Grund der gebotenen Kürze immer nur einen kleinen Einblick in das jeweilige Konzept bieten. Wer mehr wissen will, muss an anderer Stelle weiterlesen oder wie im Falle des Bibliologs eine entsprechende Ausbildung machen. Für einen ersten Einblick sind die Aufsätze aber gut geeignet.

Im dritten Abschnitt des Buches sind den Konzepten mehrere verschiedene Methoden zugeordnet. Nach einem Satz der Kurzbeschreibung folgen Angaben zur benötigten Zeit, Vorbereitung, zum Material und zur Durchführung sowie zur Reflexion der jeweiligen Methode in der Gruppe. Auch Hinweise und Variationsmöglichkeiten werden angeführt. So lassen sich die Methoden gleich mal in der Praxis ausprobieren, um noch einen anderen Einblick in den jeweiligen Ansatz zu erhalten. Vielleicht entsteht dann ja Lust auf mehr und man arbeitet sich in das jeweilige Konzept tiefer ein.

Mein Fazit zu diesem Buch: Wer in der Religionspädagogik unterwegs ist, schon immer für neue Ansätze und Methoden ansprechbar war, wird das ein oder andere bekannte in diesem Buch finden. Konzepte wie der Bibliolog, Godly Play und Interreligiöses Lernen sind schon länger auf dem Markt und hier und da auch schon etabliert. Gerade die Vergleichbarkeit der Ansätze durch den identischen Aufbau der Aufsätze macht das Buch aber interessant. So ist es möglich, für den eigenen Zusammenhang einen hoffentlich passenden Ansatz auszuwählen, ohne gleich zig verschiedene Bücher lesen zu müssen. Die beigefügten Methoden ermöglichen ein erstes Ausprobieren. Wer dann feststellt, dass es passt, wird durch die beigefügten Literaturlisten an die Hand genommen und kann an anderer Stelle weiterlesen. Alles in allem eignet sich das Buch gut, wenn man auf der Suche nach einem Konzept ist und erstmal einen Überblick gewinnen möchte. Wer sich über einen bestimmten Ansatz näher informieren will, sollte zu einem anderen Buch greifen.

Vielleicht nicht unbedingt direkt fresh x, so stellt sich doch innerhalb meines Aufgabenfeldes die Frage nach den Ansätzen und Methoden. Deshalb fand ich es ganz spannend, in dieses Buch mal hineinzulesen. Kennt Ihr das Buch vielleicht schon oder wollt jetzt auch mal hineinschauen? Ich wäre gespannt, von Euren Erfahrungen mit den Methoden zu erfahren. Schreibt doch einfach eure Gedanken dazu in die Kommentare.

 

 

(De)Mut

„Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut.“ – Theodor Fontane, Cécil

Ohne ein gewisses Maß an Demut geht es wohl nicht. So habe ich in meinem letzten Newsletter geschrieben und dabei an die Haltung der zweiundsiebzig Jünger gedacht, die Jesus in Lk 10 auf den Weg schickt. Nicht erst seit dieser Aussage denke ich über den Begriff der Demut nach. Denn häufiger schon habe ich gelesen oder gehört, dass sich christliche Gemeinschaft durch Demut auszeichnet oder der Glaube sich an ihr erst zeigt und bemisst. Dabei frage ich mich dann, was meint die Autorin, der Autor jener Aussagen, wenn er davon spricht?

Auf den ersten Klang hört sich dieses Wort für mich alt, altmodisch, vielleicht auch ein wenig angestaubt an. Demut – was ist das eigentlich? Schaut man in die Lexika, so erfährt man, dass der Begriff vom althochdeutschen diomuoti abstammt, was soviel wie dienstwillig bedeutet. Dem philosophischen Wörterbuch zufolge bezeichnet Demut die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit (Gottheit, sittliches Ideal, erhabenes Vorbild) hervorgehen kann“. Im Begriff Demut kommt also ein Unterordnungsverhältnis zum Ausdruck. So hat die Wurzel des hebräischen Wortes, welches mit Demut übersetzt wird, das „sich beugen“ zur Grundlage. Entsprechend steht im Alten Testament der Demut der Hochmut gegenüber. Demut bedeutet in diesem Zusammenhang, die Allmacht Gottes anzuerkennen, während der Hochmütige meint, ohne Gott auszukommen oder sogar wider ihn leben zu können. 

Wenn Demut aber bedeutet, eine höhere Macht anzuerkennen, dann ist sie in erster Linie eine Haltung des jeweiligen einzelnen Menschen. Der Mensch selbst entscheidet sich dazu. Dabei ist ein Leben, das Gottes Willen entspricht, ein demütiges Leben, wie in Micha 6,8 nachzulesen ist: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Vor Gott demütig zu sein und seine Allmacht anzuerkennen, bedeutet zugleich die eigene Geschöpflichkeit anzunehmen, zu akzeptieren, dass der einzelne Mensch und mit ihm alle Menschen von Gott einzigartig geschaffen sind. 

Was aber heißt das eigentlich für die Jetztzeit und für mich? Geht man von der Grundlage dieser Erklärungen aus, dann ist die christlich verstandene Demut der Schlüssel zum Glauben. Nur wer sich selbst als Geschöpf Gottes versteht und sich damit der Allmacht Gottes untergeordnet weiß, entspricht dem Anspruch Gottes. Wer sich selbst so in der Welt sieht, der wird auch sein Leben so ausrichten, dass es diesem Anspruch gerecht wird. Wenn ich mich selbst und alle anderen als einzigartig von Gott geschaffen sehe, dann achte ich mich und alle anderen als gleich wert und gleich wertvoll. Dann sind meine Wünsche, Ansprüche und Vorstellungen nicht wichtiger als die von anderen Menschen. Dann bin ich bereit, den anderen zu dienen, da sie Geschöpfe sind. Demgegenüber steht wie im Alten Testament der Hochmut, die Meinung, etwas besseres, wertvolleres zu sein als alle oder ein Teil der anderen Menschen, der Gedanke, dass das eigene Interesse mehr zählt als das anderer. Soweit die Theorie, der viele sicher zustimmen können. 

Und doch frage ich mich, was diese Lebenshaltung, so möchte ich Demut einmal beschreiben, für mich, mein Leben, mein Umfeld bedeutet. Begegnet mir der Begriff im Alltag, dann mutet ihm oft etwas von Unterwürfigkeit, Zurückstecken und manchmal auch Resignation an. In einem Wörterbuch habe ich einmal folgende Definition gelesen: „Demut ist die Bereitschaft, etwas als Gegebenheit hinzunehmen, nicht darüber zu klagen und sich selbst als eher unwichtig zu betrachten.“ Demut scheint entsprechend höchstens für Ordensleute oder besonders religiöse Leute passend zu sein. Im Alltag zwischen Familie, Nachbarn und Beruf geht es viel mehr darum, sich selbst seinen Platz zu verschaffen. Achtsamkeit, Zeit für sich selbst zu haben, die eigenen Interessen vertreten, die eigenen Träume verwirklichen. Das sind die Schlagwörter dieser Zeit. Wo hat da die Demut ihren Platz?

