Autor: Sabine

Licht unter dem Scheffel

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich lange mit einer Frau mittleren Alters. Es ging buchstäblich um Gott und die Welt. Irgendwann landeten wir auch bei dem, was ich tue. Ich erzählte ihr, dass ich Pastorin für fresh expressions of church sei, und von RaumZeit, meinem Projekt oder besser meiner Gemeinde, auch wenn sie als solche (noch) nicht anerkannt ist. Die Frau war sehr interessiert, stellte Fragen, wollte verstehen, was ich mache. Sie fragte sogar nach meiner Vision. Irgendwann, es war schon fast eine Stunde vergangen, sagte sie diesen einen Satz, der unserem Gespräch noch einmal eine ganz neue Richtung gab: „Übrigens, ich bin seit einigen Jahren auch gläubige Christin.“

Unsere Unterhaltung ging noch eine Weile. Ich habe sie sehr genossen. Und doch beschäftigt mich seither ein Gedanke: Warum halten wir mit unserem Bekenntnis zu Christus oft so lange hinter dem Berg? Ist es Angst? Haben wir schlechte Erfahrungen gemacht? Oder gehört es sich bei uns einfach nicht, offen davon zu reden? Vielleicht fühlen sich die anderen ja auch davon belästigt.

Viele dieser Beweggründe kann ich gut verstehen. So manch einer möchte auch lieber an seinen Taten und nicht an seinen Worten erkannt werden. Allerdings frage ich mich, wie die Menschen dadurch etwas von Jesus Christus erfahren sollen. Viele Verhaltensweisen werden einfach mit gutem Benehmen und Höflichkeit in Verbindung gebracht und nicht mit einem christlichen Leben. Früher oder später braucht es Worte, die von Jesus, von Gott, von Gnade und Barmherzigkeit erzählen. Warum also nicht früher und gut erkennbar? Ich weiß, ich höre jetzt schon die Stimmen, die an die alten Methoden der Mission erinnern, die vor Frommen und Straßenevangelisation warnen. Dann sind da auch noch die, die meinen, für Mission nicht geeignet zu sein, zu wenig zu wissen, nicht die richtigen Worte finden zu können.

Ich denke, es braucht dafür keine besondere Ausbildung, Vorbereitung oder ein besonderes Talent. Wer von Gott berührt wurde, der kann auch von ihm erzählen – durch sein Leben in seinem Alltag. Warum nicht mal sagen, dass man betet und wo es geholfen hat? Warum das Gebet vor dem Essen weglassen, nur weil man in fremder Gesellschaft ist? Warum nicht mal vom Gottesdienst erzählen und andere einladen und mitnehmen? Warum nicht auch mal davon erzählen, wo oder wie man Gott begegnet ist, wo man ihn gespürt hat? Am Anfang kostet das sicher Überwindung, braucht etwas Mut. Aber dann bereichert es nicht nur das Leben der anderen, sondern auch das eigene. So wie mein Gespräch mit der Frau vor ein paar Tagen noch einmal eine ganz neue Dimension bekam durch ihr Bekenntnis. Am Ende hätte sogar ein gemeinsames Gebet stehen können. Schade, dass wir es nicht getan haben.

So möchte ich euch Mut machen, selbst anderen von eurem Leben mit Jesus zu erzählen. Ich bin mir sicher, dass es euer Leben unglaublich bereichern wird. Ganz nebenbei würden wir damit auch den Auftrag Jesu erfüllen: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“

Wie geht es euch mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus? Erzählt ihr anderen davon oder liegt euch das eher nicht? In den Kommentaren ist Platz für eure Erfahrungen.

Tanzen verboten?

In zwei Tagen ist Karfreitag. Gefühlt wie jedes Jahr dreht sich in diesen Tagen die öffentliche Diskussion rege um das Tanzverbot, das diesen Tag betrifft. Dabei wissen die wenigsten, dass dieses Gesetz nicht nur den Karfreitag betrifft, sondern die sogenannten stillen Feiertage. Clubs und Diskotheken dürfen an diesen Tagen nicht geöffnet haben, um die Würde des Tages nicht zu schmälern. In vielen Bundesländern zählen auch der Totensonntag oder Heiligabend zu diesen Tagen. Eine einheitliche Regelung für alle Bundesländer aber gibt es nicht. Das gilt auch für die „stille Zeit“ rund um Ostern. Während in Berlin lediglich am Karfreitag von 4 bis 21 Uhr ein Tanzverbot gilt, sieht Hessen das strenger und hat ein Tanzverbot von Gründonnerstag 4 Uhr bis Karsamstag 24 Uhr und an Ostersonntag und Ostermontag jeweils von 4 bis 12 Uhr verhängt. Wie jedes Jahr wird also auch in diesem Jahr wieder um diese Zeiten gestritten. Ob das noch zeitgemäß ist, lautet eine der Fragen. Wer das noch ernst nimmt, eine andere. Angesichts der Beobachtung, dass Bäckereien am Karfreitag um 5 Uhr ihre Türen öffnen dürfen, frage ich mich das allerdings auch.

Eigentlich frage ich mich das aber nicht nur in Bezug auf Karfreitag. Die Diskussion um einen weiteren Feiertag, sei es der 31. Oktober oder einen anderer Tag, zeigt meines Erachtens das gleiche Dilemma. Zahlreiche Menschen verbinden besonders mit den religiös begründeten Feiertagen wenig oder sogar nichts mehr. Es sind für sie freie Tage, die sie zum Feiern, Ausspannen oder mit der Familie nutzen möchten. Mit Glauben hat das für sie wenig zu tun. Da kann in den öffentlichen Diskussionen noch so oft von der christlichen Tradition des sogenannten christlichen Abendlandes gesprochen werden. Wenn eine Tradition für die Menschen keinen Wert, keinen Inhalt mehr hat, dann ist sie abgebrochen. Eine Wiederbelebung ist schwer und gelingt nur dann, wenn sie wieder an die Alltagswelt der Menschen angeknüpft werden kann.

Karfreitag trifft mich diese Beobachtung besonders hart. Das größte Geschenk der Menschheit wurde ihr an diesem Tag gemacht. Gott selbst wurde Mensch, litt unter Schlägen, Spott und Hohn. Er wurde bespuckt und verlacht. Er weinte bittere Tränen um seine Menschen. Er starb für sie den grausamsten Tod, den es damals gab. Und das alles, weil er die Menschen so sehr liebt, weil er ihnen seinen Himmel schenken will. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen das für sich entdecken, wieder daran glauben können. Ich kann in diesen Tagen manchmal schwer an mich halten, wenn ich dann die bekannten Diskussionen höre.

