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Warum tust du dir das an?

Warum ich auf den Spielplatz gehe, werde ich gefragt. Warum setzt du dich in ein Café und wartest, ob einer zu dir kommt? Was machst Du, wenn keiner kommt, wenn die Menschen über dich tuscheln, weil keiner kommt? Warum tust du dir das an?

Diese Fragen sind tatsächlich gar nicht so selten. Immer wieder werde ich von Menschen, seien es Kollegen oder Kirchenmitglieder, gefragt, warum ich so etwas tue? Und ob ich meine Zeit nicht besser an anderer Stelle investieren oder sie sinnvoller nutzen könnte? Lange Zeit habe ich versucht, argumentativ zu antworten, habe von Präsenz unter den Menschen gesprochen, von Jesu Weg auf der Straße, in die Synagogen. Das hat meinem Gegenüber dann mal mehr, mal weniger eingeleuchtet. Oft endeten diese Gespräche aber auch mit Aussagen wie „ich würde so etwas nicht machen!“.

Mittlerweile erzähle ich von den Erfahrungen und Beobachtungen, die ich an diesen Tagen mache. Ich erzähle davon, wie sehr ich „meine“ Stadtteile und die Menschen dort dadurch kennenlerne. Ich erzähle von dem anderen Blick auf das Leben vor Ort, den ich gewinne. Und ich erzähle davon, wie sehr diese Begegnungen mich und mein Leben, meinen Glauben, meinen Dienst bereichern. Natürlich sind das alles subjektive Erfahrungen und Wahrnehmungen. Aber können wir andere als subjektive Beobachtungen überhaupt machen? Das fängt zum Beispiel damit an, dass ich den Eindruck habe, dass mir die oben genannten Fragen nie von Menschen gestellt werden, die mit Kirche wenig Verbindung haben, die vielleicht noch nicht einmal an einen Gott glauben. Oft höre ich von ihnen, dass sie es toll finden, mal jemanden von der Kirche einfach so zu treffen. Manchmal bleibt es bei dem Satz „Ich finde es gut, dass sie hier sitzen.“ Manchmal entstehen lange Gespräche daraus – die werdenden Eltern, die überlegen, ob sie ihr Kind taufen lassen sollen. Ihre Eltern würden sagen, dass das doch dazu gehört. Aber sie hätten Schwierigkeiten mit diesem Gedanken. Immer wieder kommen auch Menschen zu mir, die etwas wegen einer unserer Veranstaltungen wissen wollen. Sie haben eines der Plakate oder eine der Postkarten gesehen und fragen, ob das meine Angebote seien. Wenn sie ein Gesicht dazu kennen, dann trauen sie sich eher, auch zu kommen. Oder es kommt eine Aussage wie „Ich wusste ja, dass du donnerstags hier sitzt. Da muss ich keinen Termin machen, sondern kann einfach so vorbei kommen.“

Meistens, besonders auf dem Spielplatz, fangen die Gespräche ganz belanglos an – beim gemeinsamen Spiel der Kinder, der Frage nach dem besten Kindergarten oder der Wahl der Schule. Oder wir erzählen uns vom Wochenende, von den Urlaubsplänen. Menschen, die sich vorher vielleicht höchstens mal auf der Straße gesehen haben, kommen ins Gespräch miteinander, weil sich alles um den Bollerwagen mit dem Kaffee und dem Kuchen sammelt. Dann lachen wir gemeinsam oder machen Pläne, wie der Stadtteil mal werden soll. Manchmal teilen wir auch Sorgen miteinander. Und dann ist da diese besondere Gemeinschaft zu spüren, die sich hier um den Bollerwagen und die Beachflag bildet, in der jeder willkommen ist, in der jeder zu Wort kommt. Dann sprechen wir auch darüber, was uns Halt gibt, was uns hilft, wenn wir uns um die Kinder oder die Familie sorgen. Auch wenn viele in dieser kleinen Gemeinschaft es vielleicht nicht so benennen würden, aber ich spüre, dass Gott dann mit uns im Kreis steht, vielleicht auch mit der Kaffeetasse in der Hand, immer ein Auge bei den Kindern. Ich fühle mich in diesen Momenten unglaublich bereichert in meinem Leben, in meinem Glauben, in meinem Dienst. Genau deshalb tue ich mir das an.

Natürlich gibt es auch die Stunden, in denen ich alleine sitze, auf dem Spielplatz oder im Café. Dann halte ich mich auch mal an meiner Tasse fest und beobachte die Menschen um mich herum. Da sitzt die Familie, die am Beginn der Ferien sich ein besonderes Frühstück im Café gönnt, oder der Lauftreff der Damen, die sich nach dem gemeinsamen Laufen noch einen Cappuccino gönnen. Einmal saßen da auch Menschen vom Film, die über Stadtpläne gebeugt über neue mögliche Drehorte diskutierten. In diesen Stunden lerne ich unglaublich viel über das Leben der Menschen im Stadtteil, verstehe manches, was mir begegnet, besser. Nicht eine Minute dieser Zeit ist vergebens. Und noch nie hat jemand darüber getuschelt. Ganz im Gegenteil – oft wünschen mir die Angestellten im Café oder die Nachbarn im Stadtteil, dass möglichst viele Menschen kommen, denn sie möchten, dass dieses Angebot noch lange bestehen bleibt.

Warum tust du dir das an? Wie oft mir diese Frage schon gestellt wurde, habe ich nicht gezählt. Aber ich mache jedem Mut, es selbst mal auszuprobieren. Es bereichert das Leben!

Eine Zielgruppe jenseits der Erreichbarkeit?

Kirche erreicht längst nicht mehr alle Menschen, egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Da sind sich so ziemlich alle Studien einig. Also wird über Kontextualisierung und Zielgruppenorientierung gesprochen. Wobei gerade bei letzterem Stichwort noch immer viele abwehren und sagen, dass die Volkskirche doch für alle da sein muss. Theoretisch ist das sicher auch so. Wer sich aber ein wenig mit Milieustudien etc. beschäftigt, der muss eingestehen, dass Kirche schon heute viele Milieus unserer Gesellschaft nicht anspricht und so wohl oder übel zielgruppenorientiert arbeitet. Nur als Stichwort: viele Angebote der Kirchen richten sich z. B. diakonisch an Bedürftige.

