Kategorie: Allgemein

Mit anderen Augen…

Sechs Tage war ich mit meinen Kindern in London unterwegs. Die klassischen Sehenswürdigkeiten haben wir angeschaut und einiges, was für Kinder besonders interessant ist wie den Diana Memorial Playground. In diesen Tagen habe ich London mit anderen Augen gesehen, mit den Augen meiner Kinder.

Sie wachsen sehr behütet auf in einem neuen Stadtteil einer norddeutschen Kleinstadt. In den Straßen der englischen Metropole erblickten sie vieles, was sie bis dato noch nicht kannten, mir aber so selbstverständlich erschien. Dazu gehörten vor allem die vielen Menschen ohne Wohnung, die in Zelten, Hauseingängen oder direkt auf der Straße schliefen. Meine Kinder machten mich immer wieder auf sie aufmerksam und fragten, warum sie mitten am Tag schliefen, warum sie keine richtige und saubere Kleidung tragen, warum sie keine Wohnung haben, warum sie soviel Alkohol trinken, warum niemand ihnen hilft. Meine Kinder konnten nicht einfach daran vorbeischauen, sie nicht aus ihrem Blick ausblenden, wie ich es immer wieder tue. Die Frage, die mich am meisten bewegte, war: warum gibt es das bei uns und warum machen wir nichts dagegen?

Die Fragen meiner Kinder lassen mich nicht los. Ich versuche, Kirche mit den Menschen meines Stadtteils zu gestalten. Es entstehen Formate und Veranstaltungen, die uns gut tun, die unseren Glauben wecken oder auch wachsen lassen. Unsere Gemeinschaft wächst und wir genießen es sehr. Aber ist es das, was wir, was unsere Welt wirklich braucht? Ist das Ziel wirklich, neue Gemeinden entstehen zu lassen? Oder sind wir berufen, diese Welt menschlicher bzw. nach dem Willen Gottes zu gestalten? Müssten wir dann nicht hinaus auf die Straßen gehen und den Menschen dort ganz konkret helfen? Bei den Ärmsten und Verachtetsten anfangen und nicht eher aufhören, bevor sie alle ein für sie gutes Leben führen? Weniger an uns, an ordentliche und gepflegte Kirchen denken als an die Menschen in unserer Nachbarschaft, auf unseren Straßen?

Vermutlich werden jetzt viele sagen, man kann das eine tun ohne das andere zu lassen. Das stimmt sicher auch zum Teil, denn immerhin gibt es neben den etablierten Gemeinden auch viele Projekte und Einrichtungen, die sich für die Ärmsten einsetzen. Und doch habe ich das Gefühl, wir haben uns viel zu sehr an den Anblick der Obdachlosen auf der Straße gewöhnt, sehen sie eher als ein Ärgernis, als dass wir ihre Geschichte und ihre Not kennen wollten. Wenn wir an ihnen vorbei gehen, blenden wir sie aus unserem Blick aus.

Meine Kinder sind noch nicht daran gewöhnt, etwas auszublenden. Sie nehmen alles noch so wahr, wie sie es sehen und stellen ihre Fragen dazu. Sie haben mich in den wenigen Tagen in London gelehrt, die Straßen der Metropole mit ihren Augen zu sehen. Dabei fiel mir Jesu Wort ein „wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“. Vielleicht sollten wir wieder mehr mit ihrem Blick durch unsere Straßen gehen…

Gartenzwerggedanken

Ich hab den Gartenzwerg in London gefunden. Auch wenn er schon etwas in die Jahre gekommen ist, steht er in der Nähe des Columbia Road Flower Markets doch goldrichtig. Wenn ich hier so durch die Straßen wandere, denke ich viel über Kultur und Tradition nach. Da musste das Bild vom Gartenzwerg einfach mit, ist er doch oft ein Symbol für eine bestimmte Kultur in Deutschland. Hier stand er in einem angesagten Hinterhof mit Mode, Kunst und Coffeeshop. Wie gegensätzlich das doch ist…

Und dann laufe ich an alten, fast baufälligen Kirchen vorbei und mir schallt fröhliche Musik entgegen und an der Tür werde ich freundlich eingeladen hineinzukommen. Dabei kommen mir Gedanken an Kirchen in Deutschland, gut ausgestattet, sehr gut gepflegt, aufgeräumt und der Begrüßungsdienst gut geschult. Aber das Leben fehlt.

Selbstverständlich weiß ich, dass diese Beschreibung klischeehaft ist, dass es auch in Deutschland und England andere Kirchen und Gemeinden gibt. Aber es erinnert mich an einen Satz, den ich vor ca. zehn Jahren einmal in England gehört habe: „In Deutschland sind eure Kirchen noch zu reich. Es besteht gar keine Notwendigkeit, dass ihr handelt und über andere Wege nachdenkt.“ In diesen Worten und in den Begegnungen in England und in Deutschland liegen für mich alte Weisheiten und Mutmachendes dicht beieinander. Zum einen bringen gut sanierte und gepflegte Kirchen nicht mehr Menschen in die Kirche, auch wenn ich mich freue, dass Kirchen und Gemeinden diese Arbeit noch immer leisten können. Zum anderen zeigt es, dass auch ohne viel Geld Großartiges entstehen und wachsen kann. Auch in Zeiten sinkender Finanzen können Gemeinden wachsen oder sogar entstehen. Das ist so ein bisschen wie mit dem Gartenzwerg. Er zählt nicht zu den schönsten, ist nicht gerade groß und doch mehr oder weniger weltberühmt, was mit der Liebe und Hingabe einiger Menschen an dieses Gartenaccessoire zu tun hat.

