Monat: April 2018

Quo vadis Kirchenleitung?

Manchmal darf ich in den Kirchen meines Kirchenkreises Gottesdienste vertreten. So in diesem Jahr auch am Sonntag Miserikordias Domini, dem Sonntag, der uns vom Guten Hirten erzählt. Ein schöner Sonntag, denn ich freue mich immer, wenn das Beten des 23. Psalm ein Lächeln in die Gesichter der Menschen zaubert und sie mit voller Stimme in das Gebet einstimmen. Dazu gehörte in diesem Jahr ein Predigttext aus dem ersten Petrusbrief, der erst einmal an die Ältesten der Gemeinde adressiert ist. Während der Predigtvorbereitung sah ich im Geiste schon so manches Gemeindemitglied sich zurück lehnen: betrifft mich nicht, bin ja nicht im Kirchenvorstand. Doch der Autor des Petrusbriefes ist auch der, von dem sich u.a. das sog. Priestertum aller Glaubenden ableitet, also die Aufforderung an alle Glaubenden, die Wohltaten Jesu bekannt zu machen – nachzulesen im 2. Kapitel des Briefes. So haben wohl auch alle Glaubende eine Verantwortung für die Leitung der Kirche und können es nicht einfach auf die jeweils ein höhere Ebene abschieben.

Mich führte die Vorbereitung der Predigt mal wieder dazu, über die Leitung der Kirche generell nachzudenken und das nicht nur, weil es immer schwieriger wird, Kandidaten für den Kirchenvorstand zu finden. Ist die Art, wie wir unsere Gemeinden, die Kirchenkreise und die Kirche insgesamt führen und leiten noch dem Evangelium und unserer gesellschaftlichen Situation angemessen? Schauen wir auf den Kontext, z.b. in der Arbeitswelt, sagen Studien, das zwei von drei Arbeitnehmern nur noch Dienst nach Vorschrift machen, jeder siebte sogar innerlich gekündigt hat. Gilt das auch für unsere Gemeinden, dann können wir den Auftrag unseres Herrn nicht mehr adäquat ausführen. Dann verlieren wir Menschen, statt sie mit dem Evangelium bekannt zu machen.

Mich bewegen diese Fragen sehr, vor allem mit Blick auf sich neu gründende Gemeinden. Zwängen wir sie in das alte System des Führens und Leitens hinein, habe ich Sorge, dass die jungen Pflänzchen, die da sprießen, schneller wieder verwelken, als sie wachsen können. Deshalb habe ich in den letzten Wochen das Buch „Reinventing Organisations“ von Frédéric Laloux gelesen. Das ist sicher auch noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Doch sprechen mich die drei Aspekte, die er für seine neue Organisationsform aufzeigt, sehr an. Erstens die Verteilung der Rollen und der Macht verbunden mit einem hohen Maß an Selbstverantwortung der Mitarbeiter. Zweitens die ganzheitliche Sicht des Mitarbeiters, die ihn nicht nur auf seine Arbeitskraft reduziert. Und drittens der Aspekt der sinnstiftenden Vision für ein Unternehmen, der u.a. bedeutet, dass andere Unternehmen der gleichen Branche keine Konkurrenten, sondern Mitwirkende bei der Realisierung dieser Vision sind.

Bezogen auf Kirche, auf Kirchengemeinden, auf neu entstehende Gemeindeformen bedeutet das für mich, dass wir uns erst einmal fragen sollten, ob wir überhaupt noch eine Vision haben, oder ob wir sie nicht vor langer Zeit schon im Gestrüpp der Gewohnheiten verloren haben. Wird diese Vision aber wieder präsent, sind andere Kirchengemeinden keine Konkurrenten mehr, mit denen man um Mitglieder oder Finanzen oder besser besuchte Veranstaltungen konkurriert, sondern Mitstreiter im Lauf, vom Evangelium zu erzählen und es zu leben. Es würde auch eine intensive Zuwendung zu den Menschen bedeuten, die nicht mehr nur als Spender oder Gottesdienstbesucher oder… gesehen würden. Vor allem aber hieße es, über die Leitung und Führung unserer Gemeinden nachzudenken. Wenn jeder Verantwortung für das Geschick der Gemeinde wahrnehmen könnte, keine übergeordneten Gremien mehr entscheiden, sondern höchstens noch beraten könnten, wäre das m.E. auch Teil der Wahrnehmung des viel zitierten Priestertums aller Glaubenden. Und ja, damit wäre auch verbunden, dass Gemeinden durch das Handeln der Menschen in ihr scheitern könnten. Das ist eben auch ein Teil der Selbstverantwortung. Stellt sich die Frage, ob wir, die Kirche, bereit sind, diese Überlegungen anzustellen, diese Verantwortung zu übernehmen und Neues zu wagen? Ich glaube, wir kommen nicht umhin, uns diese Fragen zu stellen. Denn eines zeigen die zart sprießenden Pflänzchen neuer Gemeindeentwicklungen: die, die dort neu zum Glauben und zur Kirche kommen, wollen nicht einfach nur teilnehmen, sondern mitgestalten, mitentscheiden. Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und visionär zu denken und stellen bereits jetzt viele gewohnte Formen infrage. Warum also nicht mal über neue Formen der Leitung auch für die etablierten Gemeinden nachdenken? Wer weiß, vielleicht gleicht in einigen Jahren so manche Landeskirche auch einer Reinventing Organisation…