Nun bin ich aber ausgezogen, neue Formen von Kirche zu suchen, kontextuell und an der Zielgruppe ausgerichtet. Also habe ich mich viel damit auseinander gesetzt, wer eigentlich in „meinem“ Stadtteil wohnt. Bleibe ich in der Begrifflichkeit der Sinusstudie, sind es vor allem drei Gruppen an Menschen: die bürgerliche Mitte, die Liberal-Intellektuellen und die Konservativ-Etablierten.

Drei Milieus, die erstmal nicht durch Angebote wie Seniorencafé, Hausaufgabenhilfe und Wärmestube angesprochen werden. Schaut man noch etwas tiefer, so lernt man, dass sie in der Kirche die Bewahrerin der Tradition sehen, was aber nicht heißt, dass sie hingehen. Ganz im Gegenteil, ein Teil dieser Gruppen geht sogar davon aus, dass Kirche ihnen nichts bieten kann, da es dort keine Menschen wie sie gibt. Sie sind zwar aus Traditionsbewusstsein noch Kirchenmitglieder, erwarten auch, dass Kirche den Bedürftigen hilft, sie selbst sieht man dort aber nicht. Sie haben keine entsprechenden Bedürfnisse, verstehen sich auch nicht als Suchende, die in Kirche etwas finden könnten.

So stelle ich mir dieser Tage oft die Frage, ob es Zielgruppen jenseits der Erreichbarkeit gibt. Sind große Teile der Bevölkerung längst nicht mehr ansprechbar für Kirche? Stehen wir längst auf verlorenem Posten? Doch so schnell will ich nicht aufgeben, denn ich glaube daran, dass das Evangelium zu jedem Menschen sprechen kann. Also bin ich in den Straßen meines Stadtteils unterwegs, lerne viel über Zaunhöhen und das Bedürfnis nach Schutz der eigenen Privatsphäre und des Eigentums. Höre von der Angst vor dem sozialen Abstieg und dem Standesbewusstsein dieser Menschen. Kirche wird hier oft mit der Forderung nach Aufgabe des Besitzes und Abwertung des hart erarbeiteten Vermögens in Verbindung gebracht. Entsprechend groß sind die Vorbehalte.

Doch das ist hier zur Zeit gar nicht mein Thema. Stattdessen bin ich Lernende in den Straßen „meines“ Stadtteils. Das Leben dieser Menschen interessiert mich, was sie bewegt, was ihre Ziele, ihre Träume sind. Ich höre viel von den Anforderungen im Beruf, von den Wünschen für die Zukunft der Kinder und auch davon, wie sie gerne an einer friedvollen Welt mitbauen wollen. Das sind Momente, in denen ich denke, Gott ist schon da. Vielleicht brauchen die Menschen hier gar keine großen Angebote, sondern einfach jemanden, der durch ihre Straßen geht, ihre Häuser und Gärten sieht und ihnen ein paar Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Vielleicht sind diese Zielgruppen dann doch gar nicht so unerreichbar?

Also mache ich mich wieder auf den Weg durch die Straßen – in diesem Jahr meint es das Wetter ja gut mit mir.

Gottesdienst ist Sonntag

Liturgischer Wildwuchs, schlecht vorbereitete Predigten und individuelle Pastorinnen und Pastoren, die sich mehr an der Kandare reißen könnten – Stichworte aus einem Interview des Deutschlandfunks mit Prof. Dorothea Wendebourg. Sie erhitzen die Gemüter. Auch ich habe mich darüber geärgert, nicht unbedingt über den Inhalt, sondern eher über so manche Formulierung, bei der ich mich frage, warum man so plakativ über andere in der Öffentlichkeit reden muss.

Dabei fand ich den ersten Teil des Interviews über die Spielarten und Folgen der Reformation sehr erhellend. Da habe auch ich, gerade mit Blick auf die verschiedenen Spielarten der Reformation – oder sagen wir jetzt Reformationen? – noch einiges gelernt. Doch es folgt ein zweiter Teil eingeleitet durch die Frage nach den Herausforderungen für die protestantischen Kirchen hierzulande und Frau Prof. Wendebourg fordert zum einen mehr Lebendigkeit und zugleich mehr Disziplin. Dabei verweist sie in Sachen Lebendigkeit auf charismatische und freikirchliche Bewegungen, die bewusst auf die persönliche Frömmigkeit setzen, den institutionellen Überbau und auch die starke Akademisierung nicht wollen. Bezüglich der Disziplin verweist sie auf den Gedanken der einen Kirche, was der geforderten Lebendigkeit zunächst nicht widerspricht, führt nach einer Nachfrage dann aber aus, dass es ihres Erachtens zuviel Wildwuchs in den Gottesdiensten gibt. Das will für mich nicht so recht zusammen passen. Gerade die von ihr genannten Bewegungen zeichnen sich ja durchaus durch verschiedenste Gottesdienstformen aus, durch freie Gebete, die nicht im Vorhinein wohl formuliert worden sind. Gerade dadurch entsteht meines Erachtens der Eindruck der Lebendigkeit. Zugleich führt die Disziplin in den Gottesdiensten, die frei von liturgischem Wildwuchs ist, wohl zu einem in allen Kirchen und Gemeinden einheitlichen Gottesdienst, der sicher eine nennenswerte Zahl an Menschen anspricht, mindestens ebenso viele aber auch nicht. Denn bei diesen Überlegungen nicht bedacht ist die immer größer werdende Komplexität der Gesellschaft, die nicht mehr eine einheitliche, homogene Zielgruppe darstellt, die sich durch den einen Gottesdienst ansprechen lässt und dort Relevanz für den Alltag erfährt.

