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Die Zielgruppe der Mission

Kirche muss sich verändern, Kirche muss neue Wege erschließen – so oder ähnlich ist es an verschiedenen Stellen berechtigterweise zu lesen oder zu hören. Fast immer wird im Anschluss von Zielgruppenorientierung gesprochen, davon dass mit den diversen Angeboten nicht mehr alle Menschen angesprochen werden können; davon, dass bei der Planung einer Veranstaltung überlegt werden muss, wen man damit ansprechen möchte.

Also legt sich doch die Frage nahe, welche Zielgruppe Mission hat. Wen wollen wir damit ansprechen? Ich stelle diese Frage immer dann, wenn ich mit Menschen in Kontakt komme, die missionarisch unterwegs sind – egal, ob in Sachen Fresh X oder Gemeindepflanzung. Dabei hat sich ein Eindruck bei mir festgesetzt, der durch die Ausschreibung vieler Förderungen und Projekte stetig verfestigt wird. Mission wird dort tätig, wo Hilfe notwendig ist, wo es ein Bedürfnis gibt. Das können die Kinder in der Plattenbausiedlung sein, die Unterstützung bei den Hausaufgaben brauchen. Oder es sind die Geflüchteten, die kaum jemanden in ihrer neuen Stadt kennen. Vielleicht sind es auch sozial schwache Familien oder alleinerziehende Mütter, denen man helfen sollte. Anknüpfungspunkte sind immer wieder die sozialen Bedürfnisse.

Aber was ist dann mit denen, die finanziell besser gestellt sind? Brauchen sie das Evangelium nicht oder können sie durch Mission nicht erreicht werden? Doch, lautete eine Antwort, die ich unlängst auf meine Frage bekam. Natürlich brauche auch ein gestresster Manager kurz vor dem Burnout das Evangelium. Er könne schließlich dadurch erfahren, welche Dinge im Leben wirklich entscheidend seien. Doch schon wieder richtet sich diese Zielgruppenbeschreibung an einem Bedürfnis aus, ist defizitorientiert.

Bei all diesen Beschreibungen beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Das Evangelium als Mittel, um Leerstellen zu füllen und falsches Verhalten aufzudecken oder zu korrigieren, das greift mir zu kurz. Die Hilfe für Arme, Witwen und Waisen, zu der schon das Alte Testament aufruft, ist ein guter Dienst am Menschen. Doch ist es nicht der einzige Anspruch des Evangeliums. Darauf kann man es nicht reduzieren. Außerdem gibt es doch auch Menschen, die wirtschaftlich gut gestellt sind, gerade in keiner Krise stecken und ihr Leben einfach nur genießen. Muss ich mich mit ihnen so lange auf die Suche begeben, bis wir die Leerstellen in ihrem Leben gefunden haben, um dann das Evangelium zur Sprache zu bringen?

Nein, ich möchte mich mit ihnen vielmehr freuen über das, was sie haben, entdecken, was ihnen geschenkt worden ist. Ich möchte mit ihnen das Leben feiern und vielleicht zu einem Gefühl der Dankbarkeit kommen, dass sie nach Gott fragen lässt. Dann entstehen in mir Bilder von einem fröhlichen und lebendigen Leben mit Christus. Wenn die sozialen Bedürfnisse nicht der einzige Anknüpfungspunkt für Mission sind, sondern diese Menschen ganz anders zu erreichen sind, dann ist Kirche meines Erachtens noch einmal neu herausgefordert.

Die Hilfe für andere hat sie über Jahrhunderte in der Diakonie gelernt und ausgeübt. Das Feiern des Lebens und die Wertschätzung des Vorhandenen ist immer wieder zu kurz gekommen. Unter diesem Aspekt eine neue Form von Kirche, eine fresh expression zu entdecken, fände ich spannend. Da will ich dran bleiben. Vielleicht entsteht etwas, vielleicht merke ich aber auch, dass es selbst in diesen Zusammenhängen um Bedürfnisse und Leerstellen geht.

Ich halte euch auf dem Laufenden. Bis dahin hinterlasst mir doch eure Ideen und Gedanken in den Kommentaren.

Darf oder muss Kirche sich einmischen?

Seit einigen Tagen bewegt eine Frage die sozialen Medien: darf eine Weihnachtspredigt politisch sein – oder muss sie es vielleicht sogar? Ein Tweet des Journalisten Ulf Poschardt bezüglich der Predigt in einer Berliner Christmette löste die Diskussion aus. Zahlreiche Menschen antworteten auf unterschiedlichste Weise bis hin zu Politikern und dem Ratsvorsitzenden der EKD. Damit ist die alte Frage wieder aufgeworfen: Darf oder muss sich die Kirche in politische Fragen einmischen? Darf oder muss Kirche politisch aktiv sein?

Über diese Frage ist mit Recht nachzudenken. Doch sei zunächst noch genannt das eben jener Journalist, der zugleich Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“ ist, heute in einem Kommentar auf der online-Präsenz des Blattes noch einmal klarstellt, dass er die Kirche durchaus für sinnvoll hält, doch eher mit Blick auf Gottesdienst und Seelsorge. Neben der Glaubensvermittlung soll Kirche vor allem soziale Instanz und Ort der Begegnung sein. Doch genau hier regt sich mein Widerstand. Denn eine soziale Instanz im Sinne des Evangeliums ist mehr als ein Ort der Begegnung, ist mehr als die Essensausgabe in der Tafel oder die Wohneinrichtung für Alte und Behinderte. Es geht nicht nur um ihre Versorgung, sondern auch um ihre Rechte und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Jesus war es, der sich mit den Gelehrten und Hohepriestern auseinandersetzte, um die Ehebrecherin zu schützen. Seine Reden und Predigten äußerten sich auch zu gängigen Lebens- und Rechtsauffassungen. Er selbst beschränkte sich nicht darauf, die Kranken zu heilen oder mit den Aussätzigen zu essen. Dass er mit der Samaritanerin sprach, ihre Bitte sogar erhörte, war ein Affront gegen geltende Regeln.

Entsprechend muss Kirche auch heute noch mehr als Glaubensvermittlung und Ort der Begegnung sein. Kirche als soziale Instanz, die das Evangelium ernst nimmt, setzt sich für die Rechte derer ein, um die sie sich sorgt. Dabei ist es nicht entscheidend, ob es Menschen mit Behinderung, Sterbende oder Menschen ohne Heimat sind. Denn in vielen dieser Bereiche gibt es noch immer deutlichen Verbesserungsbedarf. Wer sich hier einsetzt, betritt früher oder später politischen Boden. Das lässt sich meines Erachtens kaum vermeiden.

Das bedeutet aber auch, dass man auf der Grundlage der christlichen Werte, die oft so hoch bewertet werden, oder besser in der Nachfolge des Evangeliums nicht jede Politik gutheißen kann, wenn sie menschenverachtend ist, nationalistisch, rassistisch oder anderweitig ethisch zweifelhaft. Dort einfach zuzuschauen, nichts dagegen zu sagen, hieße, sie zu dulden. Das aber kann nicht im Sinne des Schöpfers sein, weil es sich gegen seine Schöpfung richtet.

