Autor: Sabine

Den Raum leerräumen…

Ein Abend in einem Atelier mitten zwischen den Kunstwerken besonderer Menschen. Ein Atelier, das in seinem ersten Leben eine Sporthalle war und allein deshalb wohl von mir gemieden worden wäre. Doch jetzt ist es anders und das hat auch mit dem zu tun, was ich an diesem Abend höre und erlebe.

Aber am besten beginne ich von vorne. Mit einer ökumenischen Arbeitsgruppe habe ich mich vor etwa eineinhalb Jahren auf den Weg gemacht, die Sehnsucht nach einer Kirche von morgen zu wecken und nach Wegen dorthin zu suchen. Bereits im letzten Jahr haben wir einen Abend unter der Überschrift „Freiraum Zukunft“ gestaltet. Diesmal nun „Freiraum Kreativität“. Die Bildnerische Werkstatt der Rotenburger Werke wurde einen Abend lang zum Atelier für uns und zwanzig andere sehnsuchtsvolle Menschen. Rund um uns herum standen, hingen und lagen Werke von Menschen mit Beeinträchtigung. Nicht eins davon hätte ich selbst malen können. Sie sind beeindruckend und schufen eine besondere Atmosphäre für diesen Abend. Begriffe wie Kreativität und Schöpfung standen im Raum. Ruhe, Zeit, Zwecklosigkeit und kein Arbeitsdruck waren für viele Voraussetzungen, um selbst kreativ werden zu können. Der Künstler Martin Vosswinkel erzählte von den Entdeckungen, die Künstler machen und bei denen sie dann oft jahrelang bleiben und sie immer weiter ausbauen.

Kreativität ereignet sich. Sie fällt dem Künstler zu. Da kann es auch passieren, dass er wochenlang vor einer leeren Leinwand sitzt, bis ein neues Werk entsteht. Martin Vosswinkel selbst, so sagte er, räume sein Atelier leer, wenn er etwas Neues beginnen wolle. Er hänge die Bilder ab und warte, bis ihm etwas zufalle, er etwas entdecke. Das müsse man aushalten können und nicht gleich die ersten Ideen verfolgen. Die Entdeckung stamme nicht von ihm selbst, sie falle ihm von außen zu. Aber wenn sie da sei, die Entdeckung, dann arbeite er exzessiv damit, probiere sie in alle Richtungen aus, denn dann potenziere sie sich.

Inspirierende Gedanken, die mich noch immer bewegen. Was bedeuten sie für den Glauben, die Kirche? Wo räumen wir die Räume leer auf der Suche nach Neuem, seien es die realen oder die inneren. Könnten wir einfach mal die Kirchen leer räumen und die Bilder abhängen und warten, was geschieht? Und wenn das uns noch gelänge, könnten wir auch die inneren Räume in uns leerräumen und warten, bis uns etwas zufällt oder besser: von Gott gegeben wird? Oder würden wir gleich wieder aktiv werden, um die Leere zu füllen, oder weil wir meinen, andere erwarten es von uns? Würden wir das, was uns von außen zufällt, überhaupt erkennen? Wo könnten wir in Ruhe und ohne Druck in völliger Zwecklosigkeit kreativ werden? Wären wir dazu in der Lage oder werden wir im Umkehrschluss keine neuen Entdeckungen erfahren?

Ich wünsche mir den Mut es zu wagen. Leere schaffen und die Leere aushalten. Den Raum leer machen, den äußeren und den inneren, und die alten Bilder abhängen. Und warten, nicht gleich wieder aktiv werden und der ersten eigenen Idee nachrennen. Warten und warten, immer wieder warten, bis von außen etwas in den Raum hineinfällt. Bis sich in diesem leeren Raum etwas ereignet und erst dann erprobt werden kann. Die von mir gemiedene Sporthalle ist auch einst leer geräumt worden, so dass sich Neues auftat. Jetzt bin ich gerne hier, bin immer wieder hier, auch wenn die Turnringe noch an der Decke hängen…

Wertvolle Zeit!

Einmal in der Woche sitze ich im Café. Ein Bilderrahmen erzählt davon, dass ich Pastorin bin. Viele wissen mittlerweile, dass ich hier sitze, gleich an der Tür, am ersten Tisch. Mindestens ein Lächeln und ein „Guten Morgen“ bekommt jede*r von mir geschenkt. Manchmal ergibt sich dann mehr…

Auch heute bin ich wieder hier. Draußen ist es grau, nasskalt, ungemütlich. Heute ist das Café gut besucht. Das war in den letzten Wochen nicht immer so. Zwei neue Cafés bzw. Bäckereien mit Kaffeeangebot haben in der Nähe eröffnet. Jetzt gehen die Kunden erstmal dort schauen. Aber heute ist es nicht so. Vielleicht liegt es am Wetter, denke ich. Vielleicht ist es heute zu nass, zu kalt, um den weiteren Weg zu fahren oder zu laufen. Oder liegt es an der Jahreszeit, dass die Menschen das Bedürfnis haben, sich mit anderen auf einen Kaffee zu treffen, dass sie nicht allein sein wollen, dass sie das Gefühl von Nähe brauchen? Ich ahne, dass es in den nächsten Wochen, im Advent ähnlich sein könnte.