Doch ich will nicht wüten, pauschalisieren, vorverurteilen. Stattdessen sehe ich es als meine persönliche Herausforderung, Menschen in meinem Umfeld zuzuhören, zu erfahren, warum sie Karfreitag und Ostern so feiern wie sie feiern. Ich will hören, was ihre Wünsche und was ihre Sehnsüchte sind. Ich möchte erfahren, wo Gott bei diesen Menschen längst am Werk ist und hoffe, daran mitwirken zu dürfen. Vielleicht hat es ja einen guten Grund, weshalb jemand am Karfreitag bereits um 6 Uhr Brötchen in der Bäckerei kauft. Vielleicht braucht jemand das Tanzen und Feiern am Karfreitag, weil er die Trauer in seinem Leben sonst nicht aushält. Deshalb findet ihr mich mindestens am Ostermontag wieder mit Kaffee und Kuchen auf dem Spielplatz – hoffentlich hält das Wetter.

Haben stille Tage und Tanzverbot noch ihre Berechtigung? Braucht es einen weiteren religiös begründeten Feiertag? Hat die christliche Tradition noch einen Platz in unserer Gesellschaft? Wahrscheinlich müssen diese Diskussionen in der Öffentlichkeit, in der Politik geführt werden. Aber sie werden meines Erachtens keinen Nachklang in der Gesellschaft haben, wenn Christen nicht vor Ort auf ihre Mitmenschen hören und von ihrem Glauben erzählen. Nur wenn Menschen mit den Feiertagen selbst etwas verbinden, eine Bedeutung für sich darin sehen, kann die öffentliche Diskussion fruchtbar sein. Wobei sich manche Diskussion dann vielleicht auch von selbst erledigen würde. Oder was denkt ihr?

 

Konkurrenz belebt das Geschäft

„Konkurrenz belebt das Geschäft“ – wer kennt diesen Satz nicht? Geht man auf die Suche nach der Herkunft dieses Satzes, liest man viel davon, dass es sich um ein deutsches Sprichwort handelt. Etwas Überzeugendes zu Ursprung und Herkunft aber habe ich nicht gefunden. Dennoch ist jeder überzeugt davon, dass es stimmt.

Mittlerweile hört man diesen Satz auch in kirchlichen Kreisen. Der amerikanische Soziologe Rodney Stark sagt zum Beispiel, dass Veränderungen in der Religiösität hauptsächlich durch das Angebot vorangetrieben werden. So wie wir alle an einem Buffet mehr essen als bei einem Drei-Gänge-Menü, führt auch im Bereich der Religionen mehr Angebot zu mehr Nachfrage. Dabei ist nicht die Zahl der Kirchen entscheidend sondern ihr Engagement. Auch Marlin Watling, Start, schreibt mit Rückgriff auf verschiedenste Studien, dass die Zugehörigkeit und Beteiligung an Kirche durch das Angebot gefördert wird. Und was sagt die praktische Erfahrung dazu?

Seit etwas mehr als einem Jahr bin ich in Sachen Gemeindegründung unterwegs. Viel Energie und Kraft habe ich schon investiert und so langsam entsteht etwas. Dabei zeigt sich gerade in den letzten Wochen, dass, wenn erst einmal etwas da ist, weitere Ideen und Aktivitäten immer schneller neu hinzukommen. So gesehen ist etwas dran an der Feststellung, dass das Angebot die Nachfrage steigert und umgekehrt. Doch nicht nur intern wächst das Angebot und die Nachfrage. Auch die Gemeinden im Umfeld, habe ich das Gefühl, feilen wieder mehr an ihrem Angebot. So wird es auf die Fläche gesehen für die Menschen vielfältiger. Angebot und Nachfrage sind also durchaus auch für Kirche Themen, über die es nachzudenken gilt.

Doch dann sind wir noch nicht bei jenem Sprichwort „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Als ich vor einigen Tagen bei Twitter fragte, ob dieser Satz auch für Kirche gilt, war eine der ersten Antworten „Kirche ist doch kein Geschäft!“. Das stimmt. Kirche ist kein Geschäft, auch wenn sie an vielen Stellen wirtschaftlich denken muss. Darum ging es mir auch weniger. Aber ich nehme in meinem Dienst immer wieder wahr, wie sehr Menschen aus anderen Gemeinden mein Projekt als Konkurrenz wahrnehmen bis hin zu Aussagen wie „Was ist, wenn die Menschen lieber zu dir kommen als zu uns?“ oder „Vielleicht wollen unsere Ehrenamtlichen dann lieber bei dir mitmachen als bei uns.“. So geht es dann eben doch auch um Wettbewerb und Konkurrenz. Manchmal zwingt uns wohl die Abhängigkeit von Gemeindegliederzahlen dazu. Außerdem sind wir alle Menschen und es gewohnt, in Vergleichen zu leben und zu denken. Gilt das Sprichwort also doch auch für Kirche?

Mich beschäftigt dabei besonders ein Gedanke. Wer in Konkurrenz und Wettbewerb denkt, der muss mitdenken, dass der Wettbewerb so manchen Anbieter vom Markt verdrängt, Konkurrenten pleite gehen und vom Markt verschwinden. Oft genug endet es in der Monopolstellung einzelner Anbieter. Das kann meines Erachtens bei Kirche aber nicht gewollt sein. Ziel unseres Dienstes darf nicht sein, die Menschen zu Mitgliedern einer Kirchengemeinde zu machen, sondern sie auf dem Weg zu einem mündigen Christsein zu begleiten.

Ja, ich weiß, in unserer Gesellschaft braucht es Strukturen und ohne ein Mitgliedschaftssystem geht es wohl nicht. Aber ist es da nicht eher wichtig, dass jemand überhaupt Mitglied ist, und nicht in welcher Gemeinde? In einem guten Solidarsystem sollte das doch möglich sein, oder?

Das englische Bild von der mixed economy oder das deutsche Equivalent vom deutschen Mischwald, die für neue und andere Formen von Kirche neben den bestehenden sprechen, stehen nicht für eine Verdrängung von Anbietern durch Konkurrenz und Wettbewerb, sondern für eine Ausweitung des Angebots durch gleichwertige Partner.