Über all diese Punkte könnte ich diskutieren, was mich aber wirklich geärgert hat, war die plakative Formulierung: „Man hat doch viel Wildwuchs in Gottesdiensten, liturgischen Wildwuchs, Gebetsformulierungen, schlecht vorbereitete Predigten und dergleichen mehr. Da, denke ich, könnten individuelle Pastoren und Pastorinnen schon sich etwas mehr an der Kandare reißen. Das erfordert erstens Arbeit und zweitens auch eine gewisse Selbstkritik…“ So plakativ geäußert kommt das meines Erachtens einer Unterstellung vielen Kollegen gegenüber gleich, dass sie faul sind, sich in ihre Gottesdienste nicht investieren und einfach so daher plappern. Wenig später spricht Frau Prof. Wendebourg noch von fehlender Motivation und noch etwas später hebt sie den Berliner Dom als leuchtendes Beispiel hervor, wo nicht „gebastelt“ wird, „und so verschiedene. Aber sonst in der Breite… ja“ … da wird gebastelt. Ich frage mich, liegt dieses Urteil daran, dass sie selbst im Dom predigt, oder dass sie in der Breite schon lange keine Gottesdienste mehr besucht hat, dass sie selbst schon lange keine Gemeinde mehr geleitet hat? In meinen Ohren klingt ein solches Urteil vernichtend gegenüber den vielen guten Gottesdiensten, die ich in allen Teilen des Landes schon erlebt habe, die mich berührt haben, die auch am Montag morgen noch relevant waren. Und es klingt vernichtend mit Blick auf die Arbeit, die guten Gedanken, das Engagement vieler Pastorinnen und Pastoren in unserem Land. Sicher, nicht immer gelingt alles. Es gibt auch Gottesdienste, die sind eher aus Verzweiflung gehalten als aus Motivation heraus gefeiert. Aber das berechtigt meines Erachtens nicht zu einem solch pauschalen Urteil in der Öffentlichkeit, auch wenn das, wie die Aufnahme in den Medien zeigt, sehr öffentlichkeitswirksam ist.

Ein letzter Gedanke zum Schluss: Auch wenn Frau Prof. Wendebourg es nicht explizit äußert, so entsteht während des Interviews doch der Eindruck als wünsche sie sich den klassischen liturgischen Gottesdienst am Sonntag morgen, bei dem die Gläubigen in den klassischen Kirchenbänken sitzen und staunend mindestens eine Stunde zuhören. Doch wer sagt, dass das die einzige Form von Gottesdienst ist. Die ersten Christen, übrigens wahrscheinlich eine charismatisch bewegte Gruppierung, traf sich in Privathäusern, aß und trank zusammen und feierte während des Essens das Abendmahl. Dem Tagesablauf entsprechend taten sie dies wohl auch eher am Abend, denn am Sonntag morgen um 10 Uhr. Sie wählten Ort, Zeit und Form ihren Lebensumständen entsprechend. Sollten wir dies nicht auch tun, damit das Evangelium nicht nur am Sonntag morgen gepredigt, sondern am Montag Mittag auch noch gelebt wird? Angesichts der Auffächerung der Gesellschaft in verschiedene Lebensformen und Lebensweisen stünden der protestantischen Kirche dann sicher viele verschiedene Formen von Gottesdienst gut zu Gesicht, die durch das Evangelium miteinander verbunden sind.

So zolle ich den Kolleginnen und Kollegen gegenüber Respekt, die vor Ort in ihren Gemeinden alles daran setzen, vom Reich Gottes ihrem Kontext entsprechend zu reden. Ich freue mich, dort immer wieder auch für mich Neues zu entdecken und möchte Mut machen, genau dies auch in aller Unterschiedlichkeit weiter zu leben. Denn das eine Christentum besteht für mich in der unglaublichen Vielfalt der Menschen und Gottesdienste je an ihrem Ort verbunden durch den Glauben an den dreieinen Gott.

 

Alles nur Symptome?

„Pfarrberuf 2030 – wir reiten die Welle“ – aber welche Welle reiten wir wirklich? Seit ich Anfang der Woche auf der großen Tagung meiner Landeskirche zur Zukunft des Pfarrberufes war, stelle ich mir diese Frage. Wenn ich ehrlich bin, stelle ich sie mir nicht er seit dieser Tagung, sondern tat es auch schon vorher. Aber irgendwie ist sie seither noch einmal lauter geworden.

Die Mitgliedszahlen der Kirchen schwinden ebenso wie die Finanzen und auch die Zahl der aktiven Pastorinnen und Pastoren steht scheinbar vor dem Kollaps. Allerorten mehren sich die Stimmen, die Veränderungen auch für den Pfarrberuf fordern. Also warum nicht mal mit denen darüber diskutieren, die es unmittelbar betrifft. Gesagt, getan.

In verschiedenen Impulsen und besonders in einem umfangreichen Open Space wurden Stimmen, Ideen und konkrete Vorschläge gesammelt. Für mich bezeichnend war, dass die Topthemen sich schnell um Dinge wie neue Strukturen, multiprofessionelle Pfarrteams, die Verteilung zwischen Land und Stadt etc. drehten. Auch das 21-Punkte-Programm der bayrischen Landeskirche, das vorgestellt wurde, hatte auffallend viele Strukturveränderungen wie die bessere Ausbildung und Bezahlung der Pfarrsekretärinnen oder die lebenslange Fort- und Weiterbildung der Geistlichen zum Inhalt. Viele der Anwesenden waren begeistert, stimmten ein in den Gesang derer, die meinten, mit diesen Änderungen würde die Zukunft in den Griff zu bekommen sein. In vielen Dingen stimme ich dem zu. Doch je mehr Abstand ich von diesen Tagen bekam, umso mehr bleibt ein Nachgeschmack.

Mehr und mehr festigt sich mittlerweile bei mir der Eindruck, dass all diese Strukturdebatten und Veränderungsvorschläge eher ein Symptom als eine Lösung darstellen. Das eigentliche Problem aber, scheint mir, ist an anderer Stelle zu suchen und zu finden. Es sind verschiedene Beobachtungen, die mich dahin führten. An einigen möchte ich euch teilhaben lassen.

Gerade die verschiedenen Strukturveränderungen der letzten Jahre wie Jahresgespräche und Dienstbeschreibungen ließen mich erfahren, dass die einen sie lieben und die anderen sie ablehnen. Entsprechend sehen die einen in ihnen die Lösung oder zumindest einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer besseren Berufsausführung. Die anderen aber lehnen sie ab und fühlen sich durch Maßnahmen wie diese eingeengt, in ihrer Freiheit beschränkt. Sprich ich habe den Eindruck, dass, egal welche Strukturveränderung anstehen, sie immer auch Widerstand hervorrufen und man sich in den Grabenkämpfen um sie auch verlieren kann. Lösungen, die zu einer umfassenden Zufriedenheit der Pastorinnen und Pastoren führen, aber bringen sie nicht, werden sie niemals bringen. Stattdessen binden sie immer neue Zeit. Vielleicht sind sie so auch eine gute Entschuldigung, um sich nicht mit anderen wesentlicheren Dingen beschäftigen zu müssen.

