Monat: August 2019

Subtext „ich“

„Wenn die anderen Kinder dich nicht mitspielen lassen, dann haust du ihnen beim nächsten Mal einfach ein paar auf die Schnauze!“ Ein Satz, der mich zutiefst geschockt hat, als ich mit meinen Kindern auf dem Spielplatz war. Wo führt es hin, wenn wir schon unsere Kinder so erziehen, habe ich gedacht. Und: warum wundert man sich dann noch, wenn Erwachsene sich wild beschimpfen oder Schlimmeres? Geht unsere Welt nicht den Bach runter angesichts solcher Aussagen?

Nein, so schlimm ist es sicher nicht und dieser Vater war sicherlich die unrühmliche Ausnahme. Doch mir fallen immer wieder Situationen auf, in denen das Ich wichtiger ist als die Gemeinschaft. Da steht im Urlaub eine lange Schlange vor der Bäckerei. Drei Personen vor mir ein Junge von ca. acht Jahren. Bis wir dran sind haben die beiden Männer zwischen uns ihn zur Seite gedrängt und der kleine Junge wartet weiter geduldig, um seine Bestellung aufzugeben. Ein anderer Tag. Es geht um die Nachmittagsbetreuung des Kindes und eine Mutter sagt mir mit einem Augenzwinkern: „Die Leitung des Horts kenne ich aus dem Sportverein. Da rede ich mal beim nächsten Training mit ihr. Dann bekommen wir sicher noch einen Platz.“ Oder etwas allgemeiner: eine große Mehrheit unterstützt die Fridaysforfuture-Bewegung, aber achtzig Prozent würden nicht auf eine Flugreise im Jahr zugunsten des Klimas verzichten.

Es ist normal geworden, dass wir zuerst an uns und unsere Interessen denken. Gleichzeitig werden die Stimmen immer lauter, die über die Verrohung der Gesellschaft klagen, die den Egoismus der anderen an den Pranger stellen. In einem Buch habe ich einmal gelesen, dass, egal was wir tun, selbst bei Bibelstudium und Gebet immer bewusst oder unbewusst der Subtext „ich“ mitläuft. Mit dem stetig wachsenden Wohlstand und der stetig wachsenden Unabhängigkeit der Menschen hat sich das in unserer Gesellschaft immer mehr entwickelt. Das hat durchaus seine positiven Züge. Wie viele positiven Entwicklungen hätte es sonst nicht gegeben? Doch es scheint zu kippen. Irgendwann scheint der Moment erreicht, da der Subtext „ich“ alles andere überwiegt und das Zusammenleben darunter leidet.

Warum ich hier davon schreibe? Weil ich zunehmend den Eindruck habe, dass dieser Subtext immer mehr auch unsere Gemeinden dominiert. Da werden Schränke abgeschlossen, da andere sonst das eigene Material nutzen könnten. Dabei ist alles aus den Finanzmitteln der Gemeinde beschafft worden. Oder es wird penibel darauf geachtet, zu welcher Gemeinde welche Straße gehört, damit ja in der zuständigen Gemeinde die Taufe, Hochzeit oder Beerdigung erfolgt. Die Quote muss schließlich stimmen. Zugleich will man aber bitte nicht mehr arbeiten als der Kollege in der Nachbargemeinde.

Ist das der Eindruck, den wir als Christen bei den Menschen hinterlassen wollen? Ist es das, was unser Christsein ausmacht? Ist es das, was Jesus wollte? Und ist überhaupt noch etwas an der Situation zu ändern?

Ich bin ehrlich. Manchmal kommen mir Zweifel. Doch ich will nicht aufgeben. Ich glaube, dass Jesus etwas anderes im Sinn hatte, als er von der Nächstenliebe sprach oder von den Friedfertigen, die selig werden. Ich glaube, dass ein wenig mehr Selbstlosigkeit uns und unserer Gesellschaft gut täte. Selbstlosigkeit im Sinne von auch mal von sich selbst absehen können. Selbstlosigkeit, die beinhaltet, dass man seinen Wert nicht aus den eigenen Leistungen oder Vermögen bezieht. Der Wert einer Person ergibt sich daraus, dass sie Gottes geliebtes Kind ist, dass Jesus für sie gestorben ist unabhängig vom Ansehen in der Welt. Wer das für sich annehmen kann, muss nicht immer in der ersten Reihe stehen, kann anderen auch was gönnen, lernt den Wert einer Gemeinschaft kennen, die mehr ist als das eigene ich. Denn wenn viele ihre eigenen Fähigkeiten einbringen und auch mal anderen den Vortritt lassen, dann entstehen Dinge, die ein einzelner nicht vermag. Auf diese Weise ließe sich doch eine Menge in unseren Gemeinden und vielleicht auch in unserer Welt erreichen.

Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass es zwanzig Prozent in einer Gruppe braucht, um etwas zu verändern oder eine neue Entwicklung anzustoßen. Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, diese zwanzig Prozent für eine Gesellschaft, in der das „wir“ stärker ist als der Subtext „ich“, noch zusammen zu bekommen. Seid ihr ein Teil dieser zwanzig Prozent? Dann lasst uns anfangen, in unserer Nachbarschaft selbstlos zu wirken!