Ich glaube, genau da, zwischen Familie und Beruf, zwischen Zeit für sich selbst und Achtsamkeit ist ihr Platz. Demut als Anerkennung der Vorrangstellung Gottes und damit als Wertschätzung seiner Geschöpfe heißt für mich die eigenen Bedürfnisse nicht zum Narzissmus werden zu lassen. Meine eigenen Interessen nicht höher als die anderer zu stellen. Sie wird damit zum Korrektiv meiner eigenen Ansprüche. Demut heißt damit aber nicht, dass ich mich beständig nur unterwerfe und selbst geringer schätze als mein Gegenüber. In der Anerkennung Gottes seine Geschöpfe wert zu achten heißt auch, mich selbst wert zu schätzen. In dieser Gleichwertigkeit der Geschöpfe Gottes kann ich die besseren Fähigkeiten eines anderen anerkennen und auch mal meine eigenen Interessen zurücknehmen. Ist Demut in dieser Form eine Haltung, die mein Leben bestimmt, bin ich bereit, dem anderen zu dienen, weil ich in ihm Gottes wertvolles Wesen sehe, ohne mich selbst dabei aufzugeben.

Damit komme ich auf das Zitat von Fontane zurück, das ich zu Beginn meiner Gedanken genutzt habe. In diesem Sinne verstanden steht der Mut, dem das Leben gehört, meines Erachtens nicht zwischen Hochmut und Demut, die beide den Mut im Namen tragen. Der Mut, dem das Leben gehört, ist für mich eher der Mut zum Dienen, zum auch mal zurückstecken in einem Umfeld, in dem der Stärkere stets gewinnt. Der Mut, der bereit ist, auch mal auf etwas zu verzichten, mit weniger auszukommen, sich auf das Leben anderer einzulassen, ist der Mut, dem das Leben gehört. Die Demut verstanden als ein solcher Mut zum Dienen – diesen Begriff habe ich übrigens bei Siegbert Warwitz geklaut – brauchten die Jünger, als sie von Jesus ausgesandt wurden. Diese Demut stünde uns heute auch noch gut. Deshalb wünsche ich mir oft ein wenig mehr Demut bei den Menschen, nicht nur bei den anderen, auch bei mir. In manchem Leben kann man sie heute schon entdecken. Einige von ihnen sind bekannte, religiöse Personen. Viel häufiger erfahre ich sie bei Menschen, die in keiner Art und Weise berühmt sind. Gerade gestern ist sie mir wieder begegnet in Form einer Dame, die im Geschäft gerne auf eine bestimmte Brötchensorte verzichtete, da die Kinder der jungen Familie hinter ihr in der Schlange sich diese wünschten und nicht mehr genug für alle da waren.

Was sind eure Erfahrungen mit der Demut und wie definiert ihr sie? Wo entdeckt ihr sie in eurem Alltag? Lasst uns doch mal daran teilhaben.

Ein Wochenende in der Jugendherberge 

Jugendherberge – was hat das mit Gott zu tun? Das mag wohl mancher denken, wenn er meine Überschrift liest. Ehrlich gesagt, ein wenig denke ich das auch. Und doch bewegt mich der eine oder andere Gedanke, der mir während eines Kurzurlaubs in der Jugendherberge Bonn gekommen ist.

Mit meiner Familie nutze ich immer mal wieder das Angebot der Jugendherbergen, wenn wir Freunde besuchen, eine günstige Unterkunft während Tagungen, Messen etc. brauchen oder einen Städtetripp unternehmen. Ein wenig fühlt man sich, sobald man das Haus betritt, in die eigene Kindheit zurück versetzt. Erinnerungen an verschiedene Klassenfahrten, kurze Nächte und roten Hagebuttentee werden wach. Dabei gibt es letzteren nur noch, wenn man es wirklich möchte. Das bringt mich meinen Gedanken auch schon etwas näher. 

Die Jugendherbergen haben sich verändert. Moderne Familienzimmer gehören jetzt genauso dazu wie ein Bistro zur Abendgestaltung – zumindest in Bonn. Den Kaffee oder Tee zum Frühstück kann man nun in großen Bechern genießen und die Speisen am Buffet betrachten und auswählen. Für ein wenig Aufgeld bekommt man sogar Pancakes zum Frühstück. Mit den leicht angetrockneten Wurst- und Käsescheiben meiner Kindheit hat das nicht mehr soviel zu tun. Auch wenn es sie wohl noch gibt, diese Jugendherbergen der vergangenen Tage. Und unter ihrem Ruf leiden auch die jüngeren, renovierten Häuser.

Vielleicht leiden sie aber auch nicht darunter. Denn hier trifft sich mittlerweile eine junge oder junge gebliebene, internationale Gemeinschaft. Von Asien über Afrika und Osteuropa bis Europa und natürlich Deutschland waren hier zahlreiche Nationen vertreten. Auf dem Begrüßungsschild am Eingang stand neben dem Gesangverein einer Kleinstadt ein slowenisches Unternehmen und  neben dem Gymnasium vom Stadtrand Ärzte ohne Grenzen. Die Hälfte der Sprachen, die im Foyer zu hören waren, wusste ich nicht zu übersetzen. Im Speisesaal saß die alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern neben den Tagungsteilnehmern aus Asien und die kleine Radfahrgruppe in ihren unverkennbaren Fahrraddresses neben den Ärzten aus Afrika. Der alleinreisende ältere Wanderer blieb ein wenig für sich und freute sich doch am Spiel der Kinder. Sie alle aßen zusammen in einem Raum und kamen ins Gespräch. Hier und da hörte man Fragen nach Namen und Herkunft, nach Aufenthaltsdauer und Ziel der Reise. Gespräche entspannen sich. Und kam man nicht ins Gespräch, so grüßte man sich doch, wenn man sich begegnete. Hier wurden einander die Türen aufgehalten. Niemand drängelte an der Rezeption vor. Keiner war ungeduldig, wenn es am Kaffeeautomaten etwas länger dauerte. Je mehr ich mich umsah, umso mehr hatte ich den Eindruck, dass hier eine ganz eigene Gemeinschaft zusammen gekommen war. Das Funktionieren und Leben rund um die Jugendherberge war ihre Verbindung. Keiner von ihnen hatte sich für ein Hotel entschieden, welche Gründe auch immer dahinter standen.

Nach diesem Wochenende denke ich, die Jugendherbergen haben sich verändert – zumindest die meisten – und leben doch auch von der Tradition der Erinnerungen. Wer weiß nicht eine Geschichte aus seiner Kindheit zum Aufenthalt in einer Jugendherberge zu erzählen? Doch dabei sind sie nicht stehen geblieben. Sie haben sie genutzt, sind weitergegangen mit den Menschen der jeweiligen Zeit. So treffen sich dort heute Menschen aus aller Welt in einer besonderen Gemeinschaft und leben ein wenig vor, wie es in der Welt sein könnte.

Ich muss wohl nicht mehr schreiben, dass ich mir einiges davon auch für unsere Kirchen wünschte. Zugleich versuche ich manches von dem, was ich an diesem Wochenende gesehen und erfahren habe, mit Blick auf die Kirche zu sehen. Auch sie leidet ja so manches Mal unter der Tradition der Erinnerungen und hat sich längst in ihren Mauern gewandelt. Nur von den Menschen davor ist es nicht unbedingt wahrgenommen worden. Ist  vielleicht diese bunte, internationale Gemeinschaft auch die, die Christus noch begegnen möchte? Die Menschen, die zwar zeitgemäß ihren Kaffee aus Bechern trinken, aber dennoch auf ein gewisses Maß an Service und Komfort verzichten wollen, weil anderes wichtiger ist? Die Menschen, die eine andere Art zu leben vorziehen, um Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit für andere zu ermöglichen.