Ich habe heute kein Gespräch. Niemand hat sich an meinen Tisch gesetzt. Die, die heute hier sind, sind nicht allein gekommen. Mindestens zu zweit sitzen sie an den Tischen um mich herum. Da ist die Mutter, die mit ihrem Sohn, der heute nicht in den Kindergarten muss, frühstückt. Sie erzählen und lachen und teilen ihr Rührei und zwischendurch rufen sie Papa an, um ihm zu erzählen, wo sie sind. Einen Tisch weiter, zwei junge Frauen. Eine ist schwanger. Sie beraten, wie die Sorge um die älter werdenden Eltern zu tragen ist. Wie wichtig ihnen die Familie ist. Noch ein paar Tische weiter drei junge Leute aus der nahegelegenen Weiterbildungseinrichtung. Sie haben gerade Pause. Die geplante Party am Wochenende braucht noch etwas Vorbereitung.

Ich habe kein Gespräch. Und doch höre ich zu, denn so manches lässt sich hier angesichts der allgemeinen Lautstärke nicht überhören. Ist das hier Arbeit? Oder sollte ich besser etwas „Sinnvolleres“ tun? Ich bin es schon oft gefragt worden. Meine Antwort? Hier werde ich einen Vormittag lang beschenkt mit Einblicken in das, was die Menschen in meinem Stadtteil bewegt. Mit einem Lächeln von denen, die auf mein Lächeln reagieren. Mit der Gewissheit, dass die Menschen hier Gottes geliebte Kinder sind. Und immer wieder darf ich etwas davon zurück geben. Dann, wenn die Mitarbeiter*innen mir ihr Herz ausschütten, weil gerade nicht soviel los ist im Café. Dann, wenn sich die junge Mutter an meinen Tisch setzt und fragt, „wie Taufe geht.“ Dann, wenn eine Frau beim Hereinkommen sagt: „Sie ist wieder da. Jetzt geht die Sonne auf!“ oder der ältere Herr, der hier immer seine Zeitung liest, nach meinem Urlaub zu mir sagt: „Na, dann sind wir ja jetzt wieder komplett.“

Vielleicht müssen wir „von Kirche“ gar nicht immer verkündigen und mit Angeboten den Menschen dienen. Vielleicht dürfen wir auch einfach nur mal da sein und uns beschenken lassen und ein klein wenig davon zurück geben. Hier mitten unter den Menschen ein Gespür dafür bekommen, was außerhalb unserer kirchlichen Mauern und Blasen die Menschen bewegt, sie erfreut oder einfach nur Spaß macht. Und diese Eindrücke mitnehmen und mit ihnen im Gepäck vielleicht die Predigt für den Heiligabend schreiben und sie dadurch relevant für die Menschen werden lassen.

Ich lasse mich hier gerne beschenken und ja, ein paar Gedanken für Heiligabend habe ich auch schon gesammelt…

Und in der Zukunft ein Klassentreffen…

Die CVJM-Hochschule hatte zum Studientag geladen und viele waren gekommen. Referent*innen wie Heinrich Bedford-Strohm und Sandra Bils zogen. In letzter Minute musste noch der Hörsaal gewechselt werden, da sich überraschend viele angemeldet hatten. Schon auf dem Weg von der Tram zum Universitätsgebäude hier und da ein „Hallo, wie geht es dir? Wir haben uns aber lange nicht mehr gesehen…“. Im Foyer des Hörsaalgebäudes steigerte sich dies noch und auch ich traf viele bekannte Gesichter. Menschen, die wie ich über die Zukunft der Kirche nachdenken und diese gestalten wollen. Menschen, die an ganz unterschiedlichen Orten nach Wegen suchen, das Evangelium unter den Menschen relevant werden zu lassen. Die Freude war groß, sie hier wiedergesehen zu haben.

„Kirche als Hoffnungsträgerin im gesellschaftlichen Wandel“ so die Überschrift, unter der dieser Tag stand. Ambitioniert? Realistisch? Zu hoch gegriffen? Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie sieht die Rolle der Kirche in diesem Wandel in zwei Funktionen. Zum einen solle sie denen den Rücken stärken, die den Wandel betreiben, gerade, wenn diese persönlich angegriffen werden. Zum anderen solle die Kirche ihre Energie nicht in internen Debatten verschwenden, denn sie werde in der Welt als Hoffnungsträgerin gebraucht. Gerade in einer Zeit, in der angesichts immer neuer Hiobsbotschaften in Sachen Klima sich Frustration breit mache und die Hoffnung schwinde, sei sie mit ihrem ureigensten Thema Hoffnung gefragt. Auch der Vorsitzende des Rats der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, sprach von der Hoffnung, von der die Kirche zu reden habe und die über die Welt hinaus trage, schließlich läge diese in Gottes Hand. Wenn aber die Welt in Gottes Hand liegt, dann könnten Christen sich nicht aus der Politik raushalten, dann müssten sie sich einmischen z.b. durch Denkschriften oder Gespräche oder aktives Handeln. Damit aber sei Kirche ein Change Agent im gesellschaftlichen Wandel.