Was das Wesentlichere ist? Vielleicht ist genau das die Frage. Darauf gestoßen bin ich, als ich in einer Plenumsrunde der Tagung die gut zweihundert anwesenden Pastorinnen und Pastoren bat, für eines meiner Vorhaben zu beten. Diverse Gesichter sahen mich darauf verständnislos an. Nach der Runde wurde ich sogar angesprochen, dass ich so etwas in dieser Form äußern konnte und ich war erstaunt. Wo denn sonst, wenn nicht unter Glaubensgeschwistern in einer Kirche?

Dazu eine weitere Beobachtung einen Tag später in einer kleinen Runde von Pastorinnen und Pastoren. Es geht um die Zukunft des Pfarrberufes und was wir in diesen Zeiten noch verkündigen können. Da äußert einer der Anwesenden, dass es im Jahr 2030 keinen Gott mehr gäbe, denn schließlich sei der eine menschliche Vorstellung und in zwanzig Jahren würde da niemand mehr dran glauben.

Mit diesen Eindrücken fuhr ich nach Hause, hatte in der Bahn noch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen und spürte, dass mich ein Gedanke seither nicht mehr los lässt. Was wäre, wenn alle diese Diskussionen und Debatten um andere Strukturen, um bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um neue Berufsbilder und und und nur ein Symptom für das eigentliche Problem wären. Was wäre, wenn die zahlreichen Forderungen und Veränderungen so hoch gepuscht würden, um vom eigentlichen Problem abzulenken, sich nicht damit auseinandersetzen zu  müssen? Wenn es so wäre, spräche vieles dafür, dass wir auch im Jahr 2030 uns noch immer um diese Fragen drehen würden, vielleicht noch viel intensiver als wir es heute schon tun, und noch immer keine Zufriedenheit erreicht wäre, evtl. sogar noch weit weniger Menschen diesen Beruf ausüben möchten als die schlimmsten Prognosen es uns an den Himmel zeichnen. Dann hätten wir noch immer übervolle Terminkalender und noch leerere Kirchen.

Was dann das eigentliche Problem ist? Ich kann es nicht abschließend bestimmen. Aber eine Ahnung sagt mir, dass in unseren Kirchen und Gemeinden, in unseren Amtszimmern und Herzen eine Art Geistlosigkeit herrscht. Mit dem Wirken des Heiligen Geistes wird nicht gerechnet. Der eigene Bezug zu Gott und Evangelium hat stark gelitten und wird wenig geübt. Die Grundlage des Glaubens ist verschütt gegangen und die Menschen um uns her spüren das allzu deutlich. Es ist einfacher, sich mit Strukturen und immer neuen Veränderungen zu beschäftigen, mit Sitzungen und Verwaltungsnormen den Kalender zu füllen, als auf sich und den eigenen Glauben geworfen zu sein. Es lässt sich leichter über Veränderungen im Pfarrberuf streiten als zu fragen, was wir noch glauben (können) und auch die eigene Leere zu bekennen.

Pfarrberuf 2030 – wir reiten die Welle. Ich wünschte mir, wir würden wieder die Welle des Glaubens reiten, dem Geist vertrauen, dass er uns dort hinspült, wo Gott schon am Werk ist und wir mitwirken dürfen. Wieder das Surfen dieser Welle zu lernen, scheint mir zielführender zu sein als immer wieder neu über Strukturen zu diskutieren und Strukturen zu verändern. Dann wären wir meines Erachtens dem Problem deutlich näher und würden nicht nur Symptome bekämpfen.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Was sind Eure Eindrücke zwischen Pfarrberuf und Strukturwandel? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 3

Warum? Wie oft haben meine Kinder mir diese Frage schon gestellt? Als sie damit anfingen, habe ich mir vorgenommen, sie nie mit Antworten abzuspeisen wie „Wie das so ist!“ oder „Dafür bist du noch zu klein!“. So versuche ich immer, ihnen angemessene Antworten zu geben, mit denen sie etwas anfangen und an denen sie weiterdenken können. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Aber ich merke, dass die Kinder so die Lust am Fragen behalten und Dinge nicht einfach hinnehmen.

Warum? Diese Frage bekam in den letzten Tagen Pionierweiterbildung auch für mich noch einmal eine neue Bedeutung. Alles fing mit einem Planspiel an. Ein Planspiel zum Thema „mixed economy“ – es füllte einen Vormittag und brachte mich zum Nachdenken. Situation dieses Spiels, entwickelt am IEEG in Greifswald, ist eine Kirchenregion im Nordosten Deutschlands, die auf Grund anstehender Personalkürzungen neu überlegen muss, wie sie ihre Arbeit bzw. ihr kirchliches Leben gestalten will. Verschiedene Partner sitzen am Verhandlungstisch wie die Pfarrerin, der politisch interessierte Küster und der pietistische Pionier. Wir haben das Spiel in mehreren Gruppen gespielt, doch am Ende berichteten alle ähnliche Erfahrungen: Damit sich in den Verhandlungen etwas rührte, musste einer seine Rolle verlassen. Noch wichtiger aber: so lange sich die Verhandlungspartner nicht auf ein Ziel, eine Vision geeinigt hatten, blieb es bei einzelnen Ideen. Ein gemeinsames Ganzes entstand nicht. Wenn die Kirchenregion sich nicht klar ist, warum sie etwas tut, entsteht nichts längerfristiges. Es braucht eine Vision.

Warum? Die Frage nach der Motivation, der Vision ist mir ja schon lange wichtig. Mal wieder stand ich an dem Punkt, dass ich überlegte, ob wir in unseren Gemeinden und Kirchen überhaupt eine Vision verfolgen, oder ob wir nicht meistens einen Business as usual-Weg eingeschlagen haben. Die Erledigung des Alltagsgeschäfts, irgendwie über die Runden zu kommen, ist so in den Vordergrund gerückt, dass die Frage nach dem Warum? in den Hintergrund geraten ist, keine Antwort mehr findet.  Antworten wie „Das machen wir schon immer so.“ oder „Als Kirchengemeinde macht man das so.“ stellen nicht zufrieden, regen nicht zum weiteren Nachdenken an. Ich merke, von der Situation meiner Kinder sind wir da gar nicht so weit entfernt.

