Kategorie: Allgemein

Lerne gehen, nicht laufen

Diesen Satz bekommt ein junger amerikanischer Pastor mit auf den Weg, als er im schottischen Hochland seinen Dienst antritt. Goldspeed heißt der Kurzfilm, in dem er und einige seiner Wegbegleiter von den Erfahrungen berichten, die er nach diesem Auftrag macht. Was heißt es zu gehen statt zu laufen? Was heißt das besonders in einer Welt, in der scheinbar alles auf maximale Geschwindigkeit ausgerichtet ist? Die Menschen in der Einsamkeit Schottlands lehren es ihn, dort, wo jeder Hof einen Namen hat und jeder die Geschichte des anderen kennt.

Es geht um Beziehungen und Begegnungen. Ein Büro hat der Pastor nicht. Dafür ist er auf der Straße unterwegs. Dort lernt er gehen, nicht laufen. Gehen, bei dem man wahrnimmt, gehen, bei dem man nicht auf ein bestimmtes Ziel drauf losläuft. Gehen, das zunächst einmal zweckfrei ist. Durch den Blick eines Schotten, der viel in der Natur unterwegs ist, lernt er die Wege zu begreifen, die Jesus ging. Anhand einer Landkarte in der Bibel und den Erfahrungen in Schottland werden Entfernungen und Geschwindigkeit begreifbar. Gottes Geschwindigkeit (godspeed) sind nicht die 6 km/h, mit denen wir zielstrebig auf etwas zulaufen. Es sind 3 km/h, die den Blick auf die Umgebung ermöglichen. Gehen, nicht laufen eben.

Auf diese Weise lernt der Pastor die Menschen und ihre Geschichten kennen. Er lernt ihre Sprache und Bilder und kann ihnen so vom Evangelium erzählen. Es entsteht eine Gemeinschaft, die sich nicht auf den Sonntagmorgen begrenzt, sondern alltagstauglich ist.

Doch was im schottischen Hochland so gut funktionierte, ist in der hektischen Welt der amerikanischen Stadt schon schwieriger. Dort geht niemand zu Fuß und klopft einfach an fremde Türen. Dort kennt nicht jeder die Geschichte des anderen. Dort ist eine Nachbarschaft nicht unbedingt eine Gemeinschaft. Das muss der Pastor erfahren, als er nach Jahren in seine Heimat zurückkehrt. Und doch sprechen auch dort die Menschen von ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft und gesehen werden. Deshalb will es der Pastor versuchen. Will auch dort gehen statt laufen.

Eine halbe Stunde Dokumentarfilm, die auch für die Kirchen in Deutschland eine Botschaft hat. Alltagstauglich sein, die Menschen und ihre Geschichten kennen, in Beziehungen oder Gemeinschaft mit ihnen leben sind meines Erachtens auch bei uns die Momente, in denen das Evangelium lebendig werden kann. Also lernt gehen, nicht laufen!

Übrigens: das englische Wort godspeed ist auch ein Segenswunsch, der einen positiven Ausgang der Vorhaben wünscht, besonders zu Beginn einer langen und gefährlichen Reise. In diesem Sinne wünsche ich der Kirche und euch: godspeed!

PS: Wer den Film selbst sehen möchte, findet ihn hier: godspeed

Weihnachten – aber wie?!

„Was macht ihr denn Weihnachten?“ In diesen Tagen begegnet mir diese Frage mehrfach am Tag. Für immer mehr meiner Gesprächspartner gehört der Gottesdienstbesuch nicht mehr selbstverständlich zum Festtagsprogramm dazu. Liegt es an einer schwindenden Frömmigkeit oder was sind die Gründe?

Heute morgen hatte ich in dem Café, in dem ich einmal die Woche sitze, mal wieder so ein Gespräch. Eigentlich ging es um betriebliche Weihnachtsfeiern und was dazugehört. Während eine Wichteln toll findet, empfindet die andere es als zusätzlichen Stress. Ich meinte scherzhaft, ob sie schon mal von Weihnachtscrashern gehört habe. Nach einer Diskussion darüber, ob man etwas crashen darf oder nicht, erzählte ich, dass ich manchmal den Impuls habe, traditionelle Weihnachtsgottesdienste zu crashen. Mein Motiv? Der geilste Geburtstag der Welt hat doch eigentlich die coolste Party der Welt verdient, oder? Mit diesem Satz hatte ich etwas ausgelöst. Sofort sprudelte es aus einer heraus: „Ja, so richtig fetzig mit Gospel und so!“ Eine andere meinte: „Und was zu trinken gibt’s auch!“ Und eine dritte sagte: „Wenn du das machst, dann komme ich auch.“

Es ist wohl nicht nur die nachlassende Frömmigkeit, die immer mehr Menschen Weihnachten ohne Gottesdienstbesuch feiern lässt. Auch unsere traditionellen, oft sehr besinnlichen und ernsten Formate an den Festtagen sind längst nicht mehr für jede und jeden passend. Ich frage mich, wie viele Menschen vielleicht nur noch in den Gottesdiensten an Heiligabend sitzen, weil sie die Familie nicht enttäuschen wollen oder sich einer Tradition verpflichtet fühlen, mit deren Form sie nichts mehr anzufangen wissen.

Ich erlebe, dass gerade zu Weihnachten Menschen noch über Kirche nachdenken – mehr als zu anderen Zeiten des Jahres. Müsste die Kirche dann nicht auch in dieser Zeit noch mehr über die Menschen in ihrer Nachbarschaft nachdenken und sie zumindest fragen, wie sie den Geburtstag desjenigen feiern wollen, der mit jedem einzelnen von ihnen feiern will? Stattdessen feiern wir ungefragt nach Abläufen und mit Liedern, die zahlreiche Menschen nicht mehr nachvollziehen oder singen können, die gerne mit uns den Geburtstag Jesu feiern würden.