Wie dies praktisch aussehen könnte, führte Sandra Bils anhand der neuen Bibliothek Oodi in Helsinki vor Augen. Sie zeigte deutlich, dass Kirche viel nachzuholen habe, wenn es um die Frage ginge, warum sie etwas täte. In der Regel sei sie an ihren Formaten und Angeboten erkennbar und nicht an ihrer Mission. Das aber mache sie wenig relevant für die Menschen. So geriete sie im gesellschaftlichen Wandel ins Abseits. Zwischen den Impulsen Diskussionen und Gespräche zwischen den Teilnehmer*innen und am Ende ein Zukunftscafé zu den Fragen, die sich während des Tages ergeben hatten.

Auf dem Heimweg stellt sich die Frage, was ist hängen geblieben? Vieles war mir bekannt. Anderes kann man in den Büchern der Referent*innen nachlesen. Das allein ist es nicht, was diesen Tag erfolgreich macht. Das Wiedersehen mit bekannten Gesichtern war ebenso schön und gewinnbringend. Aber auch das ist nicht der alleinige Erfolgsfaktor. Es kommt noch etwas anderes hinzu. Es ist die Herausforderung, vor der die Kirche steht, die hier eine Perspektive, auch einen Namen bekommen hat. Kirche als Hoffnungsträgerin, die u.a. darauf hofft, das Gott längst da ist. Sie muss nicht allein die Welt retten, sondern kann sich von Gott getragen wissen. Er ist längst da. In diesem Wissen kann sie alles tun, was in ihrer Macht steht und braucht angesichts dessen, was nicht gelingt oder was sie nicht ändern kann, nicht zu verzweifeln.

Und das ist Herausforderung genug, denn haben wir schon geklärt, welche Hoffnung wir authentisch weitergeben können? Und wenn ja, wie geben wir sie weiter, damit sie in dieser Welt Relevanz gewinnt? Das zu bedenken und zu wagen, ist am Ende dieses Tages in großen Lettern auf meine Fahnen geschrieben. Damit Studientage immer wieder zum Weiterdenken und Nicht nachlassen anregen und nicht zu Klassentreffen entarten, bei denen man sich seiner Erfolge rühmt und in Erinnerungen schwelgt. Die Hoffnung möge uns antreiben, ermutigen und stärken.

Gelesen: Vom Glück SELBSTlos zu leben

Vor einigen Wochen habe ich ein Buch gelesen und es wirkt immer noch nach. Das geschieht mir nicht so oft bei Büchern. Dabei ist dies weniger ein Buch. Eher ist es eine Broschüre oder ein Aufsatz. Wirkliche Buchlänge hat es nicht und doch bewegt es mich.

Timothy Keller, Pastor einer Gemeinde in New York, in einem Stadtteil, in dem niemand eine Kirche erwartet hätte, hat dieses Buch geschrieben. Gleich zu Beginn greift er zwei Thesen auf, die dem einen oder anderen nicht unbekannt sind und denen man vielleicht auch erst einmal zustimmt. Die erste These beinhaltet, dass Menschen in unserer Welt immer wieder auf Abwege geraten, weil es ihnen an Selbstwertgefühl mangelt. Das kann sich dann in psychischen Krankheiten äußern oder darin, dass man straffällig auffällig wird, um nur zwei der Extreme zu benennen.

Die zweite These besagt, dass das Gegenteil des mangelnden Selbstwertgefühls, der Stolz oder die Überheblichkeit für den Menschen genauso schädlich ist. Das gelte auch für Menschen, die zunächst einmal nicht überheblich erscheinen, sondern einfach etwas erreicht haben. Timothy Keller zitiert dabei aus einem Interview mit Madonna, die sagt: „Ich bin zwar jemand geworden, aber ich muss immer noch beweisen, dass ich jemand bin. Dieser Kampf war noch nie zuende und wird es vermutlich auch nie sein.“

Auch Timothy Keller kennt dieses Gefühl und er findet seine Antwort in einem Brief des Paulus an die Korinther. Da schreibt der Apostel, dass für ihn die Meinung
der Menschen über ihn nicht entscheidend ist. Er kann sie hören, kann auch
Kritik annehmen, aber sie macht nicht seinen Wert aus. Das gleiche sagt Paulus aber auch über seine eigene Meinung über sich selbst aus. Auch sein eigenes Selbstwertgefühl ist am Ende nicht entscheidend. Seinen Selbstwert, seine Identität findet Paulus an anderer Stelle: er sucht es in einem letzten Urteil, nach dem er auf kein weiteres mehr warten muss. Ein letztgültiges Urteil, dass er wichtig und wertvoll ist.