Warum? Es wurde Zeit, dass wir uns diese Frage auch für unsere Initiativen und Projekte stellten. Anhand der Theorie von Simon Sinek (Start with Why) versuchten wir zu formulieren, was unsere Motivation ist, was uns antreibt, diese eine fresh x zu gründen. Was ist unsere Vision? Warum machst du das? Dabei stellte sich schnell heraus, dass die ersten Antworten meistens noch wieder zu hinterfragen sind. Nicht bei den Floskeln zu bleiben, war gar nicht so einfach. Mit „um das Evangeliums zu verkünden“ wollte ich mich nicht zufrieden geben. Das höre ich so oft und habe das Gefühl es bleibt bei einer Formel der Antwort „weil das so ist“ an die Kinder vergleichbar. Also noch einmal:

Warum? Ich habe diese Frage in den letzten Tagen mir immer und immer wieder gestellt. Mittlerweile habe ich für mich eine Antwort und ich merke, sie verändert etwas im Blick auf meine Arbeit. Das, was in meiner Dienstvereinbarung steht, hat dadurch eine Veränderung erfahren, einen anderen Stellenwert bekommen. Diese Antwort ist viel existentieller, hat etwas mit mir zu tun und motiviert mich anders als das, was mir durch meinen Dienst aufgegeben ist.

Warum? Mit dieser Frage fing es an und mit dieser Frage endet es auch. Wieder einmal merke ich, dass es ohne Vision langfristig nicht läuft. Deshalb frage ich mich umso mehr, worin die Vision unserer Gemeinden und Kirchen besteht. Ich hoffe sehr, dass es dabei nicht bei Formeln bleibt, denn eine ehrliche, wirkliche Antwort regt nicht nur zum Nachdenken an, sondern motiviert auch ungemein. Aber Vorsicht: sie hat etwas mit einem ganz persönlich zu tun!

Warum? Stellt Ihr euch diese Frage auch? Ich bin gespannt, von Euren Erfahrungen mit dem Warum? zu erfahren.

Das Kreuz mit dem Kreuz!

Das Kreuz sei ein klares Bekenntnis zur bayrischen Identität und zu den christlichen Werten. So schrieb es Markus Söder gestern bei Facebook, nachdem das Kabinett beschlossen hatte, dass ab 1. Juni in jeder staatlichen Behörde ein Kreuz hängen muss. Schnell verbreiteten sich seine Worte in den Sozialen Medien und Empörung machte sich breit. Ganz ehrlich, mein erster Gedanke bei dieser Meldung war: Wenn Herr Söder ein Bekenntnis zur bayrischen Identität wünscht, dann sollte das eher in Form von Lederhosen, Weißwurst und Bier geschehen, zumindest wenn man diversen Klischees folgt. Aber die lassen sich einfach so schlecht aufhängen. Gleichzeitig fragte ich mich, ob es bis zum 1. Juni noch eine Ausführungsbestimmung geben wird, wie diese Kreuze wohl auszusehen haben, mit dem Corpus Christi oder ohne, in Holz, Metall oder eher barock?

Aber natürlich habe ich mir noch mehr Gedanken dazu gemacht. Ich war erstaunt, wie schnell sich Protest besonders von zwei Seiten regte. Zum einen von denen, die die strikte Trennung von Staat und Kirche fordern und entsprechend keine Kreuze oder andere religiöse Symbole in öffentlichen Gebäuden sehen wollen. Zum anderen von Christen, die ihr Glaubenssymbol durch das gesetzmäßige Aufhängen von Kreuzen in staatlichen Behörden missbraucht sehen. Diese Diskussionen möchte ich gar nicht weiter befeuern, denn ich habe nicht den Eindruck, dass dies weiterführen würde. So will ich einfach meine Sicht der Dinge schildern, denn für mich steht da noch ein ganz anderer Aspekt im Hintergrund.

Vorweg: auch ich halte das Kreuz in den staatlichen Behörden für nicht angebracht. Wer es nutzt, sollte wissen für was es steht. Genau da aber liegt für mich das Problem. Seit vielen Monaten schon hört und liest man immer wieder davon, dass die christlichen Werte wieder hochgehalten werden müssten, dass sie gegen Angriffe von außen verteidigt werden müssten. Der Islam ist da schnell zum Feindbild geworden. Doch liegt das eigentliche Problem nicht beim Islam. Es liegt in unserer eigenen Gesellschaft. Die Rede von den christlichen Werten ist zu einem Reden in Floskeln geworden, denn wer weiß eigentlich wirklich noch, was sich dahinter verbirgt? Fragt man Menschen, was sie damit meinen (und das habe ich mehrfach getan), dann kommen da Aussagen wir Höflichkeit, Respekt den anderen gegenüber, Wertschätzung… Aber diese Werte finden sich auch in anderen Religionen oder Wertvorstellungen. Sie sind nicht spezifisch christlich. Wer die christlichen Werte einfordert, sollte es daher nicht bei Floskeln belassen, sondern sie auch mit Inhalt füllen. Das ist die eigentliche Herausforderung. Um das zu tun, braucht es ein gewisses Grundwissen in Sachen Religion, auch eine Teilnahme und ein Leben des Glaubens wären wünschenswert. Doch fragt man Menschen, was sie denn über den christlichen Glauben wissen, z.B. über den Hintergrund der Feiertage, dann bleibt es oft bei vagen Äußerungen, oder es zeigt sich ein deutliches Nichtwissen. Übrigens: genau diese Fragen stelle ich im Zuge meiner Pionierweiterbildung gerade Menschen auf der Straße. Deshalb ist es schwierig, in unseren Tagen von den christlichen Werten zu sprechen, wenn es nicht bei Floskeln bleiben soll. Denn Floskeln braucht kein Mensch.

Das Kreuz als Bekenntnis zu den christlichen Werten in staatlichen Behörden halte ich aber auch noch aus einem anderen Grund für ziemlich schwierig. Es stellt sich mir nämlich die Frage, ob es überhaupt ein solches Zeichen braucht, oder ob Jesus Christus es so gewollt hätte. Auch ich trage ein kleines Kreuz an einer Kette um den Hals, habe in meinem Arbeitszimmer und an anderen Orten im Haus ein Kreuz stehen. Doch trage ich es nicht, um zu zeigen, dass ich Christin bin. Ich bin mir sicher, dass ich es dafür nicht brauche. Genauso sicher bin ich mir, dass Jesus es zu diesem Zweck auch nicht wollte. Es hat einen anderen Sinn für mich. Oft erwische ich mich, wie ich in schwierigen Situationen, in Momenten des Zweifels oder der Fragen, mal eben das Kreuz an meinem Hals berühre. Oder ich suche mit den Augen das Kreuz in meinem Arbeitszimmer. Dieses Anfassen, dieser Anblick schenken mit Zuversicht, Hoffnung für das, was vor mir liegt. Es erinnert mich einfach daran, welch großes Geschenk mir Gott in Christus gemacht hat. Doch es braucht dieses Zeichen nicht aus Demonstrationszwecken irgendeiner Identität oder irgendwelcher Werte. Es wäre ein Armutszeugnis unseres Glaubens, wären wir nur an einem solchen Symbol erkennbar. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ sagt Jesus in Matthäus 7,16. Was das heißt, führt Johannes in seinem ersten Brief aus: Und hieran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben; wenn wir seine Gebote halten.  Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in dem ist nicht die Wahrheit.  Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet. Hieran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist. (1. Johannes 2,3-6) Ich bin mir sicher, wären wir an unseren Früchten erkennbar, müssten wir nicht über das Kreuz als Bekenntnis zu den christlichen Werten diskutieren. Dann würden andere uns schon an unserem Handeln erkennen.