Liebe und Hingabe – es ist die Haltung, die etwas verändert. Sicher, innovative Projekte und Veranstaltungen rufen sehr viel Aufmerksamkeit hervor. So manch eine*r mag dabei denken: „So kreativ oder innovativ bin ich nicht!“ Doch das ist nicht das Entscheidende. Es ist die Haltung gegenüber den Menschen. Was sie auszeichnet? Liebe und Hingabe zu Christus und den Menschen. Bereitschaft, das Leben der Menschen mit ihnen zu teilen, von ihnen zu lernen. Offenheit, zu entdecken, wo Gott längst bei den Menschen am Werk ist. Manchmal möchte ich es einfach mit einem Satz zusammen fassen: geht mit offenen Augen und mit Liebe im Herzen durch die Welt!

Ein Jahr…

Ein Jahr PastriXs MittwochsGedanken liegt hinter mir. Ein Jahr ein Bild und ein kurzer Gedanke am Mittwoch Morgen. Ein Jahr immer wieder etwas Neues finden und formulieren.

Entstanden sind die MittwochsGedanken, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, der Blog braucht auch eine spirituelle Dimension. Etwas, was noch einmal in anderer Form dazu anregt nachzudenken, Gott im Alltag zu finden. Dabei stand für mich gleich fest, dass das kein regelmäßiger Blogbeitrag sein könnte. Kurz, prägnant, in einer kleinen Pause lesbar und unterwegs verfügbar sollte es sein. Ich dachte darüber nach, was ich gerne hätte, was in meinen Alltag passen würde. Immer dabei ist das Handy und damit ein Nachrichtendienst. Wenn es pingt, dann weiß ich, es ist etwas für mich angekommen, denn diesen Benachrichtigungston hat nur dieser Nachrichtendienst. Dann ist es keine Werbung, keine andere Social Media App mit mehr oder weniger wichtigen Informationen. Dann ist es wirklich für mich. Da wollte ich hin mit meinen Gedanken. So waren PastriXs MittwochsGedanken geboren.

Seit einem Jahr gibt es Menschen, die sie lesen. Dem Medium geschuldet kenne ich die meisten nicht. Klar, ein paar Freunde und Verwandte lesen mit. Aber von den meisten kenne ich nur die Telefonnummer, mit der sie sich angemeldet haben. Wenn ich dann irgendwo mit Menschen über Gott und die Welt rede, frage ich mich manchmal: „Bekommt er oder sie vielleicht die MittwochsGedanken?“ Manchmal verrät sich jemand, indem sie von einem der Bilder erzählt. Manchmal sagt auch jemand zu mir: „Ich lese ja Mittwoch von dir.“ Dann bin ich oft überrascht und manchmal auch perplex und oft leider nicht spontan genug zu fragen, was eigentlich an den MittwochsGedanken gefällt und was nicht und was vielleicht anders sein könnte. Aber ich freue mich, dass jemand auf die Gedanken wartet und sie anscheinend gerne liest. So ist es mir übrigens letzte Woche gerade wieder ergangen. Dann hoffe und bete ich, dass Gott durch die nächsten MittwochsGedanken wieder wirkt. Und ich fange an zu überlegen, welches Bild es wohl werden könnte und was ich dazu schreiben möchte.

Doch am Ende werde ich mir wieder dessen bewusst, dass ich mir zwar lange Gedanken über meine Worte machen kann. Der, der durch sie wirkt, aber ist ein anderer. Und über ihn kann ich nicht verfügen und das ist gut so. So bleibt immer die Chance, dass er auch durch die holprigen, weniger gut gewählten Worte Großartiges wirken kann. Gott sei Dank!

Wie ist es bei dir? Hast du schon mal erlebt, dass Gott durch dich gewirkt hat, auch wenn du von deinem Reden und Tun gar nicht begeistert warst? Oder wo hast du ein solches Wirken schon einmal bei anderen erlebt?

PS: PastriXs MittwochsGedanken freuen sich immer über neue Leser. Melde dich doch einfach an. Wie? Das erfährst du am Ende der Seite in der mobilen Version oder in der rechten Spalte der Desktop-Version.

Was zählt?!