Es gibt, so schreibt Timothy Keller, dieses eine Urteil, das ergeht, bevor die gesammelten Lebensleistungen,
Karriere, Geld, Beruf, Schulnoten, überhaupt bekannt sind. Dieses Urteil lautet: Du bist geliebt von Gott! An diesem Urteil ist ein Leben lang nicht mehr zu
rütteln, egal, was geschieht. Aber unter dem Eindruck dieses Urteils gestalten der selbstlose Mensch sein Leben. Weil Gott ih liebt, muss er nichts mehr tun, um deinen Lebenslauf aufzubessern. Er muss nichts mehr tun, um ein gutes Bild abzugeben. Er kann die Dinge einfach tun, weil sie ihm Freude machen. Er kann anderen helfen, nicht damit er sich großartiger fühle, nicht um seine eigene innere Leere zu füllen, sondern weil er sich von Gott geliebt weiß und es ihm Freude macht.

Timothy Keller bezeichnet dieses Leben als selbstloses Leben. Für mich hat der Begriff Selbstlosigkeit durch dieses Buch noch einmal eine neue Bedeutung gewonnen weg von aller Selbstaufgabe und Selbstverneinung. Ein selbstloses Leben als Leben unter dem Urteil Gottes, dass ich geliebt bin unabhängig von meiner Lebensleitung. Ein Leben, dass frei macht von den Urteilen dieser Welt, dass mir Freude schenkt, anderen zu helfen. Dann ist es wirklich ein Glück, selbstlos zu leben.

Dieses kleine Buch mit seinen gut vierzig Seiten war schnell gelesen, doch es hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck, der mich immer wieder reinschauen lässt. Kennst du das Buch vielleicht und ging es dir beim Lesen wie mir? Ich freue mich über deine Erfahrungen mit diesem Werk in den Kommentaren.

Subtext „ich“

„Wenn die anderen Kinder dich nicht mitspielen lassen, dann haust du ihnen beim nächsten Mal einfach ein paar auf die Schnauze!“ Ein Satz, der mich zutiefst geschockt hat, als ich mit meinen Kindern auf dem Spielplatz war. Wo führt es hin, wenn wir schon unsere Kinder so erziehen, habe ich gedacht. Und: warum wundert man sich dann noch, wenn Erwachsene sich wild beschimpfen oder Schlimmeres? Geht unsere Welt nicht den Bach runter angesichts solcher Aussagen?

Nein, so schlimm ist es sicher nicht und dieser Vater war sicherlich die unrühmliche Ausnahme. Doch mir fallen immer wieder Situationen auf, in denen das Ich wichtiger ist als die Gemeinschaft. Da steht im Urlaub eine lange Schlange vor der Bäckerei. Drei Personen vor mir ein Junge von ca. acht Jahren. Bis wir dran sind haben die beiden Männer zwischen uns ihn zur Seite gedrängt und der kleine Junge wartet weiter geduldig, um seine Bestellung aufzugeben. Ein anderer Tag. Es geht um die Nachmittagsbetreuung des Kindes und eine Mutter sagt mir mit einem Augenzwinkern: „Die Leitung des Horts kenne ich aus dem Sportverein. Da rede ich mal beim nächsten Training mit ihr. Dann bekommen wir sicher noch einen Platz.“ Oder etwas allgemeiner: eine große Mehrheit unterstützt die Fridaysforfuture-Bewegung, aber achtzig Prozent würden nicht auf eine Flugreise im Jahr zugunsten des Klimas verzichten.

Es ist normal geworden, dass wir zuerst an uns und unsere Interessen denken. Gleichzeitig werden die Stimmen immer lauter, die über die Verrohung der Gesellschaft klagen, die den Egoismus der anderen an den Pranger stellen. In einem Buch habe ich einmal gelesen, dass, egal was wir tun, selbst bei Bibelstudium und Gebet immer bewusst oder unbewusst der Subtext „ich“ mitläuft. Mit dem stetig wachsenden Wohlstand und der stetig wachsenden Unabhängigkeit der Menschen hat sich das in unserer Gesellschaft immer mehr entwickelt. Das hat durchaus seine positiven Züge. Wie viele positiven Entwicklungen hätte es sonst nicht gegeben? Doch es scheint zu kippen. Irgendwann scheint der Moment erreicht, da der Subtext „ich“ alles andere überwiegt und das Zusammenleben darunter leidet.

Warum ich hier davon schreibe? Weil ich zunehmend den Eindruck habe, dass dieser Subtext immer mehr auch unsere Gemeinden dominiert. Da werden Schränke abgeschlossen, da andere sonst das eigene Material nutzen könnten. Dabei ist alles aus den Finanzmitteln der Gemeinde beschafft worden. Oder es wird penibel darauf geachtet, zu welcher Gemeinde welche Straße gehört, damit ja in der zuständigen Gemeinde die Taufe, Hochzeit oder Beerdigung erfolgt. Die Quote muss schließlich stimmen. Zugleich will man aber bitte nicht mehr arbeiten als der Kollege in der Nachbargemeinde.

