Monat: September 2019

Und in der Zukunft ein Klassentreffen…

Die CVJM-Hochschule hatte zum Studientag geladen und viele waren gekommen. Referent*innen wie Heinrich Bedford-Strohm und Sandra Bils zogen. In letzter Minute musste noch der Hörsaal gewechselt werden, da sich überraschend viele angemeldet hatten. Schon auf dem Weg von der Tram zum Universitätsgebäude hier und da ein „Hallo, wie geht es dir? Wir haben uns aber lange nicht mehr gesehen…“. Im Foyer des Hörsaalgebäudes steigerte sich dies noch und auch ich traf viele bekannte Gesichter. Menschen, die wie ich über die Zukunft der Kirche nachdenken und diese gestalten wollen. Menschen, die an ganz unterschiedlichen Orten nach Wegen suchen, das Evangelium unter den Menschen relevant werden zu lassen. Die Freude war groß, sie hier wiedergesehen zu haben.

„Kirche als Hoffnungsträgerin im gesellschaftlichen Wandel“ so die Überschrift, unter der dieser Tag stand. Ambitioniert? Realistisch? Zu hoch gegriffen? Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie sieht die Rolle der Kirche in diesem Wandel in zwei Funktionen. Zum einen solle sie denen den Rücken stärken, die den Wandel betreiben, gerade, wenn diese persönlich angegriffen werden. Zum anderen solle die Kirche ihre Energie nicht in internen Debatten verschwenden, denn sie werde in der Welt als Hoffnungsträgerin gebraucht. Gerade in einer Zeit, in der angesichts immer neuer Hiobsbotschaften in Sachen Klima sich Frustration breit mache und die Hoffnung schwinde, sei sie mit ihrem ureigensten Thema Hoffnung gefragt. Auch der Vorsitzende des Rats der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, sprach von der Hoffnung, von der die Kirche zu reden habe und die über die Welt hinaus trage, schließlich läge diese in Gottes Hand. Wenn aber die Welt in Gottes Hand liegt, dann könnten Christen sich nicht aus der Politik raushalten, dann müssten sie sich einmischen z.b. durch Denkschriften oder Gespräche oder aktives Handeln. Damit aber sei Kirche ein Change Agent im gesellschaftlichen Wandel.

Wie dies praktisch aussehen könnte, führte Sandra Bils anhand der neuen Bibliothek Oodi in Helsinki vor Augen. Sie zeigte deutlich, dass Kirche viel nachzuholen habe, wenn es um die Frage ginge, warum sie etwas täte. In der Regel sei sie an ihren Formaten und Angeboten erkennbar und nicht an ihrer Mission. Das aber mache sie wenig relevant für die Menschen. So geriete sie im gesellschaftlichen Wandel ins Abseits. Zwischen den Impulsen Diskussionen und Gespräche zwischen den Teilnehmer*innen und am Ende ein Zukunftscafé zu den Fragen, die sich während des Tages ergeben hatten.

Auf dem Heimweg stellt sich die Frage, was ist hängen geblieben? Vieles war mir bekannt. Anderes kann man in den Büchern der Referent*innen nachlesen. Das allein ist es nicht, was diesen Tag erfolgreich macht. Das Wiedersehen mit bekannten Gesichtern war ebenso schön und gewinnbringend. Aber auch das ist nicht der alleinige Erfolgsfaktor. Es kommt noch etwas anderes hinzu. Es ist die Herausforderung, vor der die Kirche steht, die hier eine Perspektive, auch einen Namen bekommen hat. Kirche als Hoffnungsträgerin, die u.a. darauf hofft, das Gott längst da ist. Sie muss nicht allein die Welt retten, sondern kann sich von Gott getragen wissen. Er ist längst da. In diesem Wissen kann sie alles tun, was in ihrer Macht steht und braucht angesichts dessen, was nicht gelingt oder was sie nicht ändern kann, nicht zu verzweifeln.

Und das ist Herausforderung genug, denn haben wir schon geklärt, welche Hoffnung wir authentisch weitergeben können? Und wenn ja, wie geben wir sie weiter, damit sie in dieser Welt Relevanz gewinnt? Das zu bedenken und zu wagen, ist am Ende dieses Tages in großen Lettern auf meine Fahnen geschrieben. Damit Studientage immer wieder zum Weiterdenken und Nicht nachlassen anregen und nicht zu Klassentreffen entarten, bei denen man sich seiner Erfolge rühmt und in Erinnerungen schwelgt. Die Hoffnung möge uns antreiben, ermutigen und stärken.