Es täte unserer Gottesdienstlandschaft gut, neben den besinnlichen und traditionellen Angeboten mit den Menschen danach zu suchen und zu fragen, wie sie den geilsten Geburtstag der Welt feiern wollen. Weihnachten- aber wie? Ich habe mir vorgenommen, diese Frage im nächsten Jahr zu stellen und Weihnachten mit den Menschen so zu feiern, wie sie es sich vorstellen. Mein ganz persönliches Weihnachtsgeschenk für dieses Jahr habe ich dafür heute gleich mitbekommen. Eine fragte zum Abschluss unseres Gesprächs: „Wo bist du denn Heiligabend in der Kirche?“ Ich sagte ihr wo und sagte auch, dass es ein traditioneller Gottesdienst sei. „Aber du bist nicht so ernst, sondern ganz locker. Und deshalb komme ich vielleicht. Eigentlich gehen wir ja nicht in die Kirche.“ Das ist Weihnachten für mich – aber wie!

Berührt

Totensonntag oder Ewigkeitssonntag – oft stolpere ich in diesen Tag einfach hinein. In den Tagen davor ist so viel anderes los. So viel will schon für die Adventszeit, Weihnachten, sogar das neue Jahr bedacht werden.

Und dann ist er plötzlich da. Manchmal, wenn ich keinen Gottesdienst habe, merke ich es erst gegen Mittag oder Abend. Die Gräber der Menschen, die mir fehlen, sind weit weg. Dort fahre ich an diesem Tag selten hin, um Blumen abzulegen und Kerzen anzuzünden. Dann rauscht dieser Tag an mir vorüber. Dann lese und sehe ich zwar in den sozialen Medien Bilder und Texte zum Tag. Doch es sind nicht meine Toten, für die diese Kerzen brennen. Es bewegt mich, ich fühle mit, doch es wirft mich nicht aus der Bahn.

Bis heute morgen war es in diesem Jahr nicht anders. Das Wochenende habe ich mit tollen Menschen in einem Ferienhaus an der See verbracht. Wir haben gelacht, gelebt. Der Tod war zwar Thema, aber nicht so, dass er uns tief getroffen hätte. Heute morgen im Zug aber trifft er mich tief. Wie immer lese ich in den sozialen Medien. Bei Twitter erreicht mich die Nachricht, dass gestern Abend ein Mensch gestorben ist, den ich eigentlich gar nicht kannte. Doch ich bin ihr gefolgt. Seit einigen Wochen schon. Ich war eine von vielen und sie hat uns mitgenommen auf die Intensivstation, ins Hospiz und in ihre Gedanken. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht morgens schon geschaut hätte, ob sie gewittert hat. Es war so unglaublich berührend, wie sie in wenigen Worten zum Ausdruck brachte, was sie bewegt, berührt. Bis zuletzt waren da Träume, Wünsche, Hoffnungen. Ich spürte aber auch ihre Traurigkeit, vielleicht auch Verzweiflung. Und ich hatte Angst vor dem Moment, da irgendjemand schreiben würde, dass sie den letzten Weg gegangen ist.

Gestern Abend ist es geschehen, am Abend des Ewigkeitssonntags, der in diesem Jahr mehr an mir vorbei rauschte als alles andere. Heute morgen im Zug las ich die Nachricht. Ihr Bruder hat sie geschrieben. In ihrem Namen. Sie traf mich tief. Die Tränen flossen und ich schämte mich ihrer nicht. Nur für wenige Wochen gehörten die Worte dieser jungen Frau zu meinem Leben. Aber sie werden immer einen Nachhall in meinem Leben haben. Sie haben mich berührt. Immer und immer wieder. Ich bin unendlich dankbar dafür.

In der Bahn lese ich noch einmal ihre Worte und die Tweets der vielen Menschen, die sie berührt hat wie mich. Immer mehr schreiben von ihrer Trauer über ihren Tod, wünschen der Familie Kraft und Segen. Ich schreibe diese Worte, um meine Trauer in Worte zu fassen, sie zu fassen zu bekommen. Dabei habe ich die junge Frau gar nicht persönlich gekannt, nur ihre Worte im Netz.

Heute morgen ist es für mich kaum greifbarer als in ihrem Leben und Sterben und der Anteilnahme der vielen anderen, was Netzgemeinde bedeutet. Dass sie nicht anonym, künstlich ist. Sie ist zutiefst menschlich. Sie hat mich berührt. Spuren in meinem Leben hinterlassen. Mir bleibt nur ein Wort: Danke!

Gedanken zum Gedenktag

Heute ist der 9. November. Schon seit der Schule bewegt mich dieser Tag. Näher gebracht hat ihn mir mein Geschichtslehrer, der übrigens auch an diesem Tag Geburtstag hat. Aus der Ferne gratuliere ich ihm in Gedanken. Vielleicht konnte er deshalb mit soviel Leidenschaft, mit soviel menschlicher Nähe von den Ereignissen dieses Tages berichten. Egal, ob es das Ende des Ersten Weltkriegs war, die Reichsprogromnacht oder der Fall der Mauer, den wir alle gerade erst miterlebt hatten. Mein Geschichtslehrer nannte nicht einfach die Daten und Fakten. Er erzählte die Geschichten von Menschen an diesen Tagen. Das brachte mir und meinen Mitschülern diese Ereignisse um soviel näher als die Buchstaben in unseren Geschichtsbüchern. Die Synagoge unserer Heimatstadt entging z.B. nur deshalb der totalen Zerstörung, da der Brandmeister vor Ort Angst um sein eigenes Haus hatte, das in der Nähe stand. In einer Fachwerkstatt brennt eben alles ein wenig schneller.