In diesem Sinne lasst uns das Angebot ausweiten und solidarisch zueinander stehen. Oder was denkt ihr?

Wie hältst Du´s mit der Frustration?

Es sollte ein Experiment, ein Versuch, ein erstes Angehen werden. Die Idee dazu entstand irgendwann im November des vergangenen Jahres. Da huschte ein Hashtag durch die sozialen Medien – #hundert5 – verbunden mit der Frage und der Idee, dass sich hundert Pionierinnen und Pioniere einen Abend lang, fünf Stunden, treffen, sich kennenlernen, austauschen, inspirieren. Ich war von Anfang an von der Idee begeistert. Geworden ist daraus das Missionale Atelier am Vorabend der diesjährigen Missionale in Köln. Mein Terminkalender gab mir frei und ich konnte fahren.

Zwar waren es nicht hundert Pioniere, doch ungefähr fünfzig trafen sich im Solution Center, einer Büroetage für Coworking, mit Sesseln und Sofas, Küche und Kaffeeecke wunderbar eingerichtet. Die meisten kannten sich schon – einige persönlich, viele aus den Sozialen Medien, wo man sich gegenseitig folgte, voneinander oder den jeweiligen Projekten las. So entstanden binnen weniger Minuten angeregte Gespräche. Es wurde von den eigenen Vorhaben berichtet, Fragen gestellt, Ideen getauscht und reflektiert. Endlich gab es dafür genügend Raum und Zeit. Wieviele Ideen an diesem Abend noch entstanden sind, werden vielleicht erst die nächsten Wochen zeigen. Doch für mich war Energie und Kreativität im Raum. Allein dafür hat sich die lange Fahrt gelohnt.

Mein persönliches Highlight aber war der Eingangsimpuls von Frank Berzbach. Durch sein Buch „Die Kunst ein kreatives Leben zu führen“ war ich einst auf ihn aufmerksam geworden. Ihn nun real erleben zu dürfen, bereicherte meinen Abend. Unter der Leitfrage „Wie hältst Du’s mit der Frustration?“ bzw. dem Thema „Kreativität und Frustration“ ließ er seine Hörer an seinen Gedanken teilhaben. Die begannen mit dem Satz „Wer kreativ ist, ist automatisch mit Frustration konfrontiert.“. Dabei sind wir alle kreativ, nur mit der Realisierung hapert es oft. Anschließend stellte Berzbach die zwei Seiten der Frustration vor, berichtete von den Fallstricken, die eine Organisation den Kreativen stellt, allein dadurch dass sie Organisation ist. So muss der Kreative Nischen finden, in denen Innovation möglich ist, eine Art zufriedener Außenseiter werden, der Bremser und Bedenkenträger ignoriert ohne für berechtigte Kritik blind zu werden. Dabei ist die Einsamkeit die größte Ressource der Kreativität.

Mit diesen Worten hat Frank Berzbach mir viel zum Nachdenken mitgegeben. Bei weitem nicht alle Gedanken waren an diesem Abend schon abgeschlossen. Kreativität, Einsamkeit, Außenseitertum – Begriffe, die mich in meiner derzeitigen Situation ansprechen. Es von jemand anderem zu hören, war wie eine Erlaubnis es zu leben. Das trägt noch einmal andere Aspekte in mein Tun. Dazu trat ein weiterer Gedanke Frank Berzbachs: Wer mit Humor über die Fallstricke der Organisation balanciert, kommt nicht so oft zu Fall. Humor entwaffnet, wie Joseph Beys einmal sagte. Er hilft, eine Art „selektiven Größenwahn“ zu leben, in dem man unterscheidet, was man ändern kann und was nicht, um die eigene Energie zu erhalten. Denn ohne Energie gibt es keine Kreativität.

Diese Energie war im Anschluss im Raum zu greifen. Die Coaching Zone mit Bob und Mary Hopkins bereicherte die Gespräche noch um weitere inspirierende Gedanken. Von Frustration war für mich in diesen Stunden wenig zu spüren. Da galt wohl jener Satz, der im geistlichen Abschluss fiel: „Gottes Antwort auf Frustration ist Geist.“

Experiment geglückt. Der Abend war mehr als gewinnbringend und ich wünschte mir, es gäbe mehr dieser Ateliers, in denen Energie und Kreativität frei gesetzt werden und Neues entsteht. Mich zumindest lassen die Gedanken dieses Ateliers noch nicht los und ich werde sicher an so manchem weiter denken.

Übrigens: einige der besten Zitate schwirren in den Sozialen Medien unter dem Hashtag #missionale18 rum.

Wenn Ermutiger Ermutigung brauchen

Wenn mich Menschen fragen, worin ich meine Aufgabe sehe, so lautet eine Antwort „Ich möchte Menschen Mut machen, ihre eigene Form von Kirche zu entdecken und zu gestalten.“ Ich möchte Mut machen, ermutigen. Und nicht nur ich, viele andere auch. Gerade letztes Wochenende sagte eine junge Kollegin mit Blick auf ihre Jugendarbeit zu mir: „Ich sehe mich als Ermutigerin für die Jugendlichen.“ Den Menschen nicht vorgeben, was zu tun ist, sondern sie ermutigen, selbst auszuprobieren, selbst zu gestalten – für mich ist das eine wichtige Grundlage meiner Arbeit.

Doch immer häufiger erlebe ich, dass Ermutigerinnen und Ermutiger selbst mutlos werden. Die, die sie ermutigen wollen, möchten lieber konsumieren, als selbst aktiv zu werden. Projekte kommen nicht ins Laufen. In ihrem Umfeld schlägt ihnen mehr Gegenwind entgegen, als dass sie Unterstützung erfahren. Und manchmal sind es die bürokratischen Zwänge, die jedes zarte Pflänzchen im Keim ersticken. Dann höre ich Sätze wie: „Die Kirche ist noch nicht so weit.“ oder „An den ganzen Widerständen reibe ich mich auf!“…

Auch mir geht es manchmal so. Endlose Diskussionen in einer Sitzung, zigtausend Nein und Aber mit Blick auf ein neues Vorhaben. Dann würde ich am liebsten alles hinschmeißen, mir eine x beliebige Stelle suchen und gut wäre es. Doch es gibt Dinge, die mich davon abhalten, mir wieder Mut schenken. An erster Stelle steht da meine Beziehung zu Gott. Wenn ich sein Wort höre, seine Gegenwart spüre, mit ihm rede, dann spüre ich neuen Mut, neue Motivation. Dann weiß ich, dass sich alle Mühe lohnt.