Gelesen: Vom Glück SELBSTlos zu leben

Vor einigen Wochen habe ich ein Buch gelesen und es wirkt immer noch nach. Das geschieht mir nicht so oft bei Büchern. Dabei ist dies weniger ein Buch. Eher ist es eine Broschüre oder ein Aufsatz. Wirkliche Buchlänge hat es nicht und doch bewegt es mich.

Timothy Keller, Pastor einer Gemeinde in New York, in einem Stadtteil, in dem niemand eine Kirche erwartet hätte, hat dieses Buch geschrieben. Gleich zu Beginn greift er zwei Thesen auf, die dem einen oder anderen nicht unbekannt sind und denen man vielleicht auch erst einmal zustimmt. Die erste These beinhaltet, dass Menschen in unserer Welt immer wieder auf Abwege geraten, weil es ihnen an Selbstwertgefühl mangelt. Das kann sich dann in psychischen Krankheiten äußern oder darin, dass man straffällig auffällig wird, um nur zwei der Extreme zu benennen.

Die zweite These besagt, dass das Gegenteil des mangelnden Selbstwertgefühls, der Stolz oder die Überheblichkeit für den Menschen genauso schädlich ist. Das gelte auch für Menschen, die zunächst einmal nicht überheblich erscheinen, sondern einfach etwas erreicht haben. Timothy Keller zitiert dabei aus einem Interview mit Madonna, die sagt: „Ich bin zwar jemand geworden, aber ich muss immer noch beweisen, dass ich jemand bin. Dieser Kampf war noch nie zuende und wird es vermutlich auch nie sein.“

Auch Timothy Keller kennt dieses Gefühl und er findet seine Antwort in einem Brief des Paulus an die Korinther. Da schreibt der Apostel, dass für ihn die Meinung
der Menschen über ihn nicht entscheidend ist. Er kann sie hören, kann auch
Kritik annehmen, aber sie macht nicht seinen Wert aus. Das gleiche sagt Paulus aber auch über seine eigene Meinung über sich selbst aus. Auch sein eigenes Selbstwertgefühl ist am Ende nicht entscheidend. Seinen Selbstwert, seine Identität findet Paulus an anderer Stelle: er sucht es in einem letzten Urteil, nach dem er auf kein weiteres mehr warten muss. Ein letztgültiges Urteil, dass er wichtig und wertvoll ist.

Es gibt, so schreibt Timothy Keller, dieses eine Urteil, das ergeht, bevor die gesammelten Lebensleistungen,
Karriere, Geld, Beruf, Schulnoten, überhaupt bekannt sind. Dieses Urteil lautet: Du bist geliebt von Gott! An diesem Urteil ist ein Leben lang nicht mehr zu
rütteln, egal, was geschieht. Aber unter dem Eindruck dieses Urteils gestalten der selbstlose Mensch sein Leben. Weil Gott ih liebt, muss er nichts mehr tun, um deinen Lebenslauf aufzubessern. Er muss nichts mehr tun, um ein gutes Bild abzugeben. Er kann die Dinge einfach tun, weil sie ihm Freude machen. Er kann anderen helfen, nicht damit er sich großartiger fühle, nicht um seine eigene innere Leere zu füllen, sondern weil er sich von Gott geliebt weiß und es ihm Freude macht.

Timothy Keller bezeichnet dieses Leben als selbstloses Leben. Für mich hat der Begriff Selbstlosigkeit durch dieses Buch noch einmal eine neue Bedeutung gewonnen weg von aller Selbstaufgabe und Selbstverneinung. Ein selbstloses Leben als Leben unter dem Urteil Gottes, dass ich geliebt bin unabhängig von meiner Lebensleitung. Ein Leben, dass frei macht von den Urteilen dieser Welt, dass mir Freude schenkt, anderen zu helfen. Dann ist es wirklich ein Glück, selbstlos zu leben.

Dieses kleine Buch mit seinen gut vierzig Seiten war schnell gelesen, doch es hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck, der mich immer wieder reinschauen lässt. Kennst du das Buch vielleicht und ging es dir beim Lesen wie mir? Ich freue mich über deine Erfahrungen mit diesem Werk in den Kommentaren.