Es war zumindest in diesen Tagen in der Jugendherberge ein Zusammenleben zu spüren und zu beobachten, dass von Freundlichkeit und Höflichkeit, von Hilfsbereitschaft und Respekt geprägt war. Vieles davon ist in unseren Kirchen und im Wahlkampf gerade Thema. Doch wieviel davon wird auch gelebt? Mir ist deutlich geworden, es liegt an der Haltung der Menschen. Diese zu ändern ist eine Herausforderung und geschieht wohl nur durch ein geduldiges Vorleben. Die großen, flammenden Reden sind es nicht, die eine Veränderung bewirken. Das stete Erfahren verändert viel mehr. So können auch Wochenenden in Jugendherbergen zu einem Auftanken werden, zumindest wenn man solch eine Erfahrung macht wie ich in Bonn. Ja, es gibt auch noch die anderen Jugendherbergen, die den Kindheitserinnerungen entsprechen mit strengen Herbergseltern und rotem Hagebuttentee. Aber „bei Kirchens“ gibt es auch noch die einen und die anderen – die, die den Kindheitserinnerungen entsprechen mit mächtigem Pfarrer und steifem Gottesdienst, und die, die sich gewandelt haben zur lebendigen Gemeinschaft unter Christus. So wünsche ich allen ein Wochenende in einer Jugendherberge oder einer lebendigen Gemeinde. Es stärkt und macht zuversichtlich. Aber Vorsicht: es kann auch das Leben verändern.

Wie sind eure Erfahrungen mit Jugendherberge und Kirche? Haben sie euer Leben schon verändert? 

Bin ich Pionierin?

Anfang des Jahres, gerade hatte ich meine neue Pfarrstelle angetreten, drückte mir jemand einen Flyer in die Hand. „Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission : Gesellschaft“ stand da drauf. Ich nahm in mit, schaute ihn an und dachte „Das bist du nicht!“ Ich tue doch nur meine Arbeit, meinen Dienst auf dem Weg hin zu einer anderen Form von Kirche. So blieb es – einige Wochen und Monate lang. Dann fragte bei Twitter jemand in den Orbit: Wer hat sich zur Pionierausbildung angemeldet?“ und jemand anderes antwortete: „Ich nicht, aber pastrix_sabine bestimmt!“ Nein, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht, hatte es ja auch schon lange Zeit verdrängt. Doch es arbeitete in mir. In diesem Moment merkte ich es. Aber noch immer meldete ich mich nicht an.

Anfang Mai, ich räumte gerade auf meinem Schreibtisch auf, fiel aus einem Buch ein Flyer – der Flyer. Wieder las ich ihn. Anmeldeschluss war Ende Mai. Sollte ich mich anmelden? Bin ich eine Pionierin? Wieder legte ich den Flyer weg, doch in dieser Nacht schlief ich ziemlich schlecht. Am nächsten Tag mailte ich meinem Superintendenten – würde er seine Zustimmung zu einer Anmeldung geben? Schließlich brauchte ich dafür eine Dienstbefreiung. Es brauchte einige Tage, doch dann antwortete er: „Melden Sie sich ruhig an!“. Gesagt, getan, bevor ich wieder ins Zweifeln gerate. Einige Tage später schon die Bestätigung, dass ich dabei bin, und wieder ein paar Tage später die Information, dass der Kurs voll ist.

Seither denke ich darüber nach, ob ich eine Pionierin bin? Oder werde ich durch die Weiterbildung erst eine Pionierin? Was ist überhaupt eine Pionierin? Wenn ich etwas dazu lese, dann lese ich oft von dem Gefühl, nicht hineinzupassen. Das kenne ich. Das beschleicht mich schon seit meiner Jugend immer wieder. So gerne ich auch Gottesdienste gestalte und feiere, so gerne ich in der Gemeinde gearbeitet habe, immer war da irgendwie dieses Gefühl, dass es nicht meine Gemeinde ist. Oft habe ich mir die Frage gestellt, ob ich in den Gottesdienst ginge, wenn ich nicht die Pastorin wäre. Würde ich eine Gruppe, eine Veranstaltung besuchen, vielleicht mich sogar für länger verpflichten? Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: Nein! Das würde ich wohl nicht tun. Irgendetwas fehlte mir immer. Wie oft habe ich den Scherz gemacht: Irgendwann gründe ich mal meine eigenen Gemeinde! Eine, wo ich endlich mal richtig hineinpasse.

Bin ich eine Pionierin? Ich weiß es nicht. Aber ich bin aufgebrochen, habe mich angemeldet. In eineinhalb Wochen beginnt die Weiterbildung und ich bin gespannt, was dann auf mich wartet. In den letzten vier Wochen sollten wir schon mir einer Kamera anhand von elf Sätzen auf Entdeckungsreise gehen. Eine Einwegkamera – ich vermute, die Bilder sind verwackelt, unscharf, nicht genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Wie hält man schon in einem Bild fest, was für mich ein heiliger Ort ist, oder wo ich Kreativität wahrnehme. An vielen Sätzen habe ich lange gehangen, überlegt, was ich wohl fotografieren soll. Bei einem Satz aber war ich mir gleich sicher: Typisch Pionier! Ein gelber Kinderspaten mitten im Blumenbeet wird zu sehen sein. Und das, obwohl ich mir nicht so sicher bin, was ein Pionier – eine Pionierin ist. Bin ich eine Pionierin? Die Frage bleibt. Ich hoffe, ich werde in den nächsten beiden Jahren der Weiterbildung eine Antwort finden.

Auf jeden Fall nehme ich euch aber an dieser Stelle mit auf meinen Weg durch die „Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission : Gesellschaft“. In eineinhalb Wochen geht es los und ihr dürft gespannt sein. Bis dahin frage ich euch: Was ist ein Pionier / eine Pionierin für euch? Seid ihr vielleicht selbst einer / eine?

Sonntag ist Ruhetag – wirklich?

Vor ein paar Tagen im Urlaub zog es mich in ein kleines Geschäft mit Tee und Keramik – „Ostseeschönheiten“ stand über der Tür. Ich gehe hinein, schaue mich um. Während mein Blick über Tassen und Dosen schweift, höre ich im Hintergrund die Inhaberin des kleinen Ladens telefonieren. Aus den Wortfetzen schließe ich, dass wohl jemand ihr Angebot mit eigenen Augen sehen möchte. Plötzlich höre ich die Inhaberin sagen: „Sonntags habe ich grundsätzlich zu. Da ist der Tag des Herrn!“ Niemand in ihren Räumen kann ihre Worte überhört haben. Das war wohl auch gar nicht ihre Absicht. Denn was ich gerade noch als vielleicht matten Spruch zur Verteidigung der Öffnungszeiten gedeutet habe, entpuppt sich beim Blick zur Tür als ihre feste Meinung. An einem kleinen Ständer hängt dort eines der bekannten Schilder vom Sonntag als dem Tag des Herrn. Ich ziehe innerlich den Hut vor dem Mut dieser Frau, in einer Touristenstadt, in der die anderen Geschäfte und Einrichtungen so viel wie möglich am Sonntag geöffnet haben, konsequent ihre Ladentüren geschlossen zu halten. Rückblickend ärgere ich mich auch, dass ich es ihr nicht gesagt habe. Ich war wohl irgendwie zu erstaunt darüber, denn ich habe es an dieser Stelle gar nicht erwartet.