In diesem Jahr verbringe ich den 9. November in den Mauern der Altstadt von Jerusalem. Es ist ein Freitag. Die Sicherheitsvorkehrungen sind höher als in den letzten Tagen. Es sind spürbar mehr Soldaten und Polizisten in der Stadt. Die Straßen zum Tempelberg sind voller als gestern oder vorgestern. Das liegt nicht nur an den Touristen in der Stadt, die heute schon früh unterwegs sind, denn das Wetter ist nach erstem Herbstregen wieder gut. Es sind vor allem Gläubige in den Straßen. Sie hasten die David Street hinunter oder gehen durchs Damaskustor in die Stadt. Kurz vor dem Tempelberg teilen sich die Gruppen, die eben noch dicht beieinander gingen. Die einen gehen rechts Richtung Sicherheitskontrollen, um an die Westmauer zu gelangen. Die anderen gehen links, um durch einen der sechs Eingänge auf den Berg zu gelangen, die nur Muslimen vorbehalten sind. Von einer Aussichtsplattform dem heiligen Berg gegenüber beobachte ich das Treiben. Während unten jüdische Männer und Frauen an der Mauer beten und Touristengruppen davor stehen und sie beobachten, schallt im Hintergrund das Gebet der Muslime über die Stadt. Man sieht sie nicht, aber es müssen viele sein. Der Tempelberg ist freitags und samstags für alle Nicht-Muslime geschlossen.

Und dann ist da in diesem Treiben noch die eine Gruppe, die diesen Menschenströmen entgegengeht. Besonders freitags ziehen gläubige Christen mit mannshohen Kreuzen durch die Stadt. Sie vollziehen den Kreuzweg Jesu nach und dieser folgt so gar nicht den Wegen der gläubigen Muslime und Juden. Dieser Weg führt vom Tempel weg; immer wieder die Wege der Juden und Muslime kreuzend wird es eng in den Straßen der Stadt. Während Muslime und Juden am und auf dem Tempelberg beten, tragen die Kreuze den Gesang der Gläubigen in die Straßen der Stadt. immer wieder gegen den Strom, weg vom Allerheiligsten. Schon damals trieb man Jesus hinaus aus der Stadt, weg von dem, was heilig war, in die Abgründe, die tiefsten Tiefen der Menschen.

Ich schaue dem Treiben zu und lasse mich selbst durch die Straßen der Altstadt treiben. In Gedanken bin ich beim 9. November, dem Tag, der so oft zwischen totaler Zerstörung, Angst, Gewalt, Hoffnung, Freude und Frieden schillert. Egal ob man heute des Kriegsendes vor einhundert Jahren, der Novemberpogrome vor 80 Jahren oder dem Fall der Mauer vor 29 Jahren gedenkt. Keines dieser Daten ist mehr ohne die anderen denkbar. Wer der Ermordung der Juden gedenkt, muss auch von der Hoffnung reden, die 1989 aufkeimte, von den Veränderungen im Land und der Erkenntnis, dass gerade in diesen Tagen wieder unglaubliche Dinge gegen Juden und Muslime und Menschen anderer Herkunft verbreitet werden. Wer das Ende des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren feiert, muss auch daran erinnern, dass Frieden äußerst zerbrechlich ist, und schon zwanzig Jahre später wieder aufgekündigt wurde. Es gibt nicht nur die eine oder die andere Seite, es gibt nicht nur schwarz und weiß, die Guten und die Bösen.

Hier in Jerusalem bewegen mich diese Gedanken noch einmal mehr als zuhause. Wie oft reden wir davon, dass wir Christen zu den Menschen in die Straßen gehen, ihnen zuhören wollen. Vielleicht wollen wir sogar Gedanken des Friedens in die Straßen dieser und vieler anderer Städte bringen. Zumindest höre ich Christen oft davon reden. Und manchmal hinterlassen ihre Prozessionen durch die Straßen der Stadt, die innig betenden Menschen auch diesen Eindruck bei mir. Ich spüre, sie beeindrucken mich, wenn sie in ärmsten Kirchen und Kapellen singen und beten. Hoffnung keimt ihn mir auf. Liegt hierin die Kraft, die Welt zu verändern? Doch dann komme ich in die Grabeskirche, werde in der Schlange vor dem Grab geschubst und gestoßen und aus der Grabkammer rüde wieder herausgezerrt, weil ein Aufpasser meint, ich dürfe mich dort nicht zu lange aufhalten. Nur Minuten später erlebe ich, wie Priester und Mönche verschiedener Denominationen sich anschreien und beschimpfen, sogar mit Kerzenleuchtern nach einander schlagen. Nein, auch hier gibt es viel grau und schwarz.

Am Frieden müssen wir eben alle zusammen jeden Tag neu hart arbeiten, egal welcher Religion und Denomination wir angehören. Frieden gibt es nicht geschenkt, nicht auf dem Silbertablett serviert. Frieden ist kein Automatismus, wenn man nur den richtigen Knopf drückt oder den richtigen Glauben hat. Frieden muss immer wieder neu gewagt werden. Das fängt schon im Kleinen in unserer Nachbarschaft an. Insofern hoffe ich, dass Tage wie dieser helfen, uns daran immer und immer wieder zu erinnern und nicht aufzugeben. „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jer 29,11)

Ein neuer Streit?

Heute ist Reformationstag, in vielen Bundesländern seit diesem Jahr ein neuer gesetzlicher Feiertag. Gleichzeitig breitet sich das Feiern von Halloween an diesem Tag immer weiter aus. In zahlreichen Zeitungen und Beiträgen in den Sozialen Medien sind Statements dazu zu lesen, was man an diesem Tag zu feiern. Viele von ihnen wirken unnachgiebig, radikal. Ein Streit, der sich durch Nachbarschaften zieht, scheint vorprogrammiert. Leidtragende werden wohl vor allem die Kinder sein. Dürfen sie zu Halloween verkleidet von Haus zu Haus ziehen oder feiert ihre Familie den Reformationstag mit einem Gottesdienstbesuch? Ich frage mich: Geht nicht auch beides? Wie ich auf diese Frage komme, will ich erklären.