Daneben gibt es aber noch etwas, das mir hilft – Beziehungen zu und Gemeinschaft mit gleichgesinnten Christen. Wenn es im täglichen Geschäft eng wird, dann habe ich eine Freundin oder einen Freund, der ich texten kann, der für mich und mit mir betet. Um gute Gemeinschaft zu erfahren, habe ich mir Netzwerke gesucht, in denen wir gemeinsam auf dem Weg sind. Churchconvention ist so eines. Und dann muss ich ein- bis zweimal im Jahr zu einem Kongress, einem Großevent, wo ich einfach auf Grund der Teilnehmerzahl schon spüre, dass ich nicht allein unterwegs bin. Mit zehntausend Menschen „Lobet den Herren“ singen tut einfach gut. Dazu gute Themen, Workshops, Gespräche. Das gibt Kraft für mindestens ein halbes Jahr.

Deshalb möchte ich euch Mut machen. Sucht euch eure Unterstützer, die ihr zu jeder Zeit anrufen könnt. Sucht euch eure Netzwerke, die euch gut tun. Fahrt zu Veranstaltungen, die euch spüren lassen, dass ihr nicht alleine unterwegs seid. Vor allem aber hört auf Gottes Wort und Stimme und betet. Kaum etwas gibt soviel Kraft wie das Gespräch mit Gott.

Was gibt euch Mut? In den Kommentaren könnt ihr davon erzählen.

Übrigens: am 23. und 24. Februar bin ich bei der Missionale in Köln – auch so ein mutmachendes Event. Bei Twitter und Facebook werde ich mich von dort melden. Also folgt mir doch auch dort.

Drei Tage zwischen Zukunft und Hoffen

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Willow Creek Leitungskongress in Dortmund. Ich war dabei und frage mich, was bleibt. Was nehme ich mit? Was bewegt der Kongress in den Menschen und in unserem Land? Denn das ist immer wieder der Anspruch der Veranstalter – die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen ermutigt und zugerüstet werden, um etwas in ihrem Umfeld zu verändern, in Bewegung zu setzen.

So will ich in den folgenden Zeilen nicht berichten, welche Vorträge, welche Inhalte präsentiert wurden (wobei das nicht immer zu vermeiden sein wird), sondern davon schreiben, was ich wahrgenommen und beobachtet, gefühlt und gesehen habe. Natürlich darf dabei nicht fehlen, was ich persönlich mitgenommen habe. Also kommt mit auf die gedankliche Reise zum Willow Creek Leitungskongress 2018. Sie beginnt am Donnerstag. Tausende strömen in die Halle. Mit etwas Verspätung und viel guter Musik beginnt der Kongress. Im Anschluss folgen die ersten Vorträge – Bill Hybels spricht von Resepkt und Höflichkeit, Erin Meyer von der kulturellen Lücke zwischen verschiedenen Ländern, die immer wieder zu Missverständnissen und fehlschlagender Kommunikation führt. Ein wahres Highlight dieses Themenkreises ist Horst Schulze am Freitag, der vom Dienst an den Menschen spricht unter dem Leitwort „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen“.

Foto: KirchGezeiten

Ehrlich gesagt, mich bewegen diese Worte sehr. Immer wieder leide ich am Umgang der Menschen miteinander und wundere mich, warum ich so komisch angeschaut werde, weil ich der Kassiererin an der Kasse noch einen schönen Tag wünsche. Oft sage ich es auch drastisch: Die Gesellschaft krankt an ihrer Selbstzentriertheit. Da sind diese Vorträge so wohltuend. Der anschließende Applaus lässt mich Hoffnung schöpfen, dass die nicht ganz geringe Zahl der engagierten Christen etwas verändern kann im Umgang miteinander. Doch nur wenige Minuten später wird der Verkäufer am Kaffeestand angemault, weil der Kaffee an seinem Stand ausgegangen ist, auch wenn er darauf hinweist, dass es ihm leid tue, doch an einem Stand weiter noch Kaffee vorhanden sei. Respekt, Höflichkeit im Umgang miteinander – meine Hoffnung schwindet bereits wieder. Am Abend in einem angesagten Szenerestaurant in Bochum darf ich dann als Krönung des Ganzen erleben, wie ein Restaurantfachmann seine Gäste belehrt, welche Vorspeise zu wählen sei, obwohl der Gast bereits eine ausgewählt und zweimal betont hat, dass ihm Spargel nicht schmeckt. Ich spüre, wie Groll in mir aufsteigt. Es muss sich etwas ändern im Umgang miteinander. So hoffe ich, dass die Vorträge nachwirken – und ein wenig scheint es schon begonnen zu haben. Am letzten Tag auf dem Parkplatz fragt mich ein Ordner, wann denn die Veranstaltung zuende sei. Auf meine Auskunft, dass das Programm offiziell bis 12.45 Uhr gehe, runzelt er die Stirn und meint, das sei knapp, denn ab 12 Uhr würden die Fußballfans anreisen und da bräuchten sie jeden Parkplatz. Aber mit den Christen sei das wohl kein Problem. Die seien immer so freundlich. Also lasst uns den Menschen respektvoll und höflich begegnen. Denn ich hoffe noch immer, dass sich etwas ändern kann in unserer Straße, in unserer Stadt, in unserem Land, in der Welt.