Draußen vor der Tür komme ich mit meinem Mann darüber ins Gespräch und trage die Gedanken lange an diesem Tag mit mir mit. Da steht eine Frau mutig für den freien Sonntag als Tag des Herrn ein. Gleichzeitig diskutieren wir aber landauf landab über die besten Gottesdienstzeiten. Ist es noch der Sonntag morgens um 10.00 Uhr? Wäre nicht eine andere Zeit viel angebrachter? Ist es überhaupt noch der Sonntag? Oder müssten wir unsere Gottesdienste nicht besser auf einen anderen Tag in der Woche legen, um im Alltag der Menschen einen Ort dafür zu finden bzw. zu bekommen? Gehört der Sonntag nicht eher der Familie? Auch ich genieße es doch, am Sonntag mit meinen Kindern ganz in Ruhe frühstücken zu können. Da wird die Zeit schon eng, wenn wir dann noch in den Gottesdienst gehen wollen. Ist der Sonntag noch angemessen als Ruhetag oder Tag des Herrn?

Unabhängig von der Frage nach dem Gottesdienstbesuch haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass Menschen Ruhezeiten brauchen, um in den anderen Zeiten in Arbeit, Schule und Familie bestehen zu können. Gerade in den Sommerferien habe ich einen Artikel gelesen, dass man den Kindern in den Ferien auch die Langeweile lassen soll und sie nicht mit „freiwilligem Lernen“ oder anderen Ferienprogramm zu überfrachten. Nur dann können sie ihre Kreativität voll entwickeln und in den Schulzeiten aufnahmebereit sein für alles, was der Unterricht und die Schule ihnen abverlangen. Der Mensch braucht Pausen, sonst verliert er an Kraft. Das gilt auch für den Wochenverlauf des Alltags.

Nun höre ich schon die Stimmen, die sagen, dass dann doch jeder alleine entscheiden soll, wann er sich diese Zeiten nimmt. Außerdem sei es nun einmal in unserer Gesellschaft so, dass nicht alles am Sonntag still stehen könne, schließlich bräuchten wir doch Ärzte, Polizei und all die anderen Dienstleister. Ja, das stimmt. Aber die, die an diesen Tagen ihren Dienst tun, tun dies nicht jeden Sonntag, nicht 52 Wochen in Folge. Ihr Dienst am Sonntag ist nicht der Dienst des Alltags. Er ist anders als an einem Montag oder Dienstag. Die meisten dieser Arbeitnehmer arbeiten wechselschichtig  und haben so ein Wochenende frei und arbeiten am nächsten. Und sie freuen sich auf ihr freies Wochenende.

Der Mensch braucht Pausen, er braucht freie Zeiten, um in den anderen Zeiten seine ganze Kraft für seine je eigenen Aufgabe einsetzen zu können. Natürlich sind diese freien Zeiten nicht an einen bestimmten Tag gebunden. Selbstverständlich könnte jeder seinen freien Tag an einem anderen Tag haben. Vielleicht wäre das wirtschaftlich sogar für die Gesellschaft von Nutzen. So gut kenne ich mich mit Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft nicht aus, um das beurteilen zu können. Ich gebe ehrlich zu, es interessiert mich auch nicht so sehr, dass ich mir weiter damit auseinandersetzen wollte. Doch eine Frage stelle ich mir: welche Auswirkungen hätte der individuelle freie Tag auf unser soziales Zusammenleben? Wie würde das gemeinsame Leben der Familien aussehen, wenn die Kinder am Sonntag, der Vater am Montag und die Mutter am Mittwoch frei hätte und zwar nicht nur zwei oder dreimal im Jahr sondern jede Woche über viele Jahre? Wie würden Menschen zusammen leben, wenn die Freunde, Bekannten an ganz anderen Tagen als man selbst frei hätte. Träfe man sich noch zum Essen oder zum Fußball spielen? Wären solche Phänomene wie die Bundesliga und ihre Fankultur überhaupt noch möglich?

Wir alle ziehen unsere Kraft zum Leben nicht nur aus der täglichen Arbeit. Wir sind auch auf unsere sozialen Beziehungen als Kraftspender angewiesen. Dazu braucht es aber gemeinsame Zeit, mehr Zeit als morgens die halbe Stunde beim Frühstück oder zwei Stunden am Abend, mehr als zwei Wochen gemeinsame Zeit im Urlaub einmal im Jahr. Deshalb, denke ich, ist es notwendig, dass wir uns auf einen gemeinsamen Tag in der Woche einigen, den wir, so weit es geht, von Arbeit und für die notwendigen Pausen frei halten. Wie wir diesen Tag gestalten, ist wohl unseren eigenen Bedürfnissen und Lebensumständen geschuldet. Die einen planen den Tag mit ihrer Familie, mit gemeinsamen Frühstück oder Radtour zum See. Die anderen treffen Freunde beim Fußball oder entspannen beim Lesen oder Malen. Sie alle sammeln in diesen Zeiten neue Kraft für die Woche.

Für mich gibt es einen weiteren Kraftspender, den Kraftspender überhaupt. Es ist der Glaube an den dreieinigen Gott. Deshalb brauche ich auch die Gemeinschaft mit anderen Christen, das gemeinsame Loben und Beten, um in den anderen Zeiten meine ganze Kraft in meine Aufgaben investieren zu können. So merke ich, dass ich unruhig werde, wenn ich längere Zeit mal keinen Gottesdienst besucht habe. Dass dieser nicht immer am Sonntag sein muss, auch ich das ausgiebige Frühstück mit meiner Familie am Sonntagmorgen genieße, steht dabei außer Frage. Natürlich könnte der Gottesdienst auch an einem Freitagabend gefeiert werden, damit er in meinen Alltag hineinpasst. Doch auch für den Gottesdienst gilt: der gemeinsame freie Tag ermöglicht es, dass möglichst viele an diesem Gottesdienst teilnehmen könnten. Und das viel zitierte Familienfrühstück, das endlich einmal Ausschlafen am freien Tag? Vielleicht könnte man das eine mit dem anderen verbinden? Vielleicht wäre ein Sonntagsbrunch zu späterer Zeit mit dem Gotteslob zu verbinden? Vielleicht ist es auch eine Frage der Wertigkeit unserer Gottesdienste?