In der Gegend, aus der ich komme, bin ich mit einem Brauch aufgewachsen, der nannte sich „Matten Herrn“. Am Abend des 10. Novembers zogen wir Kinder verkleidet von Haus zu Haus, sangen Lieder und sammelten damit Süßigkeiten ein. Wer nicht öffnete, musste damit rechnen, dass wir manchmal minutenlang Sturm klingelten. Dieser Brauch ist alt und hat weit vor der Reformation seine ersten Ursprünge. Traditionell war der 10. November der Tag, an dem die Adligen und Bauern ihre Landarbeiter in den Winter verließen. Daher zogen ihre Kinder am Abend dieses Tages mit Laternen von Haus zu Haus, um Gaben zu erbetteln, die ihren Familien halfen, den Winter zu überstehen. Später wandelte sich der Brauch dahin, dass es immer mehr symbolische Gaben wurden, die die Kinder erhielten. Auch die Deutung hin auf Martin Luther, dessen Geburtstag der 10. November war, kam hinzu. Zum dreihundertsten Reformationsjubiläums wurde festgelegt, dass von nun an in Abgrenzung zum Martinssingen der katholischen Kirche am 11. November, Martin Luther am Vorabend, also am 10. November, als Lichtfreund und Glaubensmann gefeiert wurde. Auch hier schien ein ewiger Streit vorprogrammiert.

Doch was machten wir Kinder daraus? Wir zogen am 10. November von Haus zu Haus, verkleidet, mit Laternen, auf denen durchaus auch Sankt Martin beim Teilen des Mantels zu sehen war. Wir sangen Lieder, die gar keinen religiösen Bezug hatten, sondern das Schenken der Süßigkeiten zum Inhalt. Wir sangen aber auch von Martin Luther und Sankt Martin. Meistens hing es davon ab, welche Lieder wir am besten konnten und auf welche wir schon keine Lust mehr hatten, da wir sie bereits zu oft gesungen hatten. An diesem Abend zählte nicht, ob wir evangelisch oder katholisch waren. Entscheidend war, wo es die besten Süßigkeiten gab. Und doch hat sich bei mir durch die Beschäftigung mit diesem Tag, das Warten, wann wir endlich wieder los durften, es endlich dunkel genug sein würde, sowohl der Geburtstag Martin Luthers als auch die Erzählung von Sankt Martin eingebrannt.

So frage ich mich, ob das nicht auch im Streit zwischen Reformationstag und Halloween möglich ist? Können wir nicht am Tag gemeinsam von der Reformation hören, die unsere westliche Welt vor fünfhundert Jahren so einschneidend verändert hat, und am Abend den Vorabend von Allerheiligen gemeinsam begehen, denn der Verstorbenen gedenken wir doch alle, ob es nun besonders heilige Menschen oder unsere nächsten Verwandten waren. Ja, ich weiß auch um die Herleitung aus heidnischen keltischen Bräuchen. Doch die meisten unserer Feiertage sind terminlich mit solchen vorchristlichen Festen verbunden. Prominentestes Beispiel ist das Weihnachtsfest.

Während der einzelnen Feiern werden die historischen Hintergründe selten Thema sein, doch wenn die Feiern helfen, sich in der Vorbereitung darauf mit den Anlässen zu beschäftigen, so wie ich es damals mit Martin Luther und Sankt Martin anlässlich Matten Herrns tat, so kann es doch nur helfen, in christlicher Verbundenheit gemeinsam die jeweiligen Feste zu begehen.

Auch wenn Reformationstag und Halloween mittlerweile prominenter sind, so gibt es den Brauch von Matten Herrn noch heute. In diesem Jahr dürfen meine Kinder das erste Mal bei den Großeltern diesen Tag begehen. Und ich hoffe, dass auch sie beides lernen: den Geburtstag Martin Luthers und die Erzählung von Sankt Martin. Die Lieder üben sie schon fleißig.

 

Ach ja: auch im letzten Jahr bewegte mich die Frage von Reformationstag und Halloween schon. Wenn du noch einmal nachlesen willst, findest du den Beitrag hier: http://kirchgezeiten.de/zwischen-geist-und-geistern

Schenkt uns Freiraum!

Pionierwochenende in Essen – wir verbringen einen Tag im Unperfekthaus. Letzten Freitag in Stade – ein Abend zur Zukunft der Kirche. Im Gespräch dabei ein Mitbegründer des CFK-Valleys, der in Europa führenden Forschungseinrichtung für Faserverbundstoffe. Warum ich beide Tage in Verbindung miteinander bringe? Immer wieder fällt das Wort „Freiraum“.

Das Unperfekthaus steht in der Innenstadt von Essen und ist unbedingt einen Besuch wert. Schon von außen fällt es aus dem Rahmen und innen drin erst recht. Wer den Eintritt bezahlt hat und vielleicht auch noch eines der Essensangebote dazu gewählt hat, betritt eine andere Welt. Überall im Haus sitzen und arbeiten Menschen, die einen kreativ mit den Händen. Maler, Bildhauer, Künstler würde man sie wohl nennen. Doch die anderen sind es nicht weniger. Im Tonstudio, am Computer oder mit vielen an einem Tisch um einen großen Plan versammelt, entstehen hier ebenso kreative Ideen und Vorhaben. Der Gründer des Hauses, Reinhard Wiesemann, nennt das Haus ein Künstlerdorf und berichtet davon, was ihn bewegt hat, dieses Haus zu gründen. Er will Menschen Raum geben, in dem sie in den Grenzen der Legalität aber ohne Konventionen und Vorgaben denken, kreativ werden und arbeiten können. Nur in dieser Freiheit entstünden Dinge, die wie heute noch gar nicht erahnen könnten. Um diese neuen Ideen und ihre Urheber mit wirtschaftlich potenten Menschen in Kontakt zu bringen, die bei der Umsetzung helfen können, gibt es seit einiger Zeit ein Luxushotel neben dem Unperfekthaus. Wer hier eincheckt, muss durch das Unperfekthaus eintreten. Dabei soll das Haus die bestmögliche Atmosphäre dafür schaffen. Neben unterschiedlichsten Ateliers und Arbeitsräumen gibt es „Kuschelecken“ und Gemeinschaftszonen. So lange ein Raum nicht für ein Aufgeld gebucht worden ist, kann jeder in die Treffen und Veranstaltungen zu jeder Zeit hinein schauen. Zu jeder Zeit steht ein Buffet zur Stärkung bereit und die Getränkeautomaten scheinen niemals leer zu sein. Das Unperfekthaus ist eine eigene Welt, die größtmöglichen Freiraum zur Entwicklung neuer Ideen bieten will.