Woran misst sich der Erfolg einer Fresh Expression? Sind es die Zahlen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer? Wenn es nach der Vorstellung mancher geht, sind genau das die entscheidenden Kriterien. Doch wie soll eine Fresh Expression die Mitgliedszahlen einer etablierten Kirchengemeinde erreichen, wenn es noch nicht einmal eine offizielle Erfassung der Teilnehmer gibt – die meines Erachtens auch nicht Ziel und Zweck sein kann. Oder bemisst sich der Erfolg an den Zahlen der Teilnehmenden an den einzelnen Angeboten und lohnt es sich, für drei oder vier schon aktiv zu werden? Zum einen ist aller Anfang schwer und auch Jesus hat sich mit einer kleinen Zahl Jünger auf den Weg gemacht. Zum anderen ist so manche Veranstaltung in einer etablierten Gemeinde nicht besser besucht und wird dennoch angeboten.

Ich halte nicht viel von dieser Zahlenklauberei und weiß dennoch, dass sie vielleicht das einzige Mittel ist, nach dem sich Erfolg bemessen lässt. Letzterer ist aber notwendig, wenn es dauerhaft weitergehen soll und Finanzmittel bewilligt und zugewiesen werden sollen. Dennoch sind es andere Momente, die mich glauben lassen, dass gewollt ist, was geschieht. Das klingt kryptisch. Doch ein kleiner Einblick in „meine“ Fresh Expression macht vielleicht deutlich, was mich bewegt:

Die letzten Tage schien irgendwie alles schief zu gehen. Seit Tagen schon streikt die Heizung bei uns im TrafoHaus. Heute morgen lief uns dann auch noch das Wasser aus dem Kühlfach des Kühlschranks entgegen. Irgendwann letzte Nacht hat er seinen Dienst quittiert.
Was nun? Eigentlich sollte heute AbenteuerZeit sein – der Nachmittag für Kleine und Große mit viel Spiel und Spaß, Andacht und gemeinsamen Abendessen. Im kalten TrafoHaus heute unmöglich. Doch was sollen wir tun?

Irgendwann dann die Idee: wir versuchen es im RaumZeit-Laden. Ja, der ist von der Größe, der Ausstattung und der Beschaffenheit nicht optimal. Wir werden nicht alle Kreativangebote durchführen können. Es wird eng und laut werden. Doch wie schrieb eine Mutter: „Wenn wir AbenteuerZeit ausfallen lassen, haben wir hier Drama!“ Nicht nur für ihre Tochter ist AbenteuerZeit mittlerweile fester Bestandteil des Lebens. Sobald der neue Flyer erscheint, wissen alle, es geht wieder los. Also gingen wir heute Nachmittag das Wagnis ein.
Und dann zeigte sich: gerade die schwierigsten Situationen können zum Segen werden. Auf kleinstem Raum feierten wir AbenteuerZeit, dankten Gott, für alles, was er uns mit seiner Schöpfung geschenkt hat. In diesen Stunden war es besonders unsere Gemeinschaft, dass die Erwachsenen sich untereinander austauschen, die Kinder miteinander spielen konnten. Jede und jeder ist so willkommen, wie es ihn gerade zu uns hereinträgt. Das gemeinsame Essen ist da dann noch der krönende Abschluss und das Aufräumen im Anschluss für alle eine Selbstverständlichkeit.

Ja, es war wuselig und wesentlich lauter als sonst. Aber schon wenige Minuten nach Schluss werden per Nachrichtendienst die ersten Fotos und Nachrichten ausgetauscht. Alle sind sich einig: gut, dass wir es nicht ausfallen lassen haben. Es war ein wunderschöner Nachmittag.

Mitten in diesem so wuseligen, chaotischen Nachmittag war Gott da. Die Größe des Raumes, die Vielfalt der Angebote, die Zahl der Teilnehmenden war nicht von Bedeutung. Das, was zählte, war unsere Gemeinschaft und die Gemeinschaft mit Gott. So fühle ich mich heute Abend einfach nur gesegnet und kann die nächste AbenteuerZeit kaum erwarten. Hoffentlich dann aber wieder im TrafoHaus.

Wie wichtig sind dir die Zahlen oder woran bemisst du den Erfolg einer Gemeinde?

Lerne gehen, nicht laufen

Diesen Satz bekommt ein junger amerikanischer Pastor mit auf den Weg, als er im schottischen Hochland seinen Dienst antritt. Goldspeed heißt der Kurzfilm, in dem er und einige seiner Wegbegleiter von den Erfahrungen berichten, die er nach diesem Auftrag macht. Was heißt es zu gehen statt zu laufen? Was heißt das besonders in einer Welt, in der scheinbar alles auf maximale Geschwindigkeit ausgerichtet ist? Die Menschen in der Einsamkeit Schottlands lehren es ihn, dort, wo jeder Hof einen Namen hat und jeder die Geschichte des anderen kennt.

Es geht um Beziehungen und Begegnungen. Ein Büro hat der Pastor nicht. Dafür ist er auf der Straße unterwegs. Dort lernt er gehen, nicht laufen. Gehen, bei dem man wahrnimmt, gehen, bei dem man nicht auf ein bestimmtes Ziel drauf losläuft. Gehen, das zunächst einmal zweckfrei ist. Durch den Blick eines Schotten, der viel in der Natur unterwegs ist, lernt er die Wege zu begreifen, die Jesus ging. Anhand einer Landkarte in der Bibel und den Erfahrungen in Schottland werden Entfernungen und Geschwindigkeit begreifbar. Gottes Geschwindigkeit (godspeed) sind nicht die 6 km/h, mit denen wir zielstrebig auf etwas zulaufen. Es sind 3 km/h, die den Blick auf die Umgebung ermöglichen. Gehen, nicht laufen eben.