Foto: KirchGezeiten

Aber das war nicht alles, was vom Leitungskongress als Reiseerfahrung blieb. Die Reise ging schließlich noch weiter. Es blieb nicht bei einer Tagesfahrt. So war ein zweiter großer Themenkomplex die Zukunft der Kirche. Ob Christian Hennecke, Michael Herbst, Tobias Teichen oder Freimut Haverkamp – sie alle sprachen in der einen oder anderen Weise davon, wohin sich Kirche entwickeln kann und muss, was diesen Weg erschwert und was dennoch möglich ist. In einer Halle mit mehr als zehntausend Menschen, die alle ein Herz für ihre Kirche haben, wirken solche Worte wirklich ermutigend. Wenn so viele Menschen an einer Zukunft der Kirche mitwirken wollen, dann muss das doch was werden. Dabei standen einige Gedanken immer wieder im Raum – der geistliche Aufbruch zum Beispiel. Wenn wir eine missionarische Kirche wollen, die an der missio Dei mitwirkt, dann braucht es einen neuen geistlichen Aufbruch in der Pfarrerschaft, wie Michael Herbst sagt, aber auch in der großen Schar der Christen. Es geht eben nicht darum, Kirche zu verwalten, sondern darum Kirche zu sein, Jüngerinnen und Jünger Jesu zu werden und zu sein, den dreieinigen Gott in den Mittelpunkt zu stellen und nicht irgendwelche Kirchengesetze und Verwaltungsvorschriften. Das hört sich oft leichter an als es in Wirklichkeit ist. Denn ich habe den Eindruck, dass wir dafür erst einmal aus unserer Komfortzone rausmüssen, in der wir uns mit unserem Klagen und Stöhnen über Bürokratie und Arbeitsbelastung eingerichtet haben. Die Komfortzone zu verlassen, heißt zu den Menschen zu gehen und dort zu bleiben. Das wurde auch bei Willow deutlich. Dann geht es um einen Wandel vom Sterben zum Osterglauben und vom Machen und Herrschen zum Dienen und Ermöglichen, wie Christian Hennecke es sagte.  Gerade der Wechsel hin zum Dienen und Ermutigen fällt schwer. Wer möchte schon freiwillig Diener sein? An dieser Stelle schloss sich der Kreis für mich hin zum Vortrag von Horst Schulze. „Ladies and Gentlemen serve Ladies and Gentlemen.“ Niemand ist besser als der andere, aber es ist auch niemand schlechter als der andere.

Foto: KirchGezeiten

Zukunft. Hoffnung. Kirche – drei Worte, drei Tage Leitungskongress. Sie waren wie die Quelle frischen Wassers für mich. Ich konnte drei Tage auftanken, um zuhause wieder loszugehen, nach den Orten zu suchen, wo Gott schon aktiv ist, an seiner Mission mitzuwirken. Sie haben mich inspiriert, den Weg des Dienens und Ermutigens weiterzugehen, auch wenn ich manches Mal am Verhalten anderer Menschen leide. Ich habe den Aufruf Gottes gespürt, es anders zu machen. Respekt und Höflichkeit – zwei Gedanken, die mich seit diesen Tagen noch mehr bewegen als sie es zuvor schon taten. Und ich habe den Wunsch und das Verlangen, diese Erfahrungen, die ich in Dortmund machen durfte, an andere weiterzugeben. In diesem Jahr waren wir zu zweit beim Leitungskongress. In zwei Jahren möchte ich mindestens zwei weitere Personen aus meiner Arbeit mitnehmen. Bis dahin ist meine Herausforderung zu dienen und zu ermutigen. Jetzt aber sage ich „Danke, Willow, für diese mutmachenden, inspirierenden Tage!“

Die Zielgruppe der Mission

Kirche muss sich verändern, Kirche muss neue Wege erschließen – so oder ähnlich ist es an verschiedenen Stellen berechtigterweise zu lesen oder zu hören. Fast immer wird im Anschluss von Zielgruppenorientierung gesprochen, davon dass mit den diversen Angeboten nicht mehr alle Menschen angesprochen werden können; davon, dass bei der Planung einer Veranstaltung überlegt werden muss, wen man damit ansprechen möchte.

Also legt sich doch die Frage nahe, welche Zielgruppe Mission hat. Wen wollen wir damit ansprechen? Ich stelle diese Frage immer dann, wenn ich mit Menschen in Kontakt komme, die missionarisch unterwegs sind – egal, ob in Sachen Fresh X oder Gemeindepflanzung. Dabei hat sich ein Eindruck bei mir festgesetzt, der durch die Ausschreibung vieler Förderungen und Projekte stetig verfestigt wird. Mission wird dort tätig, wo Hilfe notwendig ist, wo es ein Bedürfnis gibt. Das können die Kinder in der Plattenbausiedlung sein, die Unterstützung bei den Hausaufgaben brauchen. Oder es sind die Geflüchteten, die kaum jemanden in ihrer neuen Stadt kennen. Vielleicht sind es auch sozial schwache Familien oder alleinerziehende Mütter, denen man helfen sollte. Anknüpfungspunkte sind immer wieder die sozialen Bedürfnisse.

Aber was ist dann mit denen, die finanziell besser gestellt sind? Brauchen sie das Evangelium nicht oder können sie durch Mission nicht erreicht werden? Doch, lautete eine Antwort, die ich unlängst auf meine Frage bekam. Natürlich brauche auch ein gestresster Manager kurz vor dem Burnout das Evangelium. Er könne schließlich dadurch erfahren, welche Dinge im Leben wirklich entscheidend seien. Doch schon wieder richtet sich diese Zielgruppenbeschreibung an einem Bedürfnis aus, ist defizitorientiert.

Bei all diesen Beschreibungen beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Das Evangelium als Mittel, um Leerstellen zu füllen und falsches Verhalten aufzudecken oder zu korrigieren, das greift mir zu kurz. Die Hilfe für Arme, Witwen und Waisen, zu der schon das Alte Testament aufruft, ist ein guter Dienst am Menschen. Doch ist es nicht der einzige Anspruch des Evangeliums. Darauf kann man es nicht reduzieren. Außerdem gibt es doch auch Menschen, die wirtschaftlich gut gestellt sind, gerade in keiner Krise stecken und ihr Leben einfach nur genießen. Muss ich mich mit ihnen so lange auf die Suche begeben, bis wir die Leerstellen in ihrem Leben gefunden haben, um dann das Evangelium zur Sprache zu bringen?

Nein, ich möchte mich mit ihnen vielmehr freuen über das, was sie haben, entdecken, was ihnen geschenkt worden ist. Ich möchte mit ihnen das Leben feiern und vielleicht zu einem Gefühl der Dankbarkeit kommen, dass sie nach Gott fragen lässt. Dann entstehen in mir Bilder von einem fröhlichen und lebendigen Leben mit Christus. Wenn die sozialen Bedürfnisse nicht der einzige Anknüpfungspunkt für Mission sind, sondern diese Menschen ganz anders zu erreichen sind, dann ist Kirche meines Erachtens noch einmal neu herausgefordert.