Nur wer Freiraum hat, kann Neues entdecken, so beschrieb auch Thomas Friedrichs vom CFK-Valley das Anliegen dieser Forschungseinrichtung. Unter bestmöglichen Voraussetzungen soll jungen Wissenschaftlern die Möglichkeit geboten werden, ihre Ideen auszuprobieren. Nur dann seien neue Entwicklungen möglich – und wer weiß, wozu diese einmal dienen werden. Thomas Friedrichs beschrieb das, was ihn antreibt, als Wunsch, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen und daran mitwirken zu dürfen.

Freiraum, um neue Ideen zu entwickeln, unter bestmöglichen Voraussetzungen. Das ist ungefähr der Satz, der sich seit diesen Erfahrungen in mir festgesetzt hat. Ich will ihn auf Kirche hin denken, denn allerorten hören wir doch, dass wir neue Ideen brauchen, damit Kirche Zukunft hat. Wenn das so ist, dann schenkt denen, die kreativ denken und werden wollen, Freiraum! Dieser Wunsch richtet sich an Kirchenleitungen, aber auch an Gemeinden. Aufrechnungen, wofür das Geld und die Personalmittel besser hätten eingesetzt werden können, engen ein und schaffen keinen Freiraum. Das Pochen und Beharren auf Gewohntes schafft keinen Freiraum für neue Ideen, sondern steckt enge Grenzen ab.

Warum nicht Freiräume ermöglichen, in denen erst einmal alles möglich ist, die gut ausgestattet sind und die nicht ständig unter der Beobachtung anderer stehen? Freiräume, in denen Menschen einfach mal kreativ sein können, egal wie verrückt die Ideen auch sind? Freiräume, in denen niemand unter Erwartungsdruck steht, sondern Scheitern oder Misserfolge genauso möglich und anerkannt sind. Ich bin mir sicher, dass das, was dort entsteht, zusammen mit dem schon Vorhandenen unsere Kirchenlandschaft bereichern und viele neue Impulse für alle bringen wird. Ich bin mir auch sicher, dass viele der neuen Ideen sich aus den Erfahrungen und Traditionen der etablierten Kirchen speisen werden. Also habt keine Angst vor dem Neuen, was dort entstehen könnte, sondern schenkt den Neudenkern Freiraum!

Sprachverwirrung

Gestern war ich beim Generalkonvent unseres Sprengels. Das Gebiet der Landeskirche ist in Regionen aufgeteilt und einmal im Jahr treffen sich alle Pastorinnen und Pastoren einer Region (Sprengel) zum Austausch.

Unter dem Thema „Gottesdienst und Sprache“ stand unser Treffen in diesem Jahr. Der Bischof predigte über die Poesie der Psalmen und vom Asyl der Poesie im Gottesdienst. Christian Lehnert, Theologe und Poet und Referent an diesem Morgen, bezeichnete sich im Anschluss daher als Asylantragsteller, bevor er über die Grenzen der Sprache referierte. Ein Gedanke seiner Ausführungen hat sich bei mir festgesetzt. Noch heute morgen denke ich darüber nach.

Lehnert sprach von der Doppelklick-Kommunikation, die in unserer Gesellschaft derzeit vorherrschend sei. Demnach ist jedes Wort der Code für einen Fakt der Wirklichkeit nach dem Schema „Tisch – Doppelkick – auf dem Bildschirm erscheint ein Tisch“. In dieser Form sind die Menschen gewohnt zu kommunizieren. Entsprechend nehmen sie ihre Umwelt und ihr Leben wahr. Bei dem Wort „Gott“ aber ist das anders. Gott – Doppelkick – leerer Bildschirm. Es gibt für Gott keinen Gegenstand, kein festes Bild, das nach dem Doppelkick auf dem Bildschirm erscheinen könne. Entsprechend brauche es eine andere Sprache, um von ihm zu reden: z. B. die Poesie.

Das ist nur sehr verkürzt das, was Christian Lehnert zur Doppelklick-Kommunikation ausführte. Mir schwirrt dabei durch den Kopf, dass der leere Bildschirm, der sich bei „Gott“ zeigt, sich doch auch bei anderen Worten zeigen muss. „Liebe“ ist so eines oder auch „Vertrauen“ und natürlich auch deren Gegenstücke. Auch „Seele“ sei noch genannt. Es sind die Dinge jenseits der stofflichen Welt, die Gefühle, die Werte, die uns ausmachen und prägen. Bei allen bliebe nach dem Doppelkick höchstens ein Bild, eine Metapher, um sie zu beschreiben.

Genau da liegt wohl die Herausforderung, vor der wir stehen. Wenn die dominierende Form der Kommunikation eine Doppelklick-Kommunikation ist, dann braucht es funktionierende Bilder und Metaphern, um über die nichtstofflichen Dinge, Gefühle, Werte, Glaube zu reden. Das schlimmste, was dann nach dem Doppelkick geschehen könnte, wäre, dass der Bildschirm leer bleibt. Nach meinem Eindruck geschieht das gerade in Bezug auf Gott und Glaube aber zunehmend. Während Menschen mit „Liebe“ z. B. immer noch Bilder oder Metaphern verbinden, die relevant für sie sind, die sie ansprechen, ist das für Gott immer seltener der Fall.