Auf diese Weise lernt der Pastor die Menschen und ihre Geschichten kennen. Er lernt ihre Sprache und Bilder und kann ihnen so vom Evangelium erzählen. Es entsteht eine Gemeinschaft, die sich nicht auf den Sonntagmorgen begrenzt, sondern alltagstauglich ist.

Doch was im schottischen Hochland so gut funktionierte, ist in der hektischen Welt der amerikanischen Stadt schon schwieriger. Dort geht niemand zu Fuß und klopft einfach an fremde Türen. Dort kennt nicht jeder die Geschichte des anderen. Dort ist eine Nachbarschaft nicht unbedingt eine Gemeinschaft. Das muss der Pastor erfahren, als er nach Jahren in seine Heimat zurückkehrt. Und doch sprechen auch dort die Menschen von ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft und gesehen werden. Deshalb will es der Pastor versuchen. Will auch dort gehen statt laufen.

Eine halbe Stunde Dokumentarfilm, die auch für die Kirchen in Deutschland eine Botschaft hat. Alltagstauglich sein, die Menschen und ihre Geschichten kennen, in Beziehungen oder Gemeinschaft mit ihnen leben sind meines Erachtens auch bei uns die Momente, in denen das Evangelium lebendig werden kann. Also lernt gehen, nicht laufen!

Übrigens: das englische Wort godspeed ist auch ein Segenswunsch, der einen positiven Ausgang der Vorhaben wünscht, besonders zu Beginn einer langen und gefährlichen Reise. In diesem Sinne wünsche ich der Kirche und euch: godspeed!

PS: Wer den Film selbst sehen möchte, findet ihn hier: godspeed

Weihnachten – aber wie?!

„Was macht ihr denn Weihnachten?“ In diesen Tagen begegnet mir diese Frage mehrfach am Tag. Für immer mehr meiner Gesprächspartner gehört der Gottesdienstbesuch nicht mehr selbstverständlich zum Festtagsprogramm dazu. Liegt es an einer schwindenden Frömmigkeit oder was sind die Gründe?

Heute morgen hatte ich in dem Café, in dem ich einmal die Woche sitze, mal wieder so ein Gespräch. Eigentlich ging es um betriebliche Weihnachtsfeiern und was dazugehört. Während eine Wichteln toll findet, empfindet die andere es als zusätzlichen Stress. Ich meinte scherzhaft, ob sie schon mal von Weihnachtscrashern gehört habe. Nach einer Diskussion darüber, ob man etwas crashen darf oder nicht, erzählte ich, dass ich manchmal den Impuls habe, traditionelle Weihnachtsgottesdienste zu crashen. Mein Motiv? Der geilste Geburtstag der Welt hat doch eigentlich die coolste Party der Welt verdient, oder? Mit diesem Satz hatte ich etwas ausgelöst. Sofort sprudelte es aus einer heraus: „Ja, so richtig fetzig mit Gospel und so!“ Eine andere meinte: „Und was zu trinken gibt’s auch!“ Und eine dritte sagte: „Wenn du das machst, dann komme ich auch.“

Es ist wohl nicht nur die nachlassende Frömmigkeit, die immer mehr Menschen Weihnachten ohne Gottesdienstbesuch feiern lässt. Auch unsere traditionellen, oft sehr besinnlichen und ernsten Formate an den Festtagen sind längst nicht mehr für jede und jeden passend. Ich frage mich, wie viele Menschen vielleicht nur noch in den Gottesdiensten an Heiligabend sitzen, weil sie die Familie nicht enttäuschen wollen oder sich einer Tradition verpflichtet fühlen, mit deren Form sie nichts mehr anzufangen wissen.

Ich erlebe, dass gerade zu Weihnachten Menschen noch über Kirche nachdenken – mehr als zu anderen Zeiten des Jahres. Müsste die Kirche dann nicht auch in dieser Zeit noch mehr über die Menschen in ihrer Nachbarschaft nachdenken und sie zumindest fragen, wie sie den Geburtstag desjenigen feiern wollen, der mit jedem einzelnen von ihnen feiern will? Stattdessen feiern wir ungefragt nach Abläufen und mit Liedern, die zahlreiche Menschen nicht mehr nachvollziehen oder singen können, die gerne mit uns den Geburtstag Jesu feiern würden.

