Bild: KirchGezeiten

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 4

Es ist schon wieder fast drei Wochen her, da brach ich zu einem erneuten Pionierwochenende auf. Diesmal führte es mich nach Essen, der Stadt mitten in Europa (zumindest nach eigenem Bekunden). Auf der Fahrt dorthin dachte ich im Zug viel darüber nach, was uns wohl erwarten würde, was wir sehen und lernen würden. Vor allem aber dachte ich darüber nach, was diese Tage wohl für mein eigenes Vorhaben austragen würden. Dabei schoss es mir durch den Kopf, dass die Hälfte der Weiterbildung schon wieder hinter uns liegt und ich noch lange nicht das Gefühl habe, dass ich in einem Dreivierteljahr, wenn unsere Pionierweiterbildung endet, mit meinem Projekt in einem sicheren Hafen angekommen wäre. Aber vielleicht sind es gar nicht die Dinge, die ich bewusst überlege und wahrnehme, die es wachsen lassen, sondern dass, was währenddessen unbewusst geschieht. Irgendwann wird es einem dann bewusst und man ist überrascht, was sich doch alles getan hat.

So standen an diesem Wochenende auch weniger das bewusste Lernen und Nachdenken im Vordergrund, sondern eher dass, was ich gesehen habe, was mich beeindruckt hat, was seither in mir arbeitet. Das fing schon vor der Weiterbildung an. Ich hatte noch etwas Zeit und landete im Café Church. Der Name zog mich an und wie sollte es anders sein, es war ein Café der Kirche. Neben dem normalen Betrieb eines Restaurants bietet es Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit eine Ausbildung im Gastgewerbe zu machen bzw. den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu finden. Solche Projekte gibt es sicher viele. Mich sprach es einfach an, weil das Styling der Räume, die Atmosphäre zu meinem Lebensstil passten. Es war wirklich ein gemütlicher Platz in der Fensterbank, den ich fand und wo ich mich niederließ. Hätte das Café nicht zu mir gepasst, mich nicht optisch angesprochen, hätte auch die Motivation, die hinter diesem Konzept steht, nicht geholfen, mich als Kunden zu gewinnen. Und dann dachte ich an so manches Gemeindehaus oder auch an Kirchen und andere Einrichtungen der Kirche. Sind sie so gestaltet, dass sie zu den Menschen passen, die hineingehen sollen? Passt die Ästhetik zum Leben der Menschen oder hängen wir, meistens auf Grund mangelnder Finanzen, einer Zeit nach, die mindestens dreißig Jahre vergangen ist? Das Motto „Für die Kirche ist das noch gut genug und ich muss es nicht wegwerfen“ kann meines Erachtens keine Motivation zur Einrichtung und Gestaltung von kirchlichen Gebäuden sein. Auch die Gebäude dienen zur Ehre und zum Lob Gottes. Wenn wir sie nicht entsprechend wahrnehmen und mit Dingen ausstatten, die andere nicht mehr haben wollen, sagt das ja auch schon viel aus.

Entsprechend warf ich die nächsten beiden Tage einen anderen Blick auf die Orte, an denen wir zu Gast waren. CVJM, Unperfekthaus und Raumschiff Ruhr ernteten einen anderen Blick von mir. Wenn man mit einem solchen Blick von außen auf die Räumlichkeiten schaut, wird sehr schnell deutlich, wie die Räume und der Inhalt aufeinander wirken und ob sie stimmig zueinander passen oder sich bewusst entgegenstehen. Letzteres kann ja auch durchaus beabsichtigt sein. Was aber ebenso schnell auffällt ist, wenn Räume lieblos gestaltet sind. Wenn die Einrichtung zwar zweckmäßig ist, aber in dem Raum eigentlich eine positive Lernatmosphäre herrschen soll. Wenn überall Möbel herumstehen, die nicht zusammen passen, die nur zusammengewürfelt sind, aber das Ganze ein junges Publikum ansprechen soll. Das passt nicht. Da können die Kirchen noch so lange an ihren Inhalten feilen. Wenn schon die Äußerlichkeiten auf die anvisierte Zielgruppe abschreckend wirken, werden die Menschen von den Inhalten nichts hören, weil sie gar nicht erst hineingehen.