Was daraus folgt? Ich meine, es ist dringend Zeit, an der Kommunikation des Glaubens zu arbeiten. Welche Sprache, welche Bilder und Metaphern sind für die Menschen relevant. Welche sprechen sie an? Die tradierten Bilder von der Burg, vom Schutz und Schild, vom Hirten werden von vielen noch verstanden. Das ist wohl wahr. Aber dennoch fühlen sich immer mehr nicht davon angesprochen. Da hilft auch zahlreiches Erklären nichts. Was also sind die Bilder, die Metaphern, die Sprache, die heute relevant ist und trägt? Ist es die Poesie, ein gutes Storytelling? Was ist deine Antwort?

Aber halt: so einfach ist das nicht. Auch wenn man sich für eine Antwort entschieden hat, wenn man seine Sprache gefunden hat, mag sie für den nächsten schon nicht mehr treffend sein. Denn die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass die Gesellschaft immer komplexer wird. Der Kanon der funktionierenden Bilder und Metaphern weicht sich auf. Entsprechend muss auch die Zahl der Möglichkeiten immer größer werden. Wenn Christen also relevant von Gott reden wollen, dann werden sie es nicht in der einen Sprache tun können. Dann werden sie sich je mit ihrem Gegenüber auf die Suche nach der in diesem Gespräch passenden Metaphorik begeben müssen. Das ist die eigentliche Herausforderung im Reden von Gott und Glaube. Am besten geht das aber im Hören auf und im Wahrnehmen des Gegenübers. Erst dann kann relevant gesprochen werden.

Vom Tisch aufstehen

Erzähle ich davon, welche Stelle ich gerade inne habe, und berichte ich dann noch von meinem Traum vom Aufbruch in der Kirche, denken viele, ich würde die etablierten Kirchengemeinden nicht wert schätzen. Einige meinen sogar, ihre Traditionen vor mir verteidigen zu müssen. Dabei bin ich ganz und gar ein Kind dieser Kirche. Bin unzählige Male im Kindergottesdienst gewesen, war mit acht oder neun auf meiner ersten Kinderfreizeit und danach mindestens einmal im Jahr wieder. Ich habe in der Kantorei Bach und Mozart gesungen und im Gospelchor „O happy day“. Ehrlich gesagt liebe ich auch die gesungene Liturgie.

Und doch habe ich diesen Traum von einer Kirche, in der es lebendig zugeht, in der zusammen gesungen und gelacht, aber auch gemeinsam geweint und getrauert wird. Ich träume von der einen Kirche, in der sich so unterschiedliche Menschen wohl fühlen wie es sie auf Gottes schönem Erdboden gibt. Eine Kirche, in der Bach neben Gospel, House neben Punk möglich ist und rund um die Uhr Türen und Fenster offen stehen. Vor allem aber träume ich von einer Kirche, in der Jesus Christus im Zentrum steht und sein Evangelium das Maß aller Dinge ist.

Dabei ist es völlig egal, ob dies eine katholische, evangelische, traditionelle oder freie Gemeinde ist. Ich bin sogar davon überzeugt, dass wir alle diese Gemeinden brauchen. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Ja, ich höre gerne mal Punk und brauche nicht unbedingt das klassische Repertoire im Gottesdienst. Aber meine Nachbarin liebt es und geht genau deshalb gerne in ihren Gottesdienst. Ich suche derweil noch nach meiner Form. Aber ich genieße es, wenn mir die Nachbarin mit strahlenden Augen davon berichtet, wieviel ihr der Gottesdienst gegeben hat, danke Gott dafür!

Das gilt nicht nur für die Gottesdienste. Auch andere Veranstaltungen dürfen gerne die ganze Bandbreite von traditionell bis modern, hip, angesagt abdecken. Auch das ist notwendig. So erlebte ich in der vergangenen Woche, wie die katholische Gemeinde im Urlaubsort durch die Unterstützung vieler Ehrenamtlicher 12 Wochen Programm für Urlauber und Einheimische auf die Beine stellt. Von der Messe am Sonntag Morgen bis zur Klangmeditation, von der Teestube bis zum Bastelangebot für Kinder reicht das Angebot. Dabei knüpften meine Kinder dann Freundschaftsbänder wie ich vor fast dreißig Jahren und es lag das gleiche Anleitungsbuch wie damals auf dem Tisch. Auch das Chaosspiel zwei Tage zuvor habe ich schon vor 15 Jahren mit Konfirmanden gespielt. Aber an den leuchtenden Kinderaugen und dem Spaß, den sie haben, hat sich nichts geändert. Da brauchte es gar nicht irgendwelche Hightech-Angebote.

Eines aber unterschied die Jugendlichen, die dort erklärten, wie es geht, von einigen anderen Menschen, die ich schon in Kirchengemeinden erlebt habe. Sie gingen unglaublich offen auf alle Kinder zu, die kamen – egal ob sie sie kannten oder nicht. Sie bildeten keine in sich geschlossene Runde, sondern jeder konnte sich an ihrem Tisch gleich wohlfühlen. Und sie erzählten begeistert von den anderen Angeboten der Woche, luden dazu ein und machten deutlich, dass es nicht schlimm ist, wenn man sich nicht auskennt. Sie nahmen die Kinder einfach an die Hand. So wollten meine Kinder unbedingt immer wieder hin und haben sich gleich für das nächste Jahr wieder angemeldet – übrigens auch für die Gute-Nacht-Geschichte der evangelischen Gemeinde, denn dort wurden wir ebenso herzlich begrüßt.

Mein Fazit nach diesen Urlaubstagen: es ist egal, wie traditionell oder modern das Angebot ist. Für alles gibt es eine Zielgruppe und die Kirche braucht die große Bandbreite, um das Evangelium möglichst weit bekannt zu machen. Entscheidend aber ist die Haltung, mit der die Kirche den Menschen begegnet. Solange wir nur mit den alten Bekannten am Tisch sitzen und zwar von unserer angeblichen Offenheit reden, aber keinen Platz am Tisch mehr frei haben und für die dazukommenden nicht zusammenrücken oder noch besser aufstehen, bleibt mein Traum von Kirche nur ein Traum.