Es täte unserer Gottesdienstlandschaft gut, neben den besinnlichen und traditionellen Angeboten mit den Menschen danach zu suchen und zu fragen, wie sie den geilsten Geburtstag der Welt feiern wollen. Weihnachten- aber wie? Ich habe mir vorgenommen, diese Frage im nächsten Jahr zu stellen und Weihnachten mit den Menschen so zu feiern, wie sie es sich vorstellen. Mein ganz persönliches Weihnachtsgeschenk für dieses Jahr habe ich dafür heute gleich mitbekommen. Eine fragte zum Abschluss unseres Gesprächs: „Wo bist du denn Heiligabend in der Kirche?“ Ich sagte ihr wo und sagte auch, dass es ein traditioneller Gottesdienst sei. „Aber du bist nicht so ernst, sondern ganz locker. Und deshalb komme ich vielleicht. Eigentlich gehen wir ja nicht in die Kirche.“ Das ist Weihnachten für mich – aber wie!

Berührt

Totensonntag oder Ewigkeitssonntag – oft stolpere ich in diesen Tag einfach hinein. In den Tagen davor ist so viel anderes los. So viel will schon für die Adventszeit, Weihnachten, sogar das neue Jahr bedacht werden.

Und dann ist er plötzlich da. Manchmal, wenn ich keinen Gottesdienst habe, merke ich es erst gegen Mittag oder Abend. Die Gräber der Menschen, die mir fehlen, sind weit weg. Dort fahre ich an diesem Tag selten hin, um Blumen abzulegen und Kerzen anzuzünden. Dann rauscht dieser Tag an mir vorüber. Dann lese und sehe ich zwar in den sozialen Medien Bilder und Texte zum Tag. Doch es sind nicht meine Toten, für die diese Kerzen brennen. Es bewegt mich, ich fühle mit, doch es wirft mich nicht aus der Bahn.

Bis heute morgen war es in diesem Jahr nicht anders. Das Wochenende habe ich mit tollen Menschen in einem Ferienhaus an der See verbracht. Wir haben gelacht, gelebt. Der Tod war zwar Thema, aber nicht so, dass er uns tief getroffen hätte. Heute morgen im Zug aber trifft er mich tief. Wie immer lese ich in den sozialen Medien. Bei Twitter erreicht mich die Nachricht, dass gestern Abend ein Mensch gestorben ist, den ich eigentlich gar nicht kannte. Doch ich bin ihr gefolgt. Seit einigen Wochen schon. Ich war eine von vielen und sie hat uns mitgenommen auf die Intensivstation, ins Hospiz und in ihre Gedanken. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht morgens schon geschaut hätte, ob sie gewittert hat. Es war so unglaublich berührend, wie sie in wenigen Worten zum Ausdruck brachte, was sie bewegt, berührt. Bis zuletzt waren da Träume, Wünsche, Hoffnungen. Ich spürte aber auch ihre Traurigkeit, vielleicht auch Verzweiflung. Und ich hatte Angst vor dem Moment, da irgendjemand schreiben würde, dass sie den letzten Weg gegangen ist.

Gestern Abend ist es geschehen, am Abend des Ewigkeitssonntags, der in diesem Jahr mehr an mir vorbei rauschte als alles andere. Heute morgen im Zug las ich die Nachricht. Ihr Bruder hat sie geschrieben. In ihrem Namen. Sie traf mich tief. Die Tränen flossen und ich schämte mich ihrer nicht. Nur für wenige Wochen gehörten die Worte dieser jungen Frau zu meinem Leben. Aber sie werden immer einen Nachhall in meinem Leben haben. Sie haben mich berührt. Immer und immer wieder. Ich bin unendlich dankbar dafür.

In der Bahn lese ich noch einmal ihre Worte und die Tweets der vielen Menschen, die sie berührt hat wie mich. Immer mehr schreiben von ihrer Trauer über ihren Tod, wünschen der Familie Kraft und Segen. Ich schreibe diese Worte, um meine Trauer in Worte zu fassen, sie zu fassen zu bekommen. Dabei habe ich die junge Frau gar nicht persönlich gekannt, nur ihre Worte im Netz.

Heute morgen ist es für mich kaum greifbarer als in ihrem Leben und Sterben und der Anteilnahme der vielen anderen, was Netzgemeinde bedeutet. Dass sie nicht anonym, künstlich ist. Sie ist zutiefst menschlich. Sie hat mich berührt. Spuren in meinem Leben hinterlassen. Mir bleibt nur ein Wort: Danke!

Gedanken zum Gedenktag

Heute ist der 9. November. Schon seit der Schule bewegt mich dieser Tag. Näher gebracht hat ihn mir mein Geschichtslehrer, der übrigens auch an diesem Tag Geburtstag hat. Aus der Ferne gratuliere ich ihm in Gedanken. Vielleicht konnte er deshalb mit soviel Leidenschaft, mit soviel menschlicher Nähe von den Ereignissen dieses Tages berichten. Egal, ob es das Ende des Ersten Weltkriegs war, die Reichsprogromnacht oder der Fall der Mauer, den wir alle gerade erst miterlebt hatten. Mein Geschichtslehrer nannte nicht einfach die Daten und Fakten. Er erzählte die Geschichten von Menschen an diesen Tagen. Das brachte mir und meinen Mitschülern diese Ereignisse um soviel näher als die Buchstaben in unseren Geschichtsbüchern. Die Synagoge unserer Heimatstadt entging z.B. nur deshalb der totalen Zerstörung, da der Brandmeister vor Ort Angst um sein eigenes Haus hatte, das in der Nähe stand. In einer Fachwerkstatt brennt eben alles ein wenig schneller.