So besteht für mich die eigentliche Herausforderung darin, dass Christinnen und Christen wieder an ihren Früchten, ihren Worten und Taten, erkennbar werden. Ich will jeden Tag daran arbeiten. Ihr auch? Hinterlasst doch mal in den Kommentaren, wie ihr mit der Frage nach dem Kreuz umgeht, oder was das Leben in Worten und Taten für euch bedeutet.

Quo vadis Kirchenleitung?

Manchmal darf ich in den Kirchen meines Kirchenkreises Gottesdienste vertreten. So in diesem Jahr auch am Sonntag Miserikordias Domini, dem Sonntag, der uns vom Guten Hirten erzählt. Ein schöner Sonntag, denn ich freue mich immer, wenn das Beten des 23. Psalm ein Lächeln in die Gesichter der Menschen zaubert und sie mit voller Stimme in das Gebet einstimmen. Dazu gehörte in diesem Jahr ein Predigttext aus dem ersten Petrusbrief, der erst einmal an die Ältesten der Gemeinde adressiert ist. Während der Predigtvorbereitung sah ich im Geiste schon so manches Gemeindemitglied sich zurück lehnen: betrifft mich nicht, bin ja nicht im Kirchenvorstand. Doch der Autor des Petrusbriefes ist auch der, von dem sich u.a. das sog. Priestertum aller Glaubenden ableitet, also die Aufforderung an alle Glaubenden, die Wohltaten Jesu bekannt zu machen – nachzulesen im 2. Kapitel des Briefes. So haben wohl auch alle Glaubende eine Verantwortung für die Leitung der Kirche und können es nicht einfach auf die jeweils ein höhere Ebene abschieben.

Mich führte die Vorbereitung der Predigt mal wieder dazu, über die Leitung der Kirche generell nachzudenken und das nicht nur, weil es immer schwieriger wird, Kandidaten für den Kirchenvorstand zu finden. Ist die Art, wie wir unsere Gemeinden, die Kirchenkreise und die Kirche insgesamt führen und leiten noch dem Evangelium und unserer gesellschaftlichen Situation angemessen? Schauen wir auf den Kontext, z.b. in der Arbeitswelt, sagen Studien, das zwei von drei Arbeitnehmern nur noch Dienst nach Vorschrift machen, jeder siebte sogar innerlich gekündigt hat. Gilt das auch für unsere Gemeinden, dann können wir den Auftrag unseres Herrn nicht mehr adäquat ausführen. Dann verlieren wir Menschen, statt sie mit dem Evangelium bekannt zu machen.

Mich bewegen diese Fragen sehr, vor allem mit Blick auf sich neu gründende Gemeinden. Zwängen wir sie in das alte System des Führens und Leitens hinein, habe ich Sorge, dass die jungen Pflänzchen, die da sprießen, schneller wieder verwelken, als sie wachsen können. Deshalb habe ich in den letzten Wochen das Buch „Reinventing Organisations“ von Frédéric Laloux gelesen. Das ist sicher auch noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Doch sprechen mich die drei Aspekte, die er für seine neue Organisationsform aufzeigt, sehr an. Erstens die Verteilung der Rollen und der Macht verbunden mit einem hohen Maß an Selbstverantwortung der Mitarbeiter. Zweitens die ganzheitliche Sicht des Mitarbeiters, die ihn nicht nur auf seine Arbeitskraft reduziert. Und drittens der Aspekt der sinnstiftenden Vision für ein Unternehmen, der u.a. bedeutet, dass andere Unternehmen der gleichen Branche keine Konkurrenten, sondern Mitwirkende bei der Realisierung dieser Vision sind.

Bezogen auf Kirche, auf Kirchengemeinden, auf neu entstehende Gemeindeformen bedeutet das für mich, dass wir uns erst einmal fragen sollten, ob wir überhaupt noch eine Vision haben, oder ob wir sie nicht vor langer Zeit schon im Gestrüpp der Gewohnheiten verloren haben. Wird diese Vision aber wieder präsent, sind andere Kirchengemeinden keine Konkurrenten mehr, mit denen man um Mitglieder oder Finanzen oder besser besuchte Veranstaltungen konkurriert, sondern Mitstreiter im Lauf, vom Evangelium zu erzählen und es zu leben. Es würde auch eine intensive Zuwendung zu den Menschen bedeuten, die nicht mehr nur als Spender oder Gottesdienstbesucher oder… gesehen würden. Vor allem aber hieße es, über die Leitung und Führung unserer Gemeinden nachzudenken. Wenn jeder Verantwortung für das Geschick der Gemeinde wahrnehmen könnte, keine übergeordneten Gremien mehr entscheiden, sondern höchstens noch beraten könnten, wäre das m.E. auch Teil der Wahrnehmung des viel zitierten Priestertums aller Glaubenden. Und ja, damit wäre auch verbunden, dass Gemeinden durch das Handeln der Menschen in ihr scheitern könnten. Das ist eben auch ein Teil der Selbstverantwortung. Stellt sich die Frage, ob wir, die Kirche, bereit sind, diese Überlegungen anzustellen, diese Verantwortung zu übernehmen und Neues zu wagen? Ich glaube, wir kommen nicht umhin, uns diese Fragen zu stellen. Denn eines zeigen die zart sprießenden Pflänzchen neuer Gemeindeentwicklungen: die, die dort neu zum Glauben und zur Kirche kommen, wollen nicht einfach nur teilnehmen, sondern mitgestalten, mitentscheiden. Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und visionär zu denken und stellen bereits jetzt viele gewohnte Formen infrage. Warum also nicht mal über neue Formen der Leitung auch für die etablierten Gemeinden nachdenken? Wer weiß, vielleicht gleicht in einigen Jahren so manche Landeskirche auch einer Reinventing Organisation…