Deshalb würde ich am liebsten allen Gemeinden und Einrichtungen empfehlen, mal mit Menschen der Zielgruppe durch ihre Räumlichkeiten zu gehen und sie ehrlich sagen zu lassen, wie die Räume aussehen müssten, damit diese Zielgruppe sich dort wohl fühlen würde. Oder ich würde ihnen Mut machen, sich von Menschen der Zielgruppe mal zu sich nach Hause einladen zu lassen, damit sie erleben und erfahren, wie diese Menschen leben. Am besten wäre noch, die Zielgruppe die Räumlichkeiten selbst mitgestalten zu lassen. Dann entsprächen sie wirklich dem, was sie anspricht. Das Ergebnis wären sicher sehr unterschiedlich gestaltete Räumlichkeiten, in denen sich nicht alle Menschen gleich wohl fühlen. Aber in den Gemeindehäusern im Stil der 80er Jahre mit gespendeten Möbeln aus den Haushalten des gesamten Ortes tun das auch nur die wenigsten.

Wie sähen die Räumlichkeiten aus, in denen du Kirche und Glauben leben möchtest. Wie wären sie ausgestattet? Was braucht es unbedingt und was weniger? Und gibt es diesen Raum vielleicht schon irgendwo? Hinterlass mir doch deine Antwort in den Kommentaren.

 

3 comments

  1. Beim Bau eines neuen Gemeindehauses (2018) war für mich die enge Verknüpfung von Raumprogramm, Architektur und Gemeindeentwicklung programmatisch. Anders hätte ich dafür auch keine Plausibilitäten bekommen. Umgekehrt hat es viele auf die Desiderate allüberall hingewiesen. Oft sind Immobilien nicht Motor von Entwicklung, sondern stehen ihr im Weg.
    Viele Grüße, Friederike

  2. Stephanie Kruppa says:

    Hallo Sabine,
    Ich bin vom Inhalt Deines Beitrages ganz begeistert. Es geht mir mit den Schulen genauso da wo es herrlich sein sollte und anziehend ist es oft ranzig und lieblos. Wir gehörn zu den reichsten Völkern der Erde, wohin weist dieser Trend?

  3. Hey Sabine,
    vielen Dank für diesen Beitrag! Sehe ich ganz genauso. Ästhetik ist für das religiöse Empfinden enorm wichtig. Das kann jedeR nachempfinden die/der schon einmal in unterschiedlichen Kirchen/Gemeindehäusern oder anderen Räumen eine Andacht gefeiert hat. Je mehr der Raum einem entspricht, desto eher öffnet sich das eigene Bewusstsein für religiöse Erfahrungen. Kann man auch sehr schön in der „Ästhetik“ des Theologen und Philosophen F.D.E. Schleiermacher nachlesen. Bin selbst Pastor und Blogger (glaubensbriefe.de) und bemühe mich sowohl analog als auch auf meinem Blog um ästhetisch-religiöse Erlebnisse. Gestalten gerade einen Gemeinderaum in einem wunderschönen alten Pfarrhaus aus dem 19. Jh. neu. Ich glaube für ein religiöses-ästhetisches Erlebnis braucht es heute viel Licht, Naturmaterialien, wie helles Holz, ansprechende Bilder, indirektes Licht, z.B. durch Stehlampen in den Ecken und vllt. eine bequeme Sitzgelegenheit wie Sessel oder Sofa. Also eigentlich so wie man auch das eigene Wohnzimmer einrichten würde. Oft mangelt es tatsächlich am Investitionswillen. Aber ich bin davon überzeugt es lohnt sich in eine zeitgemäße ästhetische Gestaltung unserer Kirche zu investieren!

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