Licht unter dem Scheffel

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich lange mit einer Frau mittleren Alters. Es ging buchstäblich um Gott und die Welt. Irgendwann landeten wir auch bei dem, was ich tue. Ich erzählte ihr, dass ich Pastorin für fresh expressions of church sei, und von RaumZeit, meinem Projekt oder besser meiner Gemeinde, auch wenn sie als solche (noch) nicht anerkannt ist. Die Frau war sehr interessiert, stellte Fragen, wollte verstehen, was ich mache. Sie fragte sogar nach meiner Vision. Irgendwann, es war schon fast eine Stunde vergangen, sagte sie diesen einen Satz, der unserem Gespräch noch einmal eine ganz neue Richtung gab: „Übrigens, ich bin seit einigen Jahren auch gläubige Christin.“

Unsere Unterhaltung ging noch eine Weile. Ich habe sie sehr genossen. Und doch beschäftigt mich seither ein Gedanke: Warum halten wir mit unserem Bekenntnis zu Christus oft so lange hinter dem Berg? Ist es Angst? Haben wir schlechte Erfahrungen gemacht? Oder gehört es sich bei uns einfach nicht, offen davon zu reden? Vielleicht fühlen sich die anderen ja auch davon belästigt.

Viele dieser Beweggründe kann ich gut verstehen. So manch einer möchte auch lieber an seinen Taten und nicht an seinen Worten erkannt werden. Allerdings frage ich mich, wie die Menschen dadurch etwas von Jesus Christus erfahren sollen. Viele Verhaltensweisen werden einfach mit gutem Benehmen und Höflichkeit in Verbindung gebracht und nicht mit einem christlichen Leben. Früher oder später braucht es Worte, die von Jesus, von Gott, von Gnade und Barmherzigkeit erzählen. Warum also nicht früher und gut erkennbar? Ich weiß, ich höre jetzt schon die Stimmen, die an die alten Methoden der Mission erinnern, die vor Frommen und Straßenevangelisation warnen. Dann sind da auch noch die, die meinen, für Mission nicht geeignet zu sein, zu wenig zu wissen, nicht die richtigen Worte finden zu können.

Ich denke, es braucht dafür keine besondere Ausbildung, Vorbereitung oder ein besonderes Talent. Wer von Gott berührt wurde, der kann auch von ihm erzählen – durch sein Leben in seinem Alltag. Warum nicht mal sagen, dass man betet und wo es geholfen hat? Warum das Gebet vor dem Essen weglassen, nur weil man in fremder Gesellschaft ist? Warum nicht mal vom Gottesdienst erzählen und andere einladen und mitnehmen? Warum nicht auch mal davon erzählen, wo oder wie man Gott begegnet ist, wo man ihn gespürt hat? Am Anfang kostet das sicher Überwindung, braucht etwas Mut. Aber dann bereichert es nicht nur das Leben der anderen, sondern auch das eigene. So wie mein Gespräch mit der Frau vor ein paar Tagen noch einmal eine ganz neue Dimension bekam durch ihr Bekenntnis. Am Ende hätte sogar ein gemeinsames Gebet stehen können. Schade, dass wir es nicht getan haben.

So möchte ich euch Mut machen, selbst anderen von eurem Leben mit Jesus zu erzählen. Ich bin mir sicher, dass es euer Leben unglaublich bereichern wird. Ganz nebenbei würden wir damit auch den Auftrag Jesu erfüllen: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“

Wie geht es euch mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus? Erzählt ihr anderen davon oder liegt euch das eher nicht? In den Kommentaren ist Platz für eure Erfahrungen.