Monat: Januar 2018

Die Zielgruppe der Mission

Kirche muss sich verändern, Kirche muss neue Wege erschließen – so oder ähnlich ist es an verschiedenen Stellen berechtigterweise zu lesen oder zu hören. Fast immer wird im Anschluss von Zielgruppenorientierung gesprochen, davon dass mit den diversen Angeboten nicht mehr alle Menschen angesprochen werden können; davon, dass bei der Planung einer Veranstaltung überlegt werden muss, wen man damit ansprechen möchte.

Also legt sich doch die Frage nahe, welche Zielgruppe Mission hat. Wen wollen wir damit ansprechen? Ich stelle diese Frage immer dann, wenn ich mit Menschen in Kontakt komme, die missionarisch unterwegs sind – egal, ob in Sachen Fresh X oder Gemeindepflanzung. Dabei hat sich ein Eindruck bei mir festgesetzt, der durch die Ausschreibung vieler Förderungen und Projekte stetig verfestigt wird. Mission wird dort tätig, wo Hilfe notwendig ist, wo es ein Bedürfnis gibt. Das können die Kinder in der Plattenbausiedlung sein, die Unterstützung bei den Hausaufgaben brauchen. Oder es sind die Geflüchteten, die kaum jemanden in ihrer neuen Stadt kennen. Vielleicht sind es auch sozial schwache Familien oder alleinerziehende Mütter, denen man helfen sollte. Anknüpfungspunkte sind immer wieder die sozialen Bedürfnisse.

Aber was ist dann mit denen, die finanziell besser gestellt sind? Brauchen sie das Evangelium nicht oder können sie durch Mission nicht erreicht werden? Doch, lautete eine Antwort, die ich unlängst auf meine Frage bekam. Natürlich brauche auch ein gestresster Manager kurz vor dem Burnout das Evangelium. Er könne schließlich dadurch erfahren, welche Dinge im Leben wirklich entscheidend seien. Doch schon wieder richtet sich diese Zielgruppenbeschreibung an einem Bedürfnis aus, ist defizitorientiert.

Bei all diesen Beschreibungen beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Das Evangelium als Mittel, um Leerstellen zu füllen und falsches Verhalten aufzudecken oder zu korrigieren, das greift mir zu kurz. Die Hilfe für Arme, Witwen und Waisen, zu der schon das Alte Testament aufruft, ist ein guter Dienst am Menschen. Doch ist es nicht der einzige Anspruch des Evangeliums. Darauf kann man es nicht reduzieren. Außerdem gibt es doch auch Menschen, die wirtschaftlich gut gestellt sind, gerade in keiner Krise stecken und ihr Leben einfach nur genießen. Muss ich mich mit ihnen so lange auf die Suche begeben, bis wir die Leerstellen in ihrem Leben gefunden haben, um dann das Evangelium zur Sprache zu bringen?

Nein, ich möchte mich mit ihnen vielmehr freuen über das, was sie haben, entdecken, was ihnen geschenkt worden ist. Ich möchte mit ihnen das Leben feiern und vielleicht zu einem Gefühl der Dankbarkeit kommen, dass sie nach Gott fragen lässt. Dann entstehen in mir Bilder von einem fröhlichen und lebendigen Leben mit Christus. Wenn die sozialen Bedürfnisse nicht der einzige Anknüpfungspunkt für Mission sind, sondern diese Menschen ganz anders zu erreichen sind, dann ist Kirche meines Erachtens noch einmal neu herausgefordert.

Die Hilfe für andere hat sie über Jahrhunderte in der Diakonie gelernt und ausgeübt. Das Feiern des Lebens und die Wertschätzung des Vorhandenen ist immer wieder zu kurz gekommen. Unter diesem Aspekt eine neue Form von Kirche, eine fresh expression zu entdecken, fände ich spannend. Da will ich dran bleiben. Vielleicht entsteht etwas, vielleicht merke ich aber auch, dass es selbst in diesen Zusammenhängen um Bedürfnisse und Leerstellen geht.

Ich halte euch auf dem Laufenden. Bis dahin hinterlasst mir doch eure Ideen und Gedanken in den Kommentaren.