Deshalb muss Kirche sich einmischen und das tut sie nun einmal in Form von Personen. Es sind Pastorinnen oder Pastoren, die predigen, oder Sprecherinnen und Sprecher, die öffentlich reden. Ohne diese Äußerungen würde eine Instanz in Politik und der Gesellschaft fehlen, die auch mal ein kritisches Fragezeichen an gängige Entwicklungen setzt, die den Blick auf weniger Gutes richtet oder andere Werte ins Spiel bringt. Die dann immer wieder ins Spiel gebrachten Drohungen mit den Kirchenaustritten sehe ich an dieser Stelle tatsächlich gelassen. Wenn jemand aus der Kirche austritt, weil ein Bischof sich über die Politik eines amerikanischen Präsidenten geäußert hat oder ein Pfarrer sich kritisch zur Massentierhaltung geäußert hat, dann war es mit dem Bezug zum christlichen Glauben vielleicht vorher schon nicht so gut bestellt. Eine Kirche, die zu allem, was politisch sein könnte, schweigt oder sich allem anbiedert, damit ja niemand austritt, verschwindet früher oder später in der Bedeutungslosigkeit.

Das Christentum ist seit jeher hochpolitisch, indem es Partei nimmt für die Schwachen, Benachteiligten, Armen und Entrechteten. Kirche ist entsprechend mehr als eine soziale Instanz und Ort der Begegnung. Das möchte ich Ulf Poschardt entgegensetzen. In einem aber folge ich ihm. Sein ursprünglicher Tweet lautete: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“. Wenn Predigten den Eindruck eines Parteiprogramms erwecken bzw. von Parteiveranstaltungen nicht mehr zu unterscheiden sind, dann würde ich auch nicht in eine solche Christmette gehen. Dann wäre das Evangelium wohl nicht adäquat zur Sprache gekommen. Dieser Unterschied allerdings ist für mich entscheidend. Doch ich bezweifle, dass in den Christmetten dieser Tage Parteiprogramme und nicht die Geburt des Kindes für jeden einzelnen von uns gepredigt wurden.

Albert Einstein und RaumZeit

Im November hatte ich die Ehre, die fresh expression, in der ich arbeite, im FreshX-Netzwerk Deutschland in einer Kombination aus Andacht und Präsentation vorstellen zu dürfen. Die einleitenden Gedanken über Albert Einstein, RaumZeit, Gott und Jesus möchte ich Euch nicht vorenthalten. Wenn Ihr dann noch mehr über RaumZeit erfahren wollt, findet ihr mehr unter http://www.raumzeit.wir-e.de

 

Was hat Albert Einstein mit RaumZeit zu tunund dann auch noch Jesus…

Albert Einstein – viele kennen ihn, zumindest von Fotos oder ziemlich vielen Legenden, die sich um ihn ranken. War er nun gut in der Schule oder nicht, konnte er Mathe oder nicht? Soviel ist wohl sicher: seine Schulkarriere war nicht ganz so ruhmreich.

Seine physikalischen Entdeckungen sind eher aus der Langeweile heraus geboren, als dass er von Anfang an als Genie an renommierter Stelle gearbeitet hätte. Er war gelangweilt auf seiner Position im Patentamt, wo er vor allem für die letzte Kontrolle der Entscheidungen anderer zuständig war. Sein Job füllte ihn nicht aus, er war unzufrieden, wurde unruhig und unwillig. So machte er in seiner Freizeit das, was er gut konnte – sich mit Physik zu beschäftigen. Erst als er hier Ergebnisse lieferte, folgten die entsprechenden Stellen im Max-Planck-Institut und anderswo und schließlich der Nobelpreis.

Wir alle wissen, wofür er diesen Preis bekommen hat und ich vermute, jeder kann auch die entsprechende Formel zitieren, wobei ich jetzt nicht abfragen werde, wer sie auch erklären kann oder zumindest weiß, wofür die einzelnen Buchstaben stehen. Dennoch möchte ich Sie auf einen ganz kleinen Ausschnitt dieser Formel mitnehmen.
Wir Menschen erleben Raum und Zeit als zwei unterschiedliche Gegebenheiten. In der Physik jenseits der Lichtgeschwindigkeit bedingen sich Raum und Zeit gegenseitig. Sie stehen in Kausalität zueinander. Die Raumzeit ist die vierte Koordinate im vierdimensionalen Koordinatensystem. In diesem Koordinatensystem sind Raum und Zeit dynamisch und nicht mehr starr. Das sogenannte Raum-Zeit-Kontinuum ist so der Zusammenhang aller in der Vergangenheit passierten, gerade in der Gegenwart passierenden sowie zukünftig passierenden Ereignisse in einem Zusammenhang.

Ohne die Physik gewaltsam beugen zu wollen, muss ich bei diesen Ausführungen unwillkürlich an Gott, an Transzendenz und Immanenz denken. Der Zusammenhang, der alles umfasst, ist Gott. In dieser RaumZeit gestalten wir Menschen Raum und Zeit miteinander. So ist unser Projekt RaumZeit zu seinem Namen gekommen, in dem Verständnis, dass da, wo Raum und Zeit eins werden, in der vierten Dimension der Raumzeit, Gott immer schon da ist.
So sind wir, ich als Hauptamtliche und zwei Ehrenamtliche, auf dem Weg in dem Anliegen, mit den Menschen der beiden Stadtteile Riensförde und Ottenbeck Raum und Zeit zu gestalten und sie dadurch auf Gott aufmerksam zu machen. Vielleicht begegnet ihnen dann Jesus auf dem Spielplatz, im Café, beim Abendessen oder er tanzt einfach mal eine Runde mit den Menschen…

… denn wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm. (1. Kor. 6,11)

Müssen Pastoren bürgerlich sein?

Anfang der Woche stieß ich auf ZEITonline auf einen Artikel in der Rubrik „Jung und Gott“ mit dem Titel „Pfarrerin: Ja, auch ich sündige“. Die junge Frau, die lieber anonym bleibt, berichtet von ihren Partyvorlieben und auch von so manch durchzechter Nacht in ihrem Pfarrhaus.

Ich fand es kurzweilig zu lesen, habe mir aber zunächst nicht viele Gedanken über den Inhalt und schon gar nicht über das Leben der jungen Pfarrerin gemacht. Ein wenig Effekthascherei ist wohl auch gewollt, dachte ich noch. Doch in den folgenden Tagen bemerkte ich, wie sehr über den Artikel bzw. das Verhalten der jungen Dame diskutiert wurde. Allein unter dem Text auf ZEITonline sammelten sich bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 430 Kommentare. Die zahlreichen Diskussionen in den Sozialen Medien sind wohl kaum zu zählen. Wie viele Leserbriefe wohl die Redaktion auf klassischem Weg und per Mail schon erreicht haben? Und nun beschäftigt er mich doch, dieser Artikel von der Pfarrerin und der Sünde mit dem frivolen Bild über der Headline.

Dabei ist es weniger der Inhalt, der mich bewegt. Wie gesagt, ich fand ihn wenig aufsehenerregend. Es sind mehr die Inhalte der Diskussionen, die Statements, die Erwartungen, die die Menschen in ihren Kommentaren äußern. Da geht es um Vorbildfunktionen und wie ein Pfarrer oder Pastor zu sein hat. Oder es sprechen Menschen der jungen Pfarrerin die Reife ab, ihren Beruf ausüben zu können. Andere unterstellen, dass die gesamte Geschichte nur konstruiert ist, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Und wieder andere finden, dass die Pastorin nicht zu toppen ist. Kolleginnen wünschen sich sogar, selbst ein solches Leben führen zu können.

Mich angesprochen hat besonders eine Diskussion, nämlich die, dass die junge Dame wenig bürgerlich sei bzw. sich für einen nicht bürgerlichen Lebensstil entschieden hat. Sofort sprang in meinem Kopf die Frage auf: „Müssen Pastoren zwingend bürgerlich sein?“ Ist nur eine bürgerliche Pastorin eine gute Pastorin? Was aber heißt bürgerlich eigentlich?