Ich bin froh über den Sonntag als gemeinsamen Tag. Ich bin dankbar, dass unser Gesetzgeber noch immer an seinem Schutz festhält und dabei die christliche Tradition des ersten Tages der Woche als freiem Tag fortsetzt. Es ist wichtig, dass der Mensch solche Tage zum Kraft sammeln hat. Mein Traum wäre es noch, an diesem Tag mit möglichst vielen Menschen den Kraftspender Gott zu feiern. Warum wir es in unserem Kirchen nur noch mit wenigen tun, hängt meines Erachtens weniger am Tag als an der Uhrzeit und der Form. Warum nicht mal über eine andere Art des Gottesdienstes nachdenken, vielleicht so wie es schon in bei den ersten Christen üblich war, mit Essen und Trinken und zu einer der Hausgemeinschaft angepassten Uhrzeit, mit viel Gespräch und Diskussion des Evangeliums aber nicht unbedingt in starre liturgische und mittlerweile fremdgewordene Formen gepresst. Ich merke, dass ich immer weniger über den Sonntag als Tag des Herrn nachdenke als vielmehr über die Formen des Gottesdienstes. Denn der Sonntag ist mir heilig, nur den zu meinem Alltag passenden Gottesdienst habe ich noch nicht gefunden!

Wie geht es euch mit dem Sonntag? Ist er der Tag zum Kraft sammeln, vielleicht auch im Gottesdienst? Habt ihr vielleicht sogar schon eure Form des Gottesdienstes gefunden?

 

 

Vom Fußball lernen

In diesen Tagen geht die Fußballsaison wieder los. Bereits am Freitag startete die 1. Runde des DFB-Pokals, am 18. August dann die 1. Bundesliga. Nun möchte ich nicht behaupten, dass ich eine Fußballexpertin oder ein überzeugter Fan bin. Doch es gibt einen Verein, dem ich schon seit Kindertagen treu bin. Jedes Wochenende suche ich nach den Spielergebnissen und die großen Spiele schaue ich auch gerne in der Übertragung im Fernsehen. Aber im Stadion war ich noch nie. Erst waren sie für mich als Jugendliche zu weit weg, dann als Studentin die Karten zu teuer und heute unternehme ich am Wochenende lieber etwas mit meiner Familie. Aber die Kultur der Fußballstadien fasziniert mich schon.

Wenn jedes Wochenende zehntausende Menschen sich zum Teil auf weite Wege machen, um ihrem Verein beim Spiel beizustehen, zieht mich der Gedanke, doch einmal dabei zu sein, in seinen Bann. Spätestens als im Mai das DFB-Pokalfinale mit dem Kirchentag zusammen in Berlin ausgetragen wurde, war der Vergleich zwischen Kirche, Gottesdienstbesuch und Fußball mal wieder Thema der Öffentlichkeit. Was mir bei den meisten der Veröffentlichungen auffällt ist, dass entweder der Fußball mit den Kennzeichen einer Religion oder religiösen Ritualen verglichen wird, um ihn als Ersatzreligion zu kennzeichnen. Oder aber es folgt nach dem Vergleich beider Einrichtungen ein für die Kirche ziemlich schlechtes Fazit, in dem festgestellt wird, dass Kirche ihre Schafe nicht genügend anspricht, die eigenen Rituale nicht mehr ausübt, den Menschen im Gegensatz zum Fußball keinen Sinn mehr stiftet. 

Und innerkirchlich? Da begegnet mir oft so etwas wie eine Neidkultur. In der Öffentlichkeit wird dargestellt, was man mit den zum Teil horrenden Ablösesummen in den Armutsgebieten dieser Welt bewirken könnte. Es wird kritisiert, auf welche Art und Weise religiöse Rituale für den Fußball missbraucht werden, oder dass die Spiele am Wochenende kirchlichen Veranstaltungen die Besucher wegnehmen. Intern aber schielt so mancher auf die Besucherzahlen eines Fußballspiels und das beginnt schon beim kleinen Dorfverein. Die Mechanismen der Fußballkultur werden unter die Lupe genommen und analysiert. Und manch Geistlicher spielt in seiner Freizeit gerne mal im Verein oder besucht das eine oder andere Spiel. 

Wie also mit diesem Phänomen umgehen? Für mich steht fest, ich komme nicht daran vorbei. Ich will es auch gar nicht, schließlich gehört meine Aufmerksamkeit, wie schon erwähnt, auch einem bestimmten Verein. Die Fans oder die Vereine oder die Kultur zu kritisieren, liegt mir entsprechend fern. Denn eins ist mir klar: auch wenn mit den Millionen Ablösesumme, die in den letzten Wochen zwischen den diversen Vereinen ausgetauscht wurden, mehrere tausend Kinder in Afrika versorgt werden könnten (wie es in meiner Timeline bei Facebook tagelang zu lesen war), so käme das Geld da nicht an, würden diese Summen nicht gezahlt werden. Diese Probleme müssen anders gelöst werden und das ist definitiv wichtiger als ein Fußballspiel. Doch letzteres darf dennoch gerne ausgetragen werden. Es geht nicht um ein entweder – oder. Deshalb möchte ich vom Phänomen Fußballkultur lernen. Denn es gibt einige Dinge, die dort nach meinem Eindruck selbstverständlich sind, von denen höre ich „bei Kirchens“ oft, dass das heute nicht mehr geht, weil die Menschen sich verändert haben.

Wenn ich mit eingefleischten Fußballfans ins Gespräch komme, dann erzählen sie mir oft, dass ihr Herz dem Verein gehört. Meistens ist sogar die ganze Familie Anhänger ein und desselben Vereins. Dann sind alle bereit besonders für wichtige Spiele auf den einen oder anderen Termin zu verzichten, um im Stadion dabei zu sein, oder auch an einigen Stellen zurückzustecken, um die Jahreskarte und die Fahrten zu den Auswärtsspielen zu finanzieren. Gerne bindet man sich mit der Jahreskarte für ein Jahr an den Verein, mehr noch, dem Verein gehört das Herz ein Leben lang. Das steht fest. Im Stadion kann jeder Fan eine besondere Gemeinschaft teilen. Dort werden Freude und auch Trauer geteilt, dort können Männer zusammen weinen. All das haben mir Fans schon erzählt und ich habe den Eindruck, ein Spiel im Stadion wirkt anziehend, weil man etwas teilt, zusammen erlebt. Ein Fußballspiel im Stadion ist toll, weil viele andere schon da sind. Fußballfans empfinden ihr Leben als bereichert durch den Verein, die anderen Fans. Das geht bis zur Hochzeit im Stadion und auch die Bischofseinführung meiner Landeskirche wurde in Räumen des Stadions gefeiert.

Mich fasziniert diese Fankultur, denn wenn ich ehrlich bin, würde ich mir vieles davon für das Leben in der Kirche wünschen. Menschen, die ihr Leben durch Jesus Christus als bereichert empfinden, ihren Alltag am Terminkalender der Gemeinde ausrichten, bereit sind, an anderen Stellen zurückzustecken, um am Leben der Gemeinde teilzunehmen, da sie dort die Gemeinschaft finden, die sie suchen. Die Realität aber sieht oft anders aus. Das wissen wir alle. Doch es gibt Ausnahmen. Auch in christlichen Zusammenhängen habe ich diese Erfahrungen schon gemacht. Im letzten Jahr beim Willow Creek Leitungskongress in Hannover z.B. oder bei Dynammissio in Berlin im März. Es gibt sie, die christlichen „Großveranstaltungen“, zu denen die Menschen weite Wege auf sich nehmen und einiges bereit sind zu opfern, um daran teilzunehmen. Auch sie erleben eine besondere Gemeinschaft, teilen Trauer und Leid, selbst wenn sie sich gerade erst kennengelernt haben. Doch nicht nur bei Großveranstaltungen habe ich diese Erfahrungen schon gemacht. Auch in einem kleinen Gottesdienst, bei einem Treffen von Christen zum Frühstück stellte sich dieses besondere Gefühl schon bei mir ein. Da war ich selbst bereit, viele Kilometer zu fahren, um dabei zu sein. Es ist ein besonderer Geist, der hier weht.