In diesem Jahr verbringe ich den 9. November in den Mauern der Altstadt von Jerusalem. Es ist ein Freitag. Die Sicherheitsvorkehrungen sind höher als in den letzten Tagen. Es sind spürbar mehr Soldaten und Polizisten in der Stadt. Die Straßen zum Tempelberg sind voller als gestern oder vorgestern. Das liegt nicht nur an den Touristen in der Stadt, die heute schon früh unterwegs sind, denn das Wetter ist nach erstem Herbstregen wieder gut. Es sind vor allem Gläubige in den Straßen. Sie hasten die David Street hinunter oder gehen durchs Damaskustor in die Stadt. Kurz vor dem Tempelberg teilen sich die Gruppen, die eben noch dicht beieinander gingen. Die einen gehen rechts Richtung Sicherheitskontrollen, um an die Westmauer zu gelangen. Die anderen gehen links, um durch einen der sechs Eingänge auf den Berg zu gelangen, die nur Muslimen vorbehalten sind. Von einer Aussichtsplattform dem heiligen Berg gegenüber beobachte ich das Treiben. Während unten jüdische Männer und Frauen an der Mauer beten und Touristengruppen davor stehen und sie beobachten, schallt im Hintergrund das Gebet der Muslime über die Stadt. Man sieht sie nicht, aber es müssen viele sein. Der Tempelberg ist freitags und samstags für alle Nicht-Muslime geschlossen.

Und dann ist da in diesem Treiben noch die eine Gruppe, die diesen Menschenströmen entgegengeht. Besonders freitags ziehen gläubige Christen mit mannshohen Kreuzen durch die Stadt. Sie vollziehen den Kreuzweg Jesu nach und dieser folgt so gar nicht den Wegen der gläubigen Muslime und Juden. Dieser Weg führt vom Tempel weg; immer wieder die Wege der Juden und Muslime kreuzend wird es eng in den Straßen der Stadt. Während Muslime und Juden am und auf dem Tempelberg beten, tragen die Kreuze den Gesang der Gläubigen in die Straßen der Stadt. immer wieder gegen den Strom, weg vom Allerheiligsten. Schon damals trieb man Jesus hinaus aus der Stadt, weg von dem, was heilig war, in die Abgründe, die tiefsten Tiefen der Menschen.

Ich schaue dem Treiben zu und lasse mich selbst durch die Straßen der Altstadt treiben. In Gedanken bin ich beim 9. November, dem Tag, der so oft zwischen totaler Zerstörung, Angst, Gewalt, Hoffnung, Freude und Frieden schillert. Egal ob man heute des Kriegsendes vor einhundert Jahren, der Novemberpogrome vor 80 Jahren oder dem Fall der Mauer vor 29 Jahren gedenkt. Keines dieser Daten ist mehr ohne die anderen denkbar. Wer der Ermordung der Juden gedenkt, muss auch von der Hoffnung reden, die 1989 aufkeimte, von den Veränderungen im Land und der Erkenntnis, dass gerade in diesen Tagen wieder unglaubliche Dinge gegen Juden und Muslime und Menschen anderer Herkunft verbreitet werden. Wer das Ende des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren feiert, muss auch daran erinnern, dass Frieden äußerst zerbrechlich ist, und schon zwanzig Jahre später wieder aufgekündigt wurde. Es gibt nicht nur die eine oder die andere Seite, es gibt nicht nur schwarz und weiß, die Guten und die Bösen.

Hier in Jerusalem bewegen mich diese Gedanken noch einmal mehr als zuhause. Wie oft reden wir davon, dass wir Christen zu den Menschen in die Straßen gehen, ihnen zuhören wollen. Vielleicht wollen wir sogar Gedanken des Friedens in die Straßen dieser und vieler anderer Städte bringen. Zumindest höre ich Christen oft davon reden. Und manchmal hinterlassen ihre Prozessionen durch die Straßen der Stadt, die innig betenden Menschen auch diesen Eindruck bei mir. Ich spüre, sie beeindrucken mich, wenn sie in ärmsten Kirchen und Kapellen singen und beten. Hoffnung keimt ihn mir auf. Liegt hierin die Kraft, die Welt zu verändern? Doch dann komme ich in die Grabeskirche, werde in der Schlange vor dem Grab geschubst und gestoßen und aus der Grabkammer rüde wieder herausgezerrt, weil ein Aufpasser meint, ich dürfe mich dort nicht zu lange aufhalten. Nur Minuten später erlebe ich, wie Priester und Mönche verschiedener Denominationen sich anschreien und beschimpfen, sogar mit Kerzenleuchtern nach einander schlagen. Nein, auch hier gibt es viel grau und schwarz.