Die Hilfe für andere hat sie über Jahrhunderte in der Diakonie gelernt und ausgeübt. Das Feiern des Lebens und die Wertschätzung des Vorhandenen ist immer wieder zu kurz gekommen. Unter diesem Aspekt eine neue Form von Kirche, eine fresh expression zu entdecken, fände ich spannend. Da will ich dran bleiben. Vielleicht entsteht etwas, vielleicht merke ich aber auch, dass es selbst in diesen Zusammenhängen um Bedürfnisse und Leerstellen geht.

Ich halte euch auf dem Laufenden. Bis dahin hinterlasst mir doch eure Ideen und Gedanken in den Kommentaren.

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 2

In den letzten Wochen blieb mein Pioniertagebuch geschlossen – Vieles andere lag an und war im Kalenderablauf wichtiger. Doch in diesen Tagen habe ich es wieder aufgeschlagen. Zur Pionier-Weiterbildung gehören zwischen den Präsenzphasen immer auch Online-Einheiten zum Nacharbeiten, Selbststudium, Vorbereiten des nächsten Treffens. Da sich Ende des Monats die (angehenden) Pionierinnen und Pioniere das nächste Mal im Reallife treffen, war es für mich Zeit, mich näher mit den Onlinematerialien zu befassen.

Besonders die Einheit zum Selbststudium hat es mir angetan. Zahlreiche Aufsätze und Buchauszüge drehten sich um die Wahrnehmung des Kontextes oder des Missionsfeldes. Wie ist es abgegrenzt, wie ist es zu erfassen? Unterschiedlichste Methoden von der Erstellung von Landkarten bis hin zu Gebetsspaziergängen wurden vorgestellt. Das Hören auf die Menschen bekam Bedeutung und daneben das Hören auf Gott. Wo ist er in diesem Kontext längst am Werk? Wo will er, dass ich an seinem Wirken mitwirke? Habe ich das schon vernommen oder laufe ich auf der falschen Fährte? Daneben die Frage, was wichtiger ist, auf Gott zu hören oder auf die Menschen? Was kommt zuerst oder geht das eine nur mit dem anderen?

Das Nachdenken über all diese Fragen hat mich bisher nicht zu Antworten geführt. Eigentlich bringt es sogar jeden Tag neue Fragen hervor. In dieses ganze Nachdenken hinein kam es zu einer Begebenheit, die mich noch weniger loslässt:

Meine Kinder haben Weihnachten Playmobil für sich entdeckt – ein großer roter Trecker und ein Prinzessinnenschloss sei dank! Entsprechend werden zur Zeit in allen Spielzeuggeschäften und Katalogen die potentiellen nächsten Geschenke dieser Marke ausgesucht. Da passte es gut, dass Mama zu Weihnachten die entsprechende Krippe geschenkt bekommen hatte und auch schon die Kirche besitzt. So langsam füllt sich unsere Sammlung. Sie droht zu einer eigenen Stadt zu werden. Vor einigen Tagen standen wir mal wieder mit der gesamten Familie vor einem dieser besagten Regale. Zahlreiche Wünsche wurden geäußert. Es wurde gefachsimpelt, was man wie zusammenbauen könnte, was wo anzubauen wäre oder zu welchem bereits vorhandenen Bauwerk passt. Da fiel mein Blick auf einen weiteren Karton und in mir regte sich etwas. Diesen Karton würde ich neben Krippe und Kirche gerne mein Eigen nennen, auch wenn ich nur wenig damit spiele – nicht für die Kinder, nur für mich – zum Anschauen und Träumen. Es ist das Café Cupcake. Freunde und Verwandte wissen längst, dass ich davon träume, irgendwann einmal ein eigenes Café zu eröffnen. Ehrlich gesagt, ich vermute, dass einige auch schon ziemlich angenervt sind von meinem Träumen.

Foto: KirchGezeiten

 

Aber es war nicht nur das, was mich in diesem Moment anregte. Als wir in der ersten Präsenzphase unseren Traum von Kirche darstellen sollten, baute ich ihn mit genau diesem Karton. Dieses Café, das entsprechend den Produkten dieser Marke zwar recht real, aber dennoch ziemlich bunt ist, hat für mich viel mit meinem Traum zu tun. Es steht für mich für eine Orientierung am realen Leben, das dennoch oder gerade deshalb bunt und farbenfroh ist. Hier gehen Menschen verschiedenster Alltagsstufen ein und aus. Hier treffen sich die jungen Leute zum Kaffeetrendgetränk, die Familie kommt mit den Kindern zum Frühstück, die Laufgruppe trinkt noch ein Wasser nach der wöchentlichen Runde, die Großeltern spendieren ihrem Enkel einen Kakao und ein Stück Kuchen. Und ein paar Tische weiter sitzt jeden Morgen der gleiche ältere einsame Mann mit seinem Kaffee, dem belegten Brötchen und der Tageszeitung. Eben kommt noch ein Schüler rein, zählt sein Geld ab und überlegt, ob es wohl für etwas Süßes reicht. Und letzte Woche hatten an einem Tisch drei Geschäftsleute große Baupläne für ein neues Mehrfamilienhaus ausgebreitet und besprachen die gewünschten Änderungen. Ach, die Filmleute will ich nicht vergessen, die mittels Stadtplan mögliche Filmsets für ihren nächsten Film besprachen. Ja, das alles habe ich schon in ein- und demselben Café erlebt. Früher oder später kennen dann die Angestellten die Vorlieben ihrer Gäste und das ältere Ehepaar muss nicht mehr sagen, dass es ein halbes Brötchen mit Marmelade und ein halbes mit Käse zum mittleren Kaffee bekommt. Diese beiden sind es auch, die das Bücherregal pflegen und dafür sorgen, dass immer mal was Neues dabei ist. Für die Spielecke haben sie auch schon mal ein neues Bilderbuch mitgebracht.