Licht unter dem Scheffel

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich lange mit einer Frau mittleren Alters. Es ging buchstäblich um Gott und die Welt. Irgendwann landeten wir auch bei dem, was ich tue. Ich erzählte ihr, dass ich Pastorin für fresh expressions of church sei, und von RaumZeit, meinem Projekt oder besser meiner Gemeinde, auch wenn sie als solche (noch) nicht anerkannt ist. Die Frau war sehr interessiert, stellte Fragen, wollte verstehen, was ich mache. Sie fragte sogar nach meiner Vision. Irgendwann, es war schon fast eine Stunde vergangen, sagte sie diesen einen Satz, der unserem Gespräch noch einmal eine ganz neue Richtung gab: „Übrigens, ich bin seit einigen Jahren auch gläubige Christin.“

Unsere Unterhaltung ging noch eine Weile. Ich habe sie sehr genossen. Und doch beschäftigt mich seither ein Gedanke: Warum halten wir mit unserem Bekenntnis zu Christus oft so lange hinter dem Berg? Ist es Angst? Haben wir schlechte Erfahrungen gemacht? Oder gehört es sich bei uns einfach nicht, offen davon zu reden? Vielleicht fühlen sich die anderen ja auch davon belästigt.

Viele dieser Beweggründe kann ich gut verstehen. So manch einer möchte auch lieber an seinen Taten und nicht an seinen Worten erkannt werden. Allerdings frage ich mich, wie die Menschen dadurch etwas von Jesus Christus erfahren sollen. Viele Verhaltensweisen werden einfach mit gutem Benehmen und Höflichkeit in Verbindung gebracht und nicht mit einem christlichen Leben. Früher oder später braucht es Worte, die von Jesus, von Gott, von Gnade und Barmherzigkeit erzählen. Warum also nicht früher und gut erkennbar? Ich weiß, ich höre jetzt schon die Stimmen, die an die alten Methoden der Mission erinnern, die vor Frommen und Straßenevangelisation warnen. Dann sind da auch noch die, die meinen, für Mission nicht geeignet zu sein, zu wenig zu wissen, nicht die richtigen Worte finden zu können.

Ich denke, es braucht dafür keine besondere Ausbildung, Vorbereitung oder ein besonderes Talent. Wer von Gott berührt wurde, der kann auch von ihm erzählen – durch sein Leben in seinem Alltag. Warum nicht mal sagen, dass man betet und wo es geholfen hat? Warum das Gebet vor dem Essen weglassen, nur weil man in fremder Gesellschaft ist? Warum nicht mal vom Gottesdienst erzählen und andere einladen und mitnehmen? Warum nicht auch mal davon erzählen, wo oder wie man Gott begegnet ist, wo man ihn gespürt hat? Am Anfang kostet das sicher Überwindung, braucht etwas Mut. Aber dann bereichert es nicht nur das Leben der anderen, sondern auch das eigene. So wie mein Gespräch mit der Frau vor ein paar Tagen noch einmal eine ganz neue Dimension bekam durch ihr Bekenntnis. Am Ende hätte sogar ein gemeinsames Gebet stehen können. Schade, dass wir es nicht getan haben.

So möchte ich euch Mut machen, selbst anderen von eurem Leben mit Jesus zu erzählen. Ich bin mir sicher, dass es euer Leben unglaublich bereichern wird. Ganz nebenbei würden wir damit auch den Auftrag Jesu erfüllen: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“

Wie geht es euch mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus? Erzählt ihr anderen davon oder liegt euch das eher nicht? In den Kommentaren ist Platz für eure Erfahrungen.

Konkurrenz belebt das Geschäft

„Konkurrenz belebt das Geschäft“ – wer kennt diesen Satz nicht? Geht man auf die Suche nach der Herkunft dieses Satzes, liest man viel davon, dass es sich um ein deutsches Sprichwort handelt. Etwas Überzeugendes zu Ursprung und Herkunft aber habe ich nicht gefunden. Dennoch ist jeder überzeugt davon, dass es stimmt.

Mittlerweile hört man diesen Satz auch in kirchlichen Kreisen. Der amerikanische Soziologe Rodney Stark sagt zum Beispiel, dass Veränderungen in der Religiösität hauptsächlich durch das Angebot vorangetrieben werden. So wie wir alle an einem Buffet mehr essen als bei einem Drei-Gänge-Menü, führt auch im Bereich der Religionen mehr Angebot zu mehr Nachfrage. Dabei ist nicht die Zahl der Kirchen entscheidend sondern ihr Engagement. Auch Marlin Watling, Start, schreibt mit Rückgriff auf verschiedenste Studien, dass die Zugehörigkeit und Beteiligung an Kirche durch das Angebot gefördert wird. Und was sagt die praktische Erfahrung dazu?

Seit etwas mehr als einem Jahr bin ich in Sachen Gemeindegründung unterwegs. Viel Energie und Kraft habe ich schon investiert und so langsam entsteht etwas. Dabei zeigt sich gerade in den letzten Wochen, dass, wenn erst einmal etwas da ist, weitere Ideen und Aktivitäten immer schneller neu hinzukommen. So gesehen ist etwas dran an der Feststellung, dass das Angebot die Nachfrage steigert und umgekehrt. Doch nicht nur intern wächst das Angebot und die Nachfrage. Auch die Gemeinden im Umfeld, habe ich das Gefühl, feilen wieder mehr an ihrem Angebot. So wird es auf die Fläche gesehen für die Menschen vielfältiger. Angebot und Nachfrage sind also durchaus auch für Kirche Themen, über die es nachzudenken gilt.