Aus dem Pioniertagebuch – Seite 2

In den letzten Wochen blieb mein Pioniertagebuch geschlossen – Vieles andere lag an und war im Kalenderablauf wichtiger. Doch in diesen Tagen habe ich es wieder aufgeschlagen. Zur Pionier-Weiterbildung gehören zwischen den Präsenzphasen immer auch Online-Einheiten zum Nacharbeiten, Selbststudium, Vorbereiten des nächsten Treffens. Da sich Ende des Monats die (angehenden) Pionierinnen und Pioniere das nächste Mal im Reallife treffen, war es für mich Zeit, mich näher mit den Onlinematerialien zu befassen.

Besonders die Einheit zum Selbststudium hat es mir angetan. Zahlreiche Aufsätze und Buchauszüge drehten sich um die Wahrnehmung des Kontextes oder des Missionsfeldes. Wie ist es abgegrenzt, wie ist es zu erfassen? Unterschiedlichste Methoden von der Erstellung von Landkarten bis hin zu Gebetsspaziergängen wurden vorgestellt. Das Hören auf die Menschen bekam Bedeutung und daneben das Hören auf Gott. Wo ist er in diesem Kontext längst am Werk? Wo will er, dass ich an seinem Wirken mitwirke? Habe ich das schon vernommen oder laufe ich auf der falschen Fährte? Daneben die Frage, was wichtiger ist, auf Gott zu hören oder auf die Menschen? Was kommt zuerst oder geht das eine nur mit dem anderen?

Das Nachdenken über all diese Fragen hat mich bisher nicht zu Antworten geführt. Eigentlich bringt es sogar jeden Tag neue Fragen hervor. In dieses ganze Nachdenken hinein kam es zu einer Begebenheit, die mich noch weniger loslässt:

Meine Kinder haben Weihnachten Playmobil für sich entdeckt – ein großer roter Trecker und ein Prinzessinnenschloss sei dank! Entsprechend werden zur Zeit in allen Spielzeuggeschäften und Katalogen die potentiellen nächsten Geschenke dieser Marke ausgesucht. Da passte es gut, dass Mama zu Weihnachten die entsprechende Krippe geschenkt bekommen hatte und auch schon die Kirche besitzt. So langsam füllt sich unsere Sammlung. Sie droht zu einer eigenen Stadt zu werden. Vor einigen Tagen standen wir mal wieder mit der gesamten Familie vor einem dieser besagten Regale. Zahlreiche Wünsche wurden geäußert. Es wurde gefachsimpelt, was man wie zusammenbauen könnte, was wo anzubauen wäre oder zu welchem bereits vorhandenen Bauwerk passt. Da fiel mein Blick auf einen weiteren Karton und in mir regte sich etwas. Diesen Karton würde ich neben Krippe und Kirche gerne mein Eigen nennen, auch wenn ich nur wenig damit spiele – nicht für die Kinder, nur für mich – zum Anschauen und Träumen. Es ist das Café Cupcake. Freunde und Verwandte wissen längst, dass ich davon träume, irgendwann einmal ein eigenes Café zu eröffnen. Ehrlich gesagt, ich vermute, dass einige auch schon ziemlich angenervt sind von meinem Träumen.

Foto: KirchGezeiten

 

Aber es war nicht nur das, was mich in diesem Moment anregte. Als wir in der ersten Präsenzphase unseren Traum von Kirche darstellen sollten, baute ich ihn mit genau diesem Karton. Dieses Café, das entsprechend den Produkten dieser Marke zwar recht real, aber dennoch ziemlich bunt ist, hat für mich viel mit meinem Traum zu tun. Es steht für mich für eine Orientierung am realen Leben, das dennoch oder gerade deshalb bunt und farbenfroh ist. Hier gehen Menschen verschiedenster Alltagsstufen ein und aus. Hier treffen sich die jungen Leute zum Kaffeetrendgetränk, die Familie kommt mit den Kindern zum Frühstück, die Laufgruppe trinkt noch ein Wasser nach der wöchentlichen Runde, die Großeltern spendieren ihrem Enkel einen Kakao und ein Stück Kuchen. Und ein paar Tische weiter sitzt jeden Morgen der gleiche ältere einsame Mann mit seinem Kaffee, dem belegten Brötchen und der Tageszeitung. Eben kommt noch ein Schüler rein, zählt sein Geld ab und überlegt, ob es wohl für etwas Süßes reicht. Und letzte Woche hatten an einem Tisch drei Geschäftsleute große Baupläne für ein neues Mehrfamilienhaus ausgebreitet und besprachen die gewünschten Änderungen. Ach, die Filmleute will ich nicht vergessen, die mittels Stadtplan mögliche Filmsets für ihren nächsten Film besprachen. Ja, das alles habe ich schon in ein- und demselben Café erlebt. Früher oder später kennen dann die Angestellten die Vorlieben ihrer Gäste und das ältere Ehepaar muss nicht mehr sagen, dass es ein halbes Brötchen mit Marmelade und ein halbes mit Käse zum mittleren Kaffee bekommt. Diese beiden sind es auch, die das Bücherregal pflegen und dafür sorgen, dass immer mal was Neues dabei ist. Für die Spielecke haben sie auch schon mal ein neues Bilderbuch mitgebracht.