Café ist für mich aber noch mehr. Es bietet Raum und Zeit, um Pause zu machen, um es sich bei einem Getränk und etwas zu Essen gut gehen zu lassen, die Gedanken zu ordnen, Freunde zu treffen und neue Menschen kennenzulernen. Hier kann ich spüren, welches Leben in der Umgebung des Cafés gelebt wird, erlebe Menschen so wie sie sind. Ich finde, Cafés haben eine eigene Atmosphäre, egal ob es ein Traditionscafé mit Silberbesteck und Monogramm im Geschirr ist oder der kleine Szene-Coffeeshop. So richtig zum Café wird das Café dann für mich, wenn man z.B. Café schenken kann, d.h. für andere, die ihn sich nicht leisten können, den Kaffee einfach mitbezahlen kann. Dann hängen irgendwo Kaffeegutscheine, an denen man sich unbemerkt bedienen kann, um in den Genuss des heißen Getränks zu kommen. Das geht natürlich nicht nur mit Kaffee, sondern auch mit all den anderen Köstlichkeiten aus dem Angebot. Hier ist jeder willkommen. Hier kann gelacht, erzählt, auch gestritten und geweint werden. Wer häufiger in dies Café kommt wird merken, dass es kleine Gemeinschaften in diesem Café gibt, die immer zur gleichen Zeit kommen, meist sogar an immer demselben Tisch sitzen. Doch sie sind nicht fest voneinander abgegrenzt, dienen einander, wenn irgendwo der Zucker, die Milch oder auch ein Stuhl fehlt. Sie alle zusammen sind die Gemeinschaft der Café-Besucher.

Ich gebe zu, das klingt alles ein wenig idealistisch – was es wohl auch ist. Aber sprechen wir nicht auch so von unserem Traum von Kirche? Dabei ist das, was uns dann als Café in der Realität begegnet und wo wir immer wieder gerne hingehen, doch auch recht gut. Das gilt übrigens auch für die Kirche. Wer sich dann im Traditionscafé nicht so wohl fühlt, der geht einfach ein paar Straßen weiter und findet dort vielleicht das kleine Café im Stil der 60er und 70er Jahre oder den modernen Coffeeshop oder das Landfrauencafé. Das Gute an der Idee des Cafés ist, dass jeder weiß, was es ist und es doch kaum zählbare verschiedene Cafés gibt. Für jeden ist etwas dabei – okay, daran arbeiten wir bei Kirche noch etwas.

Vielleicht träume ich gerade deshalb von einem eigenen Café, weil es für mich soviel von Kirche spiegelt. Genauso träume ich einen Traum von Kirche, an dem ich mitbauen möchte. Um das eine mit dem anderen zu verbinden, werde ich auch weiterhin in „mein“ Café gehen und dort auf die Menschen, den Kontext und Gott hören. Das geht übrigens auch hervorragend bei einem Kaffee oder Chai latte, allein oder gemeinsam. Vielleicht treffen wir uns dann ja mal in einem Café und hören und träumen von „unserer“ Kirche.

Bis dahin freue ich mich, von euch zu hören, was eure Träume von Kirche sind. Hinterlasst sie einfach in den Kommentaren.

Ein Jahr Aufbruch 

In diesen Stunden geht es zuende: mein erstes Jahr im Aufbruch – ein Jahr wandern und wundern, ein Jahr voller Höhen und Tiefen. Ich frage mich, was hat es gebracht, mir und den anderen? Oder ist alles noch so wie vor einem Jahr?

Ich will nicht die zahlreichen Veranstaltungen aufzählen, auf denen ich war oder die verschiedenen Wege, die ich durch meine Stadtteile gegangen bin. Die Liste wäre lang, aber Veränderung bemisst sich daran nicht. Eher will ich davon berichten, was meine Eindrücke, meine Gedanken zum Thema Kirche und Glauben nach diesem Jahr sind. 

Dabei muss ich aber doch bei den Begegnungen anfangen, denn allein auf Grund meiner Stellenbeschreibung sehen viele, denen ich begegne, in mir die, die jetzt alles anders macht, Traditionen bricht, kurz gesagt: das enfant terrible. Einige haben wohl auch Angst, dass ich ihre althergebrachten Ordnungen über den Haufen werfen oder es irgendwie so modern mache, dass die jungen Leute aus ihren Gemeinden lieber zu mir kommen. Ehrlich gesagt, mittlerweile spiele ich manchmal auch mit diesem Image. Denn manchmal nerven mich diese Vorannahmen. Genauso gerne, wie ich im Stadtteil auf der grünen Wiese Brot und Butter teile, feiere ich nämlich klassische Gottesdienste in alten Kirchen. 

Eine Veränderung habe ich aber bei allen gespürt, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin. Wir haben geredet – über Kirche und Glaube, über Formen und Traditionen, über Gottesdienst und Seelsorge. Dann war es egal, ob man in der Kirche ist oder nicht, ob frau ehrenamtlich engagiert ist oder sich weit vom Herrn entfernt sieht. Bei allen spürte ich eine Sehnsucht, dass etwas geschehen solle, dass man Glauben und Kirche doch nicht einfach so aufgeben dürfe. Die Beweggründe der einzelnen Gesprächspartner waren dabei ganz unterschiedlich. Die einen waren überzeugte „Papa-Kinder“, die anderen sahen die soziale Arbeit der Kirche als unabdingbar an, hatten aber selbst nicht viel mit Gott am Hut. Auf einen Bericht über meine Arbeit im Fernsehen hin meldeten sich fremde Menschen bei mir, weil sie sich freuten, dass etwas geschieht. Kirche und Glaube sind für die Menschen, denen ich begegnete, nicht bedeutungslos. Der Wunsch danach, dass etwas geschieht, ist da und er ist groß. Sie alle wollten darüber reden, über neue Wege nachdenken. Nicht einfach aufgeben. 

So nehme ich in den letzten Wochen vermehrt wahr, dass Kirche im Gespräch ist, dass sie aus dem Bewusstsein der Menschen noch nicht ganz verschwunden ist. Es gibt noch Redebedarf und ich begreife, dass dies die Chance ist, die es zu ergreifen gilt. Das gilt nicht nur mit Blick auf die Existenz der Kirche als Institution, das gilt für mich besonders mit Blick auf den christlichen Glauben in seiner gesellschaftlichen Auswirkung.

In einer Gesellschaft, in der Individualität und Unabhängigkeit von großer Bedeutung sind, in der jede und jeder seine eigene Lebensform sucht und sich doch nach Gemeinschaft sehnt, braucht es dennoch Werte, an denen man sich orientieren kann. Und es braucht höchst unterschiedliche Formen von Gemeinde und Glaube – von der traditionellen Gemeinde bis hin zum gemeinschaftlichen Leben in der Platte.  Die Zeit der best praxis – Arbeit ist dabei größtenteils vorbei. Den Koffer mit dem erprobtem Handwerkszeug können wir getrost in die Ecke stellen, denn an jedem Ort gilt es Neues auszuprobieren. Das merke ich schon in meinen beiden Stadtteilen und die liegen nur fünf Kilometer voneinander entfernt. Es gibt kein richtig und kein falsch. Alles will ausprobiert werden, eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Aber genau das macht es so spannend.