Holzschnittartig gesagt entwickelte sich das Bürgertum im Feudalismus als eine Vergesellschaftungsform der Mittelschichten in Abgrenzung zum Adel nach oben und zu Bauern und Arbeitern nach unten. Die geschichtliche Entwicklung hat seither eine Ausbildung verschiedenster Untergruppen hervorgebracht. Dennoch verbindet man mit den Worten Bürgertum und bürgerlich besonders Bildung und Ausbildung ebenso wie Selbstständigkeit und Freiheit, aber auch Rechte und Besitz. Hinzu kommen Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Leistung. So hat das Bild des (Bildungs-)Bürgers wohl unsere Vorstellung eines vorbildhaften Bürgers geprägt, das wir oft besonders mit bestimmten Berufen in Verbindung bringen. Genauso gibt es aber meines Erachtens auch die Bilder der verrohten, saufenden und marodierenden Menschen, die wir mit anderen Berufen verbinden. Letzteres kommt mir in den Sinn, wenn ich vorurteilsbehaftete Gespräche z.B. über Soldaten oder Security-Mitarbeiter höre. Genau diese Bilder sind es aber auch, die zeigen, wie absurd solche Vorstellungen und Erwartungen oft sind.

Ja, Pastorin wird man erst nach einem ziemlich langen Studium mit anschließender mehr als zweijähriger praktischer Ausbildung. Außerdem gelobt zumindest in meiner Landeskirche jede Pastorin und jeder Pastor mit der Ordination einen dem Amt entsprechenden Lebensstil zu führen. Aber da steht nirgends, dass dieser bürgerlich sein muss. Vielmehr hat er sich an dem, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, zu messen – so wie das Leben aller Menschen. So sind die Pastorinnen und Pastoren keine besseren Menschen oder Menschen mit besonderen Pflichten, was den Lebensstil angeht, auch wenn sie in ihren Gemeinden oft unter einer besonderen Beobachtung leben.

Sich an dem zu messen, was Jesus uns auf die Fahnen geschrieben hat, aber ist eine viel größere Herausforderung als bürgerlich zu sein. Das nämlich bedeutet, sich mit seinen (Jesu!) Worten und Taten auseinanderzusetzen, sie mit unserer Gegenwart, unserem Leben ins Gespräch zu bringen. Das ist, meines Erachtens, viel herausfordernder, als bürgerliche Tugenden wie Leistung und Fleiß und Sparsamkeit zu üben.

Ob das dann wilde Partys im Pfarrhaus, deren Beschreibung die meiste Aufregung in den Kommentaren erzeugt hat, bedeutet, ist mir an dieser Stelle gar nicht wichtig. Vieles an dieser Aufregung ist wohl den bereits genannten Bildern geschuldet und einiges davon könnte sicher anders aussehen. Mit liegt mehr am Herzen, dass, wenn wir alle unser Leben nicht am alten Klassendenken ausrichten würden – auch der Adel hat nicht mehr die Stellung, die er mal hatte – sondern an Gottes Bild für unser Leben, wir alle viel versöhnlicher miteinander leben könnten. Bei allem, was dann noch unrund, nicht zufrieden stellend und schief ist, gilt Gottes liebender Blick und das Versprechen seiner Gnade.

Deshalb gefallen mir die folgenden Worte des Artikels: „Gott ist da für die Unperfekten, die Zweifler, ja, auch für diejenigen, die bei Sonnenaufgang betrunken nach Hause kommen oder die gar keine Beziehung mit ihm wollen. Deshalb bin ich Pfarrerin und das möchte ich den Menschen und zwar allen Menschen, im Glauben und im Leben mitgeben.“

Und im Geist ergänze ich: er ist auch da für die Perfekten, die Glaubenden, die Nüchternen, die Strebsamen und die, die der allgemeinen Moral entsprechen und es deshalb gerade auch nicht immer leicht haben.

Wie geht es euch mit den Erwartungen der anderen an euer Leben und wonach richtet ihr es aus? Oder was denkt ihr über die Pfarrerin und ihre Vorbildfunktion? Diskutiert doch auch mal an dieser Stelle.

Zwischen Geist und Geistern…

… Gedanken am Ende eines langen Wochenendes:

In diesen Minuten geht das historische Reformationswochenende zuende. Im Fernsehen läuft noch das Pop-Oratorium Luther. Ich hänge mit meinen Gedanken bei dem, was mir an diesem so historischen Wochenende begegnet ist. Zwischen Geist und Geistern habe ich mich bewegt und mich gefragt, ob sie vielleicht doch zusammengehören, auch wenn das allerorts vehement bestritten wird.

Nach zehn Jahren Vorbereitung feierten heute Gemeinden im ganzen Land Gottesdienste anlässlich des Reformationsjubiläums. Zu allen Tageszeiten öffneten sich Kirchentüren, um in kleinen und großen Feiern die Botschaft der Reformation neu erklingen zu lassen. Von vielen Freunden und Bekannten im kirchlichen Dienst bekam ich über den Tag verteilt Nachrichten, dass die Kirchen gut gefüllt gewesen seien. Mancherorts mussten die Menschen sogar stehen, oder die Türen wegen Überfüllung wieder geschlossen werden. Auch ich war in einem solchen Gottesdienst, in dem schnell noch Stühle in die Kirche getragen wurden und dennoch viele standen. Allen Unkenrufen zum trotz, alle Abgesänge angesichts unsicherer Zahlen beim Kirchentag widerlegend sind heute viele in die Kirchen gekommen, um von der Reformation zu hören, in deren Zentrum diese Gedanken von der Befreiung aus allen Zwängen durch Jesus Christus stehen. Was führte die Menschen hierher? Das Gefühl, einer Tradition verbunden zu sein? Das Bedürfnis, bei diesem einmaligen Feiertag doch irgendwie dabei zu sein? Vielleicht auch die Sehnsucht nach einer wegweisenden Botschaft, wie Luther sie einst hatte? Oder vielleicht auch nur ein besonders gestalteter Gottesdienst?

Dort wo ich war, wurde zum Beispiel eine Kantate aufgeführt, die wahrscheinlich die letzten zweihundertfünfzig Jahre nicht zu hören war, da die Noten in einer alten Bibliothek verschollen waren und erst vor wenigen Jahren wieder an die Öffentlichkeit gerieten. So wurde heute vom Geist gesungen, der allein dazu verhilft Gott zu finden. Vom besten Segen, der der Geist Gottes ist war die Rede und davon, dass Vernunft und Weisheit nicht ausreichen, um Gott zu finden. Denn durch unser Tun und Wissen können wir vor Gott nie bestehen, denn irgendwo wissen wir immer noch nicht alles oder haben auch nicht alles getan. Doch zugleich sind wir genau so mit unserem Tun und Wissen vor Gott gut genug, weil der Segen aus einer ganz anderen Richtung kommt als aus unseren eigenen Erfolgen. Der Geist Gottes ist wirklich der beste Segen!

In vollen Kirchen haben viele heute diese Botschaft hoffentlich gehört und hören wollen. Die Forderung nach einem regelmäßigen Feiertag „Reformationstag“ scheint berechtigt. Der Tag gehört zur Geschichte unseres Landes, hat unsere Kultur und Tradition geprägt.

Am Samstag auf dem Spielplatz habe ich noch anderes gehört. An der Kinderschaukel komme ich mit einer anderen Mutter ins Gespräch. Sie fragt die Kinder nach ihren Halloween-Kostümen und fährt fort, dass sie es schön findet, dass Halloween in diesem Jahr ein Feiertag ist. Das könnte ruhig jedes Jahr so sein. Die Regierung sei da ja am überlegen. Obwohl da ja eigentlich irgendetwas anderes gefeiert würde. Da war wohl irgendwas mit einem Buch und einem Jubiläum. Aber so hätten die Kinder Halloween wenigstens frei und könnten feiern. Ich überlege noch, ob ich ihr erklären soll, was der Reformationstag eigentlich bedeutet. Doch da erzählt sie schon voller Begeisterung von den Kostümen ihrer Kinder und den Vorbereitungen für die abendliche Party.

Diese Begegnung lässt mich nicht los – vielleicht, weil meine Kinder mich später nach Halloween fragen und heute fasziniert die kostümierten Kinder auf der Straße betrachten. Vielleicht aber auch, weil ich mich frage, was die Menschen an diesem „Fest“ so anzieht? Denn eins gilt auch für dieses Anlass: erklären, woher der Halloween-Brauch kommt, können die wenigsten. Auf die Frage, was dort gefeiert wird, erhält man ähnlich vage Antworten wie auf die Frage nach der Bedeutung von Pfingsten. Was also motiviert jedes Jahr mehr Menschen, die Wohnungen und Häuser für einen Abend mit Kürbissen, Spinnennetzen und Geisterdarstellungen auszustatten und zu dekorieren? Ist es die pure Lust an der Verkleidung, der Hunger der Kinder nach Süßigkeiten? Steigt die Freude an diesem Tag stetig, weil Prominente in Amerika es uns vorleben oder weil man eine Gelegenheit braucht, um hinter Masken unerkannt hemmungslos feiern zu können? Wäre ein regemäßig freier Reformationstag da nicht eher Wasser auf die Mühlen des Halloween-Hypes?

Warum aber dominieren ausgerechnet Maskeraden rund um Hexen, Geister, Zombies und andere Gestalten aus der Welt des Bösen und des Todes diesen Tag? Sicher, die Tradition des Vorabends von Allerheiligen gibt dies irgendwie vor, doch davon haben die wenigstens, die hier feiern, eine Ahnung. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr habe ich den Eindruck, dass, auch wenn vielen die Herkunft von Halloween unbekannt ist, sie dennoch in den länger werdenden Nächten der trüben Jahreszeit eine Ahnung von der Endlichkeit ihres eigenen Lebens haben, von der eigenen Verstrickung in die Mächte und Gewalten dieser Welt, von der eigenen Ohnmacht angesichts von Hass und Gewalt oder von den Geistern, die sie selbst durch ihr Tun riefen. Ihnen einmal im Jahr hinter der Verkleidung schamlos ins Gesicht lachen, sie für kurze Zeit aus dem eigenen Leben vertreiben zu können mit allerlei Süßem und Saurem, mit Lachen und Schabernack, kann zumindest für kurze Zeit befreiend wirken. So frage ich mich, ob hinter dem immer größer werdenden Halloween-Kult unserer Tage nicht eine Sehnsucht nach Befreiung aus den Zwängen des Scheiterns, des nicht genug Seins, des endlichen Lebens steht. Die Antwort darauf hat uns Martin Luther vor fünfhundert Jahren noch einmal deutlich vor Augen gestellt. Vielleicht haben gerade deshalb am 31. Oktober Halloween und Reformationstag ihre Berechtigung – Sehnsucht und Antwort. 

Dann aber bleibt eine Frage für mich noch unbeantwortet: waren zehn Jahre Vorbereitung und ein Jahr Feiern hilfreich, Sehnsucht und Antwort einander näher zu bringen? Sprich: was machen wir, wenn morgen, am 1. November, das Reformationsjubiläum zuende ist? Packen wir alles in eine Schublade und machen dort weiter, wo wir vor dem Jubiläum standen? Haben wir gefeiert, um eben zu feiern? Oder war es mehr? War das Jubiläumsjahr ein Schritt auf dem Weg, der Sehnsucht und Antwort zusammenbringt? Haben Menschen außerhalb des innerkirchlichen Zirkels etwas von der Befreiung durch Jesus Christus erfahren, um ihre Sehnsucht zu stillen? Haben Kirchen sich weiter reformiert, um zu den Menschen zu gehen? Haben Christen gelernt, den Menschen aufs Maul zu schauen, ihnen zuzuhören und in ihrer Sprache zu sprechen? Wenn ja, dann sollte der Reformationstag wirklich ein regelmäßiger Feiertag werden, damit wir jedes Jahr damit weitermachen.

Die Antwort auf diese Frage steht noch aus. Vielleicht bekommen wir im Laufe der nächsten Monate, des nächsten Jahres eine Antwort darauf. Oder wie ist euer Resümee zum Reformationsjahr?

Gelesen: Selbst glauben

Mit diesem Beitrag möchte ich euch mal wieder ein neues Buch vorstellen, das ich gerade gelesen habe. Der Titel des Buches lautet Selbst Glauben. 50 religionspädagogische Methoden und Konzepte für Gemeinde, Jugendarbeit und Schule. Mit Florian Karcher, Petra Freudenberger-Lötz und Germo Zimmermann haben sich drei Herausgeber auf den Weg gemacht, nicht nur eine Methodensammlung für die Jugendarbeit zusammenzustellen, sondern unter dem Aspekt einer subjektorientierten Religionspädagogik verschiedene Ansätze und eine Sammlung dazugehörender Methoden in einem Buch zu vereinen. So entsteht eine Dreiteilung des Buches mit einer ausführlichen Einleitung, dem theoretischen Einblick in unterschiedliche Ansätze und einer Zusammenstellung verschiedener zu den Ansätzen gehörender Methoden.

In der ausführlichen Einleitung stellen die Herausgeber den Gedanken der subjektbezogenen Religionspädagogik vor, deren Ziel eine religiöse Subjekt-Bildung und -Werdung ist. Die Praxis dieses Ansatzes ist auf Partizipation und Eigenverantwortung ausgelegt. Allen im Buch vorgestellten Ansätzen liegt daher eine Hermeneutik der Aneignung zugrunde, die mit den Kindern, Jugendlichen, Schülern oder Konfirmanden gemeinsam nach Wegen des Glaubens suchen will. Folgt man dieser Hermeneutik braucht es viele verschiedene religionspädagogische Konzepte, um möglichst viele Kinder und Jugendliche ansprechen zu können. Es gibt nicht das eine für alle gültige Konzept. Entsprechend werden in diesem Buch eben verschiedene Ansätze nebeneinander vorgestellt. Leider wird nicht erwähnt, unter welchen Kriterien die Auswahl erfolgte, ob sie evtl. sogar erschöpfend ist oder es noch andere Ansätze gibt, die diesem Ansatz dienen.

Neben den drei Herausgebern konnten Autoren wie Uta Pohl-Patalong oder Delia Freudenreich gewonnen werden, Konzepte wie die Kreative Bibeldidaktik, Bibliolog oder Godly Play zu beschreiben. Sämtliche Aufsätze folgen dergleichen Struktur, so dass die Konzepte auf diese Art und Weise gut miteinander verglichen werden können. Die jeweiligen Ausführungen erstrecken sich immer nur über wenige Seiten und lassen sich gut auch mal zwischendurch lesen. Außerdem ist allen Aufsätzen eine kleine Liste weiterführender Literatur angefügt. Das hat mir sehr gut gefallen, da die Ausführungen auf Grund der gebotenen Kürze immer nur einen kleinen Einblick in das jeweilige Konzept bieten. Wer mehr wissen will, muss an anderer Stelle weiterlesen oder wie im Falle des Bibliologs eine entsprechende Ausbildung machen. Für einen ersten Einblick sind die Aufsätze aber gut geeignet.

Im dritten Abschnitt des Buches sind den Konzepten mehrere verschiedene Methoden zugeordnet. Nach einem Satz der Kurzbeschreibung folgen Angaben zur benötigten Zeit, Vorbereitung, zum Material und zur Durchführung sowie zur Reflexion der jeweiligen Methode in der Gruppe. Auch Hinweise und Variationsmöglichkeiten werden angeführt. So lassen sich die Methoden gleich mal in der Praxis ausprobieren, um noch einen anderen Einblick in den jeweiligen Ansatz zu erhalten. Vielleicht entsteht dann ja Lust auf mehr und man arbeitet sich in das jeweilige Konzept tiefer ein.

Mein Fazit zu diesem Buch: Wer in der Religionspädagogik unterwegs ist, schon immer für neue Ansätze und Methoden ansprechbar war, wird das ein oder andere bekannte in diesem Buch finden. Konzepte wie der Bibliolog, Godly Play und Interreligiöses Lernen sind schon länger auf dem Markt und hier und da auch schon etabliert. Gerade die Vergleichbarkeit der Ansätze durch den identischen Aufbau der Aufsätze macht das Buch aber interessant. So ist es möglich, für den eigenen Zusammenhang einen hoffentlich passenden Ansatz auszuwählen, ohne gleich zig verschiedene Bücher lesen zu müssen. Die beigefügten Methoden ermöglichen ein erstes Ausprobieren. Wer dann feststellt, dass es passt, wird durch die beigefügten Literaturlisten an die Hand genommen und kann an anderer Stelle weiterlesen. Alles in allem eignet sich das Buch gut, wenn man auf der Suche nach einem Konzept ist und erstmal einen Überblick gewinnen möchte. Wer sich über einen bestimmten Ansatz näher informieren will, sollte zu einem anderen Buch greifen.

Vielleicht nicht unbedingt direkt fresh x, so stellt sich doch innerhalb meines Aufgabenfeldes die Frage nach den Ansätzen und Methoden. Deshalb fand ich es ganz spannend, in dieses Buch mal hineinzulesen. Kennt Ihr das Buch vielleicht schon oder wollt jetzt auch mal hineinschauen? Ich wäre gespannt, von Euren Erfahrungen mit den Methoden zu erfahren. Schreibt doch einfach eure Gedanken dazu in die Kommentare.

 

 

(De)Mut

„Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut.“ – Theodor Fontane, Cécil

Ohne ein gewisses Maß an Demut geht es wohl nicht. So habe ich in meinem letzten Newsletter geschrieben und dabei an die Haltung der zweiundsiebzig Jünger gedacht, die Jesus in Lk 10 auf den Weg schickt. Nicht erst seit dieser Aussage denke ich über den Begriff der Demut nach. Denn häufiger schon habe ich gelesen oder gehört, dass sich christliche Gemeinschaft durch Demut auszeichnet oder der Glaube sich an ihr erst zeigt und bemisst. Dabei frage ich mich dann, was meint die Autorin, der Autor jener Aussagen, wenn er davon spricht?

Auf den ersten Klang hört sich dieses Wort für mich alt, altmodisch, vielleicht auch ein wenig angestaubt an. Demut – was ist das eigentlich? Schaut man in die Lexika, so erfährt man, dass der Begriff vom althochdeutschen diomuoti abstammt, was soviel wie dienstwillig bedeutet. Dem philosophischen Wörterbuch zufolge bezeichnet Demut die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit (Gottheit, sittliches Ideal, erhabenes Vorbild) hervorgehen kann“. Im Begriff Demut kommt also ein Unterordnungsverhältnis zum Ausdruck. So hat die Wurzel des hebräischen Wortes, welches mit Demut übersetzt wird, das „sich beugen“ zur Grundlage. Entsprechend steht im Alten Testament der Demut der Hochmut gegenüber. Demut bedeutet in diesem Zusammenhang, die Allmacht Gottes anzuerkennen, während der Hochmütige meint, ohne Gott auszukommen oder sogar wider ihn leben zu können. 

Wenn Demut aber bedeutet, eine höhere Macht anzuerkennen, dann ist sie in erster Linie eine Haltung des jeweiligen einzelnen Menschen. Der Mensch selbst entscheidet sich dazu. Dabei ist ein Leben, das Gottes Willen entspricht, ein demütiges Leben, wie in Micha 6,8 nachzulesen ist: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Vor Gott demütig zu sein und seine Allmacht anzuerkennen, bedeutet zugleich die eigene Geschöpflichkeit anzunehmen, zu akzeptieren, dass der einzelne Mensch und mit ihm alle Menschen von Gott einzigartig geschaffen sind. 

Was aber heißt das eigentlich für die Jetztzeit und für mich? Geht man von der Grundlage dieser Erklärungen aus, dann ist die christlich verstandene Demut der Schlüssel zum Glauben. Nur wer sich selbst als Geschöpf Gottes versteht und sich damit der Allmacht Gottes untergeordnet weiß, entspricht dem Anspruch Gottes. Wer sich selbst so in der Welt sieht, der wird auch sein Leben so ausrichten, dass es diesem Anspruch gerecht wird. Wenn ich mich selbst und alle anderen als einzigartig von Gott geschaffen sehe, dann achte ich mich und alle anderen als gleich wert und gleich wertvoll. Dann sind meine Wünsche, Ansprüche und Vorstellungen nicht wichtiger als die von anderen Menschen. Dann bin ich bereit, den anderen zu dienen, da sie Geschöpfe sind. Demgegenüber steht wie im Alten Testament der Hochmut, die Meinung, etwas besseres, wertvolleres zu sein als alle oder ein Teil der anderen Menschen, der Gedanke, dass das eigene Interesse mehr zählt als das anderer. Soweit die Theorie, der viele sicher zustimmen können. 

Und doch frage ich mich, was diese Lebenshaltung, so möchte ich Demut einmal beschreiben, für mich, mein Leben, mein Umfeld bedeutet. Begegnet mir der Begriff im Alltag, dann mutet ihm oft etwas von Unterwürfigkeit, Zurückstecken und manchmal auch Resignation an. In einem Wörterbuch habe ich einmal folgende Definition gelesen: „Demut ist die Bereitschaft, etwas als Gegebenheit hinzunehmen, nicht darüber zu klagen und sich selbst als eher unwichtig zu betrachten.“ Demut scheint entsprechend höchstens für Ordensleute oder besonders religiöse Leute passend zu sein. Im Alltag zwischen Familie, Nachbarn und Beruf geht es viel mehr darum, sich selbst seinen Platz zu verschaffen. Achtsamkeit, Zeit für sich selbst zu haben, die eigenen Interessen vertreten, die eigenen Träume verwirklichen. Das sind die Schlagwörter dieser Zeit. Wo hat da die Demut ihren Platz?

Ich glaube, genau da, zwischen Familie und Beruf, zwischen Zeit für sich selbst und Achtsamkeit ist ihr Platz. Demut als Anerkennung der Vorrangstellung Gottes und damit als Wertschätzung seiner Geschöpfe heißt für mich die eigenen Bedürfnisse nicht zum Narzissmus werden zu lassen. Meine eigenen Interessen nicht höher als die anderer zu stellen. Sie wird damit zum Korrektiv meiner eigenen Ansprüche. Demut heißt damit aber nicht, dass ich mich beständig nur unterwerfe und selbst geringer schätze als mein Gegenüber. In der Anerkennung Gottes seine Geschöpfe wert zu achten heißt auch, mich selbst wert zu schätzen. In dieser Gleichwertigkeit der Geschöpfe Gottes kann ich die besseren Fähigkeiten eines anderen anerkennen und auch mal meine eigenen Interessen zurücknehmen. Ist Demut in dieser Form eine Haltung, die mein Leben bestimmt, bin ich bereit, dem anderen zu dienen, weil ich in ihm Gottes wertvolles Wesen sehe, ohne mich selbst dabei aufzugeben.

Damit komme ich auf das Zitat von Fontane zurück, das ich zu Beginn meiner Gedanken genutzt habe. In diesem Sinne verstanden steht der Mut, dem das Leben gehört, meines Erachtens nicht zwischen Hochmut und Demut, die beide den Mut im Namen tragen. Der Mut, dem das Leben gehört, ist für mich eher der Mut zum Dienen, zum auch mal zurückstecken in einem Umfeld, in dem der Stärkere stets gewinnt. Der Mut, der bereit ist, auch mal auf etwas zu verzichten, mit weniger auszukommen, sich auf das Leben anderer einzulassen, ist der Mut, dem das Leben gehört. Die Demut verstanden als ein solcher Mut zum Dienen – diesen Begriff habe ich übrigens bei Siegbert Warwitz geklaut – brauchten die Jünger, als sie von Jesus ausgesandt wurden. Diese Demut stünde uns heute auch noch gut. Deshalb wünsche ich mir oft ein wenig mehr Demut bei den Menschen, nicht nur bei den anderen, auch bei mir. In manchem Leben kann man sie heute schon entdecken. Einige von ihnen sind bekannte, religiöse Personen. Viel häufiger erfahre ich sie bei Menschen, die in keiner Art und Weise berühmt sind. Gerade gestern ist sie mir wieder begegnet in Form einer Dame, die im Geschäft gerne auf eine bestimmte Brötchensorte verzichtete, da die Kinder der jungen Familie hinter ihr in der Schlange sich diese wünschten und nicht mehr genug für alle da waren.

Was sind eure Erfahrungen mit der Demut und wie definiert ihr sie? Wo entdeckt ihr sie in eurem Alltag? Lasst uns doch mal daran teilhaben.

Ein Wochenende in der Jugendherberge 

Jugendherberge – was hat das mit Gott zu tun? Das mag wohl mancher denken, wenn er meine Überschrift liest. Ehrlich gesagt, ein wenig denke ich das auch. Und doch bewegt mich der eine oder andere Gedanke, der mir während eines Kurzurlaubs in der Jugendherberge Bonn gekommen ist.

Mit meiner Familie nutze ich immer mal wieder das Angebot der Jugendherbergen, wenn wir Freunde besuchen, eine günstige Unterkunft während Tagungen, Messen etc. brauchen oder einen Städtetripp unternehmen. Ein wenig fühlt man sich, sobald man das Haus betritt, in die eigene Kindheit zurück versetzt. Erinnerungen an verschiedene Klassenfahrten, kurze Nächte und roten Hagebuttentee werden wach. Dabei gibt es letzteren nur noch, wenn man es wirklich möchte. Das bringt mich meinen Gedanken auch schon etwas näher. 

Die Jugendherbergen haben sich verändert. Moderne Familienzimmer gehören jetzt genauso dazu wie ein Bistro zur Abendgestaltung – zumindest in Bonn. Den Kaffee oder Tee zum Frühstück kann man nun in großen Bechern genießen und die Speisen am Buffet betrachten und auswählen. Für ein wenig Aufgeld bekommt man sogar Pancakes zum Frühstück. Mit den leicht angetrockneten Wurst- und Käsescheiben meiner Kindheit hat das nicht mehr soviel zu tun. Auch wenn es sie wohl noch gibt, diese Jugendherbergen der vergangenen Tage. Und unter ihrem Ruf leiden auch die jüngeren, renovierten Häuser.

Vielleicht leiden sie aber auch nicht darunter. Denn hier trifft sich mittlerweile eine junge oder junge gebliebene, internationale Gemeinschaft. Von Asien über Afrika und Osteuropa bis Europa und natürlich Deutschland waren hier zahlreiche Nationen vertreten. Auf dem Begrüßungsschild am Eingang stand neben dem Gesangverein einer Kleinstadt ein slowenisches Unternehmen und  neben dem Gymnasium vom Stadtrand Ärzte ohne Grenzen. Die Hälfte der Sprachen, die im Foyer zu hören waren, wusste ich nicht zu übersetzen. Im Speisesaal saß die alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern neben den Tagungsteilnehmern aus Asien und die kleine Radfahrgruppe in ihren unverkennbaren Fahrraddresses neben den Ärzten aus Afrika. Der alleinreisende ältere Wanderer blieb ein wenig für sich und freute sich doch am Spiel der Kinder. Sie alle aßen zusammen in einem Raum und kamen ins Gespräch. Hier und da hörte man Fragen nach Namen und Herkunft, nach Aufenthaltsdauer und Ziel der Reise. Gespräche entspannen sich. Und kam man nicht ins Gespräch, so grüßte man sich doch, wenn man sich begegnete. Hier wurden einander die Türen aufgehalten. Niemand drängelte an der Rezeption vor. Keiner war ungeduldig, wenn es am Kaffeeautomaten etwas länger dauerte. Je mehr ich mich umsah, umso mehr hatte ich den Eindruck, dass hier eine ganz eigene Gemeinschaft zusammen gekommen war. Das Funktionieren und Leben rund um die Jugendherberge war ihre Verbindung. Keiner von ihnen hatte sich für ein Hotel entschieden, welche Gründe auch immer dahinter standen.

Nach diesem Wochenende denke ich, die Jugendherbergen haben sich verändert – zumindest die meisten – und leben doch auch von der Tradition der Erinnerungen. Wer weiß nicht eine Geschichte aus seiner Kindheit zum Aufenthalt in einer Jugendherberge zu erzählen? Doch dabei sind sie nicht stehen geblieben. Sie haben sie genutzt, sind weitergegangen mit den Menschen der jeweiligen Zeit. So treffen sich dort heute Menschen aus aller Welt in einer besonderen Gemeinschaft und leben ein wenig vor, wie es in der Welt sein könnte.

Ich muss wohl nicht mehr schreiben, dass ich mir einiges davon auch für unsere Kirchen wünschte. Zugleich versuche ich manches von dem, was ich an diesem Wochenende gesehen und erfahren habe, mit Blick auf die Kirche zu sehen. Auch sie leidet ja so manches Mal unter der Tradition der Erinnerungen und hat sich längst in ihren Mauern gewandelt. Nur von den Menschen davor ist es nicht unbedingt wahrgenommen worden. Ist  vielleicht diese bunte, internationale Gemeinschaft auch die, die Christus noch begegnen möchte? Die Menschen, die zwar zeitgemäß ihren Kaffee aus Bechern trinken, aber dennoch auf ein gewisses Maß an Service und Komfort verzichten wollen, weil anderes wichtiger ist? Die Menschen, die eine andere Art zu leben vorziehen, um Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit für andere zu ermöglichen.

Es war zumindest in diesen Tagen in der Jugendherberge ein Zusammenleben zu spüren und zu beobachten, dass von Freundlichkeit und Höflichkeit, von Hilfsbereitschaft und Respekt geprägt war. Vieles davon ist in unseren Kirchen und im Wahlkampf gerade Thema. Doch wieviel davon wird auch gelebt? Mir ist deutlich geworden, es liegt an der Haltung der Menschen. Diese zu ändern ist eine Herausforderung und geschieht wohl nur durch ein geduldiges Vorleben. Die großen, flammenden Reden sind es nicht, die eine Veränderung bewirken. Das stete Erfahren verändert viel mehr. So können auch Wochenenden in Jugendherbergen zu einem Auftanken werden, zumindest wenn man solch eine Erfahrung macht wie ich in Bonn. Ja, es gibt auch noch die anderen Jugendherbergen, die den Kindheitserinnerungen entsprechen mit strengen Herbergseltern und rotem Hagebuttentee. Aber „bei Kirchens“ gibt es auch noch die einen und die anderen – die, die den Kindheitserinnerungen entsprechen mit mächtigem Pfarrer und steifem Gottesdienst, und die, die sich gewandelt haben zur lebendigen Gemeinschaft unter Christus. So wünsche ich allen ein Wochenende in einer Jugendherberge oder einer lebendigen Gemeinde. Es stärkt und macht zuversichtlich. Aber Vorsicht: es kann auch das Leben verändern.

Wie sind eure Erfahrungen mit Jugendherberge und Kirche? Haben sie euer Leben schon verändert? 

Bin ich Pionierin?

Anfang des Jahres, gerade hatte ich meine neue Pfarrstelle angetreten, drückte mir jemand einen Flyer in die Hand. „Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission : Gesellschaft“ stand da drauf. Ich nahm in mit, schaute ihn an und dachte „Das bist du nicht!“ Ich tue doch nur meine Arbeit, meinen Dienst auf dem Weg hin zu einer anderen Form von Kirche. So blieb es – einige Wochen und Monate lang. Dann fragte bei Twitter jemand in den Orbit: Wer hat sich zur Pionierausbildung angemeldet?“ und jemand anderes antwortete: „Ich nicht, aber pastrix_sabine bestimmt!“ Nein, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht, hatte es ja auch schon lange Zeit verdrängt. Doch es arbeitete in mir. In diesem Moment merkte ich es. Aber noch immer meldete ich mich nicht an.

Anfang Mai, ich räumte gerade auf meinem Schreibtisch auf, fiel aus einem Buch ein Flyer – der Flyer. Wieder las ich ihn. Anmeldeschluss war Ende Mai. Sollte ich mich anmelden? Bin ich eine Pionierin? Wieder legte ich den Flyer weg, doch in dieser Nacht schlief ich ziemlich schlecht. Am nächsten Tag mailte ich meinem Superintendenten – würde er seine Zustimmung zu einer Anmeldung geben? Schließlich brauchte ich dafür eine Dienstbefreiung. Es brauchte einige Tage, doch dann antwortete er: „Melden Sie sich ruhig an!“. Gesagt, getan, bevor ich wieder ins Zweifeln gerate. Einige Tage später schon die Bestätigung, dass ich dabei bin, und wieder ein paar Tage später die Information, dass der Kurs voll ist.

Seither denke ich darüber nach, ob ich eine Pionierin bin? Oder werde ich durch die Weiterbildung erst eine Pionierin? Was ist überhaupt eine Pionierin? Wenn ich etwas dazu lese, dann lese ich oft von dem Gefühl, nicht hineinzupassen. Das kenne ich. Das beschleicht mich schon seit meiner Jugend immer wieder. So gerne ich auch Gottesdienste gestalte und feiere, so gerne ich in der Gemeinde gearbeitet habe, immer war da irgendwie dieses Gefühl, dass es nicht meine Gemeinde ist. Oft habe ich mir die Frage gestellt, ob ich in den Gottesdienst ginge, wenn ich nicht die Pastorin wäre. Würde ich eine Gruppe, eine Veranstaltung besuchen, vielleicht mich sogar für länger verpflichten? Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: Nein! Das würde ich wohl nicht tun. Irgendetwas fehlte mir immer. Wie oft habe ich den Scherz gemacht: Irgendwann gründe ich mal meine eigenen Gemeinde! Eine, wo ich endlich mal richtig hineinpasse.

Bin ich eine Pionierin? Ich weiß es nicht. Aber ich bin aufgebrochen, habe mich angemeldet. In eineinhalb Wochen beginnt die Weiterbildung und ich bin gespannt, was dann auf mich wartet. In den letzten vier Wochen sollten wir schon mir einer Kamera anhand von elf Sätzen auf Entdeckungsreise gehen. Eine Einwegkamera – ich vermute, die Bilder sind verwackelt, unscharf, nicht genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Wie hält man schon in einem Bild fest, was für mich ein heiliger Ort ist, oder wo ich Kreativität wahrnehme. An vielen Sätzen habe ich lange gehangen, überlegt, was ich wohl fotografieren soll. Bei einem Satz aber war ich mir gleich sicher: Typisch Pionier! Ein gelber Kinderspaten mitten im Blumenbeet wird zu sehen sein. Und das, obwohl ich mir nicht so sicher bin, was ein Pionier – eine Pionierin ist. Bin ich eine Pionierin? Die Frage bleibt. Ich hoffe, ich werde in den nächsten beiden Jahren der Weiterbildung eine Antwort finden.

Auf jeden Fall nehme ich euch aber an dieser Stelle mit auf meinen Weg durch die „Weiterbildung für Pioniere in Kirche: Mission : Gesellschaft“. In eineinhalb Wochen geht es los und ihr dürft gespannt sein. Bis dahin frage ich euch: Was ist ein Pionier / eine Pionierin für euch? Seid ihr vielleicht selbst einer / eine?

Sonntag ist Ruhetag – wirklich?

Vor ein paar Tagen im Urlaub zog es mich in ein kleines Geschäft mit Tee und Keramik – „Ostseeschönheiten“ stand über der Tür. Ich gehe hinein, schaue mich um. Während mein Blick über Tassen und Dosen schweift, höre ich im Hintergrund die Inhaberin des kleinen Ladens telefonieren. Aus den Wortfetzen schließe ich, dass wohl jemand ihr Angebot mit eigenen Augen sehen möchte. Plötzlich höre ich die Inhaberin sagen: „Sonntags habe ich grundsätzlich zu. Da ist der Tag des Herrn!“ Niemand in ihren Räumen kann ihre Worte überhört haben. Das war wohl auch gar nicht ihre Absicht. Denn was ich gerade noch als vielleicht matten Spruch zur Verteidigung der Öffnungszeiten gedeutet habe, entpuppt sich beim Blick zur Tür als ihre feste Meinung. An einem kleinen Ständer hängt dort eines der bekannten Schilder vom Sonntag als dem Tag des Herrn. Ich ziehe innerlich den Hut vor dem Mut dieser Frau, in einer Touristenstadt, in der die anderen Geschäfte und Einrichtungen so viel wie möglich am Sonntag geöffnet haben, konsequent ihre Ladentüren geschlossen zu halten. Rückblickend ärgere ich mich auch, dass ich es ihr nicht gesagt habe. Ich war wohl irgendwie zu erstaunt darüber, denn ich habe es an dieser Stelle gar nicht erwartet.

Draußen vor der Tür komme ich mit meinem Mann darüber ins Gespräch und trage die Gedanken lange an diesem Tag mit mir mit. Da steht eine Frau mutig für den freien Sonntag als Tag des Herrn ein. Gleichzeitig diskutieren wir aber landauf landab über die besten Gottesdienstzeiten. Ist es noch der Sonntag morgens um 10.00 Uhr? Wäre nicht eine andere Zeit viel angebrachter? Ist es überhaupt noch der Sonntag? Oder müssten wir unsere Gottesdienste nicht besser auf einen anderen Tag in der Woche legen, um im Alltag der Menschen einen Ort dafür zu finden bzw. zu bekommen? Gehört der Sonntag nicht eher der Familie? Auch ich genieße es doch, am Sonntag mit meinen Kindern ganz in Ruhe frühstücken zu können. Da wird die Zeit schon eng, wenn wir dann noch in den Gottesdienst gehen wollen. Ist der Sonntag noch angemessen als Ruhetag oder Tag des Herrn?

Unabhängig von der Frage nach dem Gottesdienstbesuch haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass Menschen Ruhezeiten brauchen, um in den anderen Zeiten in Arbeit, Schule und Familie bestehen zu können. Gerade in den Sommerferien habe ich einen Artikel gelesen, dass man den Kindern in den Ferien auch die Langeweile lassen soll und sie nicht mit „freiwilligem Lernen“ oder anderen Ferienprogramm zu überfrachten. Nur dann können sie ihre Kreativität voll entwickeln und in den Schulzeiten aufnahmebereit sein für alles, was der Unterricht und die Schule ihnen abverlangen. Der Mensch braucht Pausen, sonst verliert er an Kraft. Das gilt auch für den Wochenverlauf des Alltags.

Nun höre ich schon die Stimmen, die sagen, dass dann doch jeder alleine entscheiden soll, wann er sich diese Zeiten nimmt. Außerdem sei es nun einmal in unserer Gesellschaft so, dass nicht alles am Sonntag still stehen könne, schließlich bräuchten wir doch Ärzte, Polizei und all die anderen Dienstleister. Ja, das stimmt. Aber die, die an diesen Tagen ihren Dienst tun, tun dies nicht jeden Sonntag, nicht 52 Wochen in Folge. Ihr Dienst am Sonntag ist nicht der Dienst des Alltags. Er ist anders als an einem Montag oder Dienstag. Die meisten dieser Arbeitnehmer arbeiten wechselschichtig  und haben so ein Wochenende frei und arbeiten am nächsten. Und sie freuen sich auf ihr freies Wochenende.

Der Mensch braucht Pausen, er braucht freie Zeiten, um in den anderen Zeiten seine ganze Kraft für seine je eigenen Aufgabe einsetzen zu können. Natürlich sind diese freien Zeiten nicht an einen bestimmten Tag gebunden. Selbstverständlich könnte jeder seinen freien Tag an einem anderen Tag haben. Vielleicht wäre das wirtschaftlich sogar für die Gesellschaft von Nutzen. So gut kenne ich mich mit Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft nicht aus, um das beurteilen zu können. Ich gebe ehrlich zu, es interessiert mich auch nicht so sehr, dass ich mir weiter damit auseinandersetzen wollte. Doch eine Frage stelle ich mir: welche Auswirkungen hätte der individuelle freie Tag auf unser soziales Zusammenleben? Wie würde das gemeinsame Leben der Familien aussehen, wenn die Kinder am Sonntag, der Vater am Montag und die Mutter am Mittwoch frei hätte und zwar nicht nur zwei oder dreimal im Jahr sondern jede Woche über viele Jahre? Wie würden Menschen zusammen leben, wenn die Freunde, Bekannten an ganz anderen Tagen als man selbst frei hätte. Träfe man sich noch zum Essen oder zum Fußball spielen? Wären solche Phänomene wie die Bundesliga und ihre Fankultur überhaupt noch möglich?

Wir alle ziehen unsere Kraft zum Leben nicht nur aus der täglichen Arbeit. Wir sind auch auf unsere sozialen Beziehungen als Kraftspender angewiesen. Dazu braucht es aber gemeinsame Zeit, mehr Zeit als morgens die halbe Stunde beim Frühstück oder zwei Stunden am Abend, mehr als zwei Wochen gemeinsame Zeit im Urlaub einmal im Jahr. Deshalb, denke ich, ist es notwendig, dass wir uns auf einen gemeinsamen Tag in der Woche einigen, den wir, so weit es geht, von Arbeit und für die notwendigen Pausen frei halten. Wie wir diesen Tag gestalten, ist wohl unseren eigenen Bedürfnissen und Lebensumständen geschuldet. Die einen planen den Tag mit ihrer Familie, mit gemeinsamen Frühstück oder Radtour zum See. Die anderen treffen Freunde beim Fußball oder entspannen beim Lesen oder Malen. Sie alle sammeln in diesen Zeiten neue Kraft für die Woche.

Für mich gibt es einen weiteren Kraftspender, den Kraftspender überhaupt. Es ist der Glaube an den dreieinigen Gott. Deshalb brauche ich auch die Gemeinschaft mit anderen Christen, das gemeinsame Loben und Beten, um in den anderen Zeiten meine ganze Kraft in meine Aufgaben investieren zu können. So merke ich, dass ich unruhig werde, wenn ich längere Zeit mal keinen Gottesdienst besucht habe. Dass dieser nicht immer am Sonntag sein muss, auch ich das ausgiebige Frühstück mit meiner Familie am Sonntagmorgen genieße, steht dabei außer Frage. Natürlich könnte der Gottesdienst auch an einem Freitagabend gefeiert werden, damit er in meinen Alltag hineinpasst. Doch auch für den Gottesdienst gilt: der gemeinsame freie Tag ermöglicht es, dass möglichst viele an diesem Gottesdienst teilnehmen könnten. Und das viel zitierte Familienfrühstück, das endlich einmal Ausschlafen am freien Tag? Vielleicht könnte man das eine mit dem anderen verbinden? Vielleicht wäre ein Sonntagsbrunch zu späterer Zeit mit dem Gotteslob zu verbinden? Vielleicht ist es auch eine Frage der Wertigkeit unserer Gottesdienste?

Ich bin froh über den Sonntag als gemeinsamen Tag. Ich bin dankbar, dass unser Gesetzgeber noch immer an seinem Schutz festhält und dabei die christliche Tradition des ersten Tages der Woche als freiem Tag fortsetzt. Es ist wichtig, dass der Mensch solche Tage zum Kraft sammeln hat. Mein Traum wäre es noch, an diesem Tag mit möglichst vielen Menschen den Kraftspender Gott zu feiern. Warum wir es in unserem Kirchen nur noch mit wenigen tun, hängt meines Erachtens weniger am Tag als an der Uhrzeit und der Form. Warum nicht mal über eine andere Art des Gottesdienstes nachdenken, vielleicht so wie es schon in bei den ersten Christen üblich war, mit Essen und Trinken und zu einer der Hausgemeinschaft angepassten Uhrzeit, mit viel Gespräch und Diskussion des Evangeliums aber nicht unbedingt in starre liturgische und mittlerweile fremdgewordene Formen gepresst. Ich merke, dass ich immer weniger über den Sonntag als Tag des Herrn nachdenke als vielmehr über die Formen des Gottesdienstes. Denn der Sonntag ist mir heilig, nur den zu meinem Alltag passenden Gottesdienst habe ich noch nicht gefunden!

Wie geht es euch mit dem Sonntag? Ist er der Tag zum Kraft sammeln, vielleicht auch im Gottesdienst? Habt ihr vielleicht sogar schon eure Form des Gottesdienstes gefunden?