So danke ich Gott und den katholischen Geschwistern für diese Urlaubserfahrung und hoffe, dass in der Kirche möglichst viele aufstehen, um andere willkommen zu heißen.

Hast du in den letzten Wochen vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht? Dann teile sie doch mit uns in den Kommentaren.

Gottesdienst ist Sonntag

Liturgischer Wildwuchs, schlecht vorbereitete Predigten und individuelle Pastorinnen und Pastoren, die sich mehr an der Kandare reißen könnten – Stichworte aus einem Interview des Deutschlandfunks mit Prof. Dorothea Wendebourg. Sie erhitzen die Gemüter. Auch ich habe mich darüber geärgert, nicht unbedingt über den Inhalt, sondern eher über so manche Formulierung, bei der ich mich frage, warum man so plakativ über andere in der Öffentlichkeit reden muss.

Dabei fand ich den ersten Teil des Interviews über die Spielarten und Folgen der Reformation sehr erhellend. Da habe auch ich, gerade mit Blick auf die verschiedenen Spielarten der Reformation – oder sagen wir jetzt Reformationen? – noch einiges gelernt. Doch es folgt ein zweiter Teil eingeleitet durch die Frage nach den Herausforderungen für die protestantischen Kirchen hierzulande und Frau Prof. Wendebourg fordert zum einen mehr Lebendigkeit und zugleich mehr Disziplin. Dabei verweist sie in Sachen Lebendigkeit auf charismatische und freikirchliche Bewegungen, die bewusst auf die persönliche Frömmigkeit setzen, den institutionellen Überbau und auch die starke Akademisierung nicht wollen. Bezüglich der Disziplin verweist sie auf den Gedanken der einen Kirche, was der geforderten Lebendigkeit zunächst nicht widerspricht, führt nach einer Nachfrage dann aber aus, dass es ihres Erachtens zuviel Wildwuchs in den Gottesdiensten gibt. Das will für mich nicht so recht zusammen passen. Gerade die von ihr genannten Bewegungen zeichnen sich ja durchaus durch verschiedenste Gottesdienstformen aus, durch freie Gebete, die nicht im Vorhinein wohl formuliert worden sind. Gerade dadurch entsteht meines Erachtens der Eindruck der Lebendigkeit. Zugleich führt die Disziplin in den Gottesdiensten, die frei von liturgischem Wildwuchs ist, wohl zu einem in allen Kirchen und Gemeinden einheitlichen Gottesdienst, der sicher eine nennenswerte Zahl an Menschen anspricht, mindestens ebenso viele aber auch nicht. Denn bei diesen Überlegungen nicht bedacht ist die immer größer werdende Komplexität der Gesellschaft, die nicht mehr eine einheitliche, homogene Zielgruppe darstellt, die sich durch den einen Gottesdienst ansprechen lässt und dort Relevanz für den Alltag erfährt.

Über all diese Punkte könnte ich diskutieren, was mich aber wirklich geärgert hat, war die plakative Formulierung: „Man hat doch viel Wildwuchs in Gottesdiensten, liturgischen Wildwuchs, Gebetsformulierungen, schlecht vorbereitete Predigten und dergleichen mehr. Da, denke ich, könnten individuelle Pastoren und Pastorinnen schon sich etwas mehr an der Kandare reißen. Das erfordert erstens Arbeit und zweitens auch eine gewisse Selbstkritik…“ So plakativ geäußert kommt das meines Erachtens einer Unterstellung vielen Kollegen gegenüber gleich, dass sie faul sind, sich in ihre Gottesdienste nicht investieren und einfach so daher plappern. Wenig später spricht Frau Prof. Wendebourg noch von fehlender Motivation und noch etwas später hebt sie den Berliner Dom als leuchtendes Beispiel hervor, wo nicht „gebastelt“ wird, „und so verschiedene. Aber sonst in der Breite… ja“ … da wird gebastelt. Ich frage mich, liegt dieses Urteil daran, dass sie selbst im Dom predigt, oder dass sie in der Breite schon lange keine Gottesdienste mehr besucht hat, dass sie selbst schon lange keine Gemeinde mehr geleitet hat? In meinen Ohren klingt ein solches Urteil vernichtend gegenüber den vielen guten Gottesdiensten, die ich in allen Teilen des Landes schon erlebt habe, die mich berührt haben, die auch am Montag morgen noch relevant waren. Und es klingt vernichtend mit Blick auf die Arbeit, die guten Gedanken, das Engagement vieler Pastorinnen und Pastoren in unserem Land. Sicher, nicht immer gelingt alles. Es gibt auch Gottesdienste, die sind eher aus Verzweiflung gehalten als aus Motivation heraus gefeiert. Aber das berechtigt meines Erachtens nicht zu einem solch pauschalen Urteil in der Öffentlichkeit, auch wenn das, wie die Aufnahme in den Medien zeigt, sehr öffentlichkeitswirksam ist.

Ein letzter Gedanke zum Schluss: Auch wenn Frau Prof. Wendebourg es nicht explizit äußert, so entsteht während des Interviews doch der Eindruck als wünsche sie sich den klassischen liturgischen Gottesdienst am Sonntag morgen, bei dem die Gläubigen in den klassischen Kirchenbänken sitzen und staunend mindestens eine Stunde zuhören. Doch wer sagt, dass das die einzige Form von Gottesdienst ist. Die ersten Christen, übrigens wahrscheinlich eine charismatisch bewegte Gruppierung, traf sich in Privathäusern, aß und trank zusammen und feierte während des Essens das Abendmahl. Dem Tagesablauf entsprechend taten sie dies wohl auch eher am Abend, denn am Sonntag morgen um 10 Uhr. Sie wählten Ort, Zeit und Form ihren Lebensumständen entsprechend. Sollten wir dies nicht auch tun, damit das Evangelium nicht nur am Sonntag morgen gepredigt, sondern am Montag Mittag auch noch gelebt wird? Angesichts der Auffächerung der Gesellschaft in verschiedene Lebensformen und Lebensweisen stünden der protestantischen Kirche dann sicher viele verschiedene Formen von Gottesdienst gut zu Gesicht, die durch das Evangelium miteinander verbunden sind.