Café ist für mich aber noch mehr. Es bietet Raum und Zeit, um Pause zu machen, um es sich bei einem Getränk und etwas zu Essen gut gehen zu lassen, die Gedanken zu ordnen, Freunde zu treffen und neue Menschen kennenzulernen. Hier kann ich spüren, welches Leben in der Umgebung des Cafés gelebt wird, erlebe Menschen so wie sie sind. Ich finde, Cafés haben eine eigene Atmosphäre, egal ob es ein Traditionscafé mit Silberbesteck und Monogramm im Geschirr ist oder der kleine Szene-Coffeeshop. So richtig zum Café wird das Café dann für mich, wenn man z.B. Café schenken kann, d.h. für andere, die ihn sich nicht leisten können, den Kaffee einfach mitbezahlen kann. Dann hängen irgendwo Kaffeegutscheine, an denen man sich unbemerkt bedienen kann, um in den Genuss des heißen Getränks zu kommen. Das geht natürlich nicht nur mit Kaffee, sondern auch mit all den anderen Köstlichkeiten aus dem Angebot. Hier ist jeder willkommen. Hier kann gelacht, erzählt, auch gestritten und geweint werden. Wer häufiger in dies Café kommt wird merken, dass es kleine Gemeinschaften in diesem Café gibt, die immer zur gleichen Zeit kommen, meist sogar an immer demselben Tisch sitzen. Doch sie sind nicht fest voneinander abgegrenzt, dienen einander, wenn irgendwo der Zucker, die Milch oder auch ein Stuhl fehlt. Sie alle zusammen sind die Gemeinschaft der Café-Besucher.

Ich gebe zu, das klingt alles ein wenig idealistisch – was es wohl auch ist. Aber sprechen wir nicht auch so von unserem Traum von Kirche? Dabei ist das, was uns dann als Café in der Realität begegnet und wo wir immer wieder gerne hingehen, doch auch recht gut. Das gilt übrigens auch für die Kirche. Wer sich dann im Traditionscafé nicht so wohl fühlt, der geht einfach ein paar Straßen weiter und findet dort vielleicht das kleine Café im Stil der 60er und 70er Jahre oder den modernen Coffeeshop oder das Landfrauencafé. Das Gute an der Idee des Cafés ist, dass jeder weiß, was es ist und es doch kaum zählbare verschiedene Cafés gibt. Für jeden ist etwas dabei – okay, daran arbeiten wir bei Kirche noch etwas.

Vielleicht träume ich gerade deshalb von einem eigenen Café, weil es für mich soviel von Kirche spiegelt. Genauso träume ich einen Traum von Kirche, an dem ich mitbauen möchte. Um das eine mit dem anderen zu verbinden, werde ich auch weiterhin in „mein“ Café gehen und dort auf die Menschen, den Kontext und Gott hören. Das geht übrigens auch hervorragend bei einem Kaffee oder Chai latte, allein oder gemeinsam. Vielleicht treffen wir uns dann ja mal in einem Café und hören und träumen von „unserer“ Kirche.

Bis dahin freue ich mich, von euch zu hören, was eure Träume von Kirche sind. Hinterlasst sie einfach in den Kommentaren.

Ein Jahr Aufbruch 

In diesen Stunden geht es zuende: mein erstes Jahr im Aufbruch – ein Jahr wandern und wundern, ein Jahr voller Höhen und Tiefen. Ich frage mich, was hat es gebracht, mir und den anderen? Oder ist alles noch so wie vor einem Jahr?

Ich will nicht die zahlreichen Veranstaltungen aufzählen, auf denen ich war oder die verschiedenen Wege, die ich durch meine Stadtteile gegangen bin. Die Liste wäre lang, aber Veränderung bemisst sich daran nicht. Eher will ich davon berichten, was meine Eindrücke, meine Gedanken zum Thema Kirche und Glauben nach diesem Jahr sind. 