Doch dann sind wir noch nicht bei jenem Sprichwort „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Als ich vor einigen Tagen bei Twitter fragte, ob dieser Satz auch für Kirche gilt, war eine der ersten Antworten „Kirche ist doch kein Geschäft!“. Das stimmt. Kirche ist kein Geschäft, auch wenn sie an vielen Stellen wirtschaftlich denken muss. Darum ging es mir auch weniger. Aber ich nehme in meinem Dienst immer wieder wahr, wie sehr Menschen aus anderen Gemeinden mein Projekt als Konkurrenz wahrnehmen bis hin zu Aussagen wie „Was ist, wenn die Menschen lieber zu dir kommen als zu uns?“ oder „Vielleicht wollen unsere Ehrenamtlichen dann lieber bei dir mitmachen als bei uns.“. So geht es dann eben doch auch um Wettbewerb und Konkurrenz. Manchmal zwingt uns wohl die Abhängigkeit von Gemeindegliederzahlen dazu. Außerdem sind wir alle Menschen und es gewohnt, in Vergleichen zu leben und zu denken. Gilt das Sprichwort also doch auch für Kirche?

Mich beschäftigt dabei besonders ein Gedanke. Wer in Konkurrenz und Wettbewerb denkt, der muss mitdenken, dass der Wettbewerb so manchen Anbieter vom Markt verdrängt, Konkurrenten pleite gehen und vom Markt verschwinden. Oft genug endet es in der Monopolstellung einzelner Anbieter. Das kann meines Erachtens bei Kirche aber nicht gewollt sein. Ziel unseres Dienstes darf nicht sein, die Menschen zu Mitgliedern einer Kirchengemeinde zu machen, sondern sie auf dem Weg zu einem mündigen Christsein zu begleiten.

Ja, ich weiß, in unserer Gesellschaft braucht es Strukturen und ohne ein Mitgliedschaftssystem geht es wohl nicht. Aber ist es da nicht eher wichtig, dass jemand überhaupt Mitglied ist, und nicht in welcher Gemeinde? In einem guten Solidarsystem sollte das doch möglich sein, oder?

Das englische Bild von der mixed economy oder das deutsche Equivalent vom deutschen Mischwald, die für neue und andere Formen von Kirche neben den bestehenden sprechen, stehen nicht für eine Verdrängung von Anbietern durch Konkurrenz und Wettbewerb, sondern für eine Ausweitung des Angebots durch gleichwertige Partner.

In diesem Sinne lasst uns das Angebot ausweiten und solidarisch zueinander stehen. Oder was denkt ihr?

Wie hältst Du´s mit der Frustration?

Es sollte ein Experiment, ein Versuch, ein erstes Angehen werden. Die Idee dazu entstand irgendwann im November des vergangenen Jahres. Da huschte ein Hashtag durch die sozialen Medien – #hundert5 – verbunden mit der Frage und der Idee, dass sich hundert Pionierinnen und Pioniere einen Abend lang, fünf Stunden, treffen, sich kennenlernen, austauschen, inspirieren. Ich war von Anfang an von der Idee begeistert. Geworden ist daraus das Missionale Atelier am Vorabend der diesjährigen Missionale in Köln. Mein Terminkalender gab mir frei und ich konnte fahren.

Zwar waren es nicht hundert Pioniere, doch ungefähr fünfzig trafen sich im Solution Center, einer Büroetage für Coworking, mit Sesseln und Sofas, Küche und Kaffeeecke wunderbar eingerichtet. Die meisten kannten sich schon – einige persönlich, viele aus den Sozialen Medien, wo man sich gegenseitig folgte, voneinander oder den jeweiligen Projekten las. So entstanden binnen weniger Minuten angeregte Gespräche. Es wurde von den eigenen Vorhaben berichtet, Fragen gestellt, Ideen getauscht und reflektiert. Endlich gab es dafür genügend Raum und Zeit. Wieviele Ideen an diesem Abend noch entstanden sind, werden vielleicht erst die nächsten Wochen zeigen. Doch für mich war Energie und Kreativität im Raum. Allein dafür hat sich die lange Fahrt gelohnt.

Mein persönliches Highlight aber war der Eingangsimpuls von Frank Berzbach. Durch sein Buch „Die Kunst ein kreatives Leben zu führen“ war ich einst auf ihn aufmerksam geworden. Ihn nun real erleben zu dürfen, bereicherte meinen Abend. Unter der Leitfrage „Wie hältst Du’s mit der Frustration?“ bzw. dem Thema „Kreativität und Frustration“ ließ er seine Hörer an seinen Gedanken teilhaben. Die begannen mit dem Satz „Wer kreativ ist, ist automatisch mit Frustration konfrontiert.“. Dabei sind wir alle kreativ, nur mit der Realisierung hapert es oft. Anschließend stellte Berzbach die zwei Seiten der Frustration vor, berichtete von den Fallstricken, die eine Organisation den Kreativen stellt, allein dadurch dass sie Organisation ist. So muss der Kreative Nischen finden, in denen Innovation möglich ist, eine Art zufriedener Außenseiter werden, der Bremser und Bedenkenträger ignoriert ohne für berechtigte Kritik blind zu werden. Dabei ist die Einsamkeit die größte Ressource der Kreativität.

Mit diesen Worten hat Frank Berzbach mir viel zum Nachdenken mitgegeben. Bei weitem nicht alle Gedanken waren an diesem Abend schon abgeschlossen. Kreativität, Einsamkeit, Außenseitertum – Begriffe, die mich in meiner derzeitigen Situation ansprechen. Es von jemand anderem zu hören, war wie eine Erlaubnis es zu leben. Das trägt noch einmal andere Aspekte in mein Tun. Dazu trat ein weiterer Gedanke Frank Berzbachs: Wer mit Humor über die Fallstricke der Organisation balanciert, kommt nicht so oft zu Fall. Humor entwaffnet, wie Joseph Beys einmal sagte. Er hilft, eine Art „selektiven Größenwahn“ zu leben, in dem man unterscheidet, was man ändern kann und was nicht, um die eigene Energie zu erhalten. Denn ohne Energie gibt es keine Kreativität.

Diese Energie war im Anschluss im Raum zu greifen. Die Coaching Zone mit Bob und Mary Hopkins bereicherte die Gespräche noch um weitere inspirierende Gedanken. Von Frustration war für mich in diesen Stunden wenig zu spüren. Da galt wohl jener Satz, der im geistlichen Abschluss fiel: „Gottes Antwort auf Frustration ist Geist.“

Experiment geglückt. Der Abend war mehr als gewinnbringend und ich wünschte mir, es gäbe mehr dieser Ateliers, in denen Energie und Kreativität frei gesetzt werden und Neues entsteht. Mich zumindest lassen die Gedanken dieses Ateliers noch nicht los und ich werde sicher an so manchem weiter denken.

Übrigens: einige der besten Zitate schwirren in den Sozialen Medien unter dem Hashtag #missionale18 rum.