Am Frieden müssen wir eben alle zusammen jeden Tag neu hart arbeiten, egal welcher Religion und Denomination wir angehören. Frieden gibt es nicht geschenkt, nicht auf dem Silbertablett serviert. Frieden ist kein Automatismus, wenn man nur den richtigen Knopf drückt oder den richtigen Glauben hat. Frieden muss immer wieder neu gewagt werden. Das fängt schon im Kleinen in unserer Nachbarschaft an. Insofern hoffe ich, dass Tage wie dieser helfen, uns daran immer und immer wieder zu erinnern und nicht aufzugeben. „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jer 29,11)

Ein neuer Streit?

Heute ist Reformationstag, in vielen Bundesländern seit diesem Jahr ein neuer gesetzlicher Feiertag. Gleichzeitig breitet sich das Feiern von Halloween an diesem Tag immer weiter aus. In zahlreichen Zeitungen und Beiträgen in den Sozialen Medien sind Statements dazu zu lesen, was man an diesem Tag zu feiern. Viele von ihnen wirken unnachgiebig, radikal. Ein Streit, der sich durch Nachbarschaften zieht, scheint vorprogrammiert. Leidtragende werden wohl vor allem die Kinder sein. Dürfen sie zu Halloween verkleidet von Haus zu Haus ziehen oder feiert ihre Familie den Reformationstag mit einem Gottesdienstbesuch? Ich frage mich: Geht nicht auch beides? Wie ich auf diese Frage komme, will ich erklären.

In der Gegend, aus der ich komme, bin ich mit einem Brauch aufgewachsen, der nannte sich „Matten Herrn“. Am Abend des 10. Novembers zogen wir Kinder verkleidet von Haus zu Haus, sangen Lieder und sammelten damit Süßigkeiten ein. Wer nicht öffnete, musste damit rechnen, dass wir manchmal minutenlang Sturm klingelten. Dieser Brauch ist alt und hat weit vor der Reformation seine ersten Ursprünge. Traditionell war der 10. November der Tag, an dem die Adligen und Bauern ihre Landarbeiter in den Winter verließen. Daher zogen ihre Kinder am Abend dieses Tages mit Laternen von Haus zu Haus, um Gaben zu erbetteln, die ihren Familien halfen, den Winter zu überstehen. Später wandelte sich der Brauch dahin, dass es immer mehr symbolische Gaben wurden, die die Kinder erhielten. Auch die Deutung hin auf Martin Luther, dessen Geburtstag der 10. November war, kam hinzu. Zum dreihundertsten Reformationsjubiläums wurde festgelegt, dass von nun an in Abgrenzung zum Martinssingen der katholischen Kirche am 11. November, Martin Luther am Vorabend, also am 10. November, als Lichtfreund und Glaubensmann gefeiert wurde. Auch hier schien ein ewiger Streit vorprogrammiert.

Doch was machten wir Kinder daraus? Wir zogen am 10. November von Haus zu Haus, verkleidet, mit Laternen, auf denen durchaus auch Sankt Martin beim Teilen des Mantels zu sehen war. Wir sangen Lieder, die gar keinen religiösen Bezug hatten, sondern das Schenken der Süßigkeiten zum Inhalt. Wir sangen aber auch von Martin Luther und Sankt Martin. Meistens hing es davon ab, welche Lieder wir am besten konnten und auf welche wir schon keine Lust mehr hatten, da wir sie bereits zu oft gesungen hatten. An diesem Abend zählte nicht, ob wir evangelisch oder katholisch waren. Entscheidend war, wo es die besten Süßigkeiten gab. Und doch hat sich bei mir durch die Beschäftigung mit diesem Tag, das Warten, wann wir endlich wieder los durften, es endlich dunkel genug sein würde, sowohl der Geburtstag Martin Luthers als auch die Erzählung von Sankt Martin eingebrannt.

So frage ich mich, ob das nicht auch im Streit zwischen Reformationstag und Halloween möglich ist? Können wir nicht am Tag gemeinsam von der Reformation hören, die unsere westliche Welt vor fünfhundert Jahren so einschneidend verändert hat, und am Abend den Vorabend von Allerheiligen gemeinsam begehen, denn der Verstorbenen gedenken wir doch alle, ob es nun besonders heilige Menschen oder unsere nächsten Verwandten waren. Ja, ich weiß auch um die Herleitung aus heidnischen keltischen Bräuchen. Doch die meisten unserer Feiertage sind terminlich mit solchen vorchristlichen Festen verbunden. Prominentestes Beispiel ist das Weihnachtsfest.

Während der einzelnen Feiern werden die historischen Hintergründe selten Thema sein, doch wenn die Feiern helfen, sich in der Vorbereitung darauf mit den Anlässen zu beschäftigen, so wie ich es damals mit Martin Luther und Sankt Martin anlässlich Matten Herrns tat, so kann es doch nur helfen, in christlicher Verbundenheit gemeinsam die jeweiligen Feste zu begehen.

Auch wenn Reformationstag und Halloween mittlerweile prominenter sind, so gibt es den Brauch von Matten Herrn noch heute. In diesem Jahr dürfen meine Kinder das erste Mal bei den Großeltern diesen Tag begehen. Und ich hoffe, dass auch sie beides lernen: den Geburtstag Martin Luthers und die Erzählung von Sankt Martin. Die Lieder üben sie schon fleißig.