Es ist wohl auch ein besonderer Geist, der die Fußballfans in die Stadien zieht oder ins kleine Vereinsheim. Nur dass der Geist in Sachen Fußball nach außen irgendwie lebendiger wirkt. So stelle ich mir die Frage, wie ich daran mitwirken kann, dass der Geist Gottes mindestens ebenso lebendig wirkt und die Menschen um mich herum fasziniert. Ich frage mich, was ich für diese Aufgabe vom Fußball lernen kann. Die Konzentration auf den einen Mittelpunkt, um den sich alles andere dreht, scheint mir dabei entscheidend. Steht der dreieinige Gott im Mittelpunkt unseres Glaubenslebens? Oder sind andere Dinge entscheidender? Manchmal habe ich den Eindruck, dass z.B. über das diakonische Handeln oder die gewünschte Außendarstellung der Gemeinde die eigentliche Mitte aus den Augen verloren wird. Gehe ich in den Gottesdienst, um Gott zu feiern, von ihm zu hören, oder um Menschen zu treffen, den neusten Klatsch zu hören und von anderen gesehen zu werden? Vielleicht können wir genau das vom Fußball lernen: uns auf die Mitte zu konzentrieren. Gott in den Mittelpunkt meines Denkens und Handelns zu stellen will ich üben und hoffentlich damit andere faszinieren, dass sie es ebenso versuchen. Denn ich will nicht neidisch auf den Fußball schauen, sondern von ihm lernen. Es geht nicht um ein Entweder-oder. Ich freue mich schon jetzt auf den Gottesdienst am Wochenende, die Predigt, das Gotteslob und die Fußballergebnisse werde ich auch wieder verfolgen.

Wie geht es euch? Was fasziniert euch? Was ist euer Mittelpunkt, um den sich alles andere dreht?

 

Ist Mission nicht gewollt? Gedanken zur neuen Lutherbibel

RaumZeit – so heißt die fresh expression, mit der ich praktisch im realen Leben unterwegs bin. Wobei ich sagen muss, dass RaumZeit noch auf dem Weg ist, eine fresh x zu werden, wenn es nach den vier Kriterien einer fresh x geht. Doch für mich ist sie das irgendwie schon. Dort lebe ich Kirche im Alltag bei den Menschen, eine Form von Kirche, in der ich mich wohl fühle. Begonnen hat sie als Projekt des Kirchenkreises vor einem halben Jahr. Dabei bin ich oft erstaunt, wie schnell die Zeit vergeht und was in dieser Zeit alles geschehen ist. Dafür kann ich Gott nur danken, denn ich bin überzeugt davon, wenn er nicht längst schon am Werk wäre, stünde RaumZeit nicht dort, wo es derzeit steht.

In unserem Umkreis sind viele an RaumZeit interessiert. Immer wieder darf ich darüber irgendwo schreiben oder berichten. Dabei fällt mir auf, dass gerade in den etablierten kirchlichen Strukturen Menschen zusammenzucken, wenn ich sage, dass RaumZeit missional angelegt ist. Und ich frage mich, warum ist das so? Warum haben die Menschen Angst vor Mission? Ich vermute, es sind die negativen Erfahrungen der Geschichte, denn noch immer wird dann auf Kreuzzüge und Schwertmission hingewiesen. Vielleicht ist es auch das Gefühl, niemanden überfahren zu wollen, denn Religion ist doch irgendwie privat. Über Religion und den Glauben spricht man nicht. Jeder soll mit seinem Glauben glücklich werden. Das mag zu einem gewissen Teil stimmen, denn es geht doch gar nicht darum, jemanden aus seinem Glauben herauszureißen, sei er Muslim, Buddhist oder Jude. Doch was ist mit den Menschen, die auf der Suche sind, die irgendwie das Gefühl haben, es fehlt etwas in ihrem Leben? In meiner Zeit bei der Bundeswehr habe ich viele junge Menschen kennengelernt, die mit mir darüber gesprochen haben. Auch in meiner Nachbarschaft wohnen viele, die es faszinierend finden, dass ich Pastorin bin, und mit mir gerne mal über Gott und die Welt reden. Sollte ich da nicht über den Glauben reden, der mein Leben erfüllt?

Seit meiner Jugend begleitet mich ein Buchtitel: „Bekehre nicht, lebe!“ Das ist zu meinem Grundsatz geworden. Durch mein Leben, mein Handeln möchte ich vom Evangelium erzählen, der für mich besten Nachricht der Welt. Ich wünsche mir, dass andere Menschen, genau wie ich, das Großartige an dieser Botschaft erfahren dürfen. Aber wie komme ich eigentlich dazu? Weil Jesus uns dazu aufgefordert hat. Die letzten Worte des Matthäusevangeliums sind der sogenannte „Taufbefehl“. An vielen Stellen heißt er aber auch „Missionsbefehl“ und lautet: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ So zumindest steht es in der Lutherübersetzung der Bibel von 1984, mit der ich groß geworden bin. Doch auch in früheren Übersetzungen war dieser Satz schon so zu lesen. 

Jetzt aber hat es sich geändert. In der neuen Lutherübersetzung, die anlässlich des Reformationsjubiläums erschienen ist, heißt es: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Wer schnell nur einmal über die Worte fliegt, bemerkt den Unterschied vielleicht gar nicht. Es ist ja auch nur ein Wort anders übersetzt worden. Das griechische „matheteusate“ ist statt mit „zu Jüngern machen“ nun mit „lehren“ wiedergegeben worden und ich frage mich warum? Der eine oder die andere mag meinen, das sei doch so ziemlich dasselbe. Doch ich halte „zu Jüngern machen“ schon für etwas anderes als „lehren“. Schaut man ins Griechische, so bedeutet der Wortstamm erst einmal „Jünger/Schüler werden bzw. sein“. Das ist mehr als nur gelehrt zu werden. Das schließt ein, dass man einer Schule, einem Lehrer folgt, so wie sich viele heute als Schüler ihres Doktorvaters oder einer besonderen Lehrrichtung bezeichnen. Im Transitiv dann bedeutet das Wort entsprechend „zum Jünger machen; jemanden in die Schule nehmen“, oder auch „belehren“. Gemeint ist, dass sich jemand der lehrenden Schule zurechnet, ihr folgt. Genau das war Jesu Absicht, als er seine Jünger (!) in die Schule nahm. Sie sollten ihm folgen, seine Lehre weitergeben. So ist „zu Jüngern machen“ schon etwas anderes als nur „lehren“. Die Schüler unserer Schulen werden gelehrt, doch folgen sie damit wirklich ihren Schulen? Geben sie weiter, was sie gelernt haben? Sicher, wer sich seiner Schule verbunden fühlt, wird später Mitglied des Schulvereins oder einer Alumniorganisation. Doch würde sich wohl niemand als Jünger seiner Schule, seines Lehrers bezeichnen. Die Jünger Jesu taten es.