Dabei muss ich aber doch bei den Begegnungen anfangen, denn allein auf Grund meiner Stellenbeschreibung sehen viele, denen ich begegne, in mir die, die jetzt alles anders macht, Traditionen bricht, kurz gesagt: das enfant terrible. Einige haben wohl auch Angst, dass ich ihre althergebrachten Ordnungen über den Haufen werfen oder es irgendwie so modern mache, dass die jungen Leute aus ihren Gemeinden lieber zu mir kommen. Ehrlich gesagt, mittlerweile spiele ich manchmal auch mit diesem Image. Denn manchmal nerven mich diese Vorannahmen. Genauso gerne, wie ich im Stadtteil auf der grünen Wiese Brot und Butter teile, feiere ich nämlich klassische Gottesdienste in alten Kirchen. 

Eine Veränderung habe ich aber bei allen gespürt, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin. Wir haben geredet – über Kirche und Glaube, über Formen und Traditionen, über Gottesdienst und Seelsorge. Dann war es egal, ob man in der Kirche ist oder nicht, ob frau ehrenamtlich engagiert ist oder sich weit vom Herrn entfernt sieht. Bei allen spürte ich eine Sehnsucht, dass etwas geschehen solle, dass man Glauben und Kirche doch nicht einfach so aufgeben dürfe. Die Beweggründe der einzelnen Gesprächspartner waren dabei ganz unterschiedlich. Die einen waren überzeugte „Papa-Kinder“, die anderen sahen die soziale Arbeit der Kirche als unabdingbar an, hatten aber selbst nicht viel mit Gott am Hut. Auf einen Bericht über meine Arbeit im Fernsehen hin meldeten sich fremde Menschen bei mir, weil sie sich freuten, dass etwas geschieht. Kirche und Glaube sind für die Menschen, denen ich begegnete, nicht bedeutungslos. Der Wunsch danach, dass etwas geschieht, ist da und er ist groß. Sie alle wollten darüber reden, über neue Wege nachdenken. Nicht einfach aufgeben. 

So nehme ich in den letzten Wochen vermehrt wahr, dass Kirche im Gespräch ist, dass sie aus dem Bewusstsein der Menschen noch nicht ganz verschwunden ist. Es gibt noch Redebedarf und ich begreife, dass dies die Chance ist, die es zu ergreifen gilt. Das gilt nicht nur mit Blick auf die Existenz der Kirche als Institution, das gilt für mich besonders mit Blick auf den christlichen Glauben in seiner gesellschaftlichen Auswirkung.

In einer Gesellschaft, in der Individualität und Unabhängigkeit von großer Bedeutung sind, in der jede und jeder seine eigene Lebensform sucht und sich doch nach Gemeinschaft sehnt, braucht es dennoch Werte, an denen man sich orientieren kann. Und es braucht höchst unterschiedliche Formen von Gemeinde und Glaube – von der traditionellen Gemeinde bis hin zum gemeinschaftlichen Leben in der Platte.  Die Zeit der best praxis – Arbeit ist dabei größtenteils vorbei. Den Koffer mit dem erprobtem Handwerkszeug können wir getrost in die Ecke stellen, denn an jedem Ort gilt es Neues auszuprobieren. Das merke ich schon in meinen beiden Stadtteilen und die liegen nur fünf Kilometer voneinander entfernt. Es gibt kein richtig und kein falsch. Alles will ausprobiert werden, eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Aber genau das macht es so spannend.

Mein erstes Jahr Aufbruch geht zuende und geht morgen auch gleich weiter. Jeder Tag ist ein neuer Aufbruch, bedeutet Wandern und Wundern in den Straßen und Häusern meiner Stadt. Seitdem ich aufgebrochen bin, nehme ich vieles um mich herum viel bewusster wahr. Mein Dienst lehrt mich immer wieder neu zu fragen, was will Gott hier oder dort tun oder tut es schon längst? Wie kommt sein Evangelium im Alltag zum Klingen? Seit ich aufgebrochen bin, erlebe ich meine Arbeit intensiver, tiefer als je zuvor. Seither bekommt die Theologie jeden Tag neue Bedeutung. Das ist wohl die größte Veränderung bei mir, vielleicht auch bei den anderen. Und es ist ein unglaublich großes Geschenk, dies erleben zu dürfen. 

Ich wünsche es jedem, dass er oder sie diesen Aufbruch erleben kann, denn er bereichert ungemein. So wünsche ich euch allen ein gesegnetes neues Jahr voller Aufbrüche, voller Wandern und Wundern.