 

Ach ja: auch im letzten Jahr bewegte mich die Frage von Reformationstag und Halloween schon. Wenn du noch einmal nachlesen willst, findest du den Beitrag hier: http://kirchgezeiten.de/zwischen-geist-und-geistern

Schenkt uns Freiraum!

Pionierwochenende in Essen – wir verbringen einen Tag im Unperfekthaus. Letzten Freitag in Stade – ein Abend zur Zukunft der Kirche. Im Gespräch dabei ein Mitbegründer des CFK-Valleys, der in Europa führenden Forschungseinrichtung für Faserverbundstoffe. Warum ich beide Tage in Verbindung miteinander bringe? Immer wieder fällt das Wort „Freiraum“.

Das Unperfekthaus steht in der Innenstadt von Essen und ist unbedingt einen Besuch wert. Schon von außen fällt es aus dem Rahmen und innen drin erst recht. Wer den Eintritt bezahlt hat und vielleicht auch noch eines der Essensangebote dazu gewählt hat, betritt eine andere Welt. Überall im Haus sitzen und arbeiten Menschen, die einen kreativ mit den Händen. Maler, Bildhauer, Künstler würde man sie wohl nennen. Doch die anderen sind es nicht weniger. Im Tonstudio, am Computer oder mit vielen an einem Tisch um einen großen Plan versammelt, entstehen hier ebenso kreative Ideen und Vorhaben. Der Gründer des Hauses, Reinhard Wiesemann, nennt das Haus ein Künstlerdorf und berichtet davon, was ihn bewegt hat, dieses Haus zu gründen. Er will Menschen Raum geben, in dem sie in den Grenzen der Legalität aber ohne Konventionen und Vorgaben denken, kreativ werden und arbeiten können. Nur in dieser Freiheit entstünden Dinge, die wie heute noch gar nicht erahnen könnten. Um diese neuen Ideen und ihre Urheber mit wirtschaftlich potenten Menschen in Kontakt zu bringen, die bei der Umsetzung helfen können, gibt es seit einiger Zeit ein Luxushotel neben dem Unperfekthaus. Wer hier eincheckt, muss durch das Unperfekthaus eintreten. Dabei soll das Haus die bestmögliche Atmosphäre dafür schaffen. Neben unterschiedlichsten Ateliers und Arbeitsräumen gibt es „Kuschelecken“ und Gemeinschaftszonen. So lange ein Raum nicht für ein Aufgeld gebucht worden ist, kann jeder in die Treffen und Veranstaltungen zu jeder Zeit hinein schauen. Zu jeder Zeit steht ein Buffet zur Stärkung bereit und die Getränkeautomaten scheinen niemals leer zu sein. Das Unperfekthaus ist eine eigene Welt, die größtmöglichen Freiraum zur Entwicklung neuer Ideen bieten will.

Nur wer Freiraum hat, kann Neues entdecken, so beschrieb auch Thomas Friedrichs vom CFK-Valley das Anliegen dieser Forschungseinrichtung. Unter bestmöglichen Voraussetzungen soll jungen Wissenschaftlern die Möglichkeit geboten werden, ihre Ideen auszuprobieren. Nur dann seien neue Entwicklungen möglich – und wer weiß, wozu diese einmal dienen werden. Thomas Friedrichs beschrieb das, was ihn antreibt, als Wunsch, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen und daran mitwirken zu dürfen.

Freiraum, um neue Ideen zu entwickeln, unter bestmöglichen Voraussetzungen. Das ist ungefähr der Satz, der sich seit diesen Erfahrungen in mir festgesetzt hat. Ich will ihn auf Kirche hin denken, denn allerorten hören wir doch, dass wir neue Ideen brauchen, damit Kirche Zukunft hat. Wenn das so ist, dann schenkt denen, die kreativ denken und werden wollen, Freiraum! Dieser Wunsch richtet sich an Kirchenleitungen, aber auch an Gemeinden. Aufrechnungen, wofür das Geld und die Personalmittel besser hätten eingesetzt werden können, engen ein und schaffen keinen Freiraum. Das Pochen und Beharren auf Gewohntes schafft keinen Freiraum für neue Ideen, sondern steckt enge Grenzen ab.

Warum nicht Freiräume ermöglichen, in denen erst einmal alles möglich ist, die gut ausgestattet sind und die nicht ständig unter der Beobachtung anderer stehen? Freiräume, in denen Menschen einfach mal kreativ sein können, egal wie verrückt die Ideen auch sind? Freiräume, in denen niemand unter Erwartungsdruck steht, sondern Scheitern oder Misserfolge genauso möglich und anerkannt sind. Ich bin mir sicher, dass das, was dort entsteht, zusammen mit dem schon Vorhandenen unsere Kirchenlandschaft bereichern und viele neue Impulse für alle bringen wird. Ich bin mir auch sicher, dass viele der neuen Ideen sich aus den Erfahrungen und Traditionen der etablierten Kirchen speisen werden. Also habt keine Angst vor dem Neuen, was dort entstehen könnte, sondern schenkt den Neudenkern Freiraum!