Mein erstes Jahr Aufbruch geht zuende und geht morgen auch gleich weiter. Jeder Tag ist ein neuer Aufbruch, bedeutet Wandern und Wundern in den Straßen und Häusern meiner Stadt. Seitdem ich aufgebrochen bin, nehme ich vieles um mich herum viel bewusster wahr. Mein Dienst lehrt mich immer wieder neu zu fragen, was will Gott hier oder dort tun oder tut es schon längst? Wie kommt sein Evangelium im Alltag zum Klingen? Seit ich aufgebrochen bin, erlebe ich meine Arbeit intensiver, tiefer als je zuvor. Seither bekommt die Theologie jeden Tag neue Bedeutung. Das ist wohl die größte Veränderung bei mir, vielleicht auch bei den anderen. Und es ist ein unglaublich großes Geschenk, dies erleben zu dürfen. 

Ich wünsche es jedem, dass er oder sie diesen Aufbruch erleben kann, denn er bereichert ungemein. So wünsche ich euch allen ein gesegnetes neues Jahr voller Aufbrüche, voller Wandern und Wundern. 

Darf oder muss Kirche sich einmischen?

Seit einigen Tagen bewegt eine Frage die sozialen Medien: darf eine Weihnachtspredigt politisch sein – oder muss sie es vielleicht sogar? Ein Tweet des Journalisten Ulf Poschardt bezüglich der Predigt in einer Berliner Christmette löste die Diskussion aus. Zahlreiche Menschen antworteten auf unterschiedlichste Weise bis hin zu Politikern und dem Ratsvorsitzenden der EKD. Damit ist die alte Frage wieder aufgeworfen: Darf oder muss sich die Kirche in politische Fragen einmischen? Darf oder muss Kirche politisch aktiv sein?

Über diese Frage ist mit Recht nachzudenken. Doch sei zunächst noch genannt das eben jener Journalist, der zugleich Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“ ist, heute in einem Kommentar auf der online-Präsenz des Blattes noch einmal klarstellt, dass er die Kirche durchaus für sinnvoll hält, doch eher mit Blick auf Gottesdienst und Seelsorge. Neben der Glaubensvermittlung soll Kirche vor allem soziale Instanz und Ort der Begegnung sein. Doch genau hier regt sich mein Widerstand. Denn eine soziale Instanz im Sinne des Evangeliums ist mehr als ein Ort der Begegnung, ist mehr als die Essensausgabe in der Tafel oder die Wohneinrichtung für Alte und Behinderte. Es geht nicht nur um ihre Versorgung, sondern auch um ihre Rechte und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Jesus war es, der sich mit den Gelehrten und Hohepriestern auseinandersetzte, um die Ehebrecherin zu schützen. Seine Reden und Predigten äußerten sich auch zu gängigen Lebens- und Rechtsauffassungen. Er selbst beschränkte sich nicht darauf, die Kranken zu heilen oder mit den Aussätzigen zu essen. Dass er mit der Samaritanerin sprach, ihre Bitte sogar erhörte, war ein Affront gegen geltende Regeln.

Entsprechend muss Kirche auch heute noch mehr als Glaubensvermittlung und Ort der Begegnung sein. Kirche als soziale Instanz, die das Evangelium ernst nimmt, setzt sich für die Rechte derer ein, um die sie sich sorgt. Dabei ist es nicht entscheidend, ob es Menschen mit Behinderung, Sterbende oder Menschen ohne Heimat sind. Denn in vielen dieser Bereiche gibt es noch immer deutlichen Verbesserungsbedarf. Wer sich hier einsetzt, betritt früher oder später politischen Boden. Das lässt sich meines Erachtens kaum vermeiden.

Das bedeutet aber auch, dass man auf der Grundlage der christlichen Werte, die oft so hoch bewertet werden, oder besser in der Nachfolge des Evangeliums nicht jede Politik gutheißen kann, wenn sie menschenverachtend ist, nationalistisch, rassistisch oder anderweitig ethisch zweifelhaft. Dort einfach zuzuschauen, nichts dagegen zu sagen, hieße, sie zu dulden. Das aber kann nicht im Sinne des Schöpfers sein, weil es sich gegen seine Schöpfung richtet.

Deshalb muss Kirche sich einmischen und das tut sie nun einmal in Form von Personen. Es sind Pastorinnen oder Pastoren, die predigen, oder Sprecherinnen und Sprecher, die öffentlich reden. Ohne diese Äußerungen würde eine Instanz in Politik und der Gesellschaft fehlen, die auch mal ein kritisches Fragezeichen an gängige Entwicklungen setzt, die den Blick auf weniger Gutes richtet oder andere Werte ins Spiel bringt. Die dann immer wieder ins Spiel gebrachten Drohungen mit den Kirchenaustritten sehe ich an dieser Stelle tatsächlich gelassen. Wenn jemand aus der Kirche austritt, weil ein Bischof sich über die Politik eines amerikanischen Präsidenten geäußert hat oder ein Pfarrer sich kritisch zur Massentierhaltung geäußert hat, dann war es mit dem Bezug zum christlichen Glauben vielleicht vorher schon nicht so gut bestellt. Eine Kirche, die zu allem, was politisch sein könnte, schweigt oder sich allem anbiedert, damit ja niemand austritt, verschwindet früher oder später in der Bedeutungslosigkeit.

Das Christentum ist seit jeher hochpolitisch, indem es Partei nimmt für die Schwachen, Benachteiligten, Armen und Entrechteten. Kirche ist entsprechend mehr als eine soziale Instanz und Ort der Begegnung. Das möchte ich Ulf Poschardt entgegensetzen. In einem aber folge ich ihm. Sein ursprünglicher Tweet lautete: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“. Wenn Predigten den Eindruck eines Parteiprogramms erwecken bzw. von Parteiveranstaltungen nicht mehr zu unterscheiden sind, dann würde ich auch nicht in eine solche Christmette gehen. Dann wäre das Evangelium wohl nicht adäquat zur Sprache gekommen. Dieser Unterschied allerdings ist für mich entscheidend. Doch ich bezweifle, dass in den Christmetten dieser Tage Parteiprogramme und nicht die Geburt des Kindes für jeden einzelnen von uns gepredigt wurden.