Die deutsche Übersetzung der neuen Lutherbibel nun schwächt dies meines Erachtens ab. Es geht nicht nur ums lehren, darum etwas zu lernen und zu behalten. Der Wortstamm sagt aus, dass die, die ihm im Akusativ folgen, zu Jüngern, Schülern werden, die weitergeben, was sie gelernt haben. Sicher eine Übersetzung wie in der neuen Lutherbibel ist grammatikalisch möglich. Doch frage ich mich, warum man sich für diese Abschwächung entschieden hat. Wollte man die Mission nicht deutlich zu Wort kommen lassen? Oder schien die Formulierung „zu Jüngern machen“ zuviel Zwang oder gar Gewalt auszudrücken? Oder sind wir längt zu weit abgekommen vom Missionsgedanken? Ist Mission nicht mehr gewollt? Auf meine Fragen werde ich wohl keine Antworten bekommen. Vielleicht ist über diese andere Übersetzung auch gar nicht so intensiv diskutiert worden, wie ich es mir wünschen würde. Für mich aber bedeutet diese andere Übersetzung, dass ich zumindest für Mt 28,18-20 weiterhin auf die alte Übersetzung zurückgreifen werde. Mir ist die Mission ein Anliegen, sie ist meine Haltung.

So mache ich bei RaumZeit auch keinen Hehl daraus, was mich in meinem Leben bewegt. Und oft habe ich das Gefühl, dass manche Gespräche gerade deshalb zustande kommen. Das hindert uns nicht daran, gemeinsam ein Bier oder einen Wein zu trinken, zu lachen oder einen Flohmarkt zu organisieren. Bei RaumZeit ist für alles Raum und Zeit.

Und wie haltet ihr es mit der Mission?

Übrigens: Wenn ihr wissen wollt, was wir bei RaumZeit so machen, schaut doch mal auf unserer Homepage www.raumzeit.wir-e.de vorbei oder folgt uns bei Facebook und Twitter unter RaumZeit Stade.

Gelesen: Fresh X. Der Guide

Immer wieder werde ich gefragt, was man zum Thema Fresh X mal lesen könnte. Nun habe ich selbst noch nicht alles gelesen, was so auf dem Markt ist. Aber es wird täglich mehr, denn ich bin eine absolute Leseratte und das gilt nicht nur für die sogenannte Trivialliteratur. So langsam füllt sich mein Bücherregal mit gelesener Literatur sowohl aus dem englisch- als auch aus dem deutschsprachigen Raum. Also habe ich mir überlegt, ich werde in loser Reihenfolge immer mal ein Buch vorstellen, das über meinen Schreibtisch gewandert ist, und von dem ich mir vorstellen könnte, dass es auch andere interessiert.

Den Anfang mache ich mit dem kleinen Buch „Fresh X. Der Guide“ von Reinhold Krebs und Daniel Rempe. Reinhold Krebs ist im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg tätig und koordiniert seit einigen Jahren die Arbeit des deutschen Netzwerkes Fresh X. Daniel Rempe arbeitet als Bildungsreferent im Diakonischen Jahr der evangelischen Kirche von Westfalen . Außerdem engagiert er sich u.a. bei CVJM e/motion in verschiedenen Projekten und nennt diese Gemeinschaft seine Gemeinde. Beide Autoren wissen also, wovon sie in ihrem Buch berichten. So schreiben sie von einer Reise hin zu einer Kirche für Menschen, die nie eine betreten würden. Entsprechend ist ihr Buch wie ein Reiseführer gestaltet und beginnt gleich mit einer Landkarte der einzelnen Stationen dieser Reise. Sie ersetzt das klassische Inhaltsverzeichnis. Und dann geht sie los, die Reise zu den neuen Gemeindeformen.

Die Stationen dieser Reise sind z.B. die Fragen, die zu Fresh X führen, der Beginn des Abenteuers vor zweitausend Jahren, die Schritte, die zu einer Fresh X führen, oder auch das Geistliche Fernweh. Gut verständlich werden die Kennzeichen einer Fresh X dargestellt, die Entstehung dieser Bewegung beleuchtet und erste praktische Hinweise zur Umsetzung gegeben. So eignet sich dieser Reiseführer für einen ersten Überblick, wenn man einfach mal wissen möchte, was sich hinter dem Begriff Fresh X verbirgt. Doch auch wer am Anfang des Aufbruchs zu einer neuen Gemeindeform steht und gerne vor einer Reise mal einen Reiseführer liest, fühlt sich gut an die Hand genommen. Besonders die Ausflugsziele in den Norden und Süden, die Initiativen vor Ort vorstellen, lassen die theoretischen Inhalte konkret erscheinen und machen Lust selbst anzufangen. Da ist es gut, dass am Ende des Reiseführers eine Menge Proviant für den weiteren Weg geboten wird. Neben der weiterführenden Literatur sind es Dvds, Internethinweise oder auch Namen von Partnern des Fresh X-Netzwerkes. Im Buchcover ist dazu noch eine zweite Landkarte ausklappbar, die die fünf Schritte zur Fresh X darstellt. Diese gibt es mittlerweile auch als Postkarte. Nachdem ich sie bei Dynamissio gefunden habe, steht sie nun gut sichtbar auf meinem Schreibtisch, denn mir macht sie Mut – immer dann, wenn ich mal wieder überlege, ob ich wirklich noch auf dem richtigen Weg bin. Dann entdecke ich z.B. auf dieser Landkirche, dass Gottes Spuren nicht immer geradeaus führen, oder auf der geistlichen Reise durchaus auch Pausen eingeplant sind, und man den einen oder die andere auch mal ziehen lassen muss.

Für mich ist dieses Buch eine gelungene Einführung, ein erster Einblick in Fresh X, so wie mir vor einer Reise der kleine Reiseführer Lust auf meinen Urlaub macht. Deshalb kann ich das Buch allen empfehlen, die mal schauen wollen. Die Mitstreiter im TraumTeam unserer Fresh X haben es alle gelesen, da es ohne großes theologisches Wissen verständlich und so schön konkret ist. Meine persönlichen Highlights sind die kurze, prägnante Darstellung der Kennzeichen einer Fresh X. Die nutze ich immer, wenn ich irgendwo in einem Vortrag erklären soll, was eine Fresh X eigentlich von der Gemeindegruppe in der Kirchengemeinde unterscheidet. Dazu die einzelnen Beispiele der Ausflugstipps. Sie haben mir noch einmal gezeigt, wie unterschiedlich, wie kreativ einzelne Initiativen sein können, und dass Ausprobieren und Scheitern auch dazugehören dürfen. Und das letzte Highlight ist die bereits erwähnte Karte, die nun als Postkarte in meinem Sichtfeld steht.

Mein Fazit: Für einen ersten Überblick über das unbekannte Land der Fresh X, und um Lust auf die Reise zu machen, kann ich das Buch uneingeschränkt empfehlen. Wer schon weiter drin ist im Thema, vielleicht selbst schon eine neue Gemeindeform lebt, der wird sicher auf viel Bekanntes stoßen, aber die tieferen Fragen nicht beantwortet bekommen. Da sind andere Bücher empfehlenswerter. Doch dazu schreibe ich zu anderer Zeit mehr.

