Monat: Juni 2018

Gottesdienst ist Sonntag

Liturgischer Wildwuchs, schlecht vorbereitete Predigten und individuelle Pastorinnen und Pastoren, die sich mehr an der Kandare reißen könnten – Stichworte aus einem Interview des Deutschlandfunks mit Prof. Dorothea Wendebourg. Sie erhitzen die Gemüter. Auch ich habe mich darüber geärgert, nicht unbedingt über den Inhalt, sondern eher über so manche Formulierung, bei der ich mich frage, warum man so plakativ über andere in der Öffentlichkeit reden muss.

Dabei fand ich den ersten Teil des Interviews über die Spielarten und Folgen der Reformation sehr erhellend. Da habe auch ich, gerade mit Blick auf die verschiedenen Spielarten der Reformation – oder sagen wir jetzt Reformationen? – noch einiges gelernt. Doch es folgt ein zweiter Teil eingeleitet durch die Frage nach den Herausforderungen für die protestantischen Kirchen hierzulande und Frau Prof. Wendebourg fordert zum einen mehr Lebendigkeit und zugleich mehr Disziplin. Dabei verweist sie in Sachen Lebendigkeit auf charismatische und freikirchliche Bewegungen, die bewusst auf die persönliche Frömmigkeit setzen, den institutionellen Überbau und auch die starke Akademisierung nicht wollen. Bezüglich der Disziplin verweist sie auf den Gedanken der einen Kirche, was der geforderten Lebendigkeit zunächst nicht widerspricht, führt nach einer Nachfrage dann aber aus, dass es ihres Erachtens zuviel Wildwuchs in den Gottesdiensten gibt. Das will für mich nicht so recht zusammen passen. Gerade die von ihr genannten Bewegungen zeichnen sich ja durchaus durch verschiedenste Gottesdienstformen aus, durch freie Gebete, die nicht im Vorhinein wohl formuliert worden sind. Gerade dadurch entsteht meines Erachtens der Eindruck der Lebendigkeit. Zugleich führt die Disziplin in den Gottesdiensten, die frei von liturgischem Wildwuchs ist, wohl zu einem in allen Kirchen und Gemeinden einheitlichen Gottesdienst, der sicher eine nennenswerte Zahl an Menschen anspricht, mindestens ebenso viele aber auch nicht. Denn bei diesen Überlegungen nicht bedacht ist die immer größer werdende Komplexität der Gesellschaft, die nicht mehr eine einheitliche, homogene Zielgruppe darstellt, die sich durch den einen Gottesdienst ansprechen lässt und dort Relevanz für den Alltag erfährt.

Über all diese Punkte könnte ich diskutieren, was mich aber wirklich geärgert hat, war die plakative Formulierung: „Man hat doch viel Wildwuchs in Gottesdiensten, liturgischen Wildwuchs, Gebetsformulierungen, schlecht vorbereitete Predigten und dergleichen mehr. Da, denke ich, könnten individuelle Pastoren und Pastorinnen schon sich etwas mehr an der Kandare reißen. Das erfordert erstens Arbeit und zweitens auch eine gewisse Selbstkritik…“ So plakativ geäußert kommt das meines Erachtens einer Unterstellung vielen Kollegen gegenüber gleich, dass sie faul sind, sich in ihre Gottesdienste nicht investieren und einfach so daher plappern. Wenig später spricht Frau Prof. Wendebourg noch von fehlender Motivation und noch etwas später hebt sie den Berliner Dom als leuchtendes Beispiel hervor, wo nicht „gebastelt“ wird, „und so verschiedene. Aber sonst in der Breite… ja“ … da wird gebastelt. Ich frage mich, liegt dieses Urteil daran, dass sie selbst im Dom predigt, oder dass sie in der Breite schon lange keine Gottesdienste mehr besucht hat, dass sie selbst schon lange keine Gemeinde mehr geleitet hat? In meinen Ohren klingt ein solches Urteil vernichtend gegenüber den vielen guten Gottesdiensten, die ich in allen Teilen des Landes schon erlebt habe, die mich berührt haben, die auch am Montag morgen noch relevant waren. Und es klingt vernichtend mit Blick auf die Arbeit, die guten Gedanken, das Engagement vieler Pastorinnen und Pastoren in unserem Land. Sicher, nicht immer gelingt alles. Es gibt auch Gottesdienste, die sind eher aus Verzweiflung gehalten als aus Motivation heraus gefeiert. Aber das berechtigt meines Erachtens nicht zu einem solch pauschalen Urteil in der Öffentlichkeit, auch wenn das, wie die Aufnahme in den Medien zeigt, sehr öffentlichkeitswirksam ist.

Ein letzter Gedanke zum Schluss: Auch wenn Frau Prof. Wendebourg es nicht explizit äußert, so entsteht während des Interviews doch der Eindruck als wünsche sie sich den klassischen liturgischen Gottesdienst am Sonntag morgen, bei dem die Gläubigen in den klassischen Kirchenbänken sitzen und staunend mindestens eine Stunde zuhören. Doch wer sagt, dass das die einzige Form von Gottesdienst ist. Die ersten Christen, übrigens wahrscheinlich eine charismatisch bewegte Gruppierung, traf sich in Privathäusern, aß und trank zusammen und feierte während des Essens das Abendmahl. Dem Tagesablauf entsprechend taten sie dies wohl auch eher am Abend, denn am Sonntag morgen um 10 Uhr. Sie wählten Ort, Zeit und Form ihren Lebensumständen entsprechend. Sollten wir dies nicht auch tun, damit das Evangelium nicht nur am Sonntag morgen gepredigt, sondern am Montag Mittag auch noch gelebt wird? Angesichts der Auffächerung der Gesellschaft in verschiedene Lebensformen und Lebensweisen stünden der protestantischen Kirche dann sicher viele verschiedene Formen von Gottesdienst gut zu Gesicht, die durch das Evangelium miteinander verbunden sind.

So zolle ich den Kolleginnen und Kollegen gegenüber Respekt, die vor Ort in ihren Gemeinden alles daran setzen, vom Reich Gottes ihrem Kontext entsprechend zu reden. Ich freue mich, dort immer wieder auch für mich Neues zu entdecken und möchte Mut machen, genau dies auch in aller Unterschiedlichkeit weiter zu leben. Denn das eine Christentum besteht für mich in der unglaublichen Vielfalt der Menschen und Gottesdienste je an ihrem Ort verbunden durch den Glauben an den dreieinen Gott.