So zolle ich den Kolleginnen und Kollegen gegenüber Respekt, die vor Ort in ihren Gemeinden alles daran setzen, vom Reich Gottes ihrem Kontext entsprechend zu reden. Ich freue mich, dort immer wieder auch für mich Neues zu entdecken und möchte Mut machen, genau dies auch in aller Unterschiedlichkeit weiter zu leben. Denn das eine Christentum besteht für mich in der unglaublichen Vielfalt der Menschen und Gottesdienste je an ihrem Ort verbunden durch den Glauben an den dreieinen Gott.

 

Tanzen verboten?

In zwei Tagen ist Karfreitag. Gefühlt wie jedes Jahr dreht sich in diesen Tagen die öffentliche Diskussion rege um das Tanzverbot, das diesen Tag betrifft. Dabei wissen die wenigsten, dass dieses Gesetz nicht nur den Karfreitag betrifft, sondern die sogenannten stillen Feiertage. Clubs und Diskotheken dürfen an diesen Tagen nicht geöffnet haben, um die Würde des Tages nicht zu schmälern. In vielen Bundesländern zählen auch der Totensonntag oder Heiligabend zu diesen Tagen. Eine einheitliche Regelung für alle Bundesländer aber gibt es nicht. Das gilt auch für die „stille Zeit“ rund um Ostern. Während in Berlin lediglich am Karfreitag von 4 bis 21 Uhr ein Tanzverbot gilt, sieht Hessen das strenger und hat ein Tanzverbot von Gründonnerstag 4 Uhr bis Karsamstag 24 Uhr und an Ostersonntag und Ostermontag jeweils von 4 bis 12 Uhr verhängt. Wie jedes Jahr wird also auch in diesem Jahr wieder um diese Zeiten gestritten. Ob das noch zeitgemäß ist, lautet eine der Fragen. Wer das noch ernst nimmt, eine andere. Angesichts der Beobachtung, dass Bäckereien am Karfreitag um 5 Uhr ihre Türen öffnen dürfen, frage ich mich das allerdings auch.

Eigentlich frage ich mich das aber nicht nur in Bezug auf Karfreitag. Die Diskussion um einen weiteren Feiertag, sei es der 31. Oktober oder einen anderer Tag, zeigt meines Erachtens das gleiche Dilemma. Zahlreiche Menschen verbinden besonders mit den religiös begründeten Feiertagen wenig oder sogar nichts mehr. Es sind für sie freie Tage, die sie zum Feiern, Ausspannen oder mit der Familie nutzen möchten. Mit Glauben hat das für sie wenig zu tun. Da kann in den öffentlichen Diskussionen noch so oft von der christlichen Tradition des sogenannten christlichen Abendlandes gesprochen werden. Wenn eine Tradition für die Menschen keinen Wert, keinen Inhalt mehr hat, dann ist sie abgebrochen. Eine Wiederbelebung ist schwer und gelingt nur dann, wenn sie wieder an die Alltagswelt der Menschen angeknüpft werden kann.

Karfreitag trifft mich diese Beobachtung besonders hart. Das größte Geschenk der Menschheit wurde ihr an diesem Tag gemacht. Gott selbst wurde Mensch, litt unter Schlägen, Spott und Hohn. Er wurde bespuckt und verlacht. Er weinte bittere Tränen um seine Menschen. Er starb für sie den grausamsten Tod, den es damals gab. Und das alles, weil er die Menschen so sehr liebt, weil er ihnen seinen Himmel schenken will. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen das für sich entdecken, wieder daran glauben können. Ich kann in diesen Tagen manchmal schwer an mich halten, wenn ich dann die bekannten Diskussionen höre.

Doch ich will nicht wüten, pauschalisieren, vorverurteilen. Stattdessen sehe ich es als meine persönliche Herausforderung, Menschen in meinem Umfeld zuzuhören, zu erfahren, warum sie Karfreitag und Ostern so feiern wie sie feiern. Ich will hören, was ihre Wünsche und was ihre Sehnsüchte sind. Ich möchte erfahren, wo Gott bei diesen Menschen längst am Werk ist und hoffe, daran mitwirken zu dürfen. Vielleicht hat es ja einen guten Grund, weshalb jemand am Karfreitag bereits um 6 Uhr Brötchen in der Bäckerei kauft. Vielleicht braucht jemand das Tanzen und Feiern am Karfreitag, weil er die Trauer in seinem Leben sonst nicht aushält. Deshalb findet ihr mich mindestens am Ostermontag wieder mit Kaffee und Kuchen auf dem Spielplatz – hoffentlich hält das Wetter.

Haben stille Tage und Tanzverbot noch ihre Berechtigung? Braucht es einen weiteren religiös begründeten Feiertag? Hat die christliche Tradition noch einen Platz in unserer Gesellschaft? Wahrscheinlich müssen diese Diskussionen in der Öffentlichkeit, in der Politik geführt werden. Aber sie werden meines Erachtens keinen Nachklang in der Gesellschaft haben, wenn Christen nicht vor Ort auf ihre Mitmenschen hören und von ihrem Glauben erzählen. Nur wenn Menschen mit den Feiertagen selbst etwas verbinden, eine Bedeutung für sich darin sehen, kann die öffentliche Diskussion fruchtbar sein. Wobei sich manche Diskussion dann vielleicht auch von selbst erledigen würde. Oder was denkt ihr?