Habt Ihr das Buch vielleicht auch schon gelesen? Was ist euer Eindruck davon?

Segen für alle?

Am vergangenen Wochenende war ich in Wittenberg. Wenn ich schon nicht den großen Reformationskirchentag besucht hatte, so wollte ich doch wenigstens die Weltausstellung Reformation besuchen. Also gesagt, getan und recht spontan geplant. Dabei befiel mich schon ein wenig die Angst, dass es doch wohl recht voll sein würde, denn ein Hotelzimmer in Wittenberg oder der näheren Umgebung war kaum noch zu finden. Doch ich hatte Glück – in einem kleinen Dorf zehn Kilometer vor der Stadt fand sich etwas und das auch noch zu moderaten Preisen.

Als ich dann am Freitag Nachmittag zusammen mit meinem Mann im Auto anreiste, empfingen uns schon am Stadtrand Parkleitschilder, die besagten, dass im Stadtzentrum keine Parkplätze mehr frei seien und man doch bitte den Reformationsparkplatz an der Kuhlache nutzen solle. Doch wir waren dreist, wollten nicht außerhalb für fünf Euro parken und dann auch noch in die Stadt laufen. Also lautete unser Motto: „Wir versuchen es erstmal in der Stadt. Rausfahren können wir immer noch.“ Direkt neben der Klosterkirche empfingen uns zahlrieche freie Parkplätze und auch das Parkhaus, das übrigens nur drei Euro am Tag kostet und im Gegensatz zum Reformationsparkplatz auch nach 19 Uhr noch geöffnet hat, war bei weitem nicht voll. Wir waren sehr überrascht, hatten wir doch ganz anderes erwartet. So wie die Parkplätze war auch die Stadt nicht voll. Dass hier eine besondere Ausstellung anlässlich der Reformation stattfindet, war nur durch die zahlreichen Banner und Plakate zu bemerken, nicht aber durch die Zahl der Menschen. Und was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnten – dieser Eindruck sollte sich in den nächsten zwei Tagen noch verstärken.

Bild: KirchGezeiten

Aber erstmal ankommen und das geht am Besten mit dem Abendsegen, der jeden Abend um 18 Uhr auf dem Marktplatz gefeiert wird. Zehn Bierzeltbänke laden vor der großen Bühne zum Platz Nehmen ein. Ein kleines Buch „Spiritual Journey – Gott auf der Spur in der Lutherstadt Wittenberg“ wurde uns in die Hand gedrückt und leitete uns durch den Besuch in Wittenberg und den Abendsegen. (Das sollte eigentlich jeder zu seiner Eintrittskarte dazu bekommen. Es lohnt sich wirklich und kann auch nach dem Besuch der Lutherstadt weitergenutzt werden.) Neben uns füllten sich die Bänke – nicht besetzt bis auf den letzten Platz, aber doch so, dass man den Eindruck gewann, hier geschieht etwas. Beim ersten Lied war dann schon klar, dass hier der Inner Circle der Kirchengemeinden saß. Kräftig wurde mitgesungen und auch weniger bekanntes Liedgut wie das Schlusslied „Jeder Mensch braucht einen Engel“ klang nicht dünn und unterbesetzt. Beim Singen ließ ich meinen Blick schweifen und dachte: „Gut, dass es die Cafés und Restaurants rings um den Marktplatz gibt. So können die, die eigentlich nicht mit Kirche in Verbindung gebracht werden wollen oder denen die Schwelle zur Teilnahme einfach zu groß ist, doch aus der Ferne etwas davon erahnen.“ Ohne dass hier Kirchenmauern stünden, waren sie doch deutlich wahrzunehmen. Auf der einen Seite die, die sich auskennen und kräftig mitsingen können. Auf der anderen Seite die, die mal vorsichtig schauen wollen, sich nicht rüber trauen oder nicht rüber wollen. 

Als dann im kurzen Impuls die Worte „fucking perfect“ fielen, horchte wohl nicht nur ich auf. Die einen zogen den Kopf ein – so etwas sagt man doch nicht und schon gar nicht bei der Kirche. Die anderen auf den Stufen zu Füßen Luthers mit der Bierflasche in der Hand und den schwarz gefärbten Haaren schauten plötzlich zur Bühne und hörten zu. Bis zum Segen galt der Person auf der Bühne nun ihre Aufmerksamkeit. So wurde der Segen wirklich zum Segen für alle. Beim Burger am Abend fragte ich mich, wer aus diesen wenigen Gedanken des Segens wohl was mit in seinen Alltag genommen hat? Wer fühlte sich durch die Musik und die Worte angesprochen? Für wen waren sie gedacht?

Diese Gedanken nahm ich mit in den nächsten Tag, an dem ich mir die verschiedenen Torräume der Ausstellung und die beiden großen Kirchen der Stadt ansah. Das Asisi-Panorama beeindruckte mich – ich gestehe aber auch, dass ich wirklich eine Bewunderin seiner Arbeiten bin. Die Wall in Berlin ist ganz anders und doch genauso großartig. Der Weg durch die einzelnen Torräume aber erstaunte, nein entsetzte mich. Wo waren hier die Menschen, die sich die einzelnen Ausstellungen, die einzelnen Themenbereiche ansahen. Die Menschen, die sich hier auf die Spuren der Reformation begaben? Überall herrschte gähnende Leere. Allerorten standen die vielen Ehrenamtlichen und warteten darauf, ihr Thema den Besuchern näher zu bringen. Mit einigen von ihnen kam ich ins Gespräch, hörte, dass sie selbst am Kirchentagswochenende nicht viel mehr Gäste begrüßen konnten, spürte auch den Frust vieler, die für ihren Dienst bei der Ausstellung Urlaub genommen haben. Einige sagten auch, dass man sich hier wohl ziemlich überschätzt hätte. Es gäbe gar nicht genügend Übernachtungsmöglichkeiten für mehr Gäste und aus dem Umland kämen sie nicht – wie denn auch bei zehn Prozent Kirchenzugehörigkeit. 

Später, auf dem Weg von der Schlosskirche zur Stadtkirche über den Marktplatz vorbei am Melanchton-Hof und Cranach-Haus, da waren mehr Menschen zu sehen. Doch bei genauerem Hinhören entpuppten sich viele als Tagesgäste, die eine klassische Stadtführung genossen, bevor ihr Reisebus sie an einen anderen Ort weiterfahren würde. Für die Weltausstellung Reformation waren sie nicht gekommen. Die Fragen des Vorabends wurden wieder lauter. Wer soll hier angesprochen werden? Für wen ist die Weltausstellung gedacht? Wer nimmt etwas aus ihr mit für seinen Alltag? Ist hier der Inner Circle angesprochen und die anderen sind die Rand- bzw. Zaungäste? Dann wünschte ich mir auch für die Ausstellung ein Moment des „fucking perfect“, damit sie ein Segen für alle wird. Denn eins steht für mich fest – es lohnt sich, mal nach Wittenberg zu fahren und nicht nur die Ausstellung zu besuchen, sondern auch zu erleben, wie sie von den „Zaungästen“ wahrgenommen wird. Mir hat sie ein Wochenende neuer Gedanken und Impulse geschenkt, die ich mitnehme in meinen Alltag.