Ist das der Eindruck, den wir als Christen bei den Menschen hinterlassen wollen? Ist es das, was unser Christsein ausmacht? Ist es das, was Jesus wollte? Und ist überhaupt noch etwas an der Situation zu ändern?

Ich bin ehrlich. Manchmal kommen mir Zweifel. Doch ich will nicht aufgeben. Ich glaube, dass Jesus etwas anderes im Sinn hatte, als er von der Nächstenliebe sprach oder von den Friedfertigen, die selig werden. Ich glaube, dass ein wenig mehr Selbstlosigkeit uns und unserer Gesellschaft gut täte. Selbstlosigkeit im Sinne von auch mal von sich selbst absehen können. Selbstlosigkeit, die beinhaltet, dass man seinen Wert nicht aus den eigenen Leistungen oder Vermögen bezieht. Der Wert einer Person ergibt sich daraus, dass sie Gottes geliebtes Kind ist, dass Jesus für sie gestorben ist unabhängig vom Ansehen in der Welt. Wer das für sich annehmen kann, muss nicht immer in der ersten Reihe stehen, kann anderen auch was gönnen, lernt den Wert einer Gemeinschaft kennen, die mehr ist als das eigene ich. Denn wenn viele ihre eigenen Fähigkeiten einbringen und auch mal anderen den Vortritt lassen, dann entstehen Dinge, die ein einzelner nicht vermag. Auf diese Weise ließe sich doch eine Menge in unseren Gemeinden und vielleicht auch in unserer Welt erreichen.

Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass es zwanzig Prozent in einer Gruppe braucht, um etwas zu verändern oder eine neue Entwicklung anzustoßen. Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, diese zwanzig Prozent für eine Gesellschaft, in der das „wir“ stärker ist als der Subtext „ich“, noch zusammen zu bekommen. Seid ihr ein Teil dieser zwanzig Prozent? Dann lasst uns anfangen, in unserer Nachbarschaft selbstlos zu wirken!

Was für ein Vertrauen… eine Notiz im Pioniertagebuch

Was für ein Vertrauen… Das Motto des Kirchentags klingt noch an vielen Stellen nach, auch wenn die meisten Besucher schon wieder im Alltag angekommen sind. Nach Jahren war ich mal wieder die gesamte Zeit, vom Anfangs- bis zum Schlussgottesdienst da. Ich habe Workshops besucht, Vorträge gehört, bin durch den Markt der Möglichkeiten geschlendert und habe mit mir bekannten und unbekannten Menschen geredet und diskutiert. Es war spannend, es war lohnend, auch wenn ich nicht jede Veranstaltung ein zweites Mal wählen würde. Ich habe neue Eindrücke und Ideen mit nach Hause gebracht, die sicher noch einige Zeit nachwirken werden.

So manche Zeit habe ich auch damit verbracht, auf der Straße unterwegs zu sein und den Menschen zuzuhören. Und ich habe viel in den sozialen Medien gelesen von Dingen, die ich selbst besucht habe oder die ich nicht besucht habe. Auch heute lese ich weiter. Die Predigt von Sandra Bils oder auch zwei Workshops haben viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dem einen gefällt das eine, der anderen das andere und manches gefällt auch nur wenigen. Und das ist gut so. Ich freue mich, wenn rege über Kirche, Glauben, Meinungen diskutiert wird. Das alles zeigt die Vielfalt unserer Gesellschaft, die ich mir einfach nur bunt wünsche.

Doch eines verleidet mir zunehmend das lesen. Es ist der Ton und die Wortwahl, die besonders in den Diskussionen im Internet herrschen. Klar, das ist die Anonymität der Sozialen Medien, mögen viele denken. So ist das leider. Da kann man nicht viel machen und von einschlägigen Parteien und Gruppierungen ist eben nichts anderes zu erwarten. Doch die, die da diskutiert haben, gehörten offensichtlich nicht zu einer dieser schnell in die Ecke gedrängten Gruppen. Die, die da diskutierten, bezeichnen sich selbst als Christen, sind beruflich oder ehrenamtlich bei Kirche aktiv, hatten selbst den Kirchentag besucht. Und äußerten sich an anderer Stelle über die Verrohung unserer Gesellschaft. Doch dann las ich Sätze, die von „Das ist doch totaler Blödsinn, was du schreibst.“ bis hin zu „Stell dich nicht so an!“ reichten. Schlimmeres mag ich hier nicht zitieren. Wie sehr es die Adressaten dieser Sätze verletzt haben mag, diese Sätze zu lesen, wissen nur sie selbst. Ich aber frage mich, ob das dem Umgang miteinander entspricht, der Gottes Willen entsprechen könnte? Ist es das, was wir unter einem christlichen Leben verstehen. Haben wir uns dem allgemeinen Ton mittlerweile zu sehr angepasst?

Ich wünschte mir, es wäre anders. Ich wünschte mir, die Menschen um uns herum würden den Unterschied spüren. Jetzt lesen sie eher, dass die, die sich Christen nennen, genauso roh miteinander umgehen, wie andere es auch tun. Warum also etwas ändern? Doch was könnten wir verändern, wenn wir unsere Worte bewusst wählten, wenn wir, bevor wir sie aussprechen oder niederschreiben, einmal überlegten, wie unser Gegenüber sie auffassen könnte?

Der Kirchentag ist vorüber, einige Workshops, Vorträge und auch die Predigt von Sandra Bils wirken noch nach. Ich wünschte mir, sie würden auch in Sachen Wortwahl und Umgang miteinander nachwirken.

Imbissliebe

Ich muss euch etwas gestehen: ich liebe Imbissbuden, Grillbuden, Dönerläden. Jetzt ist es raus.

Nicht nur wegen des Essens. Das darf auch mal nicht so gut sein, damit ich wieder komme. Es sind vielmehr die Menschen, die dort arbeiten, essen, vorüber gehen, die mich anziehen. Ich liebe es, in einem Imbiss zu sitzen und den Menschen zuzuhören, die hier so wunderbar geerdet, ehrlich sind. Menschen, die hier in ihrer Muttersprache, ihrem Dialekt aus ihrem Leben erzählen, unverblümt, ungeschönt. Da wird über drei Tische hinweg von der Krankheit des Mannes erzählt, der nebenan im Krankenhaus in der Onkologie liegt. Da wird die neue Geschäftsidee für den nächsten Imbiss verkündet oder über die Nachbarin mit den schiefen Gardinen geschimpft.

Der Ton ist manchmal etwas ruppiger, schon bei der Begrüßung. So mancher nicht ganz politisch korrekte Spruch ist mir hier schon entgegen geflogen. Und manchmal auch ein skeptischer Blick, der fragte, wer ich wohl sei. Gerade dann, wenn ich in nicht touristisch geprägten Ecken des Landes als deutlich an der Sprache erkennbare Norddeutsche das erste Mal einen Imbiss betrete. Aber hier fühle ich mich wohl. Dem flotten Spruch setze ich einen anderen entgegen, bestelle die Currywurst, den Döner, die Cola, suche mir einen Tisch.

Und dann höre ich zu, meistens heimlich vom Nachbartisch aus, ohne etwas zu sagen, ohne mitzureden. Manchmal muss ich schmunzeln, manchmal auch schlucken. Dann geht es mir nahe, was dort gerade erzählt wird. Am liebsten würde ich dann etwas sagen, jemanden in den Arm nehmen. Manchmal werde ich in ein solches Gespräch mit hineingezogen. Manchmal heißt es einfach: „Du kommst aber nicht von hier, wa?“ Dann erzähle ich, wo ich herkomme. Meistens geht das eigentliche Gespräch dann schon weiter.

Und irgendwann stehe ich auf und gehe, wieder in der Welt angekommen aus meinem kirchlichen Wolkenkuckucksheim. Das sind diese Momente, in denen ich aus der kirchlichen Filterblase fliehen muss, in denen ich Sehnsucht nach Leben habe, wie es wirklich ist. Ich liebe dieses Leben mit Radio Niedersachsen und Bild-Zeitung, mit Bier aus der Flasche, auch wenn ich es nicht trinke, und Pommes, die man mit den Fingern isst, bis diese vor Salz, Fett und Ketchup kleben. Irgendwann kehre ich zurück in meine kirchliche Welt und merke, ich bin eine Wanderin zwischen den Welten. Nehme aus der einen etwas in die andere Welt mit, bin nie ganz in einer zuhause und will es mittlerweile auch gar nicht mehr sein. Denn genau das bereichert meine Arbeit und mein Leben. Und es bereichert meine Vision von Kirche.

Also wenn ihr mich sucht, besucht den nächsten Imbiss. Vielleicht sitze ich ja schon da…

Mehr als nur Geburtstag

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. So habe ich es immer gelernt. Damals schon im Konfirmandenunterricht. Dieser Satz hat sich eingebrannt. Bis heute fällt er mir ein, wenn von Pfingsten die Rede ist. In den letzten Tagen habe ich ihn wieder zahlreich gelesen und gehört. In den vielen Erklärungen zu Pfingsten, die in den Medien erschienen sind, wurde er in dieser oder anderer Weise zitiert. Schließlich muss Pfingsten erklärt werden, da es das Fest ist, mit dem die wenigsten Menschen noch etwas verbinden.

Mir kam in den vergangenen Tagen ein anderer Gedanke. Welche Bedeutung kann Pfingsten für die Menschen haben, die an Kirche wenig Interesse haben? Der Geburtstag der unbekannten Menschen drei Straßen weiter hat schließlich auch keine Bedeutung für mich. Ist Pfingsten denn nicht mehr als nur Geburtstag?

Pfingsten ist Unglaubliches in Jerusalem geschehen, nachzulesen in Apostelgeschichte Kapitel 2. Menschen aus aller Herren Länder waren zusammen gekommen. Schließlich war es fünfzig Tage nach dem Passahfest und da feierten die Juden das Wochenfest Shawuot. Da sie aus verschiedenen Ländern kamen, sprachen sie auch verschiedene Sprachen und verstanden einander kaum oder gar nicht. Doch dann geschieht es. Die Menschen sehen Feuerzungen auf die Apostel herabkommen und spüren, wie sich ein gewaltiger Sturm erhebt. Und dann hören sie die Apostel in ihrer eigenen Sprache reden, so dass sie verstehen, was diese verkünden. In der sich anschließenden Predigt deutet Petrus die Ereignisse. Im Laufe des Tages lassen sich dreitausend Menschen taufen, weshalb Pfingsten als Geburtstag der Kirche bezeichnet wird.

Aber Pfingsten ist mehr als nur Geburtstag. Pfingsten erzählt uns, wie der Heilige Geist erfahrbar wird. Das hebräische, griechische und auch lateinische Wort für Geist ist gleichzeitig das Wort für Atem. Der Atem ist in uns drin. Dort erfahren wir ihn. Dort werden wir durch ihn lebendig. Er schenkt uns die Kraft für unser Tun. So erfahren wir auch den Geist Gottes in uns drin. Er schenkt uns Leben und Kraft. Er schenkt uns unsere Begabungen. Er beGEISTert uns wortwörtlich. Dann kann Unglaubliches geschehen.

Auch wer den Geburtstag der Kirche als nicht von Bedeutung für sich sieht, kann Pfingsten erfahren – in sich drin, im Atem, in dem, was ihm oder ihr geschenkt ist. Der Heilige Geist ist nicht auf eine Geburtstagsparty zu beschränken. Jeder kann ihn erfahren. Ist das nicht ein guter Grund, einmal im Jahr den Geist Gottes zu feiern? Also feiern wir Pfingsten, an dem der Heilige Geist Unglaubliches geschehen ließ.

Wie feiert ihr eigentlich Pfingsten oder ist es für euch auch längst ein Fest ohne Bedeutung? Hinterlasst doch eure Erfahrungen in den Kommentaren.

Elf Freunde sollt ihr sein…

…ein Satz, der uns aus dem Fußball bekannt ist, der sich seinen Weg in viele weitere Bereiche gebahnt hat. Dahinter steht der Wunsch nach Gemeinschaft, denn, so ist die Überzeugung, in einer Gemeinschaft lässt sich fast alles erreichen. Aber Gemeinschaft lässt sich nicht erzwingen. Niemand kann dazu verpflichtet werden, zumindest nicht so, dass die Gemeinschaft dann auch funktioniert.

Vor eineinhalb Jahren startete ich in die Pionierweiterbildung. Schon in der Ausschreibung stand etwas von Weggemeinschaft. Vielleicht nicht für immer, aber für diesen Weg, die gemeinsame Zeit der Weiterbildung bestand der Wunsch Gemeinschaft zu werden, zu sein, zu leben. Aber lässt sich das erzwingen?

Ich habe mich auf das Abenteuer eingelassen. Am ersten Tag war ich ziemlich aufgeregt. Ich weiß es noch wie heute. Welche Menschen werde ich kennenlernen. Können wir eineinhalb Jahre Weiterbildung gemeinsam aushalten oder werden wir alle froh sein, wenn der letzte Tag gekommen ist. Wie wird der Umgang mit dem Leitungsteam sein, dass sich ja diese Weggemeinschaft schon per Ausschreibung wünschte. Gedanken, die unablässig in meinem Kopf kreisten.

Die ersten Tage der Weiterbildung bestanden aus dem gegenseitigen vorsichtigen Abtasten. Wo kommen die anderen her, was machen sie, was denken sie und wie sind sie so drauf? Und dann gab es die ersten Momente, in denen wir einfach nur herzhaft zusammen gelacht haben, gemeinsam im Wald gefühlt oder in Berlin gefeiert haben. Momente, in denen wir zusammen gesungen, geschwiegen, gebetet haben. Jedes Mal, wenn wir uns trafen – manchmal lagen Monate dazwischen – war es mehr wie nach Hause kommen. Dabei waren wir so unglaublich verschieden. Katholisch oder evangelisch, Landeskirche oder Freikirche, Hauptamtlich oder gar nicht bei Kirche engagiert, jung oder schon etwas älter, aus dem Norden oder dem Süden und manche auch so ganz anders als man selbst. Aus diesen Menschen sollte eine Gemeinschaft werden?

Sie entstand in einer Form, in der ich es bisher selten erlebt habe. Ich kann nur ahnen, warum es gelang. Wir alle haben uns auf dieses Abenteuer eingelassen, waren offen dafür, neue, ganz andere Menschen kennenzulernen und sich mit ihnen auf den Weg zu machen. Auch wenn es für den einen oder die andere eine ganz schöne Herausforderung war. Was uns dazu bewegte? Wir hatten ein gemeinsames Anliegen, etwas, das uns alle bewegt. Wir alle leben in einer Beziehung mit Gott, in sehr lebendigen, sehr unterschiedlich gestalteten Beziehungen. Aber wir alle wünschen uns, dass auch andere Menschen das Geschenk dieser Beziehung erfahren dürfen. An der missio dei wollen wir mitwirken.

Das trug uns, ließ uns zusammen kommen und Gespräche bis tief in die Nacht führen. Im Glauben an diesen Gott begleiteten wir einander, nahmen Anteil am Leben der anderen, feierten neues Leben und trauerten um die, die den Kurs nicht beenden konnten. Wie sehr diese Gemeinschaft gewachsen ist, zeigte sich in den letzten zweieinhalb Tagen, die persönlich, intensiv und segensreich waren. Noch einmal klangen tiefe persönliche Erfahrungen an, noch einmal schenkten wir einander Einblick in unser Leben. Als Abschiedsgeschenk an jeden einzelnen von uns. Wir beteten füreinander und sprachen uns Segen zu. Mein Gedanke auf der Heimfahrt: das ist Kirche, Kirche wie Menschen sie brauchen, wie ich sie leben möchte, wie Gott sie ins Leben gerufen hat.

Deshalb sind diese Worte nicht nur ein Liebeslied auf Gott, der uns diese Gemeinschaft schenkte, sondern auch auf die Weggefährten dieser Weiterbildung. Lasst diese Kirche an je euren Orten spürbar und sichtbar werden.

Mit anderen Augen…

Sechs Tage war ich mit meinen Kindern in London unterwegs. Die klassischen Sehenswürdigkeiten haben wir angeschaut und einiges, was für Kinder besonders interessant ist wie den Diana Memorial Playground. In diesen Tagen habe ich London mit anderen Augen gesehen, mit den Augen meiner Kinder.

Sie wachsen sehr behütet auf in einem neuen Stadtteil einer norddeutschen Kleinstadt. In den Straßen der englischen Metropole erblickten sie vieles, was sie bis dato noch nicht kannten, mir aber so selbstverständlich erschien. Dazu gehörten vor allem die vielen Menschen ohne Wohnung, die in Zelten, Hauseingängen oder direkt auf der Straße schliefen. Meine Kinder machten mich immer wieder auf sie aufmerksam und fragten, warum sie mitten am Tag schliefen, warum sie keine richtige und saubere Kleidung tragen, warum sie keine Wohnung haben, warum sie soviel Alkohol trinken, warum niemand ihnen hilft. Meine Kinder konnten nicht einfach daran vorbeischauen, sie nicht aus ihrem Blick ausblenden, wie ich es immer wieder tue. Die Frage, die mich am meisten bewegte, war: warum gibt es das bei uns und warum machen wir nichts dagegen?

Die Fragen meiner Kinder lassen mich nicht los. Ich versuche, Kirche mit den Menschen meines Stadtteils zu gestalten. Es entstehen Formate und Veranstaltungen, die uns gut tun, die unseren Glauben wecken oder auch wachsen lassen. Unsere Gemeinschaft wächst und wir genießen es sehr. Aber ist es das, was wir, was unsere Welt wirklich braucht? Ist das Ziel wirklich, neue Gemeinden entstehen zu lassen? Oder sind wir berufen, diese Welt menschlicher bzw. nach dem Willen Gottes zu gestalten? Müssten wir dann nicht hinaus auf die Straßen gehen und den Menschen dort ganz konkret helfen? Bei den Ärmsten und Verachtetsten anfangen und nicht eher aufhören, bevor sie alle ein für sie gutes Leben führen? Weniger an uns, an ordentliche und gepflegte Kirchen denken als an die Menschen in unserer Nachbarschaft, auf unseren Straßen?

Vermutlich werden jetzt viele sagen, man kann das eine tun ohne das andere zu lassen. Das stimmt sicher auch zum Teil, denn immerhin gibt es neben den etablierten Gemeinden auch viele Projekte und Einrichtungen, die sich für die Ärmsten einsetzen. Und doch habe ich das Gefühl, wir haben uns viel zu sehr an den Anblick der Obdachlosen auf der Straße gewöhnt, sehen sie eher als ein Ärgernis, als dass wir ihre Geschichte und ihre Not kennen wollten. Wenn wir an ihnen vorbei gehen, blenden wir sie aus unserem Blick aus.

Meine Kinder sind noch nicht daran gewöhnt, etwas auszublenden. Sie nehmen alles noch so wahr, wie sie es sehen und stellen ihre Fragen dazu. Sie haben mich in den wenigen Tagen in London gelehrt, die Straßen der Metropole mit ihren Augen zu sehen. Dabei fiel mir Jesu Wort ein „wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“. Vielleicht sollten wir wieder mehr mit ihrem Blick durch